Außer Atem

Berlinale 2. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl
09.02.2008. Lernt von Bruce Lee: Fernando Eimbckes "Lake Tahoe". Eine Bemerkung zur Live-Aufführung von Guy Maddins "My Winnipeg" im Delphi. Doppelter Pas de Deux in Richtung Zukunft: Jacques Doillons "Le Premier Venu". Heillos verwickelt: Petri Kotwicas "Musta Jää". Brennt lichterloh: Paul Thomas Andersons "There will be blood". Tristesse pekinese: Wang Xiaoshuais "Zuo You".
Lernt von Bruce Lee: Fernando Eimbckes "Lake Tahoe" (Wettbewerb)

Auf einmal läuft Juan vor die Kamera. Er läuft ins Bild und wieder hinaus, die Kamera geht ihren Weg, der Junge ebenfalls. Doch wir begegnen ihm immer wieder, ob nun absichtlich oder nicht - Juan hat etwas sehr Anhängliches an sich. Der Junge ist 16 Jahre und hat gerade seinen Wagen gegen einen Strommast gefahren. Es ist Sonntag, und auf der Suche nach einer Werkstatt durchstreift er die kleine Stadt auf der Halbinsel Yukatan. Auch wenn er immer wieder betont, wie eilig er es hat, nimmt er es doch immer wieder hin, aufgehalten zu werden. Bald begreift man, dass der Junge gar nicht so unfähig ist, sein Problem zu lösen, wie man anfangs denkt. Sein Problem ist einfach nur ein ganz anderes. Sein Vater ist gestorben, und die Mutter verbarrikadiert sich in ihrer Trauer ketterauchend in der Badewanne.



Der Mexikaner Fernando Eimbcke erzählt in "Lake Tahoe" eine sehr bewegende und in vielen Momenten sehr komische Coming-of-age-Geschichte, mit einer Kamera, die in den eindrücklichsten Momenten ihre Blende schließt. Was Juan auf seiner Suche nach den passenden Ersatzteilen und ein bisschen Nähe findet, sind Menschen, die ihm zwar nicht mehr die verlorene Geborgenheit zurückgeben, dafür aber mit ihm Verlassenheit und Schmerz teilen. Er trifft den hinreißend grantigen Alten Don Heber, der nur noch seine Boxerhündin hat, mit der er jeden Morgen zusammen frühstückt; Luisa, die von Juans Fürsorglichkeit so eingenommen ist, dass sie ihn - zu seiner anfänglichen Enttäuschung - als Babysitter anheuert; und David, den Mechaniker mit Geschäftssinn und einem Faible für Kungfu. David gibt ihm eine wichtige Erkenntnis von Bruse Lee mit auf den Weg: "Wenn Du etwas für unmöglich hältst, dann machst Du es auch unmöglich."
Thekla Dannenberg
Fernando Eimbcke: "Lake Tahoe". Mit Diego Catano, Hector Herrera, Daniela Valentine, Juan Carlos Lara, Yemil Sefami. Mexiko 2008, 85 Minuten (Alle Termine)


Eine Bemerkung zur Live-Aufführung von Guy Maddins "My Winnipeg" am Freitag abend im Delphi

Guy Maddin fühlt sich zum Kino der Stummfilmzeit hingezogen, zu der Zeit, als das Lichtspielhaus noch ein magischer Ort war, an dem die Zuschauer in jeder Vorführung auf eine Reise ans Ende der Welt und zurück mitgenommen wurden. Der Ton wurde bei jeder Aufführung live dazugespielt, und so kommt die Aufführung, in der Maddin die Sprecherrolle übernahm und die er der Berlinale am Freitagabend im Delphi spendierte, seiner Vision wohl am nächsten.

Man kann kaum glauben, dass Maddin immer lange überredet werden muss und nur selten dazu überredet werden kann, derart ins Rampenlicht zu treten. Von Lampenfieber war nichts zu spüren. Wie ein gutgelaunter Conferencier sprach er seinen Text zu seinen Bildern. Doch letztere waren nicht immer zuverlässig. Denn plötzlich wurde es dunkel im Kino, und nur die Musik lief weiter und Guy Maddin sprach, als wäre nichts gewesen, hielt nur einen winzigen Moment inne und sprach dann einfach weiter, einen Text, den er in dieser Sekunde erfand: über die Vorliebe der Bewohner von Winnipeg für das Feiern, vor allem das Feiern im Dunkel der Polarnacht. Als die durchgebrannte Projektorlampe endlich ausgetauscht war und der Film wieder anlief, wurde es vielen erst klar. Lange hatten wir im Publikum gar nicht gemerkt, dass hier improvisiert wurde.

