Außer Atem

Berlinale 1. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl
08.02.2008. Natalie Assouline (Foto) zeigt einen Dokumentarfilm über palästinensische "Brides of Allah". In Aditya Assarats "Wonderful Town" steckt der Welkino-Wurm. Der Blick der anderen ist der wahre Fluch: Audrey Estrougos "Regarde-moi". Zahlt Jaggers Mittagessen: Martin Scorseses Dokumentarfilm "shine a Light". Zeigt seine Heimatstadt als Fantasiegespinst: Guy Maddins Forumsfilm "My Winnipeg". Song-and-Dance-Exzesse mit Badminton-Spiel und Piratenkostüm: Farah Khans "Om Shanti Om" (Berlinale Special).
Nase voll: Natalie Assoulines Dokumentarfilm "Shahida - Brides of Allah" (Forum)

Eigentlich ist die Anlage dieses Dokumentarfilms eine Blaupause fürs Scheitern. Die israelische Regisseurin Natalie Assouline besucht und befragt über zwei Jahre hinweg palästinensische Frauen, die Selbstmordattentate planten oder selbst durchführen wollten. Für viele sollte der einzige freiwillige Kontakt mit Juden der kurze Moment vor dem Zünden der Bombe sein, und jetzt sind sie Gefangene des Feindes und haben jeden Tag mit israelischen Wärtern zu tun. Eine unwürdige Situation, für die meisten ein Beweis des eigenen Scheiterns. Und dann kommt noch eine israelische Regisseurin, um sie zu filmen und auszufragen.

Das misslingt natürlich. Aber nur wenn man den Akzent aufs Ausfragen setzt. Die Frauen lassen sich kaum aus der Reserve locken, sie reden viel von "Vaterland", von "Dschihad" und von der Notwendigkeit, Israel von der Landkarte zu tilgen. Warum eine Mutter von vier Kindern sich also eines Tages entschließt, einen "Märtyrer" nach Jerusalem zu fahren, der an eben diesem Tag eine schwangere israelische Frau mit sich in den Tod reißen wird, das bleibt hinter all den Parolen verborgen. Zwischen Kamera und Interviewten stellt sich nie so etwas wie Vertrauen ein, jede Seite ist sich der Gesprächssituation immer bewusst.

"Was hast Du ihr erzählt?", fragt eine der Frauen eine Insassin, die gerade mit Assouline geredet hat. "Ach, den üblichen Interview-Kram", sagt die, bemerkt aber nicht, dass Assouline sie mit der Kamera noch weiter verfolgt. Die Regisseurin thematisiert also diese Doppelbödigkeit. Und zeigt damit die tiefen Gräben, die zwischen Israelis und Palästinensern klaffen. Die immer wieder gestellte Frage nach dem "Warum" wird nie schlüssig beantwortet, aber gerade das beantwortet viel: es zeigt die tief widersprüchliche Verfassung der Frauen und ihre Wut - über die politischen Verhältnisse, aber auch die restriktive Stellung der Frau in der palästinensischen Gesellschaft. Allah ist oft nur ein Ausweg aus den katastrophalen Verhältnissen in Ehe und Familie, wie eine Insassin vermutet, die einzige, die kein Kopftuch trägt. Sie ist eine Außenseiterin, da sie sich keiner der Organisationen anschließen will. Denn neutral kann gerade im Gefängnis keiner bleiben. Spätestens hier muss man die Gretchenfrage zu Hamas und PLO beantworten. Das geht so weit, dass eine Mutter ihrem Neugeborenen von Märtyrern vorsingt oder der feste Schlaf des Kinds als Bombenfestigkeit gepriesen wird.

Assouline interessiert sich vor allem für die Mütter, weil hier der Widerspruch zwischen Todeswunsch und Lebensspenderin am deutlichsten wird. Und so sieht man in Israel als "Terroristinnen" gebrandmarkte Frauen begeistert Strampelanzüge hochhalten, während sie kurz danach mit einem mädchenhaften Lächeln erklären, dass das mit der Hamas und dem Bombenattentat eben einfach so passiert ist. Unheimlich, es gibt keine Antworten, keine Lösung. Nur Frust, tödlichen Frust. Wafa, deren Haut bei einem Unfall in ihrer Küche zu einem Großteil verbrannt ist und die von einem israelischen Doktor behandelt wurde, machte sich gleich danach auf, eben dieses Krankenhaus in die Luft zu sprengen.

