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Lob für den großen Fleckenteppich Berlinale

19.02.2016. Das wächst sich langsam zu einer regelrechten kognititven Dissonanz aus: Einerseits geht mir vieles an der Berlinale, insbesondere der Eventkrawall und die damit einhergehende kategorische Ungemütlichkeit, die sich am auch sonst nicht gerade heimeligen Potsdamer Platz zehn Tage lang breit gemacht hat, von Jahr zu Jahr mehr auf die Nerven; andererseits habe ich ebenfalls von Jahr zu Jahr mehr das Bedürfnis, das Festival (das das natürlich kein bisschen nötig hat; das sich dafür auch kein bisschen interessiert) zu verteidigen. Zumindest gegen jene Kritiker, die immer wieder vehement darauf verweisen, dass die Berlinale den anderen beiden anderen großen europäischen A-Festivals in Venedig und vor allem Cannes nicht das Wasser reichen könne.Natürlich stehen die drei großen Festivals in Konkurrenz um besonders heiß gehandeltes Autorenfilmergold. Und tatsächlich zieht die Berlinale da nach wie vor sehr oft den Kürzeren. Aber warum eigentlich soll die Presse die Relevanzkriterien des Betriebs als eigene übernehmen? Mit ein wenig Abstand relativiert sich ohnehin viel. Der Siegerfilm von 2015 zum Beispiel, Jafar Panahis "Taxi", dürfte sich zumindest längerfristig als ein deutlich relevanterer und lebendigerer Film erweisen als die Cannes- und Venedig-Gewinner "Dheepan" beziehungsweise "Desde allá". Auch meine beiden persönlichen Filme des Jahres, Terrence Malicks "Knight of Cups" und Kidlat Tahimiks "Balikbayan #1", feierten auf der Berlinale Premiere. Von Lukas Foerster

Vom Umgang mit Läsionen und Verformungen beim 'Visionary Archive' im Forum Expanded

19.02.2016. Zu den Höhepunkten des Forum Expanded zählten für mich, wie schon im letzten Jahr, die Präsentationen im Rahmen des (offenbar sich verstetigenden Projekts) Visionary Archive. Archivbestände und -praxen aus aller Welt werden hier vorgestellt, mit besonderem Augenmerk auf vernachlässigte, bedrohte oder - so bei den beiden Veranstaltungen, die ich dieses Mal besucht habe - vor kurzem erst gehobene Schätze. Eine weitere Besonderheit: Oft sind es zunächst künstlerische Annäherungen ans (beschädigte) Material, die unter dem Deckmantel des Visionary Archive versammelt werden, oder doch Herangehensweisen, die einer sehr speziellen Idee vom archivarischen Auftrag verpflichtet sind. Von Nikolaus Perneczky

Lav Diaz' 'A Lullaby to the Sorrowful Mystery' - zweite Halbzeit

19.02.2016. "Wird der Film in der zweiten Hälfte den ewigen Dschungel doch noch hinter sich lassen?" hatte ich mich in der einstündigen Pause gefragt, die die Berlinale in den Wettbewerbsfilm "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" eingebaut hatte. Es ist dann, und das spricht unbedingt für den Eigensinn des Films, genau anders herum gekommen: Die zweite Hälfte, noch einmal vier Stunden lange Hälfte spielt noch weitaus ausschließlicher im Urwald als die erste. Von Lukas Foerster

Erzählt von der Gewalt in Mexiko: Tatiana Huezos 'Tempestad' (Forum)

19.02.2016. Tatiana Huezo hat sich für ihren Film "Tempestad" enorm viel vorgenommen. Sie will von der Gewalt erzählen, die in Mexiko an Frauen und ihren Körpern begangen wird, und sie will dieser Gewalt filmisch etwas entgegensetzen. Deshalb zeigt sie die Gewalt und ihre Folgen nicht. Sie lässt ihre Protagonistinnen zu Wort kommen zu, hört ihnen zu und bemüht sich um Verständnis. Es ist ein nachvollziehbares Konzept, aber es geht nicht unbedingt auf. Von Thekla Dannenberg

