Beim Barte des Führers: Nazi-Ufos in Timo Vuorensolas 'Iron Sky' (Panorama Special)

Von Thomas Groh
12.02.2012. Kommen zwei Nazis nach 72 Jahren nach New York und finden ein Pornoheft. Sagt der eine: "Die entwickeln sich ja wie unsere Weiber. Aber da unten haben sie keine Haare, wie die Mädchen seh'n die aus." Sagt der andere: "Und wenn sie da Haare haben, seh'n die aus wie der Bart unseres geliebten Führers!" Oder aber: Greifen Nazis vom Mond völlig krass die Erde an. Die Leute in der UNO so voll am Abstreiten, keiner ist's gewesen. Meldet sich Nordkorea: "Wir sind's, wir sind's gewesen!" Alle anderen voll so am Ablachen: "Als ob!!"
Seinen Ursprung kann "Iron Sky" kaum verhehlen: Seit Jahren geistern Trailer und Teaser (siehe auch unten) mit Nazi-Ufos durchs Netz, meist auf der Suche nach Geldgebern und einer spendewilligen Community, die den Film nicht nur finanziell, sondern auch mit Ideen und Gags versorgt hat: Crowd-Gag-Funding, wenn man so will. Und klar, jeder, der seine Sinne recht beisammen hat, muss die Grundidee auch erst einmal großartig finden: Eine Kohorte der Nazis samt Technikpark und Forschungsstation überwintert seit Ende des 2. Weltkriegs auf der dunklen Seite des Mondes, nur um im Jahr 2018 - nunmehr unter dem asigen Führer Krotzfleisch (Udo Kier als fischig aufgedunsener Ober-Nazi) - einmal mehr die Klauen nach der freien Welt auszustrecken. "Iron Sky" also ist ein Nerdfilm reinsten Wassers mit einem Humorpotenzial, das direkt aus Imageboards wie 4Chan oder Krautchan abgeschaut scheint: Zwischen Schamhaarrasurvorlieben und Nordkorea-Beömmelung passen viele Nazi-Uniformen, im absurden Experiment gebleicht auf Arier gemachte Schwarze, wahnwitzige Wissenschaftler, Retro-Computerwitze und Steampunk-Megaträume. Mit Julia Dietze als Nazilady Renate Reichert, die den herrischen Charme der Exploitation-Ikone Ilsa mit der Kickass-Attitüde aus Zack Snyders Nerdfest "Sucker Punch" kombiniert, gibt's zugleich eine Fetisch-Ikone dazu, deren Unerreichbarkeit für Nerds proportional zu ihrer Sexyness wächst.


Spaß macht dieser Pulp-Overkill vielleicht auch gerade wegen dieses irrsinnigen Regresses ins Alberne. Die Geschichte schlägt eh ins Wirre, um Plausibilitäten geht es nicht. Dafür wird in alle Richtungen geätzt und geschossen als hätte man eine legendäre Filmparodie aus seligen MAD-Heft-Zeiten vor sich: Da erklärt sich eine Sarah-Palin-Karikatur auf dem US-Präsidentenposten jubelnd als Siegerin der nächsten Wahl - Kriege machen Präsidenten populär - und sieht sich schon, während von Weltall-Zeppelinen herangekarrte Meteor-Boliden die Metropolen in Schutt und Asche legen, als nächsten Roosevelt in die Geschichte eingehen. Da ballern von der Raumstation "George W. Bush" Atombomben auf das Prachtschiff der Nazi-Flotte "Götterdämmerung" ein und alle anderen Raumstation geben sich auf der Stelle als ebenfalls längst bewaffnet zu erkennen - nur Finnland räumt kleinlaut ein, sich immer ehrlich an die Abmachungen gehalten zu haben. Und wie knockt man noch den übelsten Nazi aus? Indem man ihn zum römischen Gruß animiert, wenn schräg rechts über ihm die Elektrofassung einer Lampe starke Funken schlägt. Im Panorama, wo es fast schon jährlich den obligatorischen Trash-Film oder in wenigstes ein oder zwei Filmen anständige Verletzungen des guten Geschmacks zu sehen gibt, ohne dass nun genau ersichtlich wäre, welchen Kriterien solche Programmentscheidungen folgen, findet "Iron Sky" den besten Platz im Festival.
"Iron Sky" gibt sich dabei dem Nazi-Bösewicht aus der Pulp-Tradition so hemmungslos lustvoll wie liebevoll hin: Anders als der norwegische Splatter-Langeweiler "Dead Snow", in dem Nerds auf untote Nazis aus dem Schnee treffen, die dann halt abgemurkst werden, zeigt "Iron Sky" eine bis ins kleinste achtsam gestaltete Welt, die nichts mit den echten Nazis, aber viel mit deren ideologischem Wahnsinn zu tun hat, etwa wenn Nachrichtenoberübermittlungsoffizier (oder ähnlich) Adler mit Renate Richter ganz bürokratisch schon per Abstammungsnachweis den Beischlaf zur Fortpflanzung und Reinerhaltung der eigenen Rasse einfordert. Als besonderer Stichwortgeber erweist sich dabei natürlich die kuriose Verschwörungstheorie um das angebliche Raumfahrtprogramm der Nazis in Neuschwabenland, einem antarktischen Außenposten der Nazis. Eine so krude wie faszinierende Geschichte, die nicht nur so obskurantische Noiseprojekte wie Nazi UFO Commander informiert, sondern auch in Internetcommunities Fantasien beflügelt. Vom Laibach-Soundtrack begleitet und bei der Weltpremiere im Friedrichstadtpalast unter teils frenetischem Applaus gefeiert, sind diese nun in Film verdichtet.


In einem bei allen mal fröhlich kindischen, mal nervig nerdigen Gageinlagen im übrigen erstaunlich hochwertig gestalteten Film, der einmal mehr beweist, dass heutzutage ein vergleichsweise niedriges, zum beachtenswerten Teil per Internetspendenaufruf eingesammeltes Budget am Film selbst nicht mehr unbedingt ablesbar sein muss, sofern denn Kreative mit Herz und Leidenschaft an die Sache rangehen. So ist "Iron Sky" mit seinen wenigen Milliönchen auf dem Produktionskonto eben auch als Aufweis einer Alternative zum Over-the-Top-Billing der Groß- und Größtproduktionen aus Hollywood interessant: Zwischen 50 und 100 Produktionen solchen Kalibers hätte sich mit den Beträgen produzieren lassen, die in "Avatar" investiert wurden. Wenn Ed Wood, als Regisseur von "Plan 9 From Outer Space" der selige Vater des Über-Trash-UFO-Films, das noch erlebt hätte! Saucers over Hollywood, USA beware!
"Iron Sky". Regie: Timo Vuorensola. Mit: Christopher Kirby, Götz Otto, Julia Dietze, Udo Kier, u.a., Finnland/Deutschland/Australien, 93 Minuten. (Vorführtermine)