"Kann ich ihr sagen, dass ich einfach die Nase voll hatte, und das war's dann halt?"
Christoph Mayerl
Natalie Assouline: "Shahida - Brides of Allah". Israel, 2008, 76 Minuten. (Alle Termine)


Weltkino-Wurm: Aditya Assarats "Wonderful Town" (Forum)

Takua Pa, eine kleine Stadt im Süden Thailands nach dem Tsunami. Die Landschaft ist wunderschön und die Bilder des Films von der Landschaft in tableauartigen, elegischen, furchtbar geschmackvollen Einstellungen sind es auch. Die Seelen aber der Menschen, die hier überlebt haben, sind verwundet, wenn nicht verwüstet. 8.000 Menschen sind gestorben und als Geister gehen sie, denkt man angesichts der katatonischen Langsamkeit, mit der hier alles geschieht, in der schönen Landschaft und in den schönen Bildern von der schönen Landschaft noch um.

Ein Mann aus der Stadt kommt hier an, es ist der Architekt Ton (Supphasit Kansen). Auch er hat eine verwundete Seele, aber das erfahren wir erst viel später. Zunächst einmal steigt er in einem kleinen, etwas heruntergekommenen Hotel ab, das nach dem Tod ihrer Eltern die in der Großstadt erzogene Na (Anchalee Saisoontorn) leitet. Die beiden sind, daraus macht der Film in seinen immer noch furchtbar geschmackvollen Einstellungen kein Geheimnis, dazu bestimmt, einander näher, ja, sogar nahe zu kommen. Vorher steht Ton noch nackt auf dem Klo und pinkelt, während Na vor der Tür steht und lauscht. Ton singt unter der Dusche, ohnehin zitiert er immerzu irgendwelche Schlagerzeilen. Er war früher, in der Großstadt, Sänger in einer Kneipe.

In "Wonderful Town", Aditya Assarats Spielfilmdebüt, das wunderschön anzusehen ist, steckt der Wurm. Es ist der Wurm der ausgestellten Melancholie und der Gratis-Elegie. Es ist der Wurm einer ganz bestimmten Sorte von Fertigbau-Exquisitkomposition. "Wonderful Town" spricht die Sprache des internationalen Weltkino-Festivalfilms: klug komponierte, lange eher als kurze, starre eher als bewegte Einstellungen. Liebe zur Halbdistanz, Liebe zu dem, was zwischen den Blick und die Figuren tritt. (Wäsche an der Leine, Fenster, Zäune). Wenig wird gesprochen, und wenn, dann recht tonlos. Viel wird geschwiegen, das aber bedeutungsvoll.

Dieses in den vertrauten Fragmenten der Sprache der Weltkinogegenwart gefilmte Debüt ist, weil Assarat diese Sprache von Anfang an so formvollendet spricht, Bild für Bild befallen von einem weiteren Wurm, nämlich dem der Selbstparodie. Es muss gar nicht erst der böse Bruder ins Spiel kommen, es muss gar nicht erst die Melancholie in furchtbar geschmackvoll gefilmte Mordlust umschlagen. Es muss gar nicht erst die Vorgeschichte des Architekten Ton mit der verwundeten Seele ganz schrecklich dezent angedeutet werden. Es muss das alles gar nicht passieren, denn im Grunde ist alles von Anfang an klar.