Lav Diaz' 'A Lullaby to the Sorrowful Mystery' - ein Halbzeitbericht

18.02.2016. Vor einigen Stunden hat im Berlinale-Palast die Vorführung des philippinischen Wettbewerbsbeitrags "A Lullaby to the Sorrowful Mystery" begonnen. Nach der Pause folgen vier weitere Stunden. Aber selbst wenn die Vorführung jetzt abgebrochen und der Film als Rumpf stehenbleiben müsste, wäre er das beste, was ich auf dieser Berlinale bislang gesehen habe. Von Lukas Foerster

Auf Herbergssuche zwischen China und Burma: die vom Krieg vertriebenen Ta'ang in Wang Bings Doku (Forum)

18.02.2016. Als Wang Bing in die burmesische Kokang-Region an der Grenze zu China kam, wo Angehörige der dort ansässigen Ta'ang-Minorität seit den frühen 1960er Jahren einen langwierigen und gerade wieder akuten bewaffneten Konflikt mit dem burmesischen Militär austragen, wusste der chinesische Dokumentarfilmer, dessen Dokumentation über das Ende der Schwerindustrie im Tiexi-District unvergessen ist, nicht, worauf er sich einließ. Weder war er mit der Geschichte der Region vertraut, noch wusste er um den schwelenden Krieg im Grenzland, der vor allem Frauen und Kinder zur Flucht nach China veranlasst. Wang war mit einem anderen Projekt in der Gegend beschäftigt, als ihn die Nachricht von dem wiedererstarkten Flüchtlingsstrom aus Myanmar erreichte. Er beschloss, sich die Situation vor Ort anzusehen. Von Nikolaus Perneczky

Der Mensch verliert sich: Thomas Vinterbergs 'Kollektivet' (Wettbewerb)

18.02.2016. So mitleidslos hat das Kino schon lange keinen mehr über die Klinge springen lassen wie Thomas Vinterberg den kleinen Vilads. Der Sechsjährige war ein durchaus unsympathisches Kind, aber solch einen erbarmungslosen Tod hätte man ihm nicht gewünscht: Gerade machen sich alle in der Kommunge - mit sich und dem Lauf der Dinge versöhnt - zu Elton Johns "Goodbye Yellow Brick Road" ein Bier auf, da liegt der Junge tot in den Armen der Mutter. Ein Schnitt und die Urne liegt in den Armen des Vaters, während sich der Film weiter zu der sentimentalen Musik wiegt. Das Leben kommt, das Leben geht, die Kommune bleibt bestehen, soll das heißen. Vinterberg meint das vielleicht in einem hinduistischen Hippie-Sinne, aber es kommt einem eher maoistisch vor. Von Thekla Dannenberg

Machen keine Gefangenen: Die japanischen Indies in der Forumsreihe Hachimiri Madness

18.02.2016. Ein Problem für mich auf der diesjährigen Berlinale ist die dem Jahr 1966 im deutschen Kino gewidmete Retrospektive; da gibt es sicherlich den einen oder anderen interessanten Film, aber als sicherer Hafen in den unsicheren Fluten des Gegenwartskinos taugen die oft noch tappsigen ersten Gehversuche des Neuen Deutschen Films sowie eine Handvoll defa-Klassiker, auf die sich die Schau leider weitgehend beschränkt, eher nicht. Während ich in den letzten Jahren mein Festival mehr oder weniger um die Retro herum geplant hatte, bleibt es diesmal bei Stippvisiten - die zum Beispiel im (hochinteressanten) Kurzfilmprogramm "Arbeiterinnen" (hier und hier) immerhin nachdrücklich klar machen, dass die 1960er in Ost wie West eine ziemlich ungemütliche Zeit sein konnten. Wenn man zum Beispiel, von Akkordarbeit am Fließband und in der Familie ausgelaugt, im Müttergenesungswerk landet und dort zu allem Überfluss auch noch die Fragen eines öffentlich-rechtlichen TV-Patriarchen namens Thilo Koch über sich ergehen lassen muss ("Frauen in Deutschland. Thilo Koch berichtet"). Von Lukas Foerster

