Post-Berliner-Schule-Western: Thomas Arslans 'Gold' (Wettbewerb)

Von Thomas Groh
09.02.2013. Keine Emphase: Der dem Strom entrissene Nugget liegt auf einer Hand, bestaunt von einer Gruppe Pioniere. Es fällt kein und damit auch nicht dieses Wort - Gold. Darin liegt, im Norden Amerikas des späten 19. Jahrhunderts, auch ein Versprechen: Die Aussicht darauf, beengtesten und elendsten Verhältnissen (beschrieben wird einmal eine Unterkunft in New York: Vier Leute, ein Zimmer, dunkel, Feuchtigkeit und Kälte nagen an der Gesundheit) zu entkommen - sofern man die Strapazen meistert, die zwischen den jungen städtischen Zentren und dem Goldvorkommen in unwirtlichem Gebiet lauern. So finden sich in Thomas Arslans Post-Berliner-Schule-Western denn auch eine Gruppe deutscher Migranten ein, die dem Ruf des Goldes, genauer: der Annonce eines windigen Reiseführers, der zum geringen Preis eine weniger strapaziöse Passage zum neuen Reichtum in Aussicht stellt, folgen.
Im Grunde: Eine Migrantengeschichte, eine Geschichte, wie Menschen sich, allen Risiken für Leib und Leben zum Trotz, in Richung eines fremden Landes aufmachen, sich in die Hände eines undurchsichtigen Schleppers begeben, der für seine Route eine Sicherheit in Aussicht stellt, für die er nicht garantieren kann. Nur, dass die Migranten diesmal Deutsche sind - aus Bremen und Hannover, schnarrig aufschneidend und altpreußisch überheblich im Auftreten der Journalist Müller (Uwe Bohm), norddeutsch spröde - wie stets - Nina Hoss als Hausmädchen, das sich - unter den spitzen Blicken einer alten Köchin - ohne einen männlichen Begleiter in den hohen Norden aufmacht.
Von Thomas Arslans Dokumentarfilm "Aus der Ferne", der 2006 im Forum der Berlinale lief, sind mir vor allem auch die atemberaubend wuchtigen Landschaftsaufnahmen aus dem Innern der Türkei in Erinnerung. In "Gold" klingt ein Echo aus derselben Ferne an, wenn Arslan sein - wie sich denken lässt - zusehends dezimiertes Figurenensemble durch weite, karge, in ihrer Bedrohlichkeit gar nicht pathetisch ins Bild gesetzte Landschaften reiten lässt. Dazu erklingt grenzpsychedelisches Gitarrenspiel - Neil Youngs Soundtrack zu "Dead Man" nicht völlig unähnlich. Magie der Entgrenzung - 1500 Kilometer Wildnis gilt es zu durchqueren.


Das ästhetisch Defizitäre, das Karge, insbesondere das Gestelzte im Dialog, das mit den "Berliner Schule" gelabelten Filmen für gewöhnlich verbunden wird, tritt in einen Dialog mit der amerikanischen Filmgeschichte: Die Standardsituationen des Genres meidet Arslan nicht - sogar ein Kopfgeldjäger mit schwarzem Mantel tritt auf. Vor der bombastischen Kulisse - gedreht wurde vor Ort in Kanada - wird das Skelett des Genres bloß- und freigelegt: Der obligatorische Showdown auf der Hauptstraße einer Siedlung mitten im Nirgendwo erfolgt buchstäblich in wenigen Shots.
In seinen besten Momenten befreit sich der Film ohnehin von der Verpflichtung zum Erzählen und nähert sich einer spröden Psychedelic an: Marko Mandic (der sich mit diesem Film endgültig zum spannendsten Gesicht unter den jungen deutschen Filmschauspielern gemausert hat) und Nina Hoss reiten in völliger Ermattung minutenlang durch eine so magische, wie menschenabweisende Landschaft. Einmal läuft ein schwarzer Wanderer quer durch das Lager der Migrantengruppe, die ihm mit offenen Mündern nachschaut, und ward nicht mehr gesehen. Immer wieder tauchen, wie aus dem Nichts, Indianer auf, die für etwas Geld den Weg weisen. Was hat man sich im deutschen 19. Jahrhundert nicht alles fabuliert von magischen Wesen, von mondumglänzten Zauberlandschaften, vom Naturschönen und Weltgeistern - an der Schwelle zum 20. Jahrhundert reisen diese deutsche Migranten durch solche Landschaften und kommen darin um.
Thomas Groh
"Gold". Regie: Thomas Arslan. Mit Nina Hoss, Marko Mandic, Uwe Bohm, Lars Rudolph, Peter Kurth, Rosa Enskat, Wolfgang Packhäuser u.a., Deutschland 2013, 113 Minuten (alle Vorführtermine)