Nein, in diesem Film steckt der Weltkino-Wurm und in Rotterdam, wo er gerade auch schon lief, hat die Jury das sofort erkannt und "Wonderful Town" einen der Festival-Hauptpreise verliehen. Die schriftliche Begründung passt dazu wie die Faust aufs Auge: Jury-Präsident Jafar Panahi lobte Aditya Assarats "unkonventionelle Herangehensweise". Das ist nun dermaßen falsch, dass es schon wieder richtig ist.
Ekkehard Knörer
Aditya Assarat: "Wonderful Town". Mit Anchalee Saisoontorn, Supphasit Kansen, Dul Yaambunying, Sorawit Poolsawat, Prateep Hanudomlap, Chatchai Sae-bae, Piyanut Pakdeechat, Noppong Sae-aong, Aroon Uisakul. Thailand, 2007, 92 Minuten. (Alle Termine)


Der Blick der anderen ist der wahre Fluch: Audrey Estrougos "Regarde-moi" (Forum)

Als Jo und Yannick sich alleine wähnen, spät in der Nacht auf dem Spielplatz inmitten der Wohnkästen der Cite der Pariser Vorstadt Colombes, da werden sie für wenige Sekunden wieder zu Kindern. Sie spielen ein altes Spiel und offenbaren eine unschuldige Seite, die tagsüber verborgen bleiben muss. Doch gleich zwei Augenpaare sind auf sie geheftet. Zwei Mädchen, die Jo begehren, gucken den beiden Jungs zu. Der Moment, der da unten im Sandkasten aufflackert, erlischt gleich wieder, und der Zuschauer ahnt, dass Unschuld hier wenig Chancen hat.

Die kleine Szene wird von Audrey Estrougo fast beiläufig in ihr Spielfilmdebüt "Regarde-moi" eingebaut, und doch ist hier alles en miniature enthalten, was die 24-jährige Regisseurin erzählen will. Zunächst vom Leben in den Projects, den als Mustersiedlungen geplanten Sozialhöllen der französischen Vorstadt, in die Estrougo mit 13 Jahren selbst gezogen ist. Vielleicht ist die eigene Erfahrung der Grund, warum ihr Blick auf einen jener gefürchteten sozialen Brennpunkte so unaufgeregt ist, warum er weder dem spektakulären Geknatter der Maschinenpistolen noch den großen Augen benachteiligter, aber süßer Kinder huldigt.

Derart unabgelenkt schafft Estrougo es, schärfer hinzusehen auf das engmaschige soziale Netz, das alle Protagonisten hält und fesselt. Allein ist man selten, was zählt, ist der Blick der anderen. Viel mehr als seinen Ruf hat man nicht in einer Gegend, in der Arbeit unbekannt und die Perspektiven eng sind. So wird der Ruf zur einzigen Valuta des Lebens, deren Wert man aktiv verbessern kann. Die beiden anderen Koordinaten sind Hautfarbe und Geschlecht. Zwischen diesen drei Punkten bewegt sich das Leben. Jede Übertretung der Grenzen wird geahndet.

Estrougo illustriert das mal brutal, wenn Jos Freundin zusammengeschlagen wird, weil sie schwarz ist und er weiß, und mal komisch. "Sag, dass Du mich liebst", fordert ein Mädchen von ihrem Möchtegern-Liebhaber. Das ist schwierig für ihn. Denn draußen ist Liebe eine Schwäche und so fragt er erstmal vorsichtig. "Wenn ich es sage, erzählst Du das den anderen?"

Die Innen- und Außendarstellung darf nicht vermischt, die Grenzen jedweder Art müssen respektiert werden. Die Siedlung erscheint als System, das ihr inneres Gleichgewicht bewahren will. Der Kontakt zur Außenwelt ist abgeschnitten, der Übertritt in das andere Frankreich oder gar Europa unmöglich. Die Kamera unterstützt das beengende Gefühl, sie verlässt nie die Halbtotale. Und überall lässt Estrougo Grenzen und Begrenzungen filmen, die es in Colombes tatsächlich zuhauf gibt. Engmaschige Gitter vor Spielplätzen, zerkratzte Geländer an Treppenaufgängen, mannshohe Eisentore in Durchfahrten.

