Außer Atem: Das Berlinale Blog

Spricht die Sprache der Liebe: Vincent Dieutres 'Jaurès' (Forum)

Von Nikolaus Perneczky
12.02.2012.


Vincent Dieutres "Jaurès" ist einer der bisher schönsten Filme des diesjährigen Forums. Seine Konstruktionsprinzipien sind schnell nacherzählt: Als Dieutre noch mit seinem Geliebten Simon zusammen war, verbrachte er viel Zeit in dessen Wohnung unweit der Pariser U-Bahnstation Jaurès. Vom Fenster aus machte Dieutre digitale Videoaufnahmen von der umliegenden Stadtlandschaft, von gegenüberliegenden Wohnhausfassaden, von der vorbeifahrenden U-Bahn, vom artist in residence, der schräg vis-á-vis an einer Neoninstallation bastelt, und immer wieder, mit besonderer Beharrlichkeit, von dem kleinen Hohlraum unter der Brücke auf der anderen Seite des Kanals, wo afghanische Flüchtlinge eine Notunterkunft errichtet haben. Diese Aufnahmen nun kommentiert Dieutre, gemeinsam mit seiner Freundin Eva Truffaut (François' Tochter), die Fragen und Stichworte liefert, aus dem Inneren eines kleinen, ortlosen Aufnahmestudios. Und schließlich sind da kleine Manipulationen des Ursprungsmaterials, pastos-flächige Übermalungen einzelner Objekte - von Straßenlampen, Kartons, Geländern und eines parkendes Autos - als dezente Vorwegnahme von Dieutres Fabulierlust, die Details seines erinnernden Erzählens verfälscht oder übertreibt, um die Identität seines immer noch nicht geouteten Ex-Geliebten zu wahren, aber auch aus schierer Lust an der nachmaligen Verdichtung und Intensivierung ihres sehr alltäglichen Lebens zu zweit.

Dieutres ebenmäßige Stimme mit wundervoll dunklem Timbre antwortet auf Truffauts Fragen im gemächlichen Takt der Introspektion so, wie es eigentlich nur unter Freunden möglich ist, gibt bereitwillig Auskunft über sehr intime Begebenheiten, den Klang seiner Stimme und das eigene Erinnern merklich genießend, ohne darüber narzisstisch zu wirken. Dieses Kunststück, das den raren Fall einer gelingenden Nabelschau aufs Medium Film transponiert, hat natürlich mit der eingangs beschriebenen Konstruktion von "Jaurès" zu tun. Eine Beziehung, die nicht mehr ist, wird hier über einen Blick aus dem Fenster rekonstruiert, wodurch das wiederzubelebende Gemeinsame der beiden Liebenden in eine ständige Kommunikation, einen Austausch mit seinem Außen tritt. Zugleich verweist uns die Tonspur aber immer auch auf Simons phantomhafte Präsenz im Off hinter der Kamera. Beim Duschen ist er zu hören, wie er das Frühstücksbesteck arrangiert - oder mittelbar über eine Radiosendung, die er, wie man sich vorstellt, mit Interesse verfolgt. Ganz selten und von einer bald frustrierenden Flüchtigkeit : Simons Stimme.

Der Fernsinn des Sehens und der Nahsinn des Hörens sind zunächst klar als Bild- und Tonspur auseinanderzuhalten, Fremdes und Eigenes unterscheid- und also sortierbar. Aber in dem Maß wie Dieutre uns den geliebten Menschen näher bringt, verwirrt sich ihr Verhältnis. Simons Empathie greift von der Ton- auf die Bildspur über, vom (noch) heilen Sanktum der Wohnung auf den "Querschnitt" (wie Dieutre es selbst an einer Stelle nennt) des winterlichen kalten Paris . Freilich kann man die Momente, in denen Dieutres Liebe zur Utopie sich aufschwingt, an der auch andere - bei aller Distanz: auch die Afghanen vor der Tür - teilhaben können sollen, als haltlose Schwelgerei abtun. "Jaurès" führt indes keinen rationalen Diskurs, sondern spricht die Sprache einer Liebe , die so groß ist, dass der Anspruch, den geliebten Menschen in der Intimität einer Paarbeziehung einzusperren, um ihn für sich behalten zu können, sie blasphemisch dünkt. Solidarität, so besagt eine berühmte Sentenz Ernesto "Che" Guevaras, ist die Zärtlichkeit der Völker.

Nikolaus Perneczky

"Jaurès". Regie: Vincent Dieutre. Mit Eva Truffaut, Vincent Dieutre. Frankreich 2012, 83 Minuten. ( Vorführtermine )