Genrekino mit Welthaltigkeit: Steven Soderberghs 'Side Effects' (Wettbewerb)

Von Nikolaus Perneczky
13.02.2013. Die ersten Vorankündigungen zu Steven Soderberghs "Side Effects", worin der Film als Pharmaindustrie-Thriller gepitcht wurde, fügten sich in das Bild des cleveren auteur mit Hang zum zeitdiagnostischen Genrekino. Auch der Trailer zum Film legt nahe, dass Soderbergh es in seinem angeblich letzten Film – seit der heutigen Berlinale-Premiere ist er in Rente – mit dem pharmazeutisch-psychiatrischen Komplex aufnehmen würde. "Side Effects" enttäuscht diese Erwartungen mit einer Unterbietungsgeste wie sie nur in Hollywood vorstellbar ist. Was anfängt als mit amerikanischer Krisengegenwart gesättigtes Sittenporträt, kippt allmählich in einen ausgemacht Hitchcock'schen Plot. Die bis dahin angehäuften milieuspezifischen Details geraten zur – scheinbar austauschbaren – Kulisse. Eine Zuschauerin beschwerte sich: "Das war doch alles nur ein Aufhänger!"
Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dieser Rückfall ins Epigonale und Generische – zeitweilig fühlt man sich an die misogynen Erotikthriller der frühen 1990er erinnert – sei Soderbergh eher unterlaufen, als dass eine Absicht dahinter stünde. Oder aber es war ihm an einer stärkeren Durchdringung der beiden Teile gelegen; an einem Genrefilm mit sozialer Intelligenz sozusagen. Was dagegen spricht, ist wie weit sich die manifeste Handlung irgendwann von der Anfangsannahme entfernt, wonach hier der gesellschaftliche Umgang mit psychologischen Leiden und die Profitkalküle der Pharmaindustrie verhandelt werden sollen. Aber Soderbergh hatte uns gewarnt: Die erste Einstellung ist ein ostentatives Reenactment der vielleicht berühmtesten Hitchcock-Eröffnung; der Kamerafahrt am Beginn von "Psycho", die vom establishing shot einer Stadtansicht (bei Soderbergh: New York) erst ein Gebäude, dann ein Stockwerk und schließlich ein Fenster aus dem größeren Zusammenhang gerade isoliert, um eine Geschichte erzählen zu können.
Noch ein anderes Plotelement belehnt den Meister der Suspense, allerdings ohne ihm in der etwas flachen Inszenierung auch nur näherungsweise das Wasser reichen zu können: Aus Ansichten werden bei Soderbergh... Prospekte. Obwohl das Verdikt der unzufriedenen Zuschauerin ein augenscheinliches Problem von "Side Effects" sehr genau benennt, wird der zeitdiagnostische Einsatz, den man von Soderbergh gewöhnt ist, gleichsam durch die Hintertür in sein Recht gesetzt. Viel eindrücklicher als die hanebüchene und boarderline-reaktionäre Geschichte ist das Milieu, in dem sie sich zuträgt. Und auch wenn – Achtung Spoiler! – Rooney Maras Emily sich als Simulantin entpuppt, so haben doch alle in ihrem Umfeld, denen sie eine Depression vorgaukelt, sofort einen guten Rat auf Lager, welches Medikament ihnen über ihre "schwierige Zeit letztes Jahr" hinweggeholfen hatte. Wie sagt Emily zu ihrem Psychiater Dr. Jonathan Banks (von Jude Law jedes Charismas entledigt), als der sie nach dem Grund fragt, weshalb sie ausgerechnet ihn zum Opfer ihres teuflischen Plans erkoren hat? "We weren't looking for you, we were looking at the culture." Von dieser Kultur findet erstaunlich viel Eingang in "Side Effects", an dem dünnen Plot vorbei, den man beim Verlassen des Kinos schon wieder vergessen hat.
Ein Meisterwerk hat Soderbergh nicht abgeliefert zum würdigen Abschluss seiner gestaltenwandlerischen Karriere. Aber eine interessante Alternative zu den Genre-Adelungen und –Veredelungen, die hierzulande de rigueur sind: Planes Genrekino mit Welthaltigkeit.
Nikolaus Perneczky
Steven Soderbergh: "Side Effects". Regie: Steven Soderbergh. Mit Jude Law, Rooney Mara, Catherine Zeta-Jones, Channing Tatum. USA 2013, 106 Minuten (alle Vorführtermine)