Außer Atem

Berlinale 5. Tag

Von Thekla Dannenberg, Christoph Mayerl, Anja Seeliger
12.02.2008. Argumentiert mit Mamas Bibel: Ralph Zimans "Jerusalema". Ich bin, also denke ich: Doris Dörries "Kirschblüten". Proben den Krieg: Tony Gerbers und Jesse Moss' Dokumentarfilm "Full Battle Rattle". Das Glück: Johnnie Tos "Sparrow".
Argumentiert mit Mamas Bibel: Ralph Zimans "Jerusalema" (Panorama)

Lucky Kunene hat zwei Leitbilder, die ihn durch den Hexenkessel von Johannesburg führen: Al Capone und Karl Marx. Deswegen hat er bei seinen Geschäften immer eine Waffe dabei und deshalb spricht er von "affirmative repossession", wenn er andere um ihren Besitz bringt. Am Anfang seiner Karriere als Klein-Gangster macht er in Autos: Ein ehemaliger, aus Moskau zurückgekehrter Guerilla-Kämpfer heuert ihn zum carjacking an und nach nur kleineren Startschwierigkeiten steigen er und sein Kompagnon Zakes zu den Königen von Soweto auf. Als ihm die Dinge über den Kopf steigen, nimmt Lucky in Durban eine Auszeit und zwei Lektionen mit: Aus dem Verbrechen kann man nicht aussteigen. Und: Schnell verdientes Geld verrinnt schnell, easy come easy go.

Nach zehn für das Land und alle Beteiligten desillusionierenden Jahre nimmt Lucky einen zweiten Anlauf, diesmal in der Immobilien-Branche. In Hillbrow, dem gefährlichsten und erbarmungswürdigsten Pflaster von Johannesburg, richtet er einen Peoples Housing Trust ein, mit dessen Hilfe er die Hausbesitzer enteignet, die die gewaltigen Wohnanlagen verkommen lassen, um so viel Kapital wie möglich aus ihrem Besitz zu schlagen. Lucky schmeißt die Dealer und Nutten aus den Wohnblocks und lässt sich von den Bewohnern die um die Hälfte reduzierte Miete auf sein Konto überweisen. Damit häuft er in Windeseile ein Vermögen an und sämtliche Status-Symbole, von denen ein Mann in Johannesburg träumt: Haus mit Garten, BMW, Leibwächter und eine weiße Frau. Erst als er dem nigerianischen Drogenhändler Mr. Ngu in die Quere gerät, findet sein Weg nach oben ein Ende.



Ralph Zimans Thriller "Jerusalema" über den Aufstieg eines kleinen Ganoven zum Slum-Lord beruht auf einer wahren Begebenheit und ist immer dann besonders gut, wenn er Brutalität, Rohheit und Perfidie schnell und hart in Szene setzt, wenn er die Trostlosigkeit und Kriminalität von Hillbrow zeigt, Johannesburgs übelstes Quartier, das allein eine der höchsten Mordraten der Welt aufweist. Wenn man begreift, dass Gras umso grüner wird, je mehr Jauche man raufkippt, und es ein Slumlord nur dann mit der Polizei zu tun bekommt, wenn er einen Rivalen daran hindert, noch mehr Geld zu verdienen.

Leider zeigt der Film auch immer wieder etwas Angst vor seiner eigenen Courage. Dann reicht es ihm nicht, Gangster-Drama zu sein, dann will er auch Sozialdrama sein und fängt an zu moralisieren, rechtfertigen, entschuldigen. Dabei hat er seltsamerweise nur Mamas Bibel als Argument parat.
Thekla Dannenberg
Ralph Ziman: "Jerusalema". Mit Rapulana Seiphemo, Jeffery Zekele, Ronnie Nyakale, Jafta Mamabolo, Malusi Skenjana. Südafrika 2007, 120 Minuten. (Alle Termine)


Ich bin, also denke ich: Doris Dörries "Kirschblüten" (Wettbewerb)

Nach der Vorstellung auf der Treppe des Berlinale Palastes. Während man noch ganz mitgenommen ist und in der langen Medienmenschenkolonne nach unten trottet, blitzt ein Lächeln auf, wenige Meter weiter auf der Galerie. Das ist doch? Aya Irizuki, die gerade als junge obdachlose Butho-Tänzerin zu sehen war. Sie hat vor wenigen Minuten ein so trauriges Gesicht gezogen, dass der halbe Saal zu den Taschentüchern griff. Und jetzt lacht sie ausgelassen in die Fernsehkamera. Das Kino als Gefühlszentrifuge, das war auf der diesjährigen Berlinale bisher noch nicht so deutlich zu spüren wie in Doris Dörries ergreifendem Beitrag "Kirschblüten".

