Einäugige und Halbblinde

Von Ekkehard Knörer
19.02.2011. Die der Berlinale wohlgesonneneren unter den Kritikern machten vorab mal wieder die Weltlage des Kinos verantwortlich für den in diesem Jahr für den Wettbewerb absehbaren Magerquark, der in einem Programm von nicht mehr als 16 für den Goldenen Bären antretenden Filmen schon quantitativ vorab erkennbar wurde. Als könnte die Finanzkrise etwas dafür, dass Dieter Kosslick und sein Auswahlkommittee den Wettbewerb in den letzten Jahren mit äußerster Konsequenz zuschanden geritten haben. Allein der Blick auf Cannes, wo sich, wie man jetzt schon gut sehen kann, die großen Namen - und zwar die der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft des Kinos - ballen, wo die vertretenen Filme jedenfalls interessanter scheitern werden als sie bei der Berlinale moderato gelingen.Weil klagen nichts hilft, flehen nichts hilft, hoffen nichts hilft, schimpfen nichts hilft, beten nichts hilft, verzweifeln nichts hilft, schmeicheln nichts hilft und argumentieren schon am allerwenigsten hilft, seien ein paar Tendenzen wenigstens benannnt, die nicht neu sind, sich diesmal aber doch noch einmal zuspitzten und verschärften. Bei 400 Filmen ist es sinnvoll, sich zu konzentrieren, und notgedrungen konzentriert sich, wer über das Kosslick-Profil der Berlinale spricht, auf den Wettbewerb. Allerdings machen Seitenblicke in andere Sektionen sehr klar, dass auch da inzwischen eine Gleichgültigkeit und Beliebigkeit Einzug gehalten haben, die insbesondere das Forum in seinen Korrekturfunktionen zur kriterienvergessenen Hauptreihe mit Tendenz ins Katastrophale entwerten.
Unter Christoph Terhechte, der gleichzeitig mit Dieter Kosslick sein Amt antrat, wurde fatalerweise auch das Forum umprogrammiert und steckt nun zwischen Baum und Borke in einem finsteren Wald. Einerseits gibt es neben Filmen wie "Swans", "The Terrorists", "Brownian Movement" und einigen anderen, für die das Forum einst geschaffen wurde, noch Auftritte alter westdeutscher Selbstgefälligkeitsjammerei, wie bei Heinz Emigholzens unsäglichem Auftritt vor ausdrücklich verachtetem Publikum zu erleben. (Das Gelbe vom Ei waren seine vier als "Eine Serie von Gedanken" übertitelten Kurzfilme, so verteidigenswert sie sind, auch nicht.) Was, auf einer anderen Seite, eine so dümmlich-feige Komödie wie Anne Villaceques "E-Love" in der Reihe zu suchen hat, wüsste ich gerne von einer/m Auswahlverantwortlichen erklärt. Schlimmer jedoch als solche im Grund zu begrüßenden, aber missratenen Versuche, auch einmal eine Komödie ins Spiel zu bringen, ist die prinzipielle Umsteuerung des Forums, für die Terhechte ganz ausdrücklich eintritt.
Was sich zuvor als ästhetisch-politischer Gegenentwurf zum Mediokren des Weltkino-Mittelfelds bzw. anders gearteten Mainstreams definierte, versteht sich nun - bei allen erwähnten noch vorhandenen Resttendenzen zum Widerstand - ganz ausdrücklich als Ausprobierfeld und Brutkasten für eben jene Fadheitsvertreter, die nach ihren ersten unsicheren Schritten im bestenfalls halb Interessanten dann in Richtung Weltkino-Mainstream entschlüpfen. Soll heißen: zu jenem gewissen geschmackssicheren und vielleicht sogar sympathischen Langweilertum erblühen, das man dann in einem Film wie Lee Yoon-Kis Wettbewerbsbeitrag "Come Rain, Come Shine" (Kritik) oder Seyfi Teomans "Our Great Despair" (und den mochte ich irgendwie sogar wirklich, Kritik) in Vollendung vorliegen sieht.
