Außer Atem: Das Berlinale Blog

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Monströs: Fatih Akins "Der Goldene Handschuh" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 10.02.2019 Fatih Akin hat ganze Arbeit geleistet. "Der Goldene Handschuh" ist ein monströser Film. Eine Art Ekel-Horror-Comic, grotesk und grell überzeichnet. Schon in der ersten Szene beginnt Fritz Honka, der Hamburger Frauenmörder, sein perverses Werk: In seiner stinkigen, mit Porno-Bildern tapezierten Wohnung in St. Pauli schnürt er den wuchtig-wabbeligen Leib einer Frauenleiche zusammen, verpackt ihn in Plastiksäcke, bekommt ihn nicht weg gewuchtet, dann schleppt er den Sack wieder die Treppe bis zu seiner Mansarde hoch und beginnt die Leiche zu zersägen. Was in den Koffer passt, wird auf den Sperrmüll geworfen, der Rest landet, klatsch, im Wandschrank. Dazu läuft Adamos Schlager "Es geht eine Träne auf Reisen". Um den Lärm zu übertönen, aber auch weil es einen krassen Effekt setzt. Von Thekla Dannenberg

Allein mit Vater: "Pferde stehlen" von Hans Petter Moland (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Würden heute noch Western gedreht werden - der schwedische Schauspieler Stellan Skarsgård wäre ihr Held. Er ist vielleicht der letzte männliche Schauspieler, den man noch an seiner Haltung und seinem Gang erkennt. Auch kann er sich jederzeit ganz in sich zurückziehen, so dass nur noch eine Außenhülle zurückzubleiben scheint. Das alles kommt ihm auch in dieser Rolle eines alten Mannes zurück, der fühlt, dass sein Leben zu Ende geht und der sich in ein kleines Dorf an der norwegisch-schwedischen Grenze zurückzieht. Trond, so heißt der Mann, hat hier den letzten Sommer allein mit seinem Vater verbracht, der die Familie dann aus Liebe zur Nachbarsfrau verließ. Ein Verlust, den der Junge auch als alter Mann offenbar nie verwunden hat. Von Anja Seeliger

Schweigen bei den Krokodilen: Thomas Heises "Heimat ist ein Raum aus Zeit" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Thomas Heise war schon immer der verstörendste Dokumentarfilmer unter den Chronisten der untergegangenen DDR: In "Stau" erkundete er das Elend junger Neonazis in Halle, in "Imbiss Spezial" den Horror vacui der Wende, in "Material" spürte er dem verlorenen utopische Moment von 1989 nach. Für seinen neuen Film "Heimat ist ein Zeit aus Raum" kompiliert er über drei Generationen die Hinterlassenschaften seiner Familie - Fotos und Filmaufzeichnungen, Briefe und Tagebücher - zu einer Collage, die nicht unbedingt eine Familienbiografie ergibt, sondern eher eine Reflexion über Familie und Biografie. Von Thekla Dannenberg

Da lachen die Key Account Manager: Marie Kreutzers "Der Boden unter den Füßen" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Was für ergiebige Filmfiguren Unternehmensberaterinnen abgeben, hat Maren Ade mit ihrem "Toni Erdmann" bewiesen. Sandra Hüller haute einen mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem muskulösen Intellekt einfach um. Seitdem wagt niemand mehr, Witze über Frauenabende zu machen (Und worüber habt Ihr Schönes geredet?  Frauenquote, Paygap, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.) Von Thekla Dannenberg

Absolut modern: Die Viehhirten in "Öndög" von Wang Quan'an (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 09.02.2019 Dieser Film tut so, als könnte er kein Wässerchen trüben, als wäre er einer dieser chinesischen Breitwandfilme mit rotbackigen Mongolen, die ihr Vieh, ihre Familie und das traditionelle Bogenschießen hochhalten. Auch hier endlose Weiten, die endlose Minuten lang durchquert werden müssen. Lange schaut die Kamera immer wieder auf die goldgelbe Steppe unter einem riesigen blauen Himmel. Wir sehen beim Schlachten eines Schafs zu und bei der Geburt eines Kalbs - jedesmal in Echtzeit. Von Anja Seeliger

