Stöbern nach Themen

Durchsuchen Sie unsere Bücherdatenbank nach Themen, Ländern, Epochen, Erscheinungsjahren oder Stichwörtern.

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Redaktionsblog: Im Ententeich

Ein Schlag für die VG Wort

Von Ilja Braun
30.05.2012. Nüchtern, ja fast schon kleinlaut liest sich die jüngste Pressemitteilung (hier als pdf-Dokument) der Verwertungsgesellschaft Wort: Das Landgericht München I habe "eine Entscheidung getroffen, die nicht zugunsten der VG Wort ausgefallen ist. In dem Rechtsstreit geht es um die Frage, ob eine Beteiligung von Verlagen an den Auszahlungen der VG Wort zulässig ist."
Nüchtern, ja fast schon kleinlaut liest sich die jüngste Pressemitteilung (hier als pdf-Dokument) der Verwertungsgesellschaft Wort: Das Landgericht München I habe "eine Entscheidung getroffen, die nicht zugunsten der VG Wort ausgefallen ist. In dem Rechtsstreit geht es um die Frage, ob eine Beteiligung von Verlagen an den Auszahlungen der VG Wort zulässig ist."

Nanu? Die Verwertungsgesellschaft Wort erhält von Copyshops, Schulen und Hochschulen sowie von der Geräteindustrie jährlich etwa 120 Millionen Euro als Kompensation für die privaten Kopien, die mit diesen Geräten hergestellt werden – Tendenz steigend. Sie schüttet dieses Geld von jeher teils an Autoren aus, teils an Verleger von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Im Bereich der schöngeistigen Literatur erhalten Autoren 70 Prozent der Einnahmen, Verlage 30 Prozent, im Bereich der Wissenschaft wird 50:50 geteilt.
 
Warum aber erhalten Verlage Geld, obwohl es sich doch um Urheberrechtsabgaben handelt und Verlage selbst gar keine Urheber sind? Die Standardantwort der VG Wort auf diese Frage lautet: weil etliche Autoren ihre Rechte den Verlagen abgetreten haben. Da es aber einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand bedeuten würde, dies im Einzelfall zu prüfen, schüttet die Verwertungsgesellschaft das Geld nach pauschalisierten Verteilungsplänen aus.

Dahinter steht nicht zuletzt die Idee einer solidarischen Interessengemeinschaft von Autoren und Verlagen. Verlage tragen ihren Teil dazu bei, dass die Werke der Autoren den Weg zum Leser finden. Sie treiben einen erheblichen Aufwand, um Bücher in den Buchhandel zu bringen oder Abonnenten für ihre Zeitungen zu finden. Als Urheber und Verwerter stehen sie gemeinsam den Nutzern gegenüber, die beim Kauf jedes Scanners und jedes CD-Rohlings eine Urheberrechtsabgabe für private Kopien geschützter Werke zahlen.

Andererseits verdienen Verlage auch so schon eine Menge Geld an den Werken der Autoren. Sie verkaufen Bücher im Buchhandel und zahlen Autoren nur eine geringe Erlösbeteiligung. Zeitungsjournalisten beklagen Honorare, die unterhalb jeder Sittlichkeitsgrenze liegen. Und Wissenschaftsverlage wälzen das Layout auf die Autoren ab und lassen sich für den Druck hohe Zuschüsse zahlen. Es ist vor diesem Hintergrund keineswegs selbstverständlich, dass sie auch noch an den Ausschüttungen der VG Wort beteiligt werden müssten.

Und selbst wenn man es für moralisch geboten hielte: Es gibt keine rechtliche Grundlage dafür, wie das Landgericht München I nun festgestellt hat. Es sei nicht Aufgabe einer Verwertungsgesellschaft, "eine Billigkeitsgesichtspunkten entsprechende Umverteilung contra legem vorzunehmen", heißt es in der Urteilsbegründung.

Diese Feststellung hat eine lange Vorgeschichte. 2002 wollte der Gesetzgeber die Abtretung der für die Ausschüttungen maßgeblichen Rechte neu regeln, stieß dabei aber auf so heftigen Widerstand der Verleger, dass man zum 1. Januar 2008 einen Rückzieher machte. Die vor fünf Jahren ins Gesetz aufgenommene Neuregelung ist indes handwerklich so misslungen, dass nun einer, der sie damals schon kritisierte, vor Gericht recht bekommen hat: Martin Vogel.