Beides gute zweite Liga und vielleicht sogar reif für die Relegation. Aber wirklich Gültiges, Spannendes, Aufregendes zum Stand der Dinge im Kino der Welt und zum Stand der Welt in der Sprache des Kinos werden weder Lee noch Teoman je zu sagen haben. Ein ganz ähnlicher Fall ist Paula Markovitch, die über den das wenige Geld oft ins Mittelmäßige steckenden, der Berlinale angegliederten "World Cinema Fund" sogar gleich mit ihrem Erstling in den Wettbewerb kam. Die Berlinale deklariert das, faute de mieux, inzwischen als mutige Nachwuchsförderung und sieht den strengen Kritiker dann mit feuchten Rehaugen an: Wer wird denn über Erstlinge Böses sagen? Es gibt über Markovitchs "Der Preis" (Kritik) ja auch nichts Böses zu sagen, außer dass er ziemlich entleerte, mit Politbehauptungen vage durchsetzte Weltkino-Ödnis ist. Oder als Kompliment formuliert: Hier spricht eine junge Regisseurin die Sprache des ehrgeizlos vor sich Hingelingenden immerhin schon recht fließend.
Von anderswoher lockt die Berlinale die Post-Indie-Königin ohne Königreich Miranda July - und wie verzweifelt muss man sein, die Statuten eines A-Festivals für ein selbstgefällig-narzisstisches Neurosen-Hipsterfilmchen wie "The Future" (Kritik) aus dem Fenster zu werfen, indem man die Sundance-Lumpen ein zweites Mal aufträgt? Oder ist es wieder einmal nur das viele schöne deutsche Fördergeld, das da - und in so vielem anderen - drin steckt und eine magische Anziehungs- oder doch eher Druckkraft auf das Festival ausübt?
Selbst von außerordentlich zurechnungsfähigen und kritikfähigen Insidern hört man, dass Dieter Kosslick doch so viel für den deutschen Film tut. Dabei hat er die Berlinale nur nach der mafia-strukturanalogen nationalen Standort-Logik der deutschen Filmförderung umstrukturiert, aus deren Machtzentrum Filmstiftung NRW er ja auch kommt. Völlig skrupellos und mutmaßlich auch noch mit jenem guten Gewissen, das sozialdemokratische Selbstgerechtigkeit nun mal verleiht, macht er das Festival zum Schaufenster für alles, das auf diesen und jenen Wegen mit deutschem Steuergeld in die Welt gepäppelt und durchgefördert wird. Da ist dann mit nur minimalem Kriterienanhalt am Ästhetischen die Berliner Schule mit Ulrich Köhlers sehr schöner "Schlafkrankheit" ebenso dabei wie Jaume Collet-Seras sogar gleichfalls, wenn auch ganz anders sehr gelungener Studio-Babelsberg-Thriller "Unknown" (Kritik), mit July und Markovitch und Teoman und Moreno dann trostlos dazwischen.
Daneben gab es ein völlig übersteuertes Eitelkeitsprojekt wie Ralph Fiennes? Shakespeare-Verfilmung "Coriolanus" und Andres Veiels unendlich brave und leblose RAF-Privatisierungs-Geschichte "Wer wenn nicht wir" (Kritik). Was genau hat jemand, der Adolf Eichmanns Prozessaussagen mit swingendem Barjazz unterlegt, verdient? Ansonsten kann sich über Veiels Spielfilmdebüt nur einer aufregen, der vom Kino anderes erwartet als die überaus biedere Bebilderung egal welcher (hier allerdings auch noch dämlicher) Thesen. Viele, die dieses andre erwarten, gibt es, blickt man ins Rund der deutschen Tagespresse, offenbar nicht mehr.
Beinahe dankbar muss man da sein für einen aus immerhin auch ästhetischen Gründen so schwer erträglichen Film wie Alexander Mindadzes vor Tschernobyl-Hintergrund gesetzte Hysterie-Produktion "An einem Samstag" (Kritik). Zwar passen die radikale Handkamera und die ermüdend hin- und her taumelnden Liebes- und Abrechnungsgeschichte, die Tschernobyl-Katastrophe und die privat-politischen Konfliktlinien nicht wirklich zusammen, zwar bleibt vieles behauptet und nichts wird zuende gedacht: Man sieht hier aber einen entschiedenen Willen und ästhetische Konsequenz und einen Wut-Impetus, alles Dinge, die dem großen Teil des Wettbewerbsrests abgehen.