Der Blick der anderen aber ist der wahre Fluch, und Estrougo verdeutlicht ihn durch einen Kniff, der tatsächlich einmal sinnig eingesetzt wird. Die zweite Hälfte des Films wiederholt die Szenen des ersten Teils noch einmal, diesmal aus der Perspektive der Mädchen. Das ist flüssig inszeniert, und wirkt doch nicht glatt. Die Balance zwischen authentischer Tristesse und inszenierter Unterhaltung ist das Geheimnis dieses Debüts, und es ist erstaunlich, dass die junge Regisseurin das schon beherrscht. Der brave, ja fast heilige Jo, der den Ausstieg und Aufstieg schafft, ist der Silberstreif am Horizont, den die anderen Bewohner der Cite ebenso brauchen wie das Publikum. Estrougo hat niemanden verraten müssen. Und dazu noch gut unterhalten.
Christoph Mayerl
Audrey Estrougo: "Regarde-moi" (Trailer). Mit Emilie de Preissac, Terry Nimajimbe, Paco Boublard, Salome Stevenin. Frankreich 2007, 97 Minuten (Alle Termine)


Zahlt Jaggers Mittagessen: Martin Scorseses Rolling-Stones-Film "Shine A Light" (Wettbewerb)

Die Stadt haben die Rolling Stones nicht lahm gelegt, sie haben auch nicht ihr Hotelzimmer zertrümmert, aber mit ihrem Auftritt zur Eröffnung der Berlinale haben sie Festivalchef Dieter Kosslick geradezu einen Kickstart beschert. Selbst wen die Band nach vierzig Jahren nicht mehr hinterm Ofen hervorlocken kann, musste der Premiere von Martin Scorseses Konzertfilm "Shine A Light" entgegenfiebern, damit endlich die zahlreichen sound-alike-contests im Radio ein Ende nähmen. Schon mittags belagerten Fans den Wettbewerbspalast, auf der Pressekonferenz konnten sich die schreibenden Journalisten nur im harten Kampf gegen die schwerbestückten Kameraleute einen Platz ergattern. Aber auch nur vor einem Übertragungsfernseher. Man muss sagen, dass Scorsese definitiv nicht so verlebt aussieht wie Mick Jagger, Keith Richard, Charlie Watts oder Ronnie Wood. Ihm haben sich keine Drogenexzesse ins Gesicht geschrieben. Scorsese hat schon vor vierzig bei Konzerten der Rolling Stones "beschwingt mit dem Schuh gewippt", wie er im Interview mit der Welt sagte. "Es war für mich wie ein Elixier der Jugend, diesen Film zu machen", sagt er. Keith Richards grinst: "Ja, wir haben uns während des Films auch mehrmals verjüngt."



Seit vierzig Jahren hat er diesen Film drehen wollen, sagt Scorsese, schon als er die Stones das erste Mal gehört hat. Und man fragt sich, wieso er es nicht längst getan hat, zum Beispiel als die Stones noch eine richtig gute Band waren und nicht nur Fossilien ihrer selbst. Wieviel Gelegenheiten hat er verpasst! Wieviele Konzerte, in denen Mick Jagger das Publikum nicht nur unterhielt, sondern unter Starkstrom setzte. Bei denen die Stones ein Stadion zerlegten oder zu bekifft waren, um mitzubekommen, dass die Hells Angels gerade einen ihrer Fan totprügelten. Wozu dieser Film, wird auch Mick Jagger gefragt: "It pays for lunch", antwortet der hundertfache Millionär.

Konzertfilme leben vom Unvorhergesehenen oder vom besonderen Moment. Die Maysles Brüder wollten mit ihrem Stones-Film "Gimme Shelter" von einer erfolgreichen US-Tournee berichten, sie endete in Altamont im Desaster. Mit seinem "The Last Waltz" über das letzte Konzert von The Band hat Scorsese immerhin die Band auf ihrem absoluten Höhepunkt erwischt. In "Shine A Light" erleben wir einen höchst exklusiven Gig, die Stones spielen zum sechzigsten Geburtstag von Bill Clinton im New Yorker Beacon Theater 2006. Rote Samtstore umgeben die Bühne, auf der eine goldene Zierwand im Stil einer Turandot-Aufführung prangt. Man glaubt sich in Wien vor Eröffnung einer Walzernacht, so gediegen ist das Ambiente, aber der Film bemüht sich nach Kräften, mit seinen verwackelten, grobkörnigen Schwarzweiß-Bildern, Backstage-Atmosphäre zu erzeugen. Man nimmt ihm allerdings keine Sekunde lang ab, dass es hier wirklich ein Problem mit der Playlist oder dem Bühnaufbau geben könnte, schließlich arbeiten hier zwei Profi-Konzerne miteinander. Dann versammelt sich auch schon die honorable Gästeschar. Vaclav Havel ist da, Aleksander Kwasniewski, Hillary und Chelsea. Können wir anfangen? Nein, Hillarys Mama fehlt noch!

