Wir erinnern uns zu Tode

Von Thierry Chervel
02.11.2009. Gehen wir mal die Feuilletons der letzten Tage durch. Fünfzig Jahre Asterix. Dreißig Jahre Billy-Regal. Richard Serra wird siebzig. Vor vierzig Jahren starb Jack Kerouac. 25 Jahre Architekturmuseum Frankfurt. Zwanzig Jahre Mauerfall, klar. Helmut Kohl schaut zurück. Siebzig Jahre Herlinde Koelbl. Achtzig Jahre Bud Spencer. Sechzig Jahre FAZ. Schily, Ströbele, Mahler: Drei alte Herren plaudern aus dem Anwaltskollektiv. Wie Schabowski sich mit seinem Zettel verhaspelte. Hebung des Grabes von Federico Garcia Lorca. Frankreich sorgt sich um seine nationale Identität. Prächtige Dokumente aus der Familiengeschichte der Fugger. Was hat Angela Merkel am 11. November in Paris zu suchen? Die Titanen sterben aus - jungen Dirigenten fehlt das Charisma. Geschichte des Überlebens der Frankfurter Schule im schweizerischen und amerikanischen Exil. Georg-Elser-Denkmal enthüllt. 400 Jahre Shakespeare-Sonette. Heinz Czechowski ist tot. Heinz-Klaus Metzger ist tot. John Cleese siebzig. Zehn Jahre Lyrikline. Die Kindersendungen der siebziger Jahre sind nur noch auf Youtube zu sehen. Rappelkiste!Die Rappelkiste sind wir heute noch. Nur rappeln darin unsere morschen Gebeine. Unsere Feuilletons - aber ist es im Fernsehen so viel anders? - bestehen aus Rückblicken. Der Jahrestag ist der cache-sexe der Ideenlosigkeit. Das Publikum summt mit: "Auf Matrosen, ohe / Einmal muss es vorbei sein..." In den öffentlichen-rechtlichen Sendern liegt der Altersdurchschnitt der Zuschauer inzwischen bei über sechzig Jahren. Wir erinnern uns zu Tode! Was sagt die neue Koalition zur Sterbehilfe?
Die Rechte meiner verwaisten Bücher sind gesichert. Google Books kommt erstmal nicht. VG Wort verteilt die Tantiemen auf die Lebenden. Die Feuilletons verschanzen ihre Qualitätsrückblicke hinter paywalls. Das Internet fragmentiert die Gesellschaft, sagt Richard David Precht. Also gießen wir Beton in die tönernen Füße unserer Leitmedien. Vielleicht geht das Internet inzwischen weg. Irgendwann werden die paar Kinder es uncool finden, sagt Precht. Darauf ein Leistungschutzrecht.
Thierry Chervel