Rührend, aber nicht rührselig. Es stimmt, Doris Dörries buddhistische Weisheiten, die jetzt wieder durch die Interviews geistern, sind nicht jedermanns Sache. "Wenn Descartes gesagt hat: Ich denke, also bin ich, dann sagt der Buddhist: Ich bin, also denke ich", erklärte sie am Sonntag etwa dem Tagesspiegel. In ihrem Film spürt man zum Glück nichts von derlei Erleuchtungen, er ist herzhaft konkret und mit beruhigenden Zügen von Selbstironie durchsetzt.

So lässt der ausgewiesene Japan-Fan Dörrie - sie war jetzt siebzehn Mal dort, rechnete sie auf der Pressekonferenz nach - den heimatverbundenen Allgäuer Rudi gleich am Anfang erkennen: "Der Fuji ist letzten Endes auch nur ein Berg." Stimmt. Doch Rudis Frau Trudi will schon ihr Leben lang nach Japan, und irgendwie kommt sie dort auch noch hin. Rudi ist schwerkrank, und nur Trudi weiß das. Weshalb sie ihren Mann dazu bringt, nach Berlin zu den Kindern zu fahren, die aber keine Zeit für ihre Eltern haben. Von dort geht es weiter nach Tokio, wo viel passiert. Ein Aufbrechen, eine Annäherung, ein Verstehen, und das ausgerechnet in einem Land, dessen Sprache der Allgäuer an sich nur schwer versteht.

Dörrie fragt, wie man ohne einen Menschen zurechtkommt, der das ganze Leben einfach da war. Wie tief die Liebe ist. Hört sich esoterisch an, ist es aber nicht. Dörrie wird nie abgehoben und auch nie peinlich. Sogar ein rosa Telefon schmuggelt sie in den Film, ohne dass die Stimmung zerstört wird. Und das ist ja schon mal eine Leistung.

"Dieser Film war ganz leicht zu machen", sagte Dörrie nach der Vorführung. Und das sieht man ihm tatsächlich an. Mühelos sieht es aus, wie Dörrie rote Fäden spinnt und aus ihnen ihre Personenporträts webt. Elmar Wepper und Hannelore Elsner spielen uneitel und gelassen, über dem ganzen Film liegt überhaupt eine unaufdringliche Selbstsicherheit und Ruhe, dass man sich entspannt der Geschichte überlässt. Ob es an der Zen-Messe liegt, die Dörrie vorher hat zelebrieren lassen? Egal, wie sie es angestellt hat, der erste der beiden deutschen Beiträge hat Bärenstatur.
Christoph Mayerl
Doris Dörrie: "Kirschblüten - Hanami". Mit Elmar Wepper, Hannelore Elsner, Aya Irizuki, Nadja Uhl, Maximilian Brückner, Birgit Minichmayr. Deutschland 2007, 122 Minuten. (Alle Termine)


Proben den Krieg: Tony Gerbers und Jesse Moss' Dokumentarfilm "Full Battle Rattle" (Panorama)

Die Dinge in dem irakischen Dorf Medina Wasl stehen nicht zum Besten. Der Sohn des Vizebürgermeisters wurde ermordet, die Schiiten greifen die Sunniten an und die US-Armee wird für das ganze Chaos verantwortlich gemacht. In den Fernsehnachrichten ist von Bürgerkrieg die Rede. Vom Bürgermeister um Hilfe gerufen, gerät die Kompanie in einen Hinterhalt. Aufständische eröffnen mit sehr großen Waffen das Feuer, mehr als ein Dutzend Soldaten sterben oder werden verwundet.

Median Wasl liegt zum Glück nicht im Irak, und die Toten stehen auch gleich wieder auf. Das Dorf mitten in der Mojave-Wüste ist eines von zwölf eigens errichteten Ortschaften, in dem die US-Armee den Einsatz im Irak übt. 150 Meilen nördlich von Los Angeles verbringen im Jahr 50.000 Soldaten jeweils drei Wochen in einer ausgefeilten Simulation, in der sie es nicht nur mit einer unzufriedenen Zivilbevölkerung, sondern vor allem mit kampferprobten Aufständischen zu tun bekommen.

Im Roten Team, wie die Bewohner des Dorfes genannt werden, sind neben Soldaten, die die kämpfenden Aufständischen spielen, auch viele Exil-Iraker angestellt. Drei Wochen lang müssen sie so tun, wären sie nie aus ihrer Heimat geflohen. Vor allem ihnen ist Tony Gerbers und Jesse Moss' Dokumentarfilm "Full Battle Rattle" gewidmet.

