Blanker Horror: Bong Joon-hos 'Snowpiercer' (Forum)

Von Elena Meilicke
07.02.2014. In nicht allzu ferner Zukunft: eine menschgemachte Umweltkatastrophe hat die Welt mit Eis und Schnee überzogen und alles Leben unmöglich gemacht. Nur eine Handvoll Menschen konnte sich retten und hat in einem Zug Zuflucht gesucht: der Snowpiercer ist eine mächtige Maschine, die Eis durchschlagen kann und nun endlos um den Erdkreis zirkelt, denn Stillstand wäre der Tod. Diese Schicksalsgemeinschaft ist zwar gänzlich globalisiert und umfasst Menschen aller Erdteile, aber sie reproduziert die alten sozialen Hierarchien und etabliert ein starres Regime, das die Privilegierten in den vorderen Zugteilen von den Entrechteten im Schluss des Zuges trennt. "Jeder an seinem Platz, jeder an seiner Stelle", lautet das autoritäre Mantra von Ministerin Mason (Tilda Swinton, mit falschem Gebiss kaum zu erkennen), mit dem sie das System legitimiert.
Die Erniedrigten und Beleidigten aber haben genug von ihren schlechten Plätzen und rufen zur Revolution auf. Deren Ziel ist denkbar simpel, sie kennt nur eine Regel: nach vorne! Es geht darum, sich vom elenden Ende des Zuges bis zu seiner Spitze durchzuschlagen, um die Maschine in Besitz zu nehmen und Kontrolle über den Zug zu gewinnen. Eine einfache Dynamik also, eine Beschränkung, aus der der Film größte Wirkung erzielt. Es geht um eine Mission, die auf ihre elementarsten Grundbausteine reduziert ist: von hier nach dort gelangen, und der Weg ist auch klar, denn es gibt nur den einen und der führt durch die endlosen Gänge und Abteile des Snowpiercer. Die aufeinanderfolgenden Waggons erinnern dabei an unterschiedliche Level in Computerspielen, jeder Waggon eine in sich geschlossene Welt, immer fantastischer und luxuriöser, je weiter die Revolutionäre sich vorarbeiten.
Aber eine Revolution ist kein Deckchensticken, hat Mao gesagt, und so ist auch "Snowpiercer" voll von brutalen und blutigen Gemetzelszenen, ist richtig großes Action-Kino, ein Überwältigungsapparat mit rasanten Schnitten und dröhnenden Bässen. Gleichzeitig bewahrt sich der Film einen Hang zur selbstironischen Versponnenheit, eine Vorliebe für absurde Plotwechsel, die man vom Action-Blockbuster-Kino nicht gerade erwartet. Dazu kommt die fast liebevolle Aufmerksamkeit, die der Film seinen Figuren entgegenbringt: alle besitzen sie mehr als nur eine Eigenschaft, und keine fügt sich einem einfachen Gut-Böse-Schema.


Gerade das aber hat zu Ärger mit Hollywood-Tycoon Harvey Weinstein geführt, der die Filmrechte in den USA hält und gerade den Filmstart gestoppt hat: "'Snowpiercer': US-Kinopublikum zu dumm für den Film?", fasste der Tagesspiegel die Affäre zusammen. Es wäre schade, wenn der Snowpiercer dadurch ins Schlingern geräte: der Film ist die erste englischsprachige Produktion des Regisseurs Bong Joon-Ho ("The Host"), der teuerste koreanische Film aller Zeiten, und – wie die Zuggesellschaft, von der er erzählt – eine ziemlich globalisierte Angelegenheit. Er basiert auf der Vorlage eines französischen Comics und lässt anglo-amerikanische Stars ("Captain America"-Darsteller Chris Evans, Jamie Bell, John Hurt, Ed Harris) auf koreanische Schauspieler wie Song Kang-ho oder den Rumänen Vlad Ivanov treffen, der aus den Filmen der Rumänischen Neuen Welle bekannt ist.
Dass "Snowpiercer" auch jenseits globalisierter Superlative ein so spannender Film ist, liegt vor allem daran, dass er am Ende eine wirkliche Frage stellt und ein ungutes Gefühl artikuliert, das in Zeiten von flexiblem Normalismus, Kapitalismus und Neoliberalismus viele umtreibt: was, wenn jeder Dissens vom System problemlos inkorporiert würde, wenn jeder Widerstand das System nur noch stärker machte? Für einen kurzen Augenblick blitzt in "Snowpiercer" der blanke Horror eines in sich geschlossenen, völlig determinierten Systems ohne Außen auf, das schaudern und zittern lässt.
Elena Meilicke
Seolguk-yeolcha - Snowpiercer. Regie: Bong Joon-ho. Darsteller: Chris Evans, Song Kang-ho, Tilda Swinton, Jamie Bell, Octavia Spencer u.a., Republik Korea 2013, 125 Minuten (Forum, alle Vorführtermine)