Außer Atem

Berlinale 8. Tag

Von Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl, Anja Seeliger
16.02.2007. Jiri Menzels "Ich habe den englischen König bedient" nötigt uns, die Welt mit den Augen eines geldgierigen, sexistischen Narren zu sehen. Mit "Brand Upon the Brain" serviert Guy Maddins Gehirnnektar. In Jacques Rivettes Wettbewerbsfilm "Die Herzogin von Langeais" belagern sich Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu fürsorglich in einem Krieg um Liebe. In Gregory Navas "Bordertown" ist Jennifer Lopez echt betroffen. In David Ondiceks "Grandhotel" gibt's die schönste Liebeserklärung des Festivals.
Eine Liste aller besprochenen Filme finden Sie hier:
Ein Narr vor dem Herrn: Jiri Menzels "Ich habe den englischen König bedient" (Wettbewerb)

Der Schelm im Schelmenroman ist weniger eine Figur als eine Perspektive. Er rückt die Welt in seinem Blick zurecht. Durch die Unangemessenheit dieses Blicks steht sie anders dar und etwas wird sichtbar, das anders nicht sichtbar wird. Die Perspektive des Schelmenromans ist also eine Entlarvungsstrategie, die auf verschiedene Weise funktionieren kann: Entweder ist der Schelm einer, der die Dinge sieht, wie sie sind und damit für den Betrachter innerhalb eines miterzählten Verblendungszusammenhangs Kenntlichkeit herstellt. Oder er ist einer, der in der Wirklichkeit steht als einer, der nichts begreift, und in seinem verquer falschen Blick werden als Umkehrschluss Wahrheiten sichtbar.

Jiri Menzels Verfilmung von Bohumil Hrabals Roman "Ich habe den englischen König bedient" wählt gewiss nicht den ersten Weg. Ihr Held Jan Ditie (Ivan Barnev) ist ein Narr vor dem Herrn, der die primitivsten Instinkte der Welt ahnungslos teilt. Er ist geldgierig wie all jene, die er ums Geld bringen will. Sein Blick auf die Frauen ist nicht weniger lüstern als der der alten Herrn, die er bedient. Indem er ihn zum Helden macht, teilt der Film die fatal arglose Dienstbotenperspektive des kleinen Jan, dessen Nachname auf Deutsch auch noch "Kind" heißt.

Das Problem, das der Film sich dadurch einhandelt, dass sein Blick auf die Welt mit dem dieses Narren zur Deckung kommt, liegt auf der Hand: Er verliert die Möglichkeit, merkliche Distanz zu halten zu dem, was er zeigt. Jiri Menzel filmt die Figur wie einen üblichen Helden, der er nicht ist. Es kommt dazu: Nie gehen die Scherze auf Kosten dieses alles andere als unschuldigen Toren. Konkreter gesagt heißt das: Der Blick auf die Frauen ist sexistisch und die törichte Schlitzorigkeit des Jan Ditie ist die Perspektive, mit der der Film sich nach allen Regeln der Publikumslenkungskunst solidarisiert. Nicht zuletzt in der Komik, die den Schelmenpossen, dem immer wieder unverdienten Glück des Helden abgewonnen wird.

Eine ganze Weile ist das zwar etwas schwer erträglich, bleibt aber harmlos und aller Wirklichkeit fern genug. Dann aber gerät Jan Ditie mitten hinein in klar erkennbare Weltläufte. Hitler annektiert die Tschechoslowakei, Jan verliebt sich in das stramme deutsche Mädel Lise (Julia Jentsch). Das Hotel, in dem Jan zuvor jüdische (sic!) Millionäre bediente, wird nun zur nationalsozialistischen Menschenzuchtanstalt. Unter des Helden - und damit auch der Kamera - Blick nimmt der Film hier eine Wendung zur Sexklamotte: Nackte blonde Frauen rennen durch die Gänge, baden im Pool und werden hinter geschlossenen Türen begattet. Der Effekt ist aufs Äußerste irritierend: Ist die Veralberung der Nazis wirklich so billig zu haben? Und was soll denn folgern aus der Unangemessenheit des Tons, wenn ein Korrektiv, das eine andere denn (versöhnlich) humoristische Haltung zum Gezeigten verträte, nirgends sichtbar wird?

Gewiss, es gibt eine Art Korrektiv. Es ist der alte Jan (Odrich Kaiser), zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen, der sich nun zurückzieht in eine alte Gaststätte unter einst von nun vertriebenen Deutschen bewohnten Häusern einer historisch nicht näher identifizierbaren Erzählgegenwart. Hier kommt es nun zur Rückblenden-Erzählung des eigenen Lebens und auch zu einer Art reichlich späten Selbsterkenntnis vor vom Staube befreiten Spiegeln. Mit von der Partie, auf dem Berg, im verlassenen Wald, sind aber auch ein älterer Mann und eine junge Frau, die Baume fällen, um aus dem Holz Musikinstrumente zu produzieren. Der Blick des alten Jan auf die Frau, den der Film wiederum teilt, ist freilich nicht weniger lüstern und die Bilder sind nicht weniger wohlfeil sexistisch als die, die man in den Rückblenden zu sehen und zu teilen genötigt wird. Spätestens hier muss man sich dann doch sehr ernsthaft die Frage stellen, ob die Macher dieses Films wissen, was sie da tun. Indem der Film sich - nolens? volens? - mit seinem alles mitmachