Läuft mit Dramatisierungsmotor: Feo Aladags: 'Zwischen Welten' (Wettbewerb)

Von Lukas Foerster
11.02.2014.
Der Film macht es einem leicht, gegen ihn anzuschreiben, ihn als das überkonstruierte Afghanistan-topical zu brandmarken, das er halt schon auch ist; bereits der Titel, "Zwischen Welten", ist eine These. Deren filmische Explikation lässt dann auch nicht lange auf sich warten. Zunächst gibt es den Soldat Jesper (Ronald Zehrfeld), eine Küste entlang joggend, sich auf den Weg machend zu einem Militärstützpunkt, dort einen Auftrag entgegennehmend: Gemeinsam mit einer ihm unterstellten Einheit soll er lokalen afghanischen Milizen gegen Attacken der Taliban beistehen. Dann hinüber in die andere Welt, zu Tarik, einem jungen Afghanen, der eigentlich gemeinsam mit seiner Schwester nach Deutschland möchte, weil sie beide sich in Lebensgefahr befinden (er als Kollaborateur, sie als Studentin), der aber erst einmal nur als Jespers Dolmetscher anheuert.
Und bald wird klar, dass nicht nur die Montage, auch die beiden Hauptfiguren selbst "zwischen den Welten" vermitteln. Tarik wird vom deutschen Behördenapparat kühl abgewiesen, trägt aber westliche Kleidung, spricht Englisch und ein bisschen Deutsch; Jesper wiederum gerät bald in einen dann freilich schon allzu generischen Konflikt zwischen seinem Gewissen, das ihn auf das Leid der lokalen Zivilbevölkerung aufmerksam macht, und der Befehlshierarchie, die auf SOP (Standard Operating Procedure) beharrt. Dass sich dann außerdem im weiteren Verlauf herausstellt, dass Jesper einen Bruder in Afghanistan verloren hat, macht das Hauptproblem des Films besonders klar: In seinem Innern läuft ein Dramatisierungsmotor, der darauf aus ist, das Erregungs- und Emotionalisierungspotential seiner Anordnung zu maximieren, und der alle Subtilitäten, auch alle Ansätze des Dokumentarischen, ziemlich restlos platt macht.
Natürlich kann man bei einem Film wie "Zwischen Welten", der ausschaut und gebaut ist wie ein okayer HBO-Film, die Frage stellen, was er im Wettbewerb der Berlinale zu suchen hat. Mir scheint aber, dass diese Frage ein wenig in die falsche Richtung führt. Denn es ist ja nun leider so, dass im diesjährigen Wettbewerb schon Filme zu sehen waren, gerade auch deutsche Filme, gegen die ein okayer HBO-Film, wie Feo Aladags Zweitwerk einer ist, eine wahre Wohltat ist. Bei aller dramaturgischen Plumpheit, bei aller gerechtfertigten Genervtheit über die immer wieder neuen Manöver des Films (Kameraschwenks von deutschen Soldaten auf afghanische Milizen kommen besonders häufig vor), die darauf zielen, den Filmtitel ein weiteres Mal ins Bildliche zu übersetzen, nimmt man Aladag doch ab, dass sie ein echtes Interesse hat an der Welt, die sie aufbaut und an den Konflikten darin. Was auch heißt, dass die Probleme des Films erst mit der Konstruktion beginnen, und nicht schon, wie in Edward Bergers "Jack" und, noch viel deutlicher, in Dietrich Brüggemanns "Kreuzweg", bei einem Kalkül, das die Filme von Anfang an auf ihren Festivalslot hin maßschneidert.
Und zwischenweltliche Kameraschwenks hin oder her: handwerklich geht der Film durchaus klar, die insgesamt allerdings schon allzu ordentlichen, alles stets an seinen korrekten Platz rückenden, das Bürgerkriegschaos höchtens in dann wiederum altbekannten Wackelkamera-Gefechtsszenen zulassenden widescreen-Aufnahmen greifen immerhin eher selten naheliegende landschaftliche Attraktionen ab, der Symbolbildquotient ist ebenfalls gering (neben der Zwischenwelt gibt es noch eine Uhrenmetapher, das war es dann schon); und zumindest für soldatische Männerkörper hat Aladag einen guten Blick. Ronald Zehrfeld hat zwar (spätestens, wenn ihm, siehe oben, der tote Bruder auf den Leib geschrieben wird) eine am Ende ziemlich undankbare, weil hoffnungslos überdeterminierte Rolle, aber einen guten Kinokörper besitzt er halt trotzdem.


Dass ich den Film gegen die wieder einmal zielsicher das größere Übel gegenüber dem kleineren vorziehenden Pressekollegen, die Brüggemann und Berger applaudierten, "Zwischen Welten" dagegen mehrheitlich ausbuhten, zumindest ein Stück weit verteidigen möchte, hat am Ende aber doch nur mit einer einzigen Szene zu tun: Nach einem besonders angespannten Dienst feiern die Soldaten gemeinsam, da keine Frauen oder anderen Attraktionen vorhanden sind, inszenieren sie sich selbst auf einer behelfsmäßigen Bühne; einer verkleidet sich, soweit ist das noch erwartbar, als Bin Laden und zieht sich eine Deutschlandfahne aus dem Hosenschlitz; ein anderer jedoch legt eine durchaus kompetente Drag-Nummer hin. Und dass Aladag diese Drag-Szene (als filmhistorischer Vorläufer fällt mir auf Anhieb lediglich George Cukors "Winged Victory" ein), die dem restlichen Film komplett - und zwingend - fremd bleibt, nicht nur zulässt, sondern dann auch noch den sich selbst lustvoll exponierenden und mit rosa Unterwäsche drapierenden Männerkörper begierig mit der (ansonsten auf durchaus angenehme Weise distanziert bleibenden) Kamera abtastet: Das alleine hat mich weitgehend mit dem vorher und nachher allzu brav aufbereiteten kulturvergleichenden Bedeutungssystem von "Zwischen Welten" versöhnt.
Lukas Foerster

Zwischen Welten. Regie: Feo Aladag. Darsteller: Ronald Zehrfeld, Mohsin Ahmady, Saida Barmaki, Abdul Salam Yosofzai, Burghart Klaußner, Felix Kramer. Deutschland 2014, 103 Minuten (Wettbewerb, alle Vorführtermine)