Merkwürdig ist eines: Bei all dem suggestiven Bildfeuerwerk, dass Maddin vor seinen Zuschauern abbrennt, ist doch dieses Bild von der Dunkelheit und dem über den Unfall tapfer hinweg plaudernden Maddin das stärkste und zäheste, das von diesem Filmabend in Erinnerung geblieben ist.
Christoph Mayerl
(Die Kritik zu "My Winnipeg" finden Sie hier, alle weiteren Aufführungstermine hier)


Doppelter Pas de Deux in Richtung Zukunft: Jacques Doillons "Le Premier Venu" (Forum)

Als der Film beginnt, ist es schon losgegangen. Es liegt, als Ereignis, dessen Zeugen wir nimmermehr werden können, ein Akt vor dem Film, der alles Reden und Rechten und Hin und Her anzutreiben scheint, aus dem dieser Film zwei Stunden lang ausschließlich besteht. Camille (Clementine Beaugrand) und Costa (Gerald Thomassin) waren miteinander im Bett und etwas ist dabei passiert, für das Camille, als sie nun in einem Provinzstädtchen an der See aus dem Zug steigen, Costa zur Rede stellt. Hat er sie vergewaltigt? Wenn aber ja: Warum dann der eher spielerische als wütende Ton, mit dem Camille auf ihn einredet? Warum zeigt sie ihn nicht an, warum flirtet sie stattdessen mit ihm, warum insistiert sie so wenig dringlich auf Entschuldigungen, die er immer nur sehr halbherzig vorbringt? Warum folgt sie ihm wie eine Liebende einem Mann, der sich entzieht, und nicht wie eine Richtende einem Täter, den sie zur Strecke bringen will?



Das fragt man sich und eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Ein einziger Aufschub einer solchen eindeutigen Antwort ist dieser Film, nur dass in diesem Aufschub die Wünsche und Handlungen, die Verstrickungen und Konstellationen Zug um Zug, Schritt um Schritt sich immer weiter verkomplizieren, um dann zuletzt, Setzung eher als logische Konsequenz, sich zu einem doppelten Pas de Deux in Richtung Zukunft aufzulösen scheinen. Wer sein Herz an Handlungen hängt, die sich gängiger Logik beugen, den wird "Le premier venu" völlig ratlos lassen, denn dieser Film ist ein Spiel und ein Tanz, mit rein choreografischen und rein strategischen und insgesamt oft geradezu unerklärlichen Zügen. Mit zögerlichen, entschiedenen, rabiaten und zärtlichen Bewegungen vor und zurück und immer wieder seitwärts und manchmal, will es einem scheinen, auch im Kreis.

Weitere Figuren treten hinzu. Beinahe aus dem Nichts ein Polizist, Cyril (Guillaume Saurel), der dann jedenfalls der nicht wäre, der er scheint, wüsste oder erführe man, wer er ist. Gewiss ist er tatsächlich Polizist, ebenso gewiss entpuppt er sich aber etwas später im Tanz als Liebhaber der auch bald ins Spiel kommenden Vierten im Bunde, Gwendoline (Gwendoline Godquin), der einstigen Freundin von Costa, mit der dieser eine gemeinsame Tochter hat, Kim (Noemie Herbet). Die aber hat er nunmehr drei Jahre lang nicht gesehen. Ausgerechnet Camille, die alles arrangierende, die den ersten besten wählende und nach der Wahl sich zierende, die vom Polizisten Cyril in eindeutiger Absicht (als gäbe es dergleichen in diesem Film) verfolgte, die diesen Verfolgungen ein wenig, aber kaum einmal - doch einmal doch - mehr als nur dieses Wenige nachgebende Camille, ausgerechnet sie also setzt nun manches daran, Costa mit der Ex und der Tochter wieder zu versöhnen.

