Außer Atem: Das Berlinale Blog

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Zwei unbeschriebene Blätter: "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Wie wir aus zahlreichen Reportagen und Berichten wissen, ist es in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten in den USA inzwischen fast unmöglich, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Davon erzählt dieser Film. Eine 17-Jährige in Pennsylvania, Autumn, wird schwanger - Vater ist vermutlich der Vater - und wird von ihrer Frauenärztin, einer Abtreibungsgegnerin, über die Dauer ihrer Schwangerschaft so hinters Licht geführt, dass es für eine einfache Abtreibung zu spät ist. Sie muss nach New York in eine Spezialklinik. Von Anja Seeliger

Erzählen vom Wegwollen und Dableiben: "Eyimofe" der Brüder Esiri und "Traverser" von Joel Akafu (beide Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Spanien und Italien heißen die beiden Kapitel in "Eyimofe", die Ländern sind die fernen Sehnsuchtsorte dieses Film und die Fluchtpunkte, an denen Mofe und Rose ihre Leben ausgerichtet haben. Die beiden haben denselben Vermieter, sie sind jeweils auf ihre eigene Weise abhängig von Mister Vincent, aber sie kennen sich nicht, sie begegnen sich höchstens zufällig in den Straßen von Lagos. Die Sehnsucht nach Europa verbindet nicht. Von Thekla Dannenberg

Auf inbrünstige Weise ahnungslos - der Berlinale-Pressespiegel

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Zwischenfazit beim Tagesspiegel: Der neue Wettbewerb Encounters ist hochkarätig - saugt aber allen anderen Sektionen vampirisch das Blut aus. Delirant in der Wildnis: Abel Ferrars "Siberia" - aber immerhin plaudert munter ein Fisch. Sind Spermazoten im Wettbewerb Ausdruck eines "ätzenden Esprits" - die Filmkritik ist sich uneins! Perlentaucherin sendet Hilfesignale: Kontext in den Dokus verzweifelt gesucht! Und das waren noch Zeiten, als sich im Bauch des Sony-Centers die Pforten zwischen den Kinos öffneten, trauert der Freitag. Kurz: der Berlinale-Montag im Pressespiegel. Von Thomas Groh

Zwei fette Fische: Abel Ferraras "Siberia" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Das war schon Punk! Der Film beginnt in grünlich-flauem Restlicht. Schneelandschaft. Fast Tarkowski-like, aber gibt es bei Tarkowski Berglandschaften? Eine verlorene Hütte mit Blick auf düsteres Bergpanorama. Eine Kneipe, Willem Dafoe, alias Clint hinterm Tresen. Und ein Indianer kommt an, eine Pelzwurst sozusagen. So dick ist er eingewickelt, so kalt scheint es zu sein. Er redet indianisch, aber das macht nichts, Clint versteht schon, was er meint: ein Schnaps, bitte. Von Thierry Chervel

Humor in gelber Weste: Benoît Delépines und Gustave Kerverns "Effacer l'historique" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Das französische Regieduo Benoît Delépine und Gustave Kervern hat sich auf einen Humor kapriziert, der zwischen charmanter Komödien und sozialer Groteske oszilliert. Gerard Depardieu spielte im schrägen "Mammuth" einen Schlachter, der in Rente geht und auf eine Tour de France durch sein gelebtes Leben aufbricht. Auch "Saint Amour" war ein poetisch-anarchisches Roadmovie, dessen Deadpan-Witz allerdings nicht immer zünden wollte. Mit "Effacer l'historique" haben sie nun eine Komödie vorgelegt, in der die Könige der echten Idioten den Kampf gegen die künstliche Intelligenz aufnehmen. Gelöscht werden soll nicht die Geschichte, sondern der Verlauf im Browser. Es ist ein echter Gelbwesten-Film, mit obligatorischem Cameo-Auftritt von Michel Houellebecq. Von Thekla Dannenberg