Ein größerer Rhythmus: François Ozons "Grâce à Dieu" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Alexandre sieht genauso aus, wie Pariser, die froh sind, nicht in der Provinz leben zu müssen, sich den Lyonnaiser Bourgeois vorstellen: brav gescheitelt, mit Barbour-Jacke, fünf Kindern, darunter nur einem Töchterchen, einer hübschen Frau, und gutem Auskommen. Alexandre ist einer, der - gibt es das wirklich noch? - seine Mutter siezt. Alexandre geht jeden Sonntag zur Messe, und seine Kinder, die vorher brav Klavier üben, gehen brav mit. Alexandre glaubt wirklich noch dran. Und seine Frau, die ihn den ganzen Film über nach Kräften unterstützt, glaubt auch dran und ist Lehrerin am katholischen Gymnasium. Von Thierry Chervel

Früchtchen des Zorns: Nora Fingscheidts "Systemsprenger" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Auf einmal ist nur noch wilde Wut auf der Leinwand. Eben noch zogen sich lustig bunte Kinderkleckse über den Vorspann, da rastet das Mädchen aus, schreit und tobt und schmeißt mit allem um sich, was ihm in die Finger kommt. Vor allem die bescheuerten Bobbycars. Lehrer, Erzieher, Betreuer flüchten hinters Panzerglas, doch das hält die Attacken ebenso wenig aus wie die Nerven aller Beteiligter. Benni ist neun Jahre, das aggressivste und brutalste Kind, das jemals auf der Leinwand zu sehen war, und man schließt dieses Früchtchen des Zorns sofort in sein Herz. Von Thekla Dannenberg

Den Wellen und Wolken folgen: Filme aus dem südlichen Pazifikraum in der Reihe NATIVe

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Die Native-Reihe mit Filmen indigener Filmemacher widmet sich in diesem Jahr Produktionen aus dem südlichen Pazifik: Aus Indonesien und den Philippinen, aber vor allem aus Hawaii, Neuseeland und all den Gebieten Ozeaniens, die die Polynesier einst mit ihren Einbäumen erschlossen, indem sie den Wellen und den Wolken folgten. Es ist filmisch ein spannendes Gebiet, thematisch längst nicht so erschöpft wie etwa die Lebenswelt der Inuit, aber auch visuell mit seiner ganz eigenen Ästhetik der Totems und Gesichtstätowierungen faszinierend. Von Thekla Dannenberg

In der Kälte der Großstadt: Lone Scherfigs "The Kindness of Strangers" eröffnet die Berlinale

Außer Atem: Das Berlinale Blog 08.02.2019 Gestern abend wurde in Berlin mit großer Gala, rotem Teppich und Lone Scherfings "The Kindness of Strangers" die Berlinale eröffnet. Scherfings Film ist ein Großstadtmärchen aus dem winterlichen New York, in dem eine Reihe von Unglücksraben Halt und Trost sucht. Das wird mit einer reichlichen Portion Humanismus dargeboten, und aus dem Konzerthaus dröhnen dazu die Klänge von Smetanas "Moldau". Von Thekla Dannenberg

Melodram aus Jakutiens: Milko Lazarovs "Aga" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 23.03.2018 Der Name Nanook hat Bedeutung in der Filmgeschichte. Angeblich ist er Wort für Mensch. "Nanook of the North" hieß der erste Dokumentarfilm des Amerikaners Robert Flaherty von 1922. Es ist ein großartiges Werk, voller Abenteuerlust und Entdeckerdrang, aber in seinem exotisierenden Blick auf die kanadischen Inuit auch von einer Unbedarftheit, die heute niemandem mehr verziehen wird. Von Thekla Dannenberg