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Robin Meyer-Lucht

Von Thierry Chervel
22.09.2011. Robins Erscheinung konnte täuschen. Mit seinen schicken Anzügen und seiner modernen Haartracht sah er aus wie einer, der was mit Medien macht, und zwar erfolgreich. Das stimmte ja auch. Aber hinter der eleganten Fassade verbarg sich kein Karrierist. Robin war ein Nonkonformist. Er war geschlagen mit einer blitzenden Intelligenz, die immer wieder mit ihm durchging. Freundlich war er, ja, und wollte es sein. Es konnte sein, dass er auf einer Podiumsdiskussion konziliant begann, aber am Ende lag bei aller Verbindlichkeit die Wahrheit glasklar auf dem Tisch. Wer genau hat den Medienwandel, der in den alten Medien lange kaum thematisiert wurde, in den letzten zehn Jahren so kritisch und begeistert begleitet?
Robins Erscheinung konnte täuschen. Mit seinen schicken Anzügen und seiner modernen Haartracht sah er aus wie einer, der was mit Medien macht, und zwar erfolgreich. Das stimmte ja auch. Aber hinter der eleganten Fassade verbarg sich kein Karrierist. Robin war ein Nonkonformist. Er war geschlagen mit einer blitzenden Intelligenz, die immer wieder mit ihm durchging. Freundlich war er, ja, und wollte es sein. Es konnte sein, dass er auf einer Podiumsdiskussion konziliant begann, aber am Ende lag bei aller Verbindlichkeit die Wahrheit glasklar auf dem Tisch. Wer genau hat den Medienwandel, der in den alten Medien lange kaum thematisiert wurde, in den letzten zehn Jahren so kritisch und begeistert begleitet?

Wir haben uns im Jahr 2002 kennengelernt. Robin war damals noch Assistent des unvergessenen SPD-Intellektuellen Peter Glotz, der in Sankt Gallen eine Medienprofssur innehatte. Robin organisierte für ihn ein Symposion mit Vertretern alter und neuer Medien. Die alten Medien mokierten sich damals über die neuen – dabei hatten sie am allermeisten durch fehlgeleitete Werbekampagnen vom ersten Internethype profitiert. In der Süddeutschen Zeitung erschienen Nachrufe auf Amazon: Dieser Laden, so hieß es da, würde nie Gewinn machen. Dennoch war die Stimmung zwischen alten und neuen Medien noch nicht so vergiftet wie später. FAZ und SZ hatten noch nicht gegen den Perlentaucher geklagt.

Robins Diagnosen trafen trotzdem. Zusammen mit Rüdiger Wischenbart betrieb er im Perlentaucher den Virtualienmarkt. „Deutsche Zeitungen im Internet: ratlos“, lautete der Titel seiner ersten Kolumne im Perlentaucher. Im Mai 2003 schrieb er: „Die überregionalen deutschen Tageszeitungen haben sich online leider in ein .. Abseits manövriert. Angesichts geringer Reichweiten haben sie kaum Aussicht auf ein werbefinanziertes Online-Geschäft. 'E-Paper' ist nur ein anderes Wort dafür, dass sie es nicht geschafft haben, ein reines Online-Geschäft zu entwickeln.“

Inzwischen hat sich manches verändert – aber der Eindruck der Verzagtheit trifft zu bis heute. Robin hat darunter gelitten.

Robin war Medienberater, aber das heißt nicht, dass er den Medien die Wahrheit ersparen wollte. Eine große Rede Mathias Döpfners über die Zukunft des Journalismus würdigte er im Virtualienmarkt zwar – immerhin hatte eines der Alphatiere des deutschen Journalismus mal über den Medienwandel nachgedacht -, um sie dann aber mit seinem intellektuellen Chirurgenbesteck zu zerlegen. Besonders wichtig, war sein Punkt, dass das „Rieplsche Gesetz“ über die Vereinbarkeit von Medien unterschiedlicher Generationen aufs Internet nicht so einfach anzuwenden ist. Und er spürte, was kam: „Döpfners skeptische Haltung gegenüber einer aktiven Nutzerschaft .. mag die aktuelle Verfasstheit abbilden. Die Zeichen für ein zunehmend aktives Publikum jedoch mehren sich.“ Auch Jürgen Habermas' Plädoyer für eine Verstaatlichung der Presse griff er an. Habermas wollte „seine“ Öffentlichkeit, auf deren Feier und Beschreibung sein Ruhm beruht, zementieren – aber auch sie ist nur eine Episode im ständigen Wandel der Medien. Robin schrieb: „Habermas kapituliert hier vor der Aufgabe, seine deliberativen Öffentlichkeitsmodelle an das Internetzeitalter anzupassen. Ihm sei das mehr als verziehen. Auf ihn gestützt aber frönen hierzulande viele reichlich phlegmatisch ihren Internet-Antipathien. Die Politik mag das Internet nicht, weil sie es nicht versteht. Sie mag die Massenmedien, weil sie dafür Kontrollapparate entwickelt hat.“

Und dann gründete Robin Carta, für zwei drei Jahre das brillanteste Medium der Auseinandersetzung mit dem Medienwandel in Deutschland. Eine Enttäuschung war es allein ökonomisch. Und dass deutsche Medienhäuser einstiegen, um das Portal zu entwickeln – solche Träume muss man in Deutschland vergessen. Hier herrscht der Status quo. Die Öffentlich-Rechtlichen, denen Robins intensiver Ärger galt, treiben mit der Selbstgewissheit eines Flugzeugträgers vor sich hin, ungeachtet der Frage, ob man sie so braucht, wie sie jetzt sind. Und die Printhäuser jammern nach Leistungsschutzrechten.

Dass Robin auf Augenhöhe mit den Hierarchen sprach, mag diesen nicht immer gefallen haben. Aber es machte ihn zu einem der lesenswertesten Autoren in diesem Moment der Mediengeschichte. Robin ist im unfassbaren Alter von 38 Jahren gestorben. Wir vermissen ihn sehr. Den Medien fehlt er mehr als ihnen wohl bewusst ist.

Thierry Chervel