Ohne Kompass: Filme über die Inuit und vom Amazonas in der Reihe 'Natives'

17.02.2016. Die Reihe "Native" widmet sich alle zwei Jahre dem indigenen Kino, in diesem Brückenjahr zeigt sie nur zwei Filme, Ciro Guerras spirituellen Amazonas-Trip "El abrazo de la serpiente" sowie die Dokumentation "Qapirangajuq" von Zacharias Kunuk und Ian Mauro über den Klimawandel und das Wissen der Inuit. "Qapirangajuq" gerät wie die viele Filme über das Leben der Inuit: Man sieht schäbige Ortschaften, Hundeschlitten jagen durch die Schneelandschaft, ein Eisbär lässt sich blicken und am Ende wird das rohe Fleisch erlegter Robben verteilt. Kunuk und Mauro lassen etliche, durchaus zuverlässige und überzeugende Zeugen zu Wort kommen, die berichten, wie sich das Klima im nördlichen Kanada geändert hat, in Igloolik, Pangnirtung und Resolute Bay. Von Thekla Dannenberg

No peace, no pussies: Spike Lees 'Chi-Raq' (Wettbewerb)

17.02.2016. Anders als griechische Tragödien haben sich antike Komödien nie besonders großer Beliebtheit erfreut: Sie sind für den heutigen Publikumsgeschmack wahrscheinlich zu obszön, zu politisch, zu komisch. Bei der "Lysistrata" des Aristophanes ist das besonders schade, denn sie ist ein ungeheuer witziges und geistreiches Stück über Liebe, Lust und Krieg, geschrieben 411 vor Christus. Um ein Ende des Peloponnesischen Krieges zu erzwingen, mobilisiert die Athenerin Lysistrata ihre Schwestern aus Sparta, Theben und Milet zu einem Sexstreik, sie besetzen die Akropolis und nehmen die Kriegskasse unter Verschluss. Bei Aristophanes ist Liebe nicht das Gegenteil des Krieges. Der Mann war Heide, kein Christ, und schon gar kein Hippie. Hier ist die Erotik eine Kraft, die man für den Krieg oder eben für den Frieden einsetzen kann. Auch Amor ist bewaffnet. Von Thekla Dannenberg

Komplett entortet: Rafi Pitts 'Soy nero' (Wettbewerb)

16.02.2016. Beim zweiten Versuch klappt der Grenzübertritt: Nero Madonaldo (Johnny Ortiz) gelangt von Mexiko in die USA, und zwar eben in dem Moment, in dem das Silvesterfeuerwerk beginnt und seiner Migration, die eigentlich eine Rückkehr ist, den passenden Rahmen verleiht. Das ist tatsächlich ein schönes Bild, auch, weil Rafi Pitts, wie oft in dem Film, auf Abstand geht, seinen Hauptdarsteller durch farbige Raketenreflektionen ins gelobte Land huschen lässt. Freilich ist schon da unklar, was genau der Film mit dem metaphorischen Mehrwert anfangen möchte, den es produziert. Von Lukas Foerster

Metaphysisches Stationendrama: Yang Chaos 'Crosscurrent' (Wettbewerb)

16.02.2016. Das metaphysische Stationendrama "Chang jiang tu" (Crosscurrent) von Yang Chao schickt seinen Protagonisten, einen jungen Mann, dessen Vater eben verstorben ist, auf eine Reise den Jangtsekiang hinauf, von Shanghai, wo der Fluss ins Ostchinesische Meer mündet, über den Drei-Schluchten-Damm - Monument der so rasanten wie gnadenlosen Modernisierung des heutigen China - bis zum Quellgebiet im tibetischen Hochland. Der junge Mann, Gao Chun, ist Kapitän eines rostigen Frachtschiffs, auf dem er, zusammen mit seinem jüngeren Bruder und einem alten Steuermann, auch zu wohnen scheint. Am Anfang des Films erhält die Crew den Auftrag, eine geheime und womöglich illegale Fracht flussaufwärts zu transportieren. Von Nikolaus Perneczky