Das alles ist erst der Beginn. Weitere Figuren und Gegenstände kommen ins Spiel, als lägen sie von Anfang an, auf ihren Einsatz wartend, am Rand der Bühne bereit; als müsse Camille, die Regisseurin, der das Geschehen bald über den Kopf wächst, nur danach greifen. Costas Vater etwa, der eine merkwürdige Witzfigur ist. Ein Makler, dem Camille übel mitspielt, was er zweifellos nicht anders verdient. Eine Waffe, eine Taschenlampe, Plastikenten. Im Hintergrund, das muss man vielleicht auch wissen, liegt Doillons eigener Film "Le petit criminel" von 1990, in dem ein Cop und ein kleinkrimineller Teenager die Hauptrollen spielten - und den Kriminellen Marc spielte, wie nun den Costa, Gerald Thomassin. Dieser andere Film schwingt also als weitere Referenzebene zweifellos auch immer mit.

An einem Grundsachverhalt von "Just Anybody" ändert das aber nichts: Er schwebt über dem Nichts. Zum einen: Ja, er schwebt, eine wunderbar fluide Kamera (geführt von Helene Louvart) folgt den Bewegungen der Figuren mit einer geschmeidigen Mühelosigkeit, der nun als Zuschauer zu folgen ein großer Genuss ist. Und ja, er schwebt über dem Nichts. Nur zum Schein sind die Charaktere sozial situiert, Costa etwa am Rand der Gesellschaft, ganz ohne Geld. Vom Soziodram aber ist der Film, in dem Taten und Untaten seltsam konsequenzlos zu bleiben scheinen, Welten entfernt. Er scheint rein choreografisch-konstellativ zu denken, einerseits. Andererseits aber ist Doillon (Foto) - wie immer - vor allem daran interessiert, Menschen, denen er die vagabundierendsten Dialoge schreibt, sprechen zu sehen und innezuhalten im Sprechen und dann auch zu schweigen. Sie gehen zu sehen auf den Straßen, sie springen zu sehen über Hindernisse, sie einander umkreisen und küssen und mit einer Waffe bedrohen zu sehen.

Nicht der Sinn erdet, mit anderen Worten, diesen Film, der sich lustvoll verliert in der Welt, die er aus Worten, Bewegungen, Gesichtern herauferzählt, falls Erzählen hier überhaupt das richtige Wort ist. Worum es da nämlich geht, im einzelnen sowie im großen und ganzen, ist fast egal, die Geschehnisse in ihrer Unwahrscheinlichkeit sind nur Anlass für das, was in Wahrheit zählt: Eine Geste Costas, das Lächeln von Camille, das Schaufeln von Costas kleiner Tochter am Strand, während sie mit allem Ernst der Welt die Geschichte von dem Jungen berichtet, der ihr einen Brief schrieb und einer anderen nicht.
Ekkehard Knörer
Jacques Doillon: "Le Premier Venu - Just Anybody". Mit Clementine Beaugrand, Gerald Thomassin, Guillaume Saurrel, François Damiens, Jany Garachana. Frankreich, Belgien, 2008, 121 Minuten (Alle Termine)


Heillos verwickelt: Petri Kottwicas "Musta Jää" (Wettbewerb)

Die erste Szene ist wunderschön: Die Kamera schwenkt um 360 Grad durch die weite Landschaft und man sieht abgesehen von einer Radfahrerein nur Schnee soweit das Auge. Saara und Leon liegen zusammen im Bett, sie haben Sex, und weil es Saaras Geburtstag ist, holt Leon einen versteckten Strauß Rosen und seine Gitarre. Auf dem Bett herumtollend, singt er für sie ein Lied. Das ist so hübsch, so unkonventionell, so modern, dass man sich freut, endlich wieder einen finnischen Film zu sehen, der nicht von Aki Kaurismäki ist. Selbst die architektonische Moderne ist hier kein Schrecken, sondern eine ästhetische Glanzleistung: Man wohnt in einem Flachbau, dessen gesamtes Interieur aus dem Iittala-Shop zu kommen scheint. Aber natürlich ist auch in Finnland die Idylle trügerisch. Noch während Leo unter der Dusche steht, entdeckt Saara, dass er fremdgeht. Und "Musta jää" hat seine beste Szene gehabt. Alle Möglichkeiten hätten Petri Kotwica von hier aus offen gestanden, der Film hätte Ehedrama werden können, Krimi, Psychothriller oder Liebeskömodie - Kotwica entscheidet sich für nichts oder alles zusammen, was auf das Gleiche hinausläuft.



