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Hämmer im Schwall: Slavoj Zizeks Endlösung der Geschichte

Von Thierry Chervel
25.06.2010. Sein Buch "Auf verlorenem Posten" sei in der deutschen Ausgabe zensiert worden, sagt Slavoj Zizek heute in der taz. Er wurde aus Anlass der Kommunismuskonferenz interviewt, die ab heute in der Volksbühne ausgerichtet wird. Tatsächlich ist die englische Ausgabe des Buchs 200 Seiten dicker als die deutsche, in der ganze Kapitel fehlen - zum Beispiel das Kapitel über Heidegger. Auch der Satz "Hitler war nicht radikal genug", fehlt in der deutschen Ausgabe, erklärt Zizek in der taz, um gleich hinzuzufügen, was er damit eigentlich meinte, nämlich: "Hitler war nicht radikal genug" meint, dass Gandhi radikaler war." Denn Zizek ist "listig wie ein Wiesel", so seine Selbstauskunft in der taz. Man weiß nie, ob er meint, was er sagt oder ob er nur nicht sagt, was er meint.
Sein Buch "Auf verlorenem Posten" sei in der deutschen Ausgabe zensiert worden, sagt Slavoj Zizek heute in der taz. Er wurde aus Anlass der Kommunismuskonferenz interviewt, die ab heute in der Volksbühne ausgerichtet wird. Tatsächlich ist die englische Ausgabe des Buchs 200 Seiten dicker als die deutsche, in der ganze Kapitel fehlen - zum Beispiel das Kapitel über Heidegger. Auch der Satz "Hitler war nicht radikal genug", fehlt in der deutschen Ausgabe, erklärt Zizek in der taz, um gleich hinzuzufügen, was er damit eigentlich meinte, nämlich: "Hitler war nicht radikal genug" meint, dass Gandhi radikaler war." Denn Zizek ist "listig wie ein Wiesel", so seine Selbstauskunft in der taz. Man weiß nie, ob er meint, was er sagt oder ob er nur nicht sagt, was er meint.

Es gibt noch mehr Sätze, die in der englischen Ausgabe stehen und in der deutschen fehlen. Zum Beispiel dieser hier:

"Die einzige wahre Lösung der 'Judenfrage' ist die 'Endlösung' (ihre Vernichtung), denn die Juden ... sind das letzte Hindernis für die 'Endlösung' der Geschichte selber, für die Überwindung von Trennungen in einer allumfassenden Einheit und Flexibilität."

Auf englisch liest sich der Satz so:

"The only true solution to the 'Jewish question' is the 'final solution' (their annihilation) because the Jews qua objet are the ultimate obstacle to the 'final solution' of History itself, to the overcoming of divisions in all-encompassing unity and flexibility."

Der Satz steht in der Einleitung der "Lost Causes". Er gehört zu einer Verteidigung Alain Badious, der heute in der Volksbühne ebenfalls den Kommunismus predigt. Badious kleines Büchlein "Circonstances 3" beschäftigt sich mit der Frage, wofür "Jude" der Name sei, und hat in Frankreich heftige Antisemitismusvorwürfe auf sich gezogen. Hierauf reagiert Zizek in der Einleitung der "Lost Causes" Die deutsche Fassung von Zizeks Einleitung biegt allerdings in eine andere Richtung ab, bevor es zur heiklen Erörterung der Judenfrage kommt.

Zizek scheint den Satz nicht so zu meinen, wie er da steht, aber ebenso sicher scheint es ihm Spaß zu machen, ihn mal so da hinzustellen. Im Zusammenhang gelesen kann er auch als Paraphrase einer polemischen Zuspitzung über Badiou gelesen werden, die Zizek zurückweist. So ist der Satz übrigens auch schon mal übersetzt worden - Zizek hatte seine Verteidigung Badious nämlich schon 2007 als Zeit-Artikel veröffentlicht. Dort liest sich sein Satz als Resümee einer Kritik an Badiou:

"Die Juden und ihre Treue zum Gesetz seien das letzte Hindernis, das sich der modernen Verflüssigung, der Überwindung aller Trennungen in einer allumfassenden Einheit, entgegenstellt, weshalb es für totalitäre Universalisten wie Badiou nur eine Lösung der jüdischen Frage gebe, nämlich die 'Endlösung' - ihre Vernichtung."

Und danach kommt: "Hier ist Widerspruch angebracht. Ist es nicht so, dass die Vorkämpfer des Badiouschen Universalismus - angefangen von Spinoza über Marx bis Freud - gerade atheistische Juden waren?" In der englischen Ausgabe fehlt nun allerdings wieder der kleine Satz "Hier ist Widerspruch angebracht". Es geht nach dem Hammersatz gleich weiter mit "But is it not rather the case that, in the history of modern Europe, those who stood for the striving were precisely atheist jews?" Die kunstvoll-infame Schwebe ist in der deutschen Fassung der Zeit also in die politisch korrekte Verständnisrichtung geerdet worden!

Und natürlich fehlt im Deutschen auch der Satz: "This book is unashamedly committed to the 'Messianic' standpoint of the struggle for universal emancipation", der als eindeutige Selbstaussage ausnahmsweise überdeutlich herausgehoben ist und den obigen Hammersatz von ferne zu grüßen scheint.

Hämmer im Schwall: Das scheint überhaupt Zizeks Technik zu sein. Er ist ein Philosoph der Paraphrase, und sehr häufig scheint er bewusst im unklaren zu lassen, ob er nun gerade selber spricht oder eine Position wiedergibt, die er gar nicht teilt. Er redet uneigentlich. Das erlaubt ihm immer wieder, kleine Bomben in seinen Redefluss zu platzieren, die nur explodieren, wenn man sie alleine lässt.

Eine kleine Auswahl? Was folgt sind sämtlich Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Zizek hat sie so gesagt, aber bestimmt nicht so gemeint.

"The difficult truth to admit is that Heidegger is 'great' not in spite, but because of his Nazi engagement."

"Why should revolutionary politics not take over the Catholic cult of martyrdom? And one should not be afraid to go to? the end and to say the same about Leni Riefenstahl."

"What makes Nazism repulsive is not the rhetoric of final solution as such, but the concrete twist it gives to it."

"To return to Heidegger, in his Nazi engagement, he was not 'totally wrong' - the tragedy is that he was almost right."

"Our task thus is to repeat Heidegger."

"One might even risk a tasteless Heideggerian paraphrase of Brecht: 'What is the slaughter of thousands of enemies compared to the technological reduction of man himself to an object of technological manipulation?'"

"Crazy, tasteless even as it may sound, the problem with Hitler was that he was not violent enough, that his violence was not 'essential' enough. Nazism was not radical enough, it did not dare to disturb the basic structure of the modern capitalist social space (which is why it had to focus on destroying an invented external enemy, Jews)."

Eine vertrackte Technik des Philosophierens! Es ist, als würde man sagen: Zizek ist nicht nur Antisemit, er ist auch bereit, für seine philosophischen Visionen Millionen von Menschen über die Klinge springen zu lassen. Und jetzt viel Spaß im neuen Kommunismus!

Thierry Chervel

twitter.com/chervel