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The Dorks Shall Overcome: 'Gentlemen Broncos' von Jared Hess in Generation 14plus

Von Lukas Foerster
13.02.2010.

Benjamin verkauft Nachthemden im Textilgeschäft seiner Mutter in der örtlichen Mall. In einer großartigen Sequenz bekommt er Besuch von Tabatha (Halley Feiffer). Während hinter ihm die bunten, langen Nachthemden adrett nebeneinander geordnet sind, sieht man hinter Tabatha die Schusswaffen des Nachbargeschäfts. Benjamin wird bei Tabatha keine Chance haben. Er schreibt ohnehin lieber Science-Fiction-Romane, als Nachthemden zu verkaufen. Und auch seine Mutter designt in ihrer Freizeit lieber Kleider, die gut in die Romane ihres Sohnes passen würden. Außerdem backt sie bizarre Kugeln aus Popkorn, die sich wie eine Seuche im Film verbreiten und überall kleben zu bleiben drohen. Mutter und Sohn wohnen irgendwo in der amerikanischen Provonz, vielleicht in Utah, dem Heimatstaat des Regisseurs Jared Hess. Eigentlich wohnen die beiden natürlich zuallererst in Jared-Hess-Country. Einem Ort, den man in "Napoleon Dynamite", Hess' vorzüglichem Erstling, ausführlich kennengelernt hat. Einige Details scheinen direkt aus diesem Erstling übernommen, wie etwa der Zaun hinter dem Haus der Familie, von dem aus Benjamin und Dusty, der neue Freund der Mutter, ekelhafte Pfeile mit einem Blasrohr verschießen. In "Napoleon Dynamite" stand hinter dem Zaun ein Lama.

Benjamin hat allerdings im Film nicht viel Zeit für solchen Unsinn.…


Benjamin verkauft Nachthemden im Textilgeschäft seiner Mutter in der örtlichen Mall. In einer großartigen Sequenz bekommt er Besuch von Tabatha (Halley Feiffer). Während hinter ihm die bunten, langen Nachthemden adrett nebeneinander geordnet sind, sieht man hinter Tabatha die Schusswaffen des Nachbargeschäfts. Benjamin wird bei Tabatha keine Chance haben. Er schreibt ohnehin lieber Science-Fiction-Romane, als Nachthemden zu verkaufen. Und auch seine Mutter designt in ihrer Freizeit lieber Kleider, die gut in die Romane ihres Sohnes passen würden. Außerdem backt sie bizarre Kugeln aus Popkorn, die sich wie eine Seuche im Film verbreiten und überall kleben zu bleiben drohen. Mutter und Sohn wohnen irgendwo in der amerikanischen Provonz, vielleicht in Utah, dem Heimatstaat des Regisseurs Jared Hess. Eigentlich wohnen die beiden natürlich zuallererst in Jared-Hess-Country. Einem Ort, den man in "Napoleon Dynamite", Hess' vorzüglichem Erstling, ausführlich kennengelernt hat. Einige Details scheinen direkt aus diesem Erstling übernommen, wie etwa der Zaun hinter dem Haus der Familie, von dem aus Benjamin und Dusty, der neue Freund der Mutter, ekelhafte Pfeile mit einem Blasrohr verschießen. In "Napoleon Dynamite" stand hinter dem Zaun ein Lama.

Benjamin hat allerdings im Film nicht viel Zeit für solchen Unsinn. Er nimmt an einem Jugendcamp für Nachwuchsschriftsteller teil und hat auf diesem Trip die Möglichkeit, sein Idol, den manierierten Science-Fiction-Großschriftsteller Dr. Ronald Chevalier (Jemaine Clement, einer von zwei Indiepop-Heroen aus der HBO-Serie "The Flight of the Conchords" in einer schönen Rolle), kennen zu lernen. Benjamin muss allerdings bald erkennen, dass Chevalier zwar immer noch bestens Bescheid weiß, wenn es darum geht, fiktionale Aliens zu benennen (einfach immer die Endung "-inous" oder "-anous" anhängen), aber seine Integrität längst verloren hat. Chevalier kopiert dreist Benjamins opus magnum "Yeast Lords: The Bronco Years" - und ändert dabei den Namen der Hauptfigur Bronco; bezeichnenderweise nicht in Broncanious, sondern in Brutus. Parallel entsteht jedoch ohne Chevaliers Wissen eine Filmversion des Stoffes.

