Betonierung des status quo

Von Thierry Chervel
22.06.2011. Die FAZ und die SZ klagen ja schon seit Jahren kreuz und quer durch die Gegend - gegen alles, was ihnen im Internet nicht behagt, zuerst gegen den Perlentaucher (seit sechs Jahren dauert der Prozess und geht gerade von der höchsten Instanz zurück in die zweithöchste, mehr hier), aber sie bedrohen auch Studenten, die sich für ihre Leitartikel interessieren und darauf verlinken wollen. Bei allem, was sie in ihrer Herrlichkeit stört, rufen sie: "Ih, das lebt. Mach' tot, mach' tot." Nun klagen sie also, gemeinsam mit dem Springer-Verlag und anderen wichtigen Akteuren, gegen die Handy-App der Tagesschau. "Durch gebührenfinanzierte Texte und durch Sender, die im Internet Zeitung machen, ist die weltweit einmalige Vielfalt der Qualitätszeitungen in ihrer Existenz bedroht", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ.
Hanfeld hofft, dass die Leser schon für die Artikel der Zeitungen bezahlen würden, falls die Öffentlich-Rechtlichen auf eine textliche Präsenz im Internet verzichten. Je weniger Inhalt im Netz zirkuliert, desto eher kommen die reuigen Leser zur Zeitung zurück. Noch sind sie offenbar nicht zahlungswillig - denn kostenpflichtig sind die Zeitungen im Netz ja schon jetzt. Von den fünf oder sechs Qualitätszeitungen, die wir im Perlentaucher Tag für Tag auswerten, steht praktisch keine mehr einfach so online. Ich habe das hier schon mehrfach dargelegt - aber es muss wiederholt werden, weil die Zeitungen unverdrossen bei den Politikern mit falschen Behauptungen hausieren gehen: In der FAZ, der Zeit und der SZ verschanzen sich in Wahrheit bestimmt 90 Prozent der Artikel hinter Bezahlschranken. Bei der FR und NZZ sind es etwas weniger. Die Welt stellt ihre Artikel zwar online, aber nur als Schaufenster für Google, denn die Leser finden auf Welt online nirgends ein Inhaltsverzeichnis, durch das sie erraten könnten, was in der Zeitung steht. Allenfalls durch Zufallsfunde über Google News stoßen sie auf diese Artikel. Allein die taz stellt ihre Artikel noch uneingeschränkt online. Aber auch sie hält ihr Inhaltsverzeichnis gut versteckt.
Dazu haben die Zeitungen natürlich ein gutes Recht! Nur sollten sie dann nicht behaupten, dass sie im Internet "Zeitung" machen und dafür auch noch Leistungsschutzrechte verlangen. Sie sollten auch nicht so tun, als würde die Präsenz der Öffentlich-Rechtlichen sie zwingen, ihre Inhalte kostenlos preiszugeben. Denn sie tun es jetzt schon nicht. Den größten Teil der Zeit - Stefan Niggemeier hat das neulich am Stern sehr schön exemplifiziert, aber er hätte es auch an der SZ zeigen können - verwursten sie online nur Ticker und Agenturfotos. Mit diesem Material und reduziertem, meist prekär gehaltenem Personal, das längst nicht so gut verdient wie die Herren aus dem Print, schaffen die Zeitungen einen Stellvertreter für ihre Marke im Netz.
Innovativ hat sich so gut wie keines der Medienhäuser im Netz verhalten. Dass sie gar versucht hätten, Medien außerhalb einer Vorzeigefunktion für ein Printinstitut zu entwickeln, zum Beispiel Blogs wie Huffington Post oder Techcrunch, ist nicht überliefert. Warum Risiken eingehen, wenn jammern schon reicht?
Nicht dass die Onlineredakteure nicht besten Willens sind und im Rahmen ihrer Möglichkeiten versuchen, das beste draus zu machen. Aber gerade, wenn sie genuine Onlineformen - sagen wir ein Videoblog - entwickeln, ist das ja auch wieder nicht "Zeitung". Mit anderen Worten: Das was die Zeitungen im Netz machen, ist nicht Zeitung, aber das was die öffentlich-rechtlichen Anstalten im Netz machen, soll auch auf keinen Fall Zeitung sein. Die Verleger heucheln, dass sich die Balken biegen.
Und ihre Reaktion ist zutiefst reaktionär. Sie sagt: Hier die Zeitungskonzerne, die die Gattung der Texte verwalten. Dort die Öffentlich-Rechtlichen, die das Genre des Bewegtbilds pflegen. Die Trennungen der vordigitalen Ära sollen künstlich ins Netz transferiert werden. Und beide Sphären erhalten Bestandsschutz.
Aber in Wirklichkeit sind die Onlinetexte der öffentlich-rechtliche Anstalten so "zeitungsähnlich" wie die Videoblogs von Matthias Matussek "fernsehähnlich" sind. Diese Begriffe sind obsolet, denn sie sind beide Internet.
Im Grunde verhalten sich die Zeitungskonzerne also nicht anders als die öffentlich-rechtliche Anstalten selbst. Sie versuchen im Moment des Verschwimmens der Gattungsgrenzen zwischen den Medien ihren vormaligen Status zu zementieren. Sie handeln in konfliktueller Komplizenschaft auf schrumpfendem Terrain. Als könnten Eisbären die Schollen, die sie als Territorium betrachten, durch den Klimawandel retten.
So wie die öffentlich-rechtliche Anstalten in dem Moment, wo ihr Publikum im Schnitt über sechzig Jahre alt ist, eine Garantie des Status quo durch die Zwangsabgabe bekommen haben, die auch von all denen bezahlt werden muss, die ihr Angebot gar nicht mehr nutzen, so wollen sich auch die Zeitungen durch gesetzliche Vorschriften und Leitungsschutzrechte vor dem Medienwandel bewahren - auf Kosten der Allgemeinheit.