Terror pur: Kiyoshi Kurosawas 'Creepy' (Special)

16.02.2016. Einen "perfekten Psychopathen" glaubt der Polizist Takakura, ein Spezialist für kriminelle Psychologie, gefunden zu haben. Worüber er sich fast kindlich freut. Gleich darauf bekommt er von seinem potentiellen Studienobjekt eine Gabel in den Rücken gerammt. Danach hat er erst einmal genug vom Polizeidienst, besorgt sich einen Job an der Uni und zieht außerdem mit seiner Frau Yasuko (Yuko Takeuchi) in einen Vorort; wo man doch eigentlich, denkt sich das junge Paar, ein etwas weniger entfremdetes Leben führt als im Stadtzentrum und wo man sich deshalb als Neuankömmling den Nachbarn vorzustellen hat. Von Lukas Foerster

Auf dem Weg nach Syrien: Rachid Boucharebs 'La Route d'Istanbul' (Panorama)

16.02.2016. Elisabeth lebt mit ihrer Tochter Elodie in der belgischen Provinz, in einem Haus am See. Die Wintersonne wirft ein recht fahles Licht auf ihr zurückgezogenes, ereignisarmes, aber selbstgewähltes Leben. Wenn sie abends nach der Arbeit als Krankenpflegerin eine Freundin trifft, singt sie mit ihr beim Karaoke Charles Aznavour, in sentimentalem Trotz, aber eigentlich auch recht ratlos: "Il faut savoir coûte que coûte, garder toute sa dignité". Von Thekla Dannenberg

Zieht die Vorhänge nicht auf: Danis Tanovics 'Death in Sarajewo' (Wettbewerb)

15.02.2016. Danis Tanovićs "Epizoda u zivotu beraca zeljeza" (An Episode in the Life of an Iron Picker), der vor drei Jahren den silbernen Bären gewann, war ein Paradebeispiel für die Sorte politischen Kinos - gut gemeint, aber einfallslos -, für die der Berlinale-Wettbewerb in aller Welt berüchtigt ist. Dasselbe ließe sich auch über "Smrt u Sarajevu" (Death in Sarajevo), den diesjährigen Wettbewerbsbeitrag des bosnischen Regisseurs, sagen, obwohl der verschiedener nicht sein könnte. Wo "An Episode ..." die fahrige, nah am Körper artikulierte Bildsprache der Brüder Dardenne imitierte (und miserabilistisch vereinseitigte), orientiert sich Death in Sarajevo am Genre des netzwerkartig wuchernden Ensemblefilms. Die totale Austauschbarkeit des filmischen Idioms bei Beibehaltung der guten politischen Absicht: Gibt es ein schlagenderes Indiz für das, was hier falsch läuft? Von Nikolaus Perneczky

Geben die Kamera aus der Hand: Die Forumsfilme 'And-ek Ghes' und 'Les Sauteurs'

15.02.2016. "And-ek Ghes" heißt auf Romanes so viel wie "Eines schönen Tages". Der Film erzählt die Geschichte einer Großfamilie, die sich aus dem rumänischen Fata Luncii nach Deutschland aufmacht, um hier ihr Glück zu versuchen. Im Mittelpunkt steht der Handwerker und Musiker Colorado Velcu, alleinerziehender Vater von sieben Kindern. Philipp Scheffer, der auch mit der Collage "Havarie" im Forum vertreten ist, hat diesen Film jedoch nicht über Colorado Velcu gemacht, sondern mit ihm. "And-ek Ghes" ist ein durch und durch demokratischer Film. Von Thekla Dannenberg

