Im Kabinett des Dr. Scorsese: 'Shutter Island'

Von Thomas Groh
13.02.2010. "Vernunft ist keine Option, für die man sich frei entscheidet", sagt Dr. Cawley (Ben Kingsley) an einer Stelle. Die Patientin, über die er spricht, lebt, seit sie ihren Nachwuchs ertränkt hat, in einer fiktiven eigenen Welt, in der Psychologen Postboten, Ärzte Milchmänner und die Kinder in der Schule sind. Im Verlauf von "Shutter Island", Martin Scorseses Rückkehr zum Psychothriller mit Gothic-Horroreinschlag, beschleicht einen zunehmend das Gefühl, dass es dem Regisseur mitunter ähnlich ergeht. Die Karnickel, die er mit großer Geste aus dem Hut zieht, die Tricks aus den Schubladen der Filmgeschichte, die Scorsese hier zur Anwendung bringt, stehen einem als solche lange schon vor Auge, während der Regisseur noch von der Virtuosität seines Treibens völlig überzeugt ist.
"Auf dieser Insel ist was faul", hört man immer wieder aus dem Mund Teddy Daniels' (Leonardo di Caprio), der als US-Marshall wegen Ermittlungsangelegenheiten auf die entlegene, festungsgleiche Insel kommt, wo zahlreiche psychopathische Gewaltverbrecher hinter dickem Mauerwerk vergleichsweise idyllisch leben: Cawley ist, was die psychiatrische Behandlung betrifft, progressiv und Humanist. Am Film hingegen ist einiges faul: Kein Gatter wird geöffnet, ohne dass einem der Soundtrack Warnsignale im erhöhten Dezibelbereich um die Ohren schmettert, kein Schloss, das ins Tor fällt, ohne kernige Großaufnahme. Die Latenz des Unheimlichen, um die Scorsese sich bemüht, wird auf diese Weise umgehend ausgetrieben. Stünden einem nicht erhöhte Production Values entgegen, man würde sagen: Trash, Camp der zweiten Liga.
Die sich anschließenden Ermittlungen - eine Patientin ist, keiner weiß wie, ausgebrochen und spurlos verschwunden - sind dabei zunächst noch leidlich spannend. Scorsese schöpft tief aus dem ästhetischen Inventar von Pulp und Film Noir (dass der Film, getreu der literarischen Vorlage von Dennis Lehane, in den 50ern spielt, kommt hilfreich zupass). So ist auch Daniels von Ambivalenzen nicht frei: Seine Frau kam bei einem Brand ums Leben, er selbst war am Dachau-Massaker beteiligt und ist seitdem traumatisiert. Kein Wunder, dass er hinter den Kulissen naziartige Menschenexperimente vermutet, zumal hier auch ein deutscher Psychologe (Max von Sydow in einer glanzlosen Nebenrolle) wirkt.


Doch der großartige Pulp, den man aus diesen Zutaten mit der Geste des souveränen Maverick hätte zubereiten können, der immer wieder, in den besseren Momenten des Films, auch durchschimmert, ist Scorsese nicht genug. Er versteift sich auf psychische Tragödien: Die Ermittlungen auf der Insel - mit und schließlich ziemlich gegen die Anstaltsleitung - werden zum Paranoia-Parforce-Ritt, der den Film reichlich klischeehaft um ein Mysterium im Kern kreisen lässt, das allenfalls in seinen detaillierten Verästelungen nicht absehbar ist. Für Slow Joe in the Back Row gibt es schließlich eine minutiöse Aufdröselung nach hinten raus.


"Shutter Island" ist aus der Filmgeschichte zusammengeklaut. Was Scorsese hinzufügt, sind allenfalls Stilisierungen der Textur, eine Durchgestaltung des begrenzten räumlichen Systems, das er als Spielwelt etabliert: Eye Candy durchaus allenthalben. Viel ist im Film von "Realität" die Rede, zu der man zurückfinden müsste. Die Realität ist: Scorsese hat sich hier vom Regisseur in einen Designer verwandelt.
Martin Scorsese: "Shutter Island". Mit Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Emily Mortimer u.a. USA 2010, 138 Minuten. (Wettbewerb, Vorführtermine)