Außer Atem: Das Berlinale Blog

Stichwort: Berlinale 2020 - 35 Artikel - Seite 1 von 3

Miteinander, mit der Natur: "The Works and Days (of Tayoko Shiojiri in the Shiotani Basin)" (Encounters)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 29.02.2020 Lange Filme haben auf der Berlinale natürlich von jeher Tradition, aber der erste Festivaljahrgang von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek ist vielleicht doch noch ein bisschen mehr eine Berlinale der langen Kinotage. 200 Minuten "Malmkrog", 250 Minuten mit Hillary Clinton, sechs plus zweieinhalb Stunden "DAU". Und dann ist da noch dieser Film mit dem langen Titel, der formatsprengendste Beitrag zur ohnehin formatsprengenden (und famos kuratierten) neuen Sektion Encounters, die dem in diesem Jahr ebenfalls starken Wettbewerb noch einmal den Rang abläuft. Von Jochen Werner

Den Hocker wegziehen: Mohammad Rasoulofs "There is No Evil" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 28.02.2020 Ausführlich, fast schon mit pädagogischer Geduld, und auch wohl an sein internationales Publikum gewandt, zeigt Mohammad Rasoulof in der ersten Episode seines Films, dass man in Teheran ein ganz gewöhnliches und keineswegs unkomfortables Leben leben kann. Der Supermarkt ist gut gefüllt, das Ministerium teilt einem eine ordentliche Portion Reis zu, man kann der kleinen Tochter den Wunsch erfüllen, abends eine Pizza essen zu gehen (sie muss natürlich vorher ihre Hausaufgaben machen). Aber auf dem Amt, auf dem Heshmat arbeitet, beginnt der Arbeitstag früh, der Wecker klingelt um drei. Von Thierry Chervel

Triptychon des Schmerzes: Rithy Panhs "Irradiés" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 28.02.2020 Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer - darum kreist das Schaffen des kambodschanischen Filmemachers Rithy Panh. In weniger als vier Jahre wurden fast zwei Millionen Menschen ermordet, fast ein Viertel der Bevölkerung. Rithy Panhs Familie wurde - wie Tausende von Städtern, die als bürgerlich, intellektuell, korrumpiert und verdorben galten - zur Umerziehung in Arbeitslager auf das Land geschickt, Rithy Panh war damals elf Jahre alt, er verlor seine Familie und floh allein über Thailand nach Frankreich. Von Thekla Dannenberg

Sinkende Gefühle in Bangkok: Tsai Ming-Liangs "Rizi" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 27.02.2020 Am Ende, in der vorletzten Einstellung, liegt der ältere Mann (Lee Kang-Sheng) im Bett, Großaufnahme des Gesichts, auf der Seite. Ein paar Minuten bleibt diese Einstellungen stehen, wie so gut wie alle Einstellungen stehen bleiben, nicht strikt, aber vorwiegend starr, nichts tut sich im Bild, denkt man, bis man zu merken beginnt, wie sich in den Augen Lichtpünktchen spiegeln, rötlich, etwas, aufblinkend, verschwindend, aufblinkend, man weiß nicht genau, was sich da spiegelt, denn in der nächsten Einstellung, es ist dann die letzte, ist man an einem anderen Ort, in der Stadt, da sitzt der jüngere Mann auf einer Bank und wartet, denkt man, auf den Bus, nur dass er aufstehen wird, bevor ein Bus oder sonst etwas kommt. Er hat nur eine Weile an der Spieluhr gedreht. Von Ekkehard Knörer

Durchschaut die Finanzmatrix: Carmen Losmanns "Oeconomia" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 27.02.2020 Carmen Losmanns Dokumentation "Oeconomia" stürzt sich in die Welt der Finanzwirtschaft, was filmisch immer eine recht undankbare Aufgabe ist, aber natürlich ein lobenswertes Unterfangen. Der Film wird bereits heiß diskutiert, denn Losmann versucht den Zusammenhang zu belegen zwischen Wirtschaftswachstum, Vermögensbildung und Verschuldung. Harter Stoff. Sie trifft sich dafür mit dem kritischen Arbeitskreis Wirtschaft in Frankfurt und befragt Chefvolkswirte, Finanzvorstände und Investmentberater. Da viele nicht mit ihr reden wollte, baut sie auch die Absagen und Ablehnungen mit ein. Von Thekla Dannenberg

