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Die Länge französischer Vokale: 'Finding Vivian Maier' (Panorama)

Von Thekla Dannenberg
14.02.2014. Vivian Maier war eine geniale Fotografin - aber keiner wusste es. John Maloof hat ihre Fotos auf einem flohmarkt entdeckt und jetzt einen Film über sie gemacht.


John Maloof
ist Sohn eines Flohmarkt-Händlers, Hobby-Historiker und ein Nerd wie er im Buche steht: "Wissen Sie, manchmal bin ich ein wenig zwanghaft." Im Winter 2007 jedenfalls brauchte er für ein Buchprojekt alte Fotos und kaufte bei einer Auktion den Nachlass einer verstorbene alten Frau für 380 Dollar, in deren Kisten sich neben dem typischen Trödel stapelweise Fotografien befanden. In ihrem Lagerraum, den er daraufhin öffnen ließ, fand er noch einmal hunderttausend Negative und 2700 unentwickelte Farb- und Schwarzweißfilme. Es sind die Fotografien der Vivian Maier, die ihr Leben lang als Kindermädchen ihr Geld verdient hat, während ihre Bilder den Vergleich mit Robert Frank, Henri Cartier-Bresson und Diane Arbus aushalten. Der Film zeigt das sehr eindrücklich. Inzwischen werden ihre Fotografien in Ausstellungen in der ganzen Welt gezeigt und in opulenten Bildbänden gedruckt. Nur die Museen haben sie noch nicht kanonisiert, angeblich weil sie von ihren Negativen keine Abzüge gemacht hat.

In "Finding Vivian Maier" begibt sich John Maloof auf die Suche nach dieser Fotografin, die so viel Wert auf ihre Privatsphäre legte, ihre Bilder nie veröffentlichte und als Mensch ein Rätsel blieb. Und er tut dies auf charmante, gewitzte und, das muss man sagen bei einem Messie wie Vivian Maier, auf sehr aufgeräumte Weise. Und auf einige wichtige Fragen hat er Antworten bekommen: Woher zum Beispiel rührte ihr französischer Akzent? Aus Frankreich sagen ihre einstigen Zöglinge, aus dem Elsass oder Österreich vielleicht. Der Experte dagegen, der über die Länge französischer Vokale promoviert hat, ist sich sicher: der Akzent war nicht echt. Der Familienforscher kann bestätigen, dass sie in New York geboren wurde, der Cousin in Saint-Bonnet-en-Chaupsaur erinnert sich: "Unsere Urgroßväter waren Brüder".

Schön vielseitig sind auch die Erinnerungen ihrer Zöglinge, die sie in all den Jahren als Kindermädchen hütete und auf ihren Erkundungsstouren durch die Nobelstraßen von New York, und die Elendsviertel von Chicago immer mitschleppte: Sie ließ die Menschen immer posieren. Sie ließ niemanden posieren. Sie war ungeheuer zudringlich, ein Wunder, dass sie das überlebt hat. Sie war schrecklich feinfühlig. Mit ihr war das Leben ein Abenteuer. Sie war bösartig und gemein.

Es ist sehr komisch, aber auch tröstlich, dass all die Menschen, die Maloof befragt, eine ganz ähnliche Schrulligkeit besitzen wie sie einst Vivian Maier eigen gewesen sein muss, dieser seltsamen Person von ein Meter achtzig, die abgesehen von ihrer Rolleiflex stets Herrenhemden, viel zu große Männermäntel und klobige Stiefel trug, um ihren Körper zu verstecken. Doch bei aller Liebenswürdigkeit macht der Film auch das tragische Moment in dem Leben dieser Frau deutlich, die nicht nur als große Fotografin verkannt wurde, sondern auch seelisch so schwer beschädigt war, dass sie als absolut vereinsamte Frau endete, die Müll sammelte. Auf ihren Fotos schien sie einen unfassbar direkten Draht zu Menschen zu haben.

Ein Mann erinnert sich auch an Vivian Maiers ausgeprägten journalistischen Instinkt: Er war als Junge vom Auto angefahren worden. Vivan Maier stürzte zu ihm und fotografierte, was der Film hergab. Dann kam die entsetzte Mutter aus dem Haus gelaufen, sah den Jungen auf der Straße liegen und rief: "Ach Gott. Und Ich dachte schon, dem Hund sei etwas passiert!"

Mary Poppins kam als Kindermädchen immer zu den Familien, die sie brauchten. Bei Vivian Maier war es offensichtlich umgekehrt. Auf ihrer Website kann man einige ihrer Fotos bewundern.

Thekla Dannenberg

"Finding Vivian Maier". Regie: John Maloof, Charlie Siskel. USA 2014, 84 Minunten. (Panorama, alle Vorführtermine).

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