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Jedes Jahr ein bisschen: Richard Linklaters 'Boyhood' im Wettbewerb

Von Thomas Groh
13.02.2014. Richard Linklater setzt mit "Boyhood" sein Langzeit-Filmprojekt fort. Er schaut zu, protokolliert, reiht schön zwanglos aneinander. Und hat großartige Schauspieler.


Gerade erst hat der Facebook-Lebensfilm auf dem sozialen Netzwerk bei manchen für Freude, bei einigen zumindest für Erheiterung gesorgt. Das also soll in nuce das eigene Leben sein - zusammengestellt aus den beliebtesten Postings und beliebtesten Fotos, unterlegt von Prefab-Säuselmusik, Laufzeit knapp über eine Minute - Daumen hoch! Wer nicht gerade beständig Facebook zur Außendarstellung nutzt, konnte da eines echten Social-Media-Frankensteins ansichtig werden.

In Richard Linklaters neuem Film "Boyhood" kommt Facebook gelegentlich zur Sprache. Immer mit dem Connex, dass sich das Leben eben nicht dort abspielt: Einmal beschwert sich da ein Vater (Ethan Hawke), dass er vom Facebook-Profil seiner Tochter mehr über sie erfährt als im persönlichen Gespräch, ein andermal prangert der Sohn im jugendlich sympathischen Weltverbesserungseifer an, dass die Leute nur noch konstant ihre Smartphones in der Hand haben und damit weder "hier", noch "dort" sind. Gefangen im Limbo der sozialen Medien.

Wobei "Boyhood" kein Agenda-Film ist. Dass Facebook darin erwähnt wird, Daft Punks Pop-Blockbuster "Get Lucky" im Autoradio läuft und es ein, zwei spitze Sätze gegen die NSA gibt, war zu Beginn der Dreharbeiten weder vorgesehen, noch abzusehen. Ans Werk machte sich Linklater - seit seiner im 9-Jahres-Rhythmus beständig aktualisierten "Before"-Liebessaga so etwas wie ein Spezialist für Langzeit-Erzählformate - bereits im Jahr 2002. Sein Hauptdarsteller Ellar Coltrane, der den Jungen spielt, dessen Kindheit dem Film den Titel verleiht, war da gerade sieben Jahre alt, mittlerweile ist er ein junger Mann. "Boyhood" erzählt also, anders als Facebook, tatsächlich ein Leben oder wenigstens eine Kindheit. Gedreht wurde - man sieht das Film an und das ist gut so - sporadisch, jedes Jahr ein bisschen. Ein narrativer Bogen lässt sich da kaum spannen oder gar planen. Angenehm frei von allem Ballast ist das ein Film über Episoden und die Zäsuren, die ein junges Leben ausmachen. "Das ist das sonderbare an Augenblicken", sagt der Junge an einer Stelle gegen Ende, "der Augenblick ist immer genau jetzt". "Boyhood" ist ein Augenblick-Film.

Und toll, großartig ist das mitanzusehen. Nicht, dass Linklater, wie schon in den "Before"-Filmen die Überwältigung sucht. Ganz im Gegenteil, sein Film ist ganz in den Moment, in dieses Leben, diese Leute verliebt. Er schaut zu, protokolliert, reiht schön zwanglos aneinander. Oft es sind nur kleine Details, die ihn interessieren. Ellipsen trennen bei ihm gerade nicht das Nebensächliche vom Pathos des bewältigten Lebensabschnitts; so lässig, wie Linklater Episode an Episode reiht, merkt man oft erst gar nicht, dass Zeit vergangen sein muss. Dass die gelegentlich eingestreute Musik vielleicht etwas zu cheesy-offensichtlich in den Film eingestreut wird und oft neben dem Film her läuft, macht auch nichts, da die Musik erst gar nicht den Anspruch hegt, die Szenen emphatisch aufzuladen. Dass ein Sechsjähriger 2002 coolen Indie-Punk gehört hat, ist eh unwahrscheinlich - eher funktioniert die Musik als mitschwingende Zeitmarke, ähnlich wie die Accessoires, die den Film arglos bevölkern: Ganz nebenbei ist "Boyhood" auch ein Film über den Wandel der Unterhaltungselektronik der vergangenen 12 Jahre. Und wenn man so will: Als Erinnerungsfilm ohne nostalgische Patina - weil ja das, was er als Vergangenes zeigt, seinerzeit das "Hier und Jetzt" seines Entstehens ist – funktioniert er auch ein bisschen wie Terrence Malicks "Tree of Life" - nur eben ohne spirituellen Überbau.

Und was für ein toller Schauspielerfilm das ist. Ein Wunder und ein Kinoglück ist es nicht nur, dass man genau beobachten kann, wie Menschen älter werden; toll ist auch, mit was für einem Glück hier frühzeitig Darsteller gefunden wurden, die den Film tatsächlich über eine Spanne von zwölf Jahren tragen. Wie sie reden, sich bewegen, ihren Figuren wirkliches Leben einhauchen. Besonders erwähnen muss man hier die junge Lorelei Linklater in der Rolle der etwas älteren Schwester Samantha: Wie die sich am Anfang, insbesondere auch gegenüber ihrem jüngeren Bruder, der lange ein ziemlicher Trübling ist, als rotzfreche Göre in Stellung bringt, ist buchstäblich im Kleinen großartig.

Toll, großartig, Wunder. Was für schnöde Worte in einer seriösen Filmkritik. Fast schon gruselig ist es, wie es Richard Linklater immer wieder aufs Neue gelingt, mit kleinen, im Grunde banalen, zuweilen fast schon kitschigen Ideen alle Vorbehalte restlos auszuräumen. Man streckt beglückt die Waffen. Er ist ein Kinopoet des Beiläufigen. Nun ist es an der Wettbewerbsjury, sich richtig zu entscheiden.

Thomas Groh

"Boyhood". Regie: Richard Linklater. Mit: Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Lorelei Linklater, Ethan Hawke, u.a. USA 2002-2014. 167 Minuten (Wettbewerb - alle Vorführtermine)

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