Steht da licht: Ulrich Köhlers 'Schlafkrankheit'

Von Ekkehard Knörer
13.02.2011. Im Anfang steht da licht. Auf schwarzer Leinwand erscheint aus dem Nichts dieses Wort. Weitere dann: ton, schnitt, regie und so weiter. Die Credit-Sequenz wie ein Saal, der sich nach und nach füllt. Dann kann es losgehen.
Zu Beginn ist es Nacht. Eine Straßensperre, die der Film klug nutzt zur Vorstellung seiner Protagonisten. Eine Kleinfamilie in Afrika. Ebbo, Vera, Helen Velten. Der Vater Entwicklungshelfer und Arzt, die Tochter nur zu Besuch. Bevor steht die Rückkehr nach Wetzlar. Was sich zwischen den dreien tut, wie der Vater, die Mutter sich zu Kamerun, ihrer Heimat gewordenen Fremde, verhalten, darum geht es - zunächst. Sie gehen Schwimmen, sie sitzen am Ufer, sie essen mit dem französischen Kollegen, der sich wie ein Kolonialherr aufführt. Wir müssen nicht gehen sagen sie, wir können auch bleiben. Ein Abschied, der sich hinzieht. Menschen, die sitzen und warten, Konflikte, die gären, ohne dass man sie so richtig zu lösen versucht. Protagonisten in einer Entscheidungssituation, in einem Übergang, dem ein Ende zu machen nicht recht gelingt. Aus den beiden bisherigen Köhler-Langfilmen kennt man das. Allerdings nicht im afrikanischen Setting. Man kann einen Köhler-Charakter aus Nordhessen wegkriegen, sein inneres Nordhessen kriegt man, scheint?s, aus einem Köhler-Charakter nicht weg. Und kaum ist man zu dieser Erkenntnis gelangt, erfindet Köhler eine ganz andere Figur.
In der Mitte des Films wird es schwarz auf der Leinwand. Spürbar, lang. Danach geht der Film anders wieder los, bevor man begreift, dass die Geschichte des ersten Teils zugleich weitergeht. Ein Mann afrikanischer Herkunft in Paris. Er hört einen Vortrag über den Markt, an dem nun auch Afrika, nach dem angeblichen Scheitern der Entwicklungshilfe, genesen soll. Ein Diskurs, den es gibt. Mancher sieht das so, dass die Entwicklungshilfe einen großen Teil der Probleme, die sie lösen sollte, eher perpetuiert. Diesen Hintergrund setzt der Film, ohne ausdrücklich Position zu beziehen, ohne die Diskussion als solche zu seiner Sache zu machen, und er tut das sehr bewusst an dieser Stelle. Klug springt er für den Moment heraus aus Afrika, und bringt einen anderen Protagonisten mit einem anderen Blick auf die Lage der Dinge ins Spiel: Alex Nzila, einen in Paris geborenen Sohn eines kongolesischen Vaters.


Es ist finster. Alex wird im Dunkeln zu seiner Unterkunft tief im Wald geführt. Erst öffnet er eine falsche Tür, dann die richtige. Am Tag davor kam er an und nahm nicht das Taxi, das bereit stand. Ein falscher Start, alles ist von nun an verwickelt. Und, ohne Vertun: Wir befinden uns spätestens jetzt in einer "Heart of Darkness"-Paraphrase. Köhler schreibt seine Geschichte hinein in die unvermeidlichste aller Geschichten, Joseph Conrads Erzählung, die Afrika in den Augen des Westens ein für allemal perspektiviert hat. Als Mythos, und umso wirkmächtiger. Mythen kriegt man durch Aufklärung nur bedingt klein, interessanter sind Versuche der Umschrift. "Schlafkrankheit" ist ein solcher Versuch, und zwar mit den Mitteln eines Kinos, das von Apichatpong Weerasethakul mehr als von Francis Ford Coppola gelernt hat. Und sich dabei doch zugleich auf die ästhetischen Koordinaten des jüngeren deutschen Films bezieht.
Ebbo Velten ist Colonel Kurtz, ein Mann, der sich aus dem Ruder lief, einer von draußen, dem die äußerste Fremde so zur eigenen Haut wurde, dass er nun nicht weniger als ein Monster ist. (Dafür findet ganz zum Schluss Köhler ein absurdes, komisches, hinreißendes objektives Darstellungskorrelat.) Alex Nzila aber ist fremd in der Fremde trotz schwarzer Haut. Seine Haut entfremdet ihn umso mehr, weil sie nur deutlicher macht, wie wenig er an den Ort gehört, an dem die Menschen ihm äußerlich durchaus ähneln. Dass er schwul ist, ist darum keine überflüssige Zutat, sondern die Manifestierung von Differenzen, die sich nicht überwinden lassen: "sag das bloß keinem hier", warnt Ebbo, sonst schicken sie dich zum Heiler. Immer und unvermeidlich stoßen die Männer des Westens in Afrika auf Differenz: in der Anähnelung nicht weniger als in der Distanz, die sie halten. Im Selbstverlust Richtung Afrika wird man sich fremd, schon darin liegt der Abgrund zu jenen, die sich nicht verlieren müssen, um vor Ort in ihrer eigenen Haut zuhause zu sein.
Darf man Köhler vorwerfen, dass in der Bewegung nach Afrika sein Kino bei sich selbst bleibt? Wäre es nicht genau falsch exotisiert und remythisiert, versuchte er sich nun in einer ganz anderen Sprache? Hat es nicht seine Richtigkeit, dass man die Berliner Schule ins innere Afrika kriegt, aber aus diesem inneren Afrika blickt die Berliner Schule wieder heraus? Die Bewegung des Ebbo Velten macht der Film "Schlafkrankheit" eben nicht mit. Er lässt seinen Protagonisten zurück als etwas Inkommensurables: transformiert, sich selbst fremd, keiner deutschen Geschichte mehr assimilierbar. Das "Afrikanische" seines - des Manns und des Films - Endes ist als Klischee ein Witz, als Witz aber wunderbarer Ausdruck für das Paradox, in das Köhler den Mythos vom Herzen der Finsternis umschreibt: Im Moment, in dem das Subjekt aus dem Westen "zu Afrika wird", fällt es aus den ernsthaften Repräsentationsmöglichkeiten des Westens. Wohin es fällt, weiß man nicht.
Dann wird es schwarz auf der Leinwand, im Herzen der Finsternis. Der Saal buht, als hätte er sich soeben im Spiegel erblickt.
"Schlafkrankheit". Regie: Ulrich Köhler. Darsteller: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Sava Lolov u.a., Deutschland, Frankreich, Niederlande 2011, 91 Minuten (Wettbewerb, Vorführtermine)