Der Münchner Patentrichter und Mitautor des sogenannten "Professorenentwurfs" für die 2002 umgesetzte Urhebervertragsrechtsreform ist in einschlägigen Kreisen dafür bekannt, nicht schnell klein beizugeben. Er überzeugte die Münchner Richter mit einem einfachen Argument: Wenn Autoren mit der VG Wort einen Vertrag abschließen, so erklären sie darin, dass sie bestimmte Rechte an ihren Werken der Verwertungsgesellschaft zur Wahrnehmung einräumen. Folglich können sie diese Rechte im Nachhinein gar nicht mehr an Verlage abtreten. Also muss auch das Geld zu hundert Prozent an die Autoren fließen.

Diese Argumentation ist so schlüssig, dass die VG Wort ihr vor dem Münchner Landgericht kaum etwas entgegenzusetzen hatte. Ihre Anwälte hoben die große Bedeutung der Verlage hervor und verwiesen auf die historische Tradition der gemeinsamen Interessenvertretung, konnten aber letztlich nicht sagen, auf welcher rechtlichen Grundlage Gelder, die den Autoren zustehen, willkürlich an Dritte ausgezahlt werden.

Das Urteil ist nicht nur für die VG Wort ein Schlag ins Gesicht, sondern auch für das Bundesjustizministerium. Schließlich ist das Deutsche Patent- und Markenamt als Aufsichtsbehörde dafür zuständig zu prüfen, dass die Verwertungsgesellschaften ihre Gelder nicht willkürlich verteilen. Das funktioniert offenbar nur so halb. Wie der Urheberrechtsjurist Thomas Hoeren einmal formulierte: "Die Beamten vom DPMA sitzen bei den Verwertungsgesellschaften dabei wie Notarbeamte bei der Ziehung der Lottozahlen."

Die VG Wort hat angekündigt, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. Das ist ihr gutes Recht als Verliererin des Prozesses – es ist allerdings nicht im Interesse der Urheber. Würden deren Vertreter in den Gremien der VG Wort tatsächlich die Interessen der Autoren vertreten, so würden sie verlangen, dass die Verwertungsgesellschaft die strittigen Zahlungen so lange zurückstellt, bis das Urteil in der letzten Instanz bestätigt oder widerlegt ist. Eigentlich dürfte man eine entsprechende Anweisung auch von der Aufsichtsbehörde erwarten.

Am Freitag, den 1. Juni, findet in Berlin die Versammlung der Wahrnehmungsberechtigten der VG Wort statt. Man darf gespannt sein, ob dort über Konsequenzen gesprochen wird. Schließlich stehen für die Autoren nun jährlich zweistellige Millionenbeiträge auf dem Spiel.

Ilja Braun

Einen längeren Text des Autors zur Auseinandersetzung finden Sie auf irights.info als pdf-Dokument.

Die jüngste Stellungnahme der VG Wort zu dem Urteil hier als pdf-Dokument.
Archiv | Drucken | Empfehlen auf Facebook | Twittern | Share on Google+

Archiv: Presseschauen

Erzähler einer imaginären Handlung

23.06.2015. Risiko verliert, Risiko gewinnt! Die Wahl Kirill Petrenkos zum neuen Chef der Berliner Philharmoniker löst überall Begeisterung und Optimismus aus - auch wenn sein Konzertrepertoire noch eklektisch ist. Die FAZ versinkt wonnig im Fluss der Musik von Bohuslav Martinůs Oper "Julietta". Die taz verliebt sich in den Roboter Myon, der an der Komischen Oper Theaterspielen lernt. Die Berliner Zeitung warnt vor Herzog und de Meuron, die das Berliner Tacheles umbauen sollen. Entleerung in verschiedener Hinsicht erlebt die NZZ bei Lektüre der Bücher von Cesar Aira. Mehr lesen

Die Interessen des Königreichs

23.06.2015. In der SZ unterstützt Jürgen Habermas die Position der griechischen Regierung. In der FAZ schimpft Mikis Theodorakis aus das "vom Geld dirigierte Europa". Das Middle East Eye analysiert Wikileaks-Dokumente, die zeigen, wie Saudi-Arabien ausländische Medien schmiert. Amerikanische Medien zeichnen die Debatte um die Konföderierten-Flagge nach, die für die Republikaner zur Peinlichkeit wird. Im Standard erklärt Guardian-Strategie Wolfgang Blau, warum Medien heute mit Facebook und Apple kooperieren. Mehr lesen