Kommen wir zu den beiden Bären-Favoriten, die das mit tatsächlich zureichendem Grund sind. Angesichts der Jury-Zusammensetzung kommt Ulrich Köhlers "Schlafkrankheit" (Kritik), der in diesem Zusammenhang eigentlich auch zu nennende dritte von nicht mehr als drei wirklich satisfaktionsfähigen Filmen, für Hauptpreise wohl eher nicht in Betracht. Als recht haushoher Favorit für den Goldbären gilt ziemlich einmütig Asghar Farhadis iranische Problemgeschichte "Nader und Simin" (Kritik). Schon aus tagespolitischen Gründen hat ein jedenfalls nicht regimefreundlicher Film wie dieser ganz sicher gute Karten. Es kommt hinzu, dass er tatsächlich gar nicht schlecht ist.
In allerdings etwas übereifriger Manier schaufelt Farhadi allerlei iranischen Alltag in sein ziemlich theaterstückmäßiges Drehbuch: Eine Frau will die Scheidung, weil ihr Mann sein Versprechen nicht hält, gemeinsam mit ihr das Land zu verlassen. (Warum genau sie es verlassen will, lässt Farhadi mit Blick auf die Zensur offen - wer verstehen will, versteht freilich schon.) Sie zieht bei ihm aus, so bleibt er allein mit seinem Alzheimer-kranken Vater - der auch der Grund für sein Verbleiben im Land ist - zurück. Mit dessen Betreuerin gerät er aneinander, sie behauptet dann, er sei schuld daran, dass sie ihr Kind verloren hat. Dies noch und jenes wird in eine Geschichte gefügt, die dadurch allerdings zu gleichen Teilen komplexer und unfokussierter wird. Dass der Film in seinem Blick aufs Gezeigte eine in diese und jene Richtung deutbare, sich aber nie eindeutig positionierende Kippfigur bleibt, kann man als Feigheit betrachten, als unvermeidliche Anpassung an die politische Lage oder als Beharren auf Fairness sämtlichen beteiligten Figuren gegenüber.
Ganz sicher erzählt "Nader und Simin" - unter Aussparung alles explizit Politischen - manches Interessante aus einem Land, auf das der Westen gerade seine Aufmerksamkeit richtet. Ebenso sicher gelangt Farhadi über handwerklich sehr souveränes und trittsicheres realistisches Erzählen an keiner Stelle hinaus. Ihn in eine Reihe mit den großen Meistern des iranischen Kinos wie Abbas Kiarostami oder Bahram Beizai zu stellen, wäre absurd. Als Einäugiger unter vielen Halb-Blinden wäre er allerdings ein sehr passender Träger des Goldenen Bären.
Falsch wäre die Entscheidung für diesen Film dennoch, denn da war ja noch ein wirklich zweiäugiger Meister im Feld. Ich persönlich hatte Bela Tarr, einen der letzten großen Autorenfilmer alter europäischer Prägung, nach seinem tief ins Kunstgewerbe gesackten letzten Film "A Man From London" eigentlich schon abgeschrieben. Mit seiner Nietzscheanischen Welterlöschungsgeschichte "A Turin Horse" (Kritik) ist ihm nun aber doch noch ein grandioser selbsterklärter Schlusspunkt unter eines der ragenden Lebenswerke der letzten Jahrzehnte gelungen. Das ist ein bitter konsequentes, mit entschiedenem Willen zur Kunst sich dem Abgrund entgegendrehendes Elementarstück, das keine Gefangenen macht. Man kann sicherlich grundsätzlich "Nein" sagen zu den existenziellen Behauptungen, die Tarr in Ästhetik und These nicht scheut. Wer aber "Ja" zu sagen sich bereit und genötigt fand, sah sich am Ende des Films in einer Weise erschüttert, die mit nichts vergleichbar war, was auf der Berlinale sonst so geschah.