Die Hauptrolle des Benjamin übernimmt ein durch und durch fehlbesetzter Michael Angarano und genau der ist das größte, vielleicht das einzig echte Problem des Films. Angarano ist, so steht zu vermuten, eine Konzession an den Mainstream. Eher an den Indiewood-Mainstream allerdings denn als an den "echten" Komödienmainstream, denn dort sind längst schon weitaus interessantere Männertypen begehrt - Jason Segel oder Seth Rogen etwa und nicht zuletzt Hess' eigene Entdeckung Jon Heder ("Napoleon Dynamite"). Angarano erinnert eher an Michael Cera oder Jesse Eisenberg: Ein milchgesichtiger, netter, etwas linkischer Typ von nebenan, wie geschaffen für "awkward comedy" der harmloseren Art, aber in der Welt des Jared Hess, die ganz entschieden beyond awkward ist, grundsätzlich falsch aufgehoben. Hier schämt sich niemand für nichts.

Umgeben ist dieses Allerweltsgesicht von Physiognomien, die im amerikanischen Kino kaum einen Platz haben - oder dort zumindest auf grundsätzlich andere Art und Weise in Szene gesetzt werden. Hector Jimenez als ständig bizarr grinsenden Amateurfilmer Lonnie Donaho kennt man aus Hess' Zweitwerk "Nacho Libre", Mike White und Jennifer Coolidge verwandeln sich in waschechte Jared-Hess-Kreaturen. Selbst Sam Rockwell, der in den knallbunten, genuin schrägen Visualisierungen von "Yeast Lords: The Bronco Years", die Hess immer wieder in den Film einflechtet, den Bronco / Brutus gibt, sieht, spätestens, wenn er sich seine blonde Perücke aufsetzt, nach vielem aus, nur nicht nach Sam Rockwell. Jared Hess ist ein Regisseur, der seine eigene Welt setzt. Und man kann ihm durchaus zutrauen, im Laufe der Zeit wie einst Andy Warhol oder John Waters ein eigenes, idiosynkratisches Starsystem zu kreieren, das mit dem "echten" keinerlei Berührungspunkte aufweist.



"Gentlemen Broncos" kann in mancher Hinsicht als Gegenentwurf zu Michel Gondrys Videothekenfilm "Be Kind Rewind" gelesen werden. Wo Gondry sein Tribut an Amateurfilmer und ihre Aneignung von Populärkultur unter dezidiert hippen Vorzeichen durchexerziert, nur um am Ende bei einer harmonischen und nostalgischen - um nicht zu sagen: reaktionären - Utopie von Kino-als-Gemeinschaft-im-heimeligen-Kiez zu landen, gerät die Premiere der Filmversion von "Yeast Lords: The Bronco Years" ähnlich wie der Schulball in "Napoleon Dynamite" zur gänzlich unharmonischen Konfrontation des Dork-Universums mit einer Normalität, die selbst ziemlich kaputt aussieht. Das Unangemessene, Schiefe bleibt unangemessen und schief. Hess' Kino affirmiert die Unangemessenheit, das Schiefe ohne Vorbehalt und doppelten Boden. Umso mehr schadet es dem Film, dass er die Hauptrolle mit einer Figur besetzt, die eine Normalität suggeriert, von der es sich abzuheben gelte. Das entspricht ganz und gar nicht der Logik der Hess'schen Welt: der ist der Eigenwert des Unangemessenen konstitutiv.

Dr. Ronald Chevalier, der stets perfekt gefönte Über-Nerd, wäre dann so etwas wie die Perversion des Hess'schen Heldentypus: einer, der seine Idiosynkrasien in ein Markenzeichen verwandelt hat und ein Presischild daran heftet, warenförmig gewordene Unangemessenheit. So einer kann in der Welt des Jared Hess nur scheitern.

Jared Hess: "Gentlemen Broncos". USA 2009, 89 Minuten. Mit Michael Angarano, Jennifer Coolidge, Jemaine Clement, Mike White, Hector Jimenez, Halley Feiffer, Sam Rockwell. (Vorführtermine)

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