Strotzt von Partikularität: Ted Fendts 'Short Stay' (Forum)

15.02.2016. "Short Stay" von Mubi-Autor und Lincoln-Center-Projektionist Ted Fendt, der im Q&A über William Wellman, Jacques Rivette und Ken Jacobs schwadroniert (und über die radikale Kommasetzung in Herman Melvilles "Pierre oder die Doppeldeutigkeiten), ist ein gänzlich unprätenziöses, nur eine Stunde Lebenszeit beanspruchendes Spielfilmdebüt um einen jungen Mann aus New Jersey, der (um bei Melville zu bleiben) sich in gewisser Hinsicht als Anti-Bartleby beschreiben lässt. Mike sagt zu allem ja, oder eigentlich "yeah" - allerdings ohne jede Überzeugung: das "whatever" kann man sich dazu denken. Wenn er nicht gerade in der Pizzeria jobbt oder in der gut abgehangenen Bar Seltzer trinkt, streift Mike, meist zu Fuß, durch die Straßen des nur eine Pendelzugfahrt von Philadelphia entfernten Suburbia. Man kennt sich hier; ständig begegnet er Bekannten, die ihn zu dieser oder jener Aktivität einladen. "Do you wanna play cards?" - "Yep." "Do you wanna come to my party?" - "Uh-huh." Von Nikolaus Perneczky

Erzählt von der Liebe mit 17: André Techinés 'Quand on a 17 ans'

15.02.2016. In Mia Hansen-Loves "L'Avenir" beharrt Isabelle Huppert darauf, dass es sie glücklich macht, ein intellektuell erfülltes Leben zu haben. Begehren ist für sie etwas, über das Rousseau sehr bedenkenswert geschrieben hat. Sie ist Philosophie-Lehrerin, nicht mehr ganz jung und selbst von den härtesten Schlägen des Lebens nicht aus ihrer mustergültigen Pariser Intellektuellenexistenz zu werfen. Im zweiten französischen Wettbewerbsbeitrag, in André Techinés "Quand on a 17 ans", ist das Begehren etwas, was seine Figuren komplett aus der Bahn wirft. Auch sie haben im Unterricht gelernt, was Begehren bei Platon und was Bedürfnis bei Leibniz, und das ist ihnen total egal. Sie wollen wissen, was es für sie selbst bedeutet. Sie sind davon überwältigt, verängstigt und beglückt. Sie hassen, was sie begehren, sie lieben, was sie nicht begehren. Thomas und Damien sind siebzehn. Von Thekla Dannenberg

Verneigt sich zu ehrfurchtsvoll vor dem Wort: Ivo M. Ferreiras 'Cartas da guerra' (Wettbewerb)

14.02.2016. Anfang der siebziger Jahre schrieb Antonio Lobo Antunes seiner Frau nahezu täglich Liebesbriefe aus Angola, wo er während des portugiesischen Kolonialkrieges als Militärzt stationiert war. 2008 erschienen diese Briefe aus dem Krieg auf Deutsch als "Leben, auf Papier beschrieben". Es sind Briefe voller Poesie, Zärtlichkeit und Sehnsucht. Er beschwört darin seiner Liebe, besingt ihre Schönheit und huldigt mit ihr auch seinem eigenen Kosmos. Sie ist seine Prinzessin und seine Jaguarkatze, seine Milchstraße und seine Polarverbindung, seine etruskische Vase und seine Racine-Heldin, seine Kobra und sein Morphium. Das eigene Ich behauptet sich überbordend, aber in höchstem Grade sublimiert gegen die Grausamkeit eines unbeherrschbaren Krieges. Von Thekla Dannenberg

Spielräume in der Wüste: Avi Mograbis 'Between Fences' (Forum)

