Folgt dem Prinzip der Unordnung: Maria Speths 'Töchter' (Forum)

Von Lukas Foerster
09.02.2014. Ein Berlinfilm, der fast nur in einem Mietwagen und in einem Hotelzimmer spielt. In einem viel zu großen Mietwagen, dem einzigen, den Agnes (Corinna Kirchhoff) auf die Schnelle auftreiben kann, als sie sich aus der süddeutschen Provinz nach Berlin aufmacht, um ihre Tochter zu suchen, die von zu Hause abgehauen ist; in einem Ersatzhotelzimmer außerdem, weil Agnes in dem ersten ihr zugeteilten nicht einschlafen kann und dem Nachtportier (der einmal, sich unbeobachtet fühlend, Stepptanz übt) so lange auf die Nerven fällt, bis sie ein anderes erhält. Auf ihre Bitte, bei ihr zu warten, bis sie einschläft, geht er dann allerdings doch nicht ein.
Von Anfang an erfährt Agnes eine gesteigerte Fremdheit, Anhaltspunkte für die Suche nach der Tochter hat sie eh nicht, in ihrem weit ausladenden Wagen fährt sie die Friedrichsstraße hoch und runter, betrinkt sich, fährt betrunken weiter, bis ihr jemand vors Auto läuft: Ines (Kathleen Morgeneyer), eine junge Frau, offensichtlich ebenfalls vor nicht gar so langer Zeit von zu Hause weggelaufen, setzt sich auf den Beifahrersitz, quartiert sich im Hotelzimmer mit ein. Eine Vermittlerin ist Ines nicht, weder eine zur abwesend bleibenden Tochter, noch eine zur Stadt Berlin, die ebenfalls in fast allen Aspekten unerreichbar scheint, jenseits der Windschutzscheibe, draußen im Dunkel vor dem Hotelzimmer.
Maria Speth hatte, während der Vorbereitungen zu "Töchter", einen Dokumentarfilm gedreht, "9 Leben", in dem ehemalige "Straßenkinder", zumeist inzwischen die Droge erfolgreich losgewordene ehemalige Junkies, vor stilisierter Kulisse aus ihrem Leben erzählten. In gewisser Weise dreht der Spielfilm die Anordnung um: Berlin als Kulisse ist zwar unerreichbar, aber zweifellos real, Reinhold Vorschneiders wieder einmal ausgezeichnete Kameraarbeit (visuell erinnert einiges an Thomas Arslans "Im Schatten", vor allem an dessen erste Einstellungen) evoziert sehr realistisch Eiseskälte; dafür sind die Akteure alles andere als authentisch.


Corinna Kirchhoff ist eh ein bekanntes Gesicht, Kathleen Morgeneyer kennt man vielleicht noch aus dem letztjähigen Forums-Hit "Das merkwürdige Kätzchen", vielleicht auch aus dem Deutschen Theater Berlin. Gerade Morgeneyer arbeitet in "Töchter" auf außergewöhnliche Art mit Sprache. Auf erstaunlich beherrschte Art unbeherrscht schnauzt sie Kirchhoff immer wieder an, dozierend zumeist, irgendwelche Bildungsbrocken ausbreitend, in den Raum stellend. Dann zieht sie sich wieder verstockt in sich selbst zurück, aber auch im Verstocken bleibt ein Moment Performance erkennbar.
Eine glaubwürdige Herumtreiberin ist sie jedenfalls keine Minute lang, aber darum geht es auch gar nicht. Eher scheint es darum zu gehen, Kirchhoffs Agnes mit einem Prinzip der Unordnung zu konfrontieren. Die von Anfang an zutiefst verunsicherte, gleichwohl in Kleidung und Mimik ihr bislang nach allen bürgerlichen Maßstäben erfolgreiches Leben vor sich hertragende Blondine und Mutter soll nichts lernen in diesem unpädagogischen, vielleicht sogar antipädagogischen Film. Sie wird statt dessen immer tiefer in die Unsicherheit hinein getrieben. "Töchter" ist ein erstaunlicher, über weite Strecken faszinierend formloser Film, der Schritte in die verschiedensten Richtungen unternimmt: in die Kunst, ins Kino, einmal ins sexuell Explizite, einmal auch ins Surreale, schlägt keine Wurzeln, sondern wird immer wieder auf das Hotelzimmer und den Mietwagen zurückgeworfen, auf zwei Nicht-Orte eigentlich, die aber gerade als solche besetzt werden können mit neuen Formen von Beziehungen, neuen Arten des Sprechens. Auch: neuen Arten des Mutter-Seins, des Tochter-Seins. Die Neurosen wird man so nicht unbedingt los, aber immerhin verkrusten sie nicht so leicht.


Zwischendurch, zum Beispiel wenn ein Polizeibeamter der Kirchhoff am Schreibtisch gegenüber sitzt, schaut "Töchter" auch mal aus wie ein stinknormaler Tatort. Vielleicht weil eben doch Fördergelder drin stecken und das Kleine Fernsehspiel produziert: Auch die eine oder andere "motivische Rundung" am Ende wirkt reichlich und reichlich fremdkörperhaft abgezirkelt. Woran man einen kleinen Hinweis auf einen anderen möglichen Vergleichsfilm anbringen könnte: Edward Bergers Wettbewerbsfilm "Jack" erzählt eine allerdings nur auf den allerersten Blick komplementäre Geschichte, von zwei Kindern, die durch Berlin irren, auf der Suche nach ihrer Mutter; die dabei aber nur ein brav kalkuliertes Drehbuch durchexerzieren, verfolgt von einer schlecht bei den belgischen Dardenne-Brüdern geklauten Handkamera. Dass die Berlinale das Vorformatierte dem Wagemutig-Offenen vorzieht, ist nichts Neues. Die unterschiedliche Behandlung, die "Jack" und "Töchter" dieses Jahr erfahren, bestätigt das freilich auf eine besonders niederschmetternde Weise.
Lukas Foerster

Töchter. Regie: Maria Speth. Darsteller: Corinna Kirchhoff, Kathleen Morgeneyer, Hermann Beyer, Lars Mikkelsen. Deutschland 2014, 92 Minuten. (Forum, alle Vorführtermine)