Schließlich ist Oma auch da, sind die Kameras in Position, und es kann losgehen - "Let?s rock", sagt der junggebliebene Stones-Fans dann ja gern: Jumping Jack Flash, Honky Tonk Women, Brown Sugar, Satisfaction. Alles dabei. Ein wenig widerwillig spielen die Stones auch auf Scorseses Wunsch As Tears Go By. Jack White und Christina Aguilera treten auf, und Buddy Guy lässt mit seinen siebzig Jahren und zwei Gitarrenriffs die Stones bei "Champagne & Reefer" wie blutige Anfänger aussehen. So kleinlaut hat man Keith Richards den Blues selten spielen gehört. Sechzehn Kameras verfolgen das Spektakel auf der Bühne. Ihre Choreografie schnurrt genauso reibungslos wie die auf der Bühne und liefert bewundernde Bilder von Keith Richards? faltigem Reptiliengesicht und seinen knotigen Händen, vom greisenhaften Charlie Watts, dem schon nach der Hälfte des Konzerts die Puste auszugehen droht. Und natürlich von Mick Jagger, der tanzt und rennt und schreit und eine Freude anzusehen ist. Spontane Momente gibt es nicht, jedes Duett ist hundertmal gesungen, jede Pose tausendfach geübt und auch aus dem gehobenen Publikum ist keine Gefahr zu befürchten. Nur einmal werden Mick Jagger die gleißenden Scheinwerfer zu heiß und er schreit: "Diese Lichter verbrennen mir langsam den Arsch!".
Thekla Dannenberg
"Shine A Light". Regie: Martin Scorsese. Mit Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts. USA 2008, 122 Minuten (Alle Termine)


Böses, unvernünftiges "meins, meins, meins": Guy Maddins "My Winnipeg" (Forum)

Raus aus Winnipeg, weg von Winnipeg: das ist Beginn und, wie's nur scheint, auch Grundmotiv von Guy Maddins Film. In Wahrheit aber wollen der Film und die Stimme, die ihn erzählt (Guy Maddins Stimme) nirgendwohin als zurück in ein Winnipeg, aus dem sie nie entkommen sind, aus dem sie nie entkommen wollten. Maddin setzt sich, dargestellt von einem anderen, in einen Zug, in der aus seinen anderen Filmen vertrauten Mimikry ans Stummfilm-Schwarzweiß, und dieser Zug wird den ganzen Film lang nicht aufhören zu fahren. Aber auch der Zug, der davonfährt aus Winnipeg, kreist nur und kreist um ein Winnipeg, das er nicht verlässt und verlassen will und verlassen kann.

Das wahre Grundmotiv des Films ist also ein Kreisen, ein Zurückkommen auf etwas, das, in Wirklichkeit, nie aus den Augen verloren gewesen scheint. Die Kindheit, Guy Maddins Kindheit, seine Familie, das Haus seiner Familie, aufgerufen stets mit denselben Bildern, stets mit denselben Worten (house, white, chunk) und keiner, der nicht das wirkliche Winnipeg kennt (falls es wirklich ein Winnipeg gibt), weiß, was Wahrheit ist, was Erfindung, was Lüge, was Ausschmückung, was Legende, was Dokumentation, was Fabulation in diesem Film, der mit dem besitzanzeigenden Fürwort - My Winnipeg - kein Schindluder treibt.

My Winnipeg ist die Stadt als Fantasiegespinst und der Film lagert, schwarz-weiß die allermeiste Zeit, Erinnerungen und Erfindungen schwer unterscheidbar, auf Unterscheidbarkeit auch gar nicht hoffend oder zielend, übereinander. Du kannst aus Winnipeg rauskommen, aber Winnipeg kriegst du nie aus dir raus. Und du musst gar nicht erst anfangen, deine Wünsche und deine Erinnerungen, das tatsächlich Geschehene und das Befürchtete und das Ausgedachte auseinander zu sortieren. Die Vergangenheit, durch ein Ich gefiltert, wird umgeordnet in einem Kreisen und Zurückkommen, das keine Wünsche offen lässt.