Beschwörung der Kampfgeister: Jonathan Rescignos "Grève ou Crève" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Die Militanz, die Franzosen bei ihren Protestaktionen an den Tag legen, ist meist genauso verstörend wie ihr mitunter ritueller Charakter. Abends liefert man sich, bewaffnet mit Holzlatten oder Baseballschlägern, eine Schlacht mit der Polizei, die wiederum mit Tränengasgranaten und Schlagstöcken antwortet. Am nächsten Morgen wird weiterverhandelt. In der Bergbauregion Lothringen hat der große Streik von 1995 den Kumpels nichts genutzt. Die Zechen in Merlebach wurden geschlossen, die Region ging den Bach runter, doch die Trophäen in der großen Schlacht werden noch heute wie ein Schatz gehütet. Banner, Spaten, Tränengasgranaten. Von Thekla Dannenberg

Die Kreolisierung der Revolution: "Ouvertures" von The Living and the Dead (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Der Aufstand der Sklaven von Haiti war der große Testfall für die Französische Revolution. Hier hätte sich ihr Universalismus bewähren müssen. Leider versagte die Republik. Sie unterwarf die Schwarzen, die sich unter der Führung von Toussaint Louverture ihre Freiheit erkämpft hatten, und Napoleon ließ mit dem Code Noir auch die Sklaverei wieder einführen. Am 7. April 1803, wenige Monate, bevor sich Haiti doch noch seine Unabhängigkeit erstreiten konnte, starb Louverture in französischer Gefangenschaft. Von Thekla Dannenberg

Die ganze Wirklichkeit hat Platz - das Berlinale-Wochenende im Pressespiegel

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Mit Kelly Reichardts am Samstag gezeigtem Revisionswestern "First Cow" hat das Festival seinen ersten Favoriten. Christian Petzold ergründet derweil die Sümpfe unter Berlin. Liebesreigen in Schwarzweiß: Philippe Garrel hat einen französischen Film aus den 70ern gedreht, dabei aber nicht an die Nonchalance gedacht. Die neue Berlinale ist die alte, meint Artechock. Und die Welt protestiert vor dem Kinosaal für mehr deutsche Untertitel. Von Thomas Groh

Fehlt der Biss: "Todos os mortos - All the Dead Ones" von Caetano Gotardo und Marco Dutra (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Es ist das Jahr 1899. Josefina, eine wunderschöne schwarze alte Frau in einem karierten Kleid mit Spitzenkragen und bestickter weißer Schürze, röstet über einem Feuer im Hof den Kaffee. Dann geht sie mit der Pfanne ins Haus, mahlt den Kaffee, brüht ihn auf und deckt den Tisch im Esszimmer. Sie selbst trinkt ihren Kaffee in der Küche. Es regnet und sie singt ein Lied von den guten Göttern des Regens. Wenig später ist sie tot, Brasilien unabhängig und die Sklaverei abgeschafft. Die Familie muss ihren Kaffee jetzt selbst kochen. Von Anja Seeliger

Frauenbilder - Drei Filme

Außer Atem: Das Berlinale Blog 24.02.2020 Nora ist 14 Jahre alt und wächst im Grunde allein mit ihrer älteren Schwester Jule auf, in einer Wohnung direkt am multikulturellen Kottbusser Tor in Kreuzberg, während ihre alleinerziehende Mutter die Tage und Nächte an einem Eckkneipentresen vertrinkt. Ein Prekariatshaushalt, wie man ihn aus zu vielen vermeintlich milieurealistischen deutschen Filmen kennt, ist das aber nicht: man liest und schätzt Judith Butler, hat sich mal als Glitzereinhorn verkleidet und geht liebevoll miteinander um, wenn man denn zuhause und unverkatert ist. Von Jochen Werner

Seele einhauchen: Christian Petzolds "Undine"

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.02.2020 Undine arbeitet als Historikerin für den Berliner Senat, im Märkischen Museum präsentiert sie Besuchergruppen die großen Planungsmodelle der Stadt, erzählt die Baugeschichte, macht die Ausmaße des S-Bahnrings anschaulich, oder versucht, das Humboldtforum begreiflich zu machen. Ein unmögliches Unterfangen. Früher wandelte man Schlösser in Museen um, seufzt sie, heute baut man "ein Museum in Gestalt eines barocken Herrscherpalastes". Ist Fortschritt unmöglich geworden? Von Thekla Dannenberg