14.02.2016. Avi Mograbi und Chen Alon sind gestandene Regisseure und unerschütterliche Polit-Aktivisten. Der Filmemacher Mogravi hat mit der verrückten Doku "How I Learned to Overcome my Fear and Love Arik Sharon" den politischen Irrsinn in Israel gebannt, Alon führt das Legislative Theatre, das mit den Mitteln der Kunst Selbsterfahrung in politisches Handeln ummünzen will. Mit dem Film "Between Fences" dokumentieren sie einen Workshop, den sie gemeinsam im Internierungslager Holot gegeben haben. Es ist klassisches Theater der Unterdrückten. Von Thekla Dannenberg

Installative Bewegtbildarbeiten von Wu Tsang, Jen Liu und Kader Attia im Forum Expanded

14.02.2016. Beim Betreten der großzügigen Ausstellungsräumlichkeiten in der Akademie der Künste, wo installative Bewegtbildarbeiten im Rahmen des Forum Expanded untergebracht sind, grüßt einen die Tonspur von Wu Tsangs bezaubernder Tanzminiatur "Girl Talk". Der Dichter und Anglistikprofessor Fred Moten, angetan mit samtenem Cape und überlebensgroßen Diamantohrringen, dreht sich im Gegenlicht der (vermutlich) kalifornischen Sonne um die eigene Achse: eine kokette, qua Zeitlupe genussvoll zerdehnte Kreiselbewegung zwischen Tanz und Tändelei, die den massigen Körper des Dichters und Theoretikers buchstäblich zum Strahlen bringt. Dazu ein a cappella eingesungenes, eingehauchtes Lied über "Girl Talk", das, obwohl auf dem gleichnamigen Jazz-Standard beruhend, nach frei improvisierter Rede klingt, über "inconsequential things / that men don't really care to know…" Viel genauer kann ich auch nicht angeben, weshalb Wu Tsangs eigentlich einfach gebaute Phantasie es mir derart angetan hat. Von Nikolaus Perneczky

Kleines Kinowunder: Philip Scheffners 'Havarie' (Forum)

14.02.2016. Blaue Endlosigkeit, tiefauflösend, verrauscht. Halbwegs in der Bildmitte bündeln sich ein paar dunklere Farbpixel: Ein winziges Boot, darauf dicht gedrängt Menschen, die fast direkt im Wasser zu stehen scheinen. (Vielleicht ein Dutzend? Oder zwei?) Das ist auch schon alles an Information, was man dem Bild entnehmen kann, das Philip Scheffners "Havarie" einem erst vorsetzt und dann einfach stehen lässt. Wobei es doch nicht ganz stehen bleibt, ein wenig bewegt es sich schon, ruckartig, langsam. Da das Meer und der weite Horizont keinerlei Orientierung bieten, ist nie ganz klar, ob diese Bewegung der alles andere als hochauflösenden Kamera zuzuordnen ist, oder dem Objekt, das sie filmt. Deutlich wahrscheinlicher: der Kamera. Denn das Objekt, das Boot, steckt fest. Von Lukas Foerster

Beherrscht die Kunst der Zeitmodulation: Mia Hansen-Løves 'L' avenir' (Wettbewerb)

14.02.2016. Vielleicht liegt es an der dunkleren Haarfarbe, vielleicht an der weitgehend schlichten Garderobe; Jedenfalls wirkte Isabelle Huppert nie blasser, auch nie fragiler als in "L'avenir", dem neuen Film von Mia Hansen-Løve, der für mich das erste echte Highlight des Wettbewerbs ist - ich habe wirklich jede einzelne Szene, auch jede einzelne Figur geliebt. Vor allem natürlich Huppert. Die ist, wie gesagt, äußerst blass, ein regelrechtes Gespenst - aber ein agiles, quicklebendiges. Ständig ist sie auf Achse, vor allem zu Filmbeginn. In der Uni muss sie sich zwischen streikenden Studenten behaupten, in der Geschäftsbesprechung bei ihrem Verlag gegen die Marketingabteilung: Die Edition philosophischer Grundlagentexte, die sie herausgibt, soll buntere Einbände bekommen, weil die potentiellen Leser angeschrieen werden wollen. Und ihr geliebter Adorno verkauft sich sowieso schlecht. Von Lukas Foerster