Es ist unmöglich, die Verwicklungen auch nur in Ansätzen nachzuzeichnen, die der Film nun nimmt. Saara, die Gynäkologin über 40, heftet sich an die 25-jährige Studentin Tuuli, mit der Saaras Mann Leo, ein Designer, eine Affäre hat - wie sich herausstellt, nicht die erste in seinem Leben. Mit jedem neuen Gefühl, das bei einer der beteiligten Personen aufwallt, schlägt der Film einen neuen Haken, Immer mehr Menschen werden in die unheilvollen Ereignisse verstrickt. Irgendwann begehrt und täuscht, braucht und benutzt, liebt und hasst jeder jeden.

Das hätte durchaus interessant sein können, wenn sich der Film für eine seiner Figuren wirklich interessieren würde. Tut er aber nicht. Er trumpft nur alle zehn Minuten mit einem neuen Einfall auf. Manchmal hat man den Eindruck, als hätte selbst der Regisseur den Faden verloren: Leo stirbt, ohne dass wir es erfahren. Aber bis zu diesem Moment braucht der Film nicht, um seine Zuschauer zu verlieren. Als Tuuli, inzwischen schwanger, die Treppe runterstürzt und sehr dramatisch Blut aus ihrem Kopf rinnt - die Streicher jaulen dazu zum Erbarmen - gibt es nur noch großes Gelächter.
Thekla Dannenberg
Petri Kotwica"Musta Jää - Black Ice". Mit Outi Mäenpää, Ria Kataja, Ville Virtanen, Martti Suosala, Sara Paavolainen. Finnland, Deutschland 2007, 100 Minuten (Alle Termine)


Brennt lichterloh: Paul Thomas Andersons "There will be blood" (Wettbewerb)

Es fällt nicht gleich auf, aber schließt man während dieses 158-Minuten-Epos für einen kurzen Moment die Augen - was aufgrund der Bilder nicht unbedingt einfach ist - dann wird es offensichtlich. Der Zuschauer sieht nicht nur ölverschmierte Hände, staubbedeckte Stiefel, schweißnasse Schläfen und den Speichel, der aus dem Mundwinkel des Ölbarons Daniel Plainview (Daniel Day Lewis) tropft, sondern er hört es auch. Das ist nicht immer angenehm, vor allem bei letzterem. Aber es nimmt einen mit in ein großes Hörspiel, in dem der Ölschlamm schmatzt, das Bohrgestänge qietscht, die Dampflok hämmert oder eine Spitzhacke ins Erdreich fährt, um ein schnelles Grab auszuheben.Und ist tatsächlich einmal Stille - die spärlich eingesetzte und schön schrille Sirenenmusik von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood ausgenommen - dann gibt es immer noch den Wind, dort draußen im öden Kalifornien der Jahrhundertwende.

Womit wir beim zweiten wichtigen Element von "There will be blood" sind. Die Landschaft, die auf der Oberfläche nichts zu bieten hat als Sand, Felsen und ein paar dornige Büsche. In ihr überlebt nur, wer nach außen hin hart und stachlig ist, wer keine Schwäche zeigt und keine Schwäche zulässt.

Daniel Plainviews große Schwäche ist die Familie, die er nicht hat. Sein Ziehsohn ist nur dazu da, um die Farmer einzulullen und sie zum Verkauf ihres Lands zu überreden. Plainview wird ihn verraten, wenn er nicht mehr nützlich ist. Die fehlende Verankerung in der Familie macht Plainview zunächst zu einem leidenschaftlichen Entrepreneur, zu einem effektiven wie ruchlosen Unternehmer und schließlich zu einem freien Radikalen, zu einem Wahnsinnigen. Er, der nichts zu verlieren hat, kann sich ganz aufs Gewinnen und den Gewinn konzentrieren.

Als es dann aber irgendwann einmal nicht weitergeht, als Plainview alles erreicht hat, was er erreichen konnte, da läuft er heiß. Wie einer seiner Bohrer, die nicht weiterkommen, die hohl drehen. Am Anfang gab es keine Familie, und am Ende gibt es auch keine. Ohne dieses Gegengewicht wird der Mensch hinter dem Öltycoon von der eigenen Energie aufgefressen, er brennt lichterloh wie die Ölquelle, in der sein Sohn umgekommen ist.