Feier des Schmerzes: Sally Potters "The Roads not Taken" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Die Vorspänne der Filme werden immer länger. Bis die Geldgeber aus aller Welt genannt sind, vergeht in Sally Potters Film eine beträchtliche Zeit, in der das Telefon so unablässig klingelt wie die Türklingel. Doch während die Zuschauer schon Nerven zeigen, liegt Leo wie gelähmt in seinem Bett, in einer schäbigen Wohnung in Brooklyn direkt an der Hochbahn, und starrt an die Decke. Javier Bardem spielt diesen Leo, der in seiner Welt versunken ist, dement und depressiv. Erinnerungen blitzen auf, an die geliebte Dolores (Selma Hayek). Auf Spanisch sagt er zu ihr, dass er nicht mitkomme, zu dieser Feier des Schmerzes, zu diesem Zirkus, reiner Aberglauben sei das. Von Thekla Dannenberg

Eine Seele von Mann: Franz Biberkopf in Burhan Qurbanis "Berlin Alexanderplatz" (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Lautes Keuchen, dann läuft der Vorspann, in schwarz und rot, dazwischen ein Kampf im Wasser, die Farben ändern sich nicht, die Szene steht auf dem Kopf. Mehr braucht es nicht, diesen kleinen Trick - die Köpfe unten, das Wasser oben - und man hat ein Bild vom Ertrinken, das man so schnell nicht mehr von seiner Festplatte löschen kann. Ida geht unter, Francis kriecht an Land, "triefend von den Sünden einer vergangenen Zeit", wie uns eine kindliche Frauenstimme aus dem Off mitteilt. Von Anja Seeliger

Mit Menschenliebe gemacht: Sabine Herpichs Doku "Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist" (Forum)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Werkgruppe Hahn: Da bleibt keine*r verschont, die Mona Lisa nicht, auch Maurizio Cattelans kniender Hitler nicht, alle blicken sie nun mit Hahnenkopf in die Welt, wie Suzy von Zehlendorf (rechts im Bild) sie sieht, die vom Jesuskind und seiner Mutter von der Henne und ihrem Küken spricht. Werkgruppe Hass: Auf das Berliner Bode-Museum fokussiert, das die Künstlerin von ganzem Herzen verabscheut, das Gebäude und alles darin, traurig, nur traurig, das Ganze. Aus dem Bode-Katalog ist der Bode-Titel geschnitten, die Bode-Skulpturen sind mit Tüchern und Stoffen verhängt, sie kann gar nicht mit ansehen, was sie da baut. Von Ekkehard Knörer

Wahrheit oder Wahrnehmung: Visar Morinas "Exil" (Panorama)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Als Xhafer von der Arbeit nach Hause kommt, hängt eine tote Ratte an seinem Gartenzaun. Der aus dem Kosovo stammende Pharmaingenieur lebt schon seit Jahren mit seiner Frau Nora und zwei gemeinsamen Kindern in einem Einfamilienhaus, als ihn das Gefühl beschleicht, auf der Arbeit ausgegrenzt zu werden. Vergeblich sucht er den Raum für das Team-Meeting, nach verlorenen Informationen aus seinen Akten, nach Ansprechpartnern, seinem Vorgesetzten. Und ebenso vergeblich versucht er klarzustellen, dass ihm Steine in den Weg gelegt wurden, dass er aus dem E-Mail-Verteiler absichtlich entfernt wurde. Immer zur falschen Zeit am falschen Ort, findet er kein Gehör. Die Kollegen haben keine Zeit oder nehmen ihn nicht ernst. Wird Xhafer systematisch schikaniert? Weil er aus dem Kosovo kommt? Von Nina Sabo

Malessere: "Favolacce" der Brüder D'Innocenzo

Außer Atem: Das Berlinale Blog 26.02.2020 Der Film beginnt als unbehagliche Idylle und endet in herzzerreißender Traurigkeit. Er spielt in einer weit entfernten Vorstadt von Rom, in einer Reihenhaussiedlung, spießig, aber nicht arm. Die Männer tragen unsympathische Topffrisuren wie die Fußballer, die sie niemals die Chance gehabt hätten zu werden. Es ist nicht so, dass sich die Eltern um die Kinder - die eigentlich im Zentrum des Films stehen - nicht kümmern. Aber die Kälte zwischen den Personen ist in diesem Hitzesommer so unüberwindlich wie ein Alpenmassiv. Von Thierry Chervel

Zwei unbeschriebene Blätter: "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman (Wettbewerb)

Außer Atem: Das Berlinale Blog 25.02.2020 Wie wir aus zahlreichen Reportagen und Berichten wissen, ist es in einer ganzen Reihe von Bundesstaaten in den USA inzwischen fast unmöglich, eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Davon erzählt dieser Film. Eine 17-Jährige in Pennsylvania, Autumn, wird schwanger - Vater ist vermutlich der Vater - und wird von ihrer Frauenärztin, einer Abtreibungsgegnerin, über die Dauer ihrer Schwangerschaft so hinters Licht geführt, dass es für eine einfache Abtreibung zu spät ist. Sie muss nach New York in eine Spezialklinik. Von Anja Seeliger