Logischer Endpunkt aller Zivilisation: 'City of Jade' von Midi Z (Forum)

14.02.2016. Einmal kommt in "City of Jade" ein Popsong vor, der sich das gute Leben ausmalt: Ein eigenes Haus für die eigene Familie, fließend Wasser und Strom, mehr verlangt der Sänger nicht von seinem Schicksal. Eine denkbar bescheidene Utopie; darin ist sie der Welt angemessen, in der sie erklingt. Von Lukas Foerster

Metapher für Europa: Lampedusa in Gianfranco Rosis 'Fuocoammare' (Wettbewerb)

13.02.2016. Gianfranco Rosis Film über Lampedusa beginnt mit einem Hilferuf. Ein Boot mit zweihundertfünfzig Menschen an Bord gerät in Seenot, die Fregatte der italienischen Marine versucht die Position des Boots herauszufinden, doch die Frau am anderen Ende der Leitung schluchzt nur noch: Bitte, helfen Sie uns, um Gottes willen, helfen Sie uns. Dann bricht der Kontakt ab. Später wird im Radio von dem Unglück berichtet, mindestens 34 Tote wurden aus dem Mittelmeer geborgen. Von Thekla Dannenberg

Weniger sonderbar als andere Côté-Filme: Denis Côtés 'Boris sans Béatrice' (Wettbewerb)

13.02.2016. Denis Côté ist regulärer Gast auf der Berlinale, inner- und außerhalb des Wettbewerbs. Mit "Boris sans Béatrice" betritt er nicht nur soziologisches Neuland: Die Außenseiter- und Unterschichtsfiguren früherer Filme weichen einem grantigen, arroganten und stinkreichen Kapitalisten - was genau in seiner Fabrik hergestellt wird, interessiert den Film wenig, solange sich die Maschinenhalle für ein schmuckes Travelling gebrauchen lässt. Boris, wie der glatzköpfige, drahtige Mann mit dem akkurat getrimmten Bart heißt (gespielt wird er von James Hyndman) ist obendrein mit einer kanadischen Ministerin, der Béatrice des Titels, verheiratet. Von Nikolaus Perneczky

Wie filmt man Hässlichkeit? Arabische Filme von Avo Kaprealian und Tamer El Said (Forum)

13.02.2016. Vom syrischen Bürgerkrieg müssen wir uns seit Jahren selbst ein Bild machen: Filmen ist in Damaskus ebenso lebensgefährlich wie in den vom IS kontrollierten Gebieten. Immer wieder werden auf Smartphones die Zerstörungen nach Bombenangriffen auf Aleppo dokumentiert, gelegentlich verstecken Frauen in Rakka unter ihrem Niqab eine Kamera und halten fest, wie sie von IS-Milizen schikaniert werden. Es sind Schnipsel einer Wirklichkeit, dem Krieg und der Macht abgetrotzt und in die Welt geschmuggelt. Doch meist lösen sie sich im großen Datenstrom des Internets so schnell auf wie die automatischen Aufzeichnungen der Drohnen, die über das verwüstete Homs kreisen. Von Thekla Dannenberg

Gespür für Physiognomien: Jeff Nichols 'Midnight Special' (Wettbewerb)

13.02.2016. Aus der Dunkelheit zum Licht. Am Anfang des Films fahren Roy und Lucas, zwei Männer mittleren Alters mit durchaus schon furchigen Gesichtern (Michael Shannon und Joel Edgerton), in einem Chevrolet durch die Nacht. Irgendwann löschen sie sogar die Scheinwerfer. Auf der Rückbank sitzt Roys Sohn, der junge Alton, braune Haare, Topfschnitt, blasses Gesicht. Er hat eine Schwimmbrille mit dunklen Gläsern auf und liest mithilfe einer Taschenlampe Comics. Bis sein Vater ihn bittet, auch dieses Licht auszuschalten. Von Lukas Foerster
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