Plainview mag das Widerlager fehlen, Widersacher allerdings hat er genug. Natürlich andere Ölunternehmer, die alle im Wilden Westen des kalifornischen Ölrausches ihr Glück suchen. Die größte Bedrohung für Geschäft und damit die Existenz kommt aber von einem Unternehmer, der auf anderem Gebiet brilliert. Eli Sunday ist der Anführer einer wachsenden Erweckungsgemeinde und ein begabter Seelenfischer. Er will einen Anteil am Reichtum, für ihn und seine Gemeinde. Doch Plainview ist nicht so groß geworden, weil er mit anderen teilt. Der Konflikt zwischen Tycoon und Prediger wird zum Mahlstrom, dem Paul Thomas Anderson seinen Film willig überlässt.

Drei Tipps zur Sehpraxis. Erstens unbedingt eine große Leinwand. Zweitens gute Lautsprecher. Das Rumpeln der Bässe, wenn das Öl sich seinen Weg durch den Felsen bahnt, ist ein Erlebnis für den ganzen Körper. Drittens: Schauen Sie sich den Film hungrig an, wenn es geht. Dann versteht man zwar als durchschnittlicher Lohnempfänger auch nicht besser, warum Plainview wirklich nie aufgibt. Aber man spürt, wie es sich anfühlt, wenn etwas ständig in einem nagt.
Christoph Mayerl
Paul Thomas Anderson: "There Will Be Blood". Mit Daniel Day-Lewis, Paul Dano, Kevin J.O'Connor, Ciaran Hinds, Dillon Freasier. USA 2007, 158 Minuten. (Alle Termine)


Tristesse pekinese: Wang Xiaoshuais "Zuo You" (Wettbewerb)

Prag, Paris oder Peking, die Welt wird kleiner, oder flacher. Wang Xiaoshuais Geschichte um zwei Paare, die durch eine Beziehung in der Vergangenheit und eine Krankheit in der Gegenwart gegeneinander gerieben und beinahe zerrieben werden, könnte, mit in der Postproduktion tief heruntergezogenem Farbsättigungsregler, überall auf der Welt spielen, wo es gesichtslose Appartmentblöcke und verlorene Menschen gibt.

Tristesse pekinese also, oder irgendwo in einer in den vergangenen zehn Jahren aus dem Boden gestampften Stadt Chinas. Mei Zhu und Xiao Lu waren einmal ein Paar, haben sich getrennt und beide neue Partner gefunden. Ihre gemeinsame Tochter Hehe ist nun an Leukämie erkrankt. Ein Knochenmarkspender muss her, und da beide Eltern nicht taugen, wäre ein leibliches Geschwisterlein die nächstbeste Chance. Also? Ja, die beiden Expartner müssen ein Kind zeugen, um Hehe zu retten. Die Verwicklungen, die das aufwirft, sind das Thema in der zweiten Hälfte des Films.

Das klingt nach Seminar und ist es leider auch. Wir lernen kennen: den larmoyanten Workaholic Lu, seine neue, schöne und traurige Frau, den braven und übermenschlich verständnisvollen Lu Nummer zwei und die eisenharte Zhu. Si will ihr Kind retten und würde dafür sowohl ihre neue Beziehung als auch das Liebesglücks ihres Exmanns aufs Spiel setzen. Man weiß leider von Beginn an, dass sie ihren Willen bekommen wird. Alle anderen haben sich zu fügen.

Das tun sie mit vielen Stoßseufzern, viel Schweigen und noch mehr Zigaretten. Aber am Ende willigen alle ein, Lu eins und zwei und auch Lus neue Frau, und alles scheint gut werden zu können. Was wir gelernt haben? Das auch Chinesen sehr sehr traurig sein können. In Paris oder Prag würden sie nicht weiter auffallen. Die Kinowelt wird kleiner. Oder flacher.
Christoph Mayerl
Wang Xiaoshuai: "Zuo You - In Love We Trust". Mit Liu Weiwei, Zhang Jiayu, Yu Nan, Cheng Kaisheng, Zhang Chuqian. Volksrepublik China, 2007, 115 Minuten. (Alle Termine)