Die Politiker haben natürlich auch nicht auf das Internet gewartet. Sie betrachten die öffentlich-rechtliche Anstalten als Spiegel ihres Glanzes und sagen den Zeitungen Leitungsschutzrechte zu, um gute Presse zu kriegen. Da arbeitet ein ganzes seit Jahrzehnten eingespieltes System an seiner Selbsterhaltung. Aber moderne Politiker sollten sich auch fragen, ob sie sich wirklich auf zwei Gerontokraten stützen sollten, die selbst nach allen Seiten um Absicherung flehen.
Das eigentlich Absurde an den öffentlich-rechtlichen Anstalten sind jedenfalls nicht die Tagesschau-Apps. Die politischen Aufgaben sind viel tiefgreifender. Das Problem ist das Festhalten an Strukturen, die vor dreißig jahren noch Sinn gehabt haben mögen. Warum braucht jede öffentlich-rechtliche Anstalt jeweils ein eigenes Gesundheitsmagazin, wo doch alle Sender heutzutage überall zu sehen sind? Am Föderalismus kann's nicht liegen: In Bayern ist man nicht anders krank als in Bremen. Wäre nicht zum Beispiel eine öffentlich-rechtliches Gesundheitsportal im Netz viel sinnvoller, das seriöse und geprüfte Informationen bietet und in das die Sender ihre Inhalte einspeisen könnten?
Aber müsste so ein Portal unbedingt von den Anstalten realisiert werden, deren Internetadressen, ehrlich gesagt, nicht immer kompetent wirken? Oder ließen sich solche Projekte nicht auch ausschreiben - so dass alle Akteure im Markt, also auch Zeitungen oder Internetmedien, sich darauf bewerben könnten? Hanno Beck und Andrea Beyer haben hierzu auf Carta einen bestechenden Vorschlag gemacht.
Vielleicht ließe sich ja eine Milliarde Euro von den acht abzweigen, um solche neuartigen Modelle auszuprobieren. Sie müsste doch freiwerden, wenn man wenigstens ansatzweise anfinge, die Redundanzen des Regionalismus abzubauen. Ein Beispiel: Wie einst in den siebziger Jahren, als jedes dritte Programm nur in seiner Region zu empfangen war, werden die paar Spielfilme, die heute noch laufen, von Sender zu Sender gereicht. Man darf sie also zuerst auf WDR und drei Wochen später auf NDR gucken. Und das ist um so absurder, wenn man bedenkt, welche Spielfilmtradition die dritten Programme, die einst durch ihre Truffaut-Retros und "Mythen, Monster, Mutationen" brillierten, längst aufgegeben haben. Heute erfüllen die dritten Programme ihren Auftrag durch regionale Spielhows, Kutschenfahrten durchs Weserbergland, Volksmusik und "Tatort"-Wiederholungen. Mit anderen Worten: Sie sind zu achtzig Prozent der Sendezeit überflüssig.
Aber auch die Zeitungen übersehen in ihrer Fixierung auf die Machtverhältnisse der vordigitalen Zeit, wohin der Medienwandel wirklich geht. Ob in Richtung Ipad, ist noch fraglich. Die britische Financial Times, die sich mit der Vermarktung von Inhalten auskennt, hat sich vom Ipad zurückgezogen und bietet stattdessen eine ipad-optimierte Website, weil sie aus verständlichen Gründen Apple den Dreißigprozentanteil an den Einnahmen und mehr noch den Zugriff Steve Jobs' auf sämtliche Leserdaten missgönnt (mehr hier).
Übrigens haben Leser - zumal in Deutschland durch die hohen GEZ-Gebühren - einen begrenzten Medienetat und werden nicht die Probleme sämtlicher Medien durch das Abonnement von Apps lösen, die nicht einmal die Funktionalitäten und die Offenheit des Netzes aufweisen. Im Iphone haben Apps noch den Vorteil der besseren Benutzbarkeit auf geringer Fläche, im Ipad funktioniert das Internet im Prinzip genauso gut wie auf dem Computer. Und wenn eine Zeitung alle Möglichkeiten des Ipad mit Ton und Video ausnutzt, was ist daran eigentlich noch "Zeitung"?
Das heißt nicht, dass nicht für Medieninhalte und gerade auch für substanzielle Artikel gezahlt würde - allerdings für einzelne Artikel. Jon Krakauers unglaubliche Reportage über Greg Mortensen hat sich auf dem Amazon-Kindle zehntausendemal verkauft. Statt der glitzernden, aber letztlich reaktionären und hermetischen CD-Rom-Ästhetik der Ipad-Apps werden wohl eher medienübergreifende Plattformen entstehen, die es erlauben werden, einzelne Artikel zu kaufen. Itunes oder Google News wären ein Modell. Zwei oder drei Euro für einen einzigen FAZ-Artikel - soviel kostet das jetzt offiziell in den umständlichen Archiven der Zeitungen - sind allerdings eine weit überzogene Preisvorstellung.
Auch ein solches Modell wird den Zeitungen nicht wieder jene Rente bringen, die sie einst als Organisatoren der regionalen Märkte aus ihren Rubrikenanzeigen bezogen. Darum muss der Strukturwandel der Öffentlichkeit auch als ein ganzes gedacht werden. Es geht nicht an, die Existenz der öffentlichen-rechtlichen Anstalten nach einem Modell aus vordigitaler Zeit zu betonieren, während sämtlichen privaten Medien das Geschäftsmodell verloren geht.
Thierry Chervel
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