Andere Künstlichkeit: Der 'Weimar Touch' in der Retrospektive

Von Lukas Foerster
08.02.2013.
John Mills, Grete Mosheim in "Car of Dreams" von Graham Cutts und Austin MelfordDrei Enten schwimmen im malerischen Berliner Badesee, drei junge Frauen haben am ebenso malerischen Ufer ihre drei Zelte aufgeschlagen - genauer gesagt: fein säuberlich nebeneinander aufgereiht, verbunden und geschmückt mit einer Art Girlande. Bevor sie sich zum Schlafen in ihre provisorischen, aber durch und durch gepflegten, verkleinbürgerlichten Behausungen zurückziehen, singt jede der drei ein süßliches Lied. Gerhard Lamprechts "Einmal eine große Dame sein", der Film, den diese Szene eröffnet, stammt aus dem Jahr 1934. Man denkt gleich an eine andere Berliner Badeseeszene zu denken, aus einem gerade einmal vier Jahre zuvor entstandenen Film: Im Klassiker "Menschen am Sonntag" wird der Badeausflug gezeigt als ein Fenster der Selbstbestimmtheit, das auf die Möglichkeit eines von den Zwängen der kleinbürgerlichen Existenz entlastetes und besseren, freieren Lebens verweist. Im Jahr 1934 sind Robert Siodmak, Edgar Ulmer und Billy Wilder, das Regie- und Autorenteam von "Menschen am Sonntag", bereits aus Nazideutschland ausgereist, arbeiten an ihren (bald außerordentlich produktiven) Exilkarrieren. Lamprechts Badesee hat wenig gemeinsam mit dem von Siodmak/Ulmer/Wilder, er ist kein Freiraum für eigene Erfahrung und spielerische Sozialisation jenseits bürgerlich-protestantischer Selbstbeschränkung, sondern eine bloße Fortsetzung des perfekt ausgeleuchteten Kitschgefängnisses, das der gesamte Film, Szene für Szene, errichtet.