Höhepunkt des Erinnerungsfilms: Die Urszene einer Familienaufstellung als Re-Enactment. Im alten Haus (house, white, chunk) lässt Maddin, der Regisseur seiner Vergangenheit, das alte Wohnzimmer nachstellen, die Mitglieder seiner Familie. Der Chihuahua ist durch einen Mops ersetzt, die Nachbarin aus der Gegenwart wird, weil sie nicht verschwinden will, ins Re-Enactment miteingebaut. Und im Zentrum, der Familie und auch des Films: Ann Savage, unsterblich durch eine einzige Rolle, die Femme Fatale in Edgar Ulmers "Detour". Ann Savage präsidiert, als Mutter, über die Erinnerungen des filmpoeta doctus Guy Maddin, der sich ihr und in ihr der Filmgeschichte als wahrer, nichtsdestoweniger furchterregender Mutter und in der Filmgeschichte mit voller Absicht natürlich einer Singularität wie "Detour" adoptiert hat.

"My Winnipeg" ist nostalgisch, aber weiß um die Absurdität der Nostalgie. Und ein paar Mal verlässt Maddin seinen distanzierenden Schwarz-Weiß-Modus und schaltet um auf echtfarbige Empörung. Wenn sie abreißen, was er liebt, wenn sie - gar an der Stelle des Geliebten - etwas bauen, das er hasst, dann weicht für Momente der mitunter allzu watteweiche Dampf der kreisenden Erinnerungslok und macht einem bösen Blick und bösen Worten Platz. Für Augenblicke wird dann ein zorniges Ich sichtbar, das sich dem Realitätsprinzip einer Welt, die nicht nach seinen Regeln spielt, nicht gehorchen will. Aus dem zärtlich-nostalgischen "My Winnipeg" wird dann ein böses, unvernünftiges "meins, meins, meins". Diese narzisstisch ausagierte Einsicht in die narzisstische Kränkung, die die Welt noch einem jeden Ich angetan hat, indem sie nicht macht, was es will, ist zuletzt wohl die tiefste und kein bisschen flauschige Wahrheit dieses Films.
Ekkehard Knörer
Guy Maddin: "My Winnipeg". Mit Ann Savage, Louis Negin, Darcy Fehr, Amy Stewart. Kanada 2007. 79 Minuten. (Alle Termine)


Song-and-Dance-Exzesse mit Badminton-Spiel und Piratenkostüm: Farah Khans "Om Shanti Om" (Berlinale Special)

Bollywood goes ... Bollywood. Im Quadrat. Nein, hoch zehn. "Om Shanti Om" ist kunterbunt-anspielungswütiges Meta- und Zitatkino, wie man es in dieser Konsequenz aus Indien noch nicht kannte. Es beginnt schon mit dem Titel, der eigentlich von einem Film im Film stammt, der in der ersten Hälfte von "Om Shanti Om"gedreht werden soll, aufgrund schicksalsschwerer Höchstschwierigkeiten (Liebesintrigen, Großbrand, Geldgier) aber nicht gedreht werden kann. In der zweiten Hälfte dann soll er ein weiteres Mal entstehen, was aber nur ein Vorwand ist, um einen Mörder seiner mutmaßlichen Mordtat zu überführen. Das funktioniert ganz ähnlich wie das Theaterstück, das Hamlet bei Shakespeare König Claudius vorführen lässt. Nur kommt es hier nicht zum Aufruf und Einsatz von Geistern: Des Schurken böse Taten rächen hier der Opfer Reinkarnaten.

