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Minimalistisches Monument: Bela Tarrs 'The Turin Horse'

Von Lukas Foerster
16.02.2011.

Ein Mann und eine Frau im Haus, ein Pferd im Stall. Das Pferd bekommt Wasser aus dem Brunnen, die Menschen essen Kartoffeln. Der Mann sitzt stumm vor seinem Teller und lässt seine Faust auf die Kartoffel knallen, bevor er sich sie, noch kochend heiß, in den Mund stopft. Genauso stumm und stumpf sitzt er auch vor den Holzscheiten, auf die er mit der Axt einschlägt, oder vor dem Gürtel, in den er Löcher sticht. Die Frau, die sich bei allem, was sie macht, ein wenig raffinierter anstellt als der Mann, die aber trotzdem nichts zu lachen hat, pustet auf die Kartoffeln, bevor sie sie verspeist. Als das Pferd vor den Wagen gespannt werden soll, bockt es.


Ein Mann und eine Frau im Haus, ein Pferd im Stall. Das Pferd bekommt Wasser aus dem Brunnen, die Menschen essen Kartoffeln. Der Mann sitzt stumm vor seinem Teller und lässt seine Faust auf die Kartoffel knallen, bevor er sich sie, noch kochend heiß, in den Mund stopft. Genauso stumm und stumpf sitzt er auch vor den Holzscheiten, auf die er mit der Axt einschlägt, oder vor dem Gürtel, in den er Löcher sticht. Die Frau, die sich bei allem, was sie macht, ein wenig raffinierter anstellt als der Mann, die aber trotzdem nichts zu lachen hat, pustet auf die Kartoffeln, bevor sie sie verspeist. Als das Pferd vor den Wagen gespannt werden soll, bockt es.

Das "Turin Horse" des Titels ist zuerst einmal jenes Pferd, das Friedrich Nietzsche vor den Toren der italienischen Stadt umarmte, nachdem er mitansehen musste, wie es von seinem Besitzer gepeitscht wurde. Zumindest erzählt ein Off-Kommentar über schwarzer Leinwand zu Beginn diese Anekdote, die direkt in Nietzsches geistige Zerrüttung gemündet haben soll. Der Bericht endet mit den Worte: "Über das Pferd weiß man nichts". Dass es dem Film nicht darum geht, diese Wissenslücke zu füllen oder in einem anderen Sinne Nietzsche-Philologie zu betreiben, merkt man schnell. Insbesondere Turin ist weit weg. Die weitgehend kahle Einöde vor dem Haus des Paars - nur ein einzelner Baum steht stur in der Gegend herum, im Wind wirbeln dennoch stets hunderte Blätter - ist alles, nur nicht mediterran. Die Welt von "The Turine Horse" - ein Haus, ein Stall, ein Brunnen, davor ein Hügel, mehr gibt es nicht - liegt buchstäblich im Nirgendwo und ist genauso buchstäblich nicht nur überzeitlich, also historisch unspezifisch, sondern wirklich zeitlos, weil sie mit der Zeit, die menschliche Erfahrung organisiert, nicht kompatibel ist.

Ein rein poetisches, innerfilmisches zeitliches Ordnungsschema gibt es dennoch: Weiße Titel auf schwarzem Grund zählen sechs Tage ab. Auch wenn das einer zu wenig ist, hat man das Gefühl, als würden Bela Tarr und sein Kameramann Fred Kelemen die sieben Tage der biblischen Schöpfungsgeschichte nachstellen. Allerdings rückwärts. Am Anfang war das Licht - und am Ende geht es konsequenterweise wieder aus. Der Film beginnt trostlos und monoton und wird mit jeder Episode trostloser, mit jeder Geste monotoner. Dialoge gibt es sowieso so gut wie keine, der Mann grunzt lieber, die Frau ruft ihn gelegentlich einsilbig zur Kartoffel. Einmal schneit ein Glatzkopf hinein und redet irgend etwas düster Philosophisches, das ist sicher nicht der stärkste Moment des Films. Toll ist dagegen die Kutsche mit den grob lebensfrohen Rabauken, die von links hinten ins Bild kommen, ein paar Minuten lang ausgelassen gröhlen, rechts wieder aus dem Bild fahren und in der nächsten Einstellung schon wieder vergessen sind. Der Grundton des Films setzt sich aber aus zwei nichtsprachlichen Quellen zusammen: aus dem ewigen, undifferenzierten Rauschen des Sturms und aus einer cellolastigen Streicherinstrumentierung, die keinerlei Entwicklung und kaum Abstufungen kennt: Ein hypnotisierender Soundwall, der die existentielle Stasis des Films, die schier endlosen Wiederholungen alltäglicher Gesten und Handlungen, festzementiert.



Die Farbe scheint den kontrastarmen schwarz-weiß-Bildern nicht nachträglich entzogen; kaum möglich ist es, sie auch nur virtuell, in der eigenen Vorstellung, wieder einzufärben. Fred Kelemens harmonische, oft symmetrisch konstruierte Einstellungen - bewegte Stilleben, die ihre Wurzeln vermutlich eher in der Kunst-, denn in der Filmgeschichte haben - füllen die Welt nicht, sondern entleeren sie systematisch. Wenn das Wasser aus dem Brunnen verschwindet, gibt es nirgendwo mehr welches. Wenn der Mann und die Frau doch noch einmal mit ihren sieben Sachen und dem Pferd aufbrechen, reiten sie buchstäblich ins Nichts, in ein Off des Bildes, das dem Film nicht zugänglich ist. Sie kommen schnell wieder zurück.

Sicher ist "The Turin Horse" auch ein Film über die letzten Dinge, die letzten Kartoffeln, das letzte Pferd. Doch die Bilder selbst enthalten nie metaphysische Behauptungen, da gibt es kein Tarkowski'sches Raunen, kein Angelopoulos'sches Geschwafel; das böse Gegenstück zu Tarrs - das behauptet er zumindest - letztem Film lief vor zwei Jahren im Wettbewerb: Angelopoulos' hoffnungslos überfrachteter Schwanengesang des europäischen Kunstkinos namens "The Dust of Time". "The Turin Horse" dagegen steht als minimalistisches Monument des widerständigen Autorenkinos genauso mutterseelenallein im Kraut-und-Rüben-Weltkinosumpf des Wettbewerbs, wie seine beiden Hauptfiguren in der Welt.

"The Turin Horse" ("A torinoi lo"). Regie: Bela Tarr. Darsteller: János Derzsi, Erika Bók u.a., Ungarn 2010, 146 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)

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