Rock 'n' Rimbaud

23.06.2015. Online überholt Zeitungswerbung: "Zeitungsland Deutschland muss umdenken" -  Nachrichtenangebote: Silicon Valley versucht Journalismus - Abhörgesetz: Frankreich will die Totalüberwachung von Ausländern - Die Zeit ist reif: Förderung der Berliner Literaturszene - "Eine schrecklich nette Familie": Michael Krüger über Heathcote Williams Windsor-Gedicht + Patti Smiths "Horses"-Tour & Jochen Distelmeyer kniet vor der "Gralshüterin des Rockideals". Mehr lesen

Scheitern, Risiko, Experiment

23.06.2015. Die NYT erklärt, wie bequem, aber auch wie befreiend das Privileg ist, nicht auf seine Hautfarbe festgelegt zu werden. Die NYRB lernt, wie strategisch durchdacht die Brutalität des IS ist. Das war bei den Bolschewisten auch schon so, erklärt Medium. Quarterly Conversation verteidigt die argentinische Autorin Silvina Ocampo gegen den Vorwurf bourgeoiser Frivolität. Im Telegraph feiert Jeanette Winterson die große Bildhauerin Barbara Hepworth. In Eurozine warnt Sofi Oksanen vor einer Finnlandisierung Europas.
Mehr lesen

Archiv: Bücher

Mit großer Heiterkeit

22.06.2015. Die FAZ bespricht heute vor allem Krimis, darunter Paula Hawkins' "Girl on the Train", eine Variation von Hitchcocks "Fenster zum Hof", mit einer interessanten alkoholsüchtigen Heldin. Gut informiert fühlt sich diese Zeitung außerdem mit Ralf Langes Architekturgeschichte über "Das Hamburger Kontorhaus". Die SZ lernt von Klaus Theweleits Essay "Das Lachen der Täter": der Massenmörder ist vor allem Körper. Mehr lesen

Zwanghafte Verführer

22.06.2015. In Carol O'Connells märchenhaftem Thriller "Kreidemädchen" müssen es Elfen in New York mit Hyänen und Ratten aufnehmen. In Dominique Manottis "Abpiff" gedeihen Politik und Geschäft ganz prächtig auf der Ehrentribüne im Fußballstadion. Mehr lesen

Die Leisen, die Liebenden und die Naiven

10.06.2015. Ein Blick ins Quartiere Michelangelo von Palermo, auf die Logienquelle Karl Lagerfelds, zärtliche Haie, perverse Verse und die fehlende Vergebung in der protestantischen Ethik. Mehr lesen

Alles ungeheuerlich

06.06.2015. Laszlo Krasnahorkais Satzkaskaden, Ricardo Piglias Selbstgespräch über Literatur, Merle Krögers Dokufictionthrilleressayroman, Indiens Krise und der Aufstieg des Islamischen Staats - dies alles und mehr in den besten Büchern des Juni. Mehr lesen

Archiv: Magazin

Lakritzschwarze Tittenkatzen

26.05.2015. Wie, es gibt keine große Kunst mehr? Etwas, wo einem der Mund vor Staunen offen bleibt? Ausflüge zu sogenannten privaten Stiftungen und zurück in die Giardini von Venedig: der zweite Teil der Begehung einer Kunst von Staaten, die es gibt, und über Staaten, die es nicht mehr gibt. Mehr lesen

Voltaire: Gegenangriff

04.05.2015. Johannes Paul II. hat Marx besiegt und ging vor Voltaire in die Knie. So wie Voltaire verzichtet das heutige Europa auf ein höchstes Wesen. Aber so wie Voltaire macht es aus Atheismus keine Religion. Denn das Gegenteil des Fanatismus ist Toleranz. Mehr lesen

Kinder ihrer Zeit

06.03.2015. Der EuGH hat entschieden: ein Buch ist nur dann ein Buch, wenn es auf einem physischen Träger geliefert wird. Damit entfällt der reduzierte Mehrwertsteuersatz für Ebooks, die in Europa teuer bleiben. Das freut weder Autoren noch Verlage noch Kunden, nur die Betreiber von Webseiten zum illegalen Download. Mehr lesen

Trauer um Charlie Hebdo

09.01.2015. Wir erinnern mit einer Hommage an Charb, Cabu, Wolinski, Honoré und Tignous. Mehr lesen

Stichwörter