Verschiedene Lebensentwürfe, mögliche Vergangenheiten und eventuelle Zukünfte überlagern sich hier in diesem Nichtort unweit des Death Valley auf eigenartige Weise. Eines der Mädchen lernt für ihre Einbürgerungsprüfung, wenn sie nicht gerade einen Aufständischen, der einen GI erschossen hat, unter ihrem Bett versteckt. Der virtuelle Vizesheriff ist über Syrien, Istanbul, Madrid, Kolumbien und noch einige andere Staaten aus dem Irak in die USA geflüchtet und bangt um seine Aufenthaltserlaubnis, wenn er nicht gerade für seine Kollaboration mit den USA erschossen wird. Wieder ein anderes Mädchen schickt das Geld, das sie beim Training amerikanischer Soldaten verdient an ihre Familie in Bagdad, die eben wegen der amerikanischen Invasion tief im Schlamassel sitzen. Der Vizebürgermeister von Medina Wasl, ein kleiner Ladenbesitzer aus San Diego, stammt von einer wohlhabenden irakischen Familie ab. Er liebt Fußball und möchte einfach noch einmal zurück, um seine Freunde von der besten Fußballmannschaft Bagdads wieder zu sehen.

All die Dorfbewohner bilden eine große Familie, wie sie selbst sagen, und erreichen hier als Sunniten, Schiiten, Araber und Christen eben das, was die amerikanische Armee im Irak nicht geschafft hat. Was für eine absurde Situation, was für Geschichten, die hier versammelt sind!

Natürlich geht es auch bei den Soldaten um einiges. Die meisten Einheiten, die hier trainieren, werden wenig später in den Irak oder nach Afghanistan abkommandiert. Der Aufwand, mit dem sie darauf vorbereitet wurden, ist immens. Doch eine Versicherung gibt es nicht. Fünf Soldaten der Kompanie, die Tony Gerber und Jesse Moss im Film begleiten, sterben bei ihrem darauf folgenden Einsatz im Irak.
Christoph Mayerl
Tony Gerber, Jesse Moss: "Full Battle Rattle". USA 2008, 92 Minuten. (Alle Termine)



Das Glück: Johnnie Tos "Sparrow" (Wettbewerb)

Direkt neben der Bushalte am Hermannplatz, da, wo der 129er Bus Richtung Zoo abfährt, gibt es eine Eisdiele. An einem Sommertag vor etwa 20 Jahren wartete ich dort auf den Bus und sah, wie ein aufgeregter kleiner Junge von seiner Mutter eine Eistüte überreicht bekam. Gerade als er das erste Mal daran lecken wollte, spürte er meinen Blick, hob den Kopf und schenkte mir ein Grinsen, das ich nie vergessen habe. Es war das reine Glück. Genau so ist Johnnie Tos "Sparrow".

Vier Taschendiebe aus Hongkong lassen sich von einem Mädchen aus der Volksrepublik aufs Kreuz legen. Sie ist die Geliebte eines alten Mannes, der sie nicht gehen lassen will. Als die vier das erfahren, beschließen sie ihr zu helfen. Der alte Mann ist reich, er hat ihren Pass, und er war auch mal ein Taschendieb. Das ist die ganze Geschichte. Hongkong, ein Spatz und ein paar Regenschirme als Requisiten und die Musik (von Xavier Jamaux und Fred Avril), die an die Atmosphäre der Komödien mit Audrey Hepburn erinnert.

Die Regenschirme spielen eine Rolle bei einer Szene, die fast in Zeitlupe gedreht ist. Einer der Diebe (Simon Yam) steht an einer roten Ampel, in seiner Anzugtasche der Pass. Auf der anderen Straßenseite stehen die Jäger des alten Mannes, die ihm den Pass stehlen sollen. Die Ampel wird grün und sie kommen sich entgegen. Augen, Gesichter, Spannung, der Regen tropft von den Schirmen, ein paar schnelle Bewegungen. Dann ist es vorbei. Aber das ganze dauert Minuten. Man atmet jeden Atemzug mit, spürt jede Bewegung mit, sieht jeden einzelnen Regentropfen fallen.

Es ist kein elegant choreografiertes Ballett. "Sparrow" ist nicht mal wirklich ein perfekter Genrefilm mit unwiderstehlich einfallsreich inszenierten Klau-Szenen. Ehrlich gesagt ist der Film an einigen Stellen sogar ein bisschen klamaukig. Dieser Film will nichts, und schon gar nicht etwas beweisen. Er ist ein Geschenk. Eine Eistüte an einem strahlenden Sommertag. Manche mögen jetzt sagen, in einer anderen Eisdiele sei das Eis besser, Schokolade statt Vanille fordern oder eine Kugel mehr verlangen. Für mich war es das Glück.
Anja Seeliger
Johnnie To: "Man Jeuk - Sparrow". Mit Simon Yam, Kelly Lin, Lam Ka Tung, Lo Hoi Pang. Hongkong, China 2007, 87 Minuten. (Alle Termine)