So weit der Plot, um den es aber nicht in erster Linie geht. Auf den ersten Blick will der zweite Film von Bollywoods größter Tanz-Choreografin, Farah Khan, nämlich vor allem eins sein: Hommage an das indische Kommerzkino der siebziger Jahre. Das sagt "Om Shanti Om" auch selbst. Zu sehen sind, recht früh im Film, Dreharbeiten, bei denen der Protagonist des ersten Teils, Om Prakesh (Sha Rukh Khan) erst nur als Statist durch den Bildhintergrund läuft, dann aber die weibliche Hauptfigur aus dem Feuer rettet wie einst Sunil Dutt bei den Dreharbeiten zu "Mother India" die schöne Nargis. (Das nur nebenbei.) Bei diesen Dreharbeiten gibt der schurkische Produzent dem allzu ambitionierten Regisseur, der die Namen der Regie-Titanen Bimal Roy, Guru Dutt und Satyajit Ray im Munde führt, kurz angebunden seine wahren Wünsche zu verstehen: Manmohan Desai. Der war durchaus auch ein Genie, wenngleich anderen Formats, der Regisseur so hirnverbrannter 70er-Jahre- Nonsense-Meisterwerke wie "Amar Akbar Anthony", in dem Amitabh Bachchan einmal aus einem Osterei schlüpft und dann mehrfach folgende berühmten Zeilen sprechsingt: "You know the whole country of the system is juxtapositioned by the hemoglobin in the atmosphere because you are a sophisticated rhetorician intoxicated by the exuberance of your own verbosity." (Das nur nebenbei.)

Mit dem Wunsch zur imitatio Desai erteilt sich der Film die Lizenz zum durch keine Logik, keine Dramaturgie, keinen Sinn eingeschränkten Allerlei aus Romanze, digitaler Feuersbrunst, Song-and-Dance-Exzessen mit Badminton-Spiel (toll!) und Piraten-Kostüm. Es gibt einen an den Haaren herbeigezogenen Romanzenplot - Underdog begehrt Superstar -, es gibt die üblichen Shah-Rukh-Khan-Kaspereien, all das bleibt im wesentlichen jedoch Zitat. Noch selbstreferenzieller geht es zu im zweiten Teil (jetzt in der Gegenwart), in dem auf der Plotebene, die nun noch einmal egaler ist, im wesentlichen reinkarniert und Rache geübt wird. Ohne wirklichen Zusammenhang eingestreut finden sich ein megastarbestückter Filmfare-Award-Auftritt (das indische Äquivalent zur Oscar-Verleihung) mit wirklich komischen Selbstparodien der Stars Akshay Kumar und Abishek Bachchan. Hinterdrein gibt es, mit noch weniger Zusammenhang, ein Song-and-Dance-Schaulaufen von nicht weniger als 31 Stars vor allem des aktuellen Bollywood-Kinos. Am Ende fällt, das ist dann wohl ein "Phantom der Oper"-Zitat, ein Lüster von der Decke und dem Bösen auf den Kopf.

Macht das alles Spaß? Gelegentlich. Farah Khan, der einzige weibliche Regie-Superstar des indischen Kinos, hat schon als Nur-Choreografin mit einer Mischung aus perfekter Inszenierung und immer etwas zu großer Aerobic-Nähe ihrer Tanzszenen irritiert. In ihren beiden Filmen als Regisseurin, dem ziemlich unerträglichen "Main Hoon Na" und dem gelungeneren "Om Shanti Om", überträgt sich das auf den Film als ganzen. "Om Shanti Om" zerfällt in professionell auf Hochglanz polierte, mitunter auch wirklich hinreißende Einzelteile, die Regie und Schnitt dann mit dem Feingefühl eines Holzhackers zu monströsen Gebilden zusammenmontieren, bei denen das eine nicht zum anderen passt. Und anders als den nicht zuletzt sehr viel dilettantischer und schon deshalb charmanter zu Werke gehenden 70er-Jahre-Meistern wie Manmohan Desai gelingt es Farah Khan nicht, aus dem Nicht-Zusammenpassen der Einzelteile wiederum eine Kunst zu machen.
Ekkehard Knörer
Farah Khan: "Om Shanti Om". Mit Shah Rukh Khan, Deepika Padukone, Shreyas Talpade, Arjun Rampal. Indien, Großbritannien, 2007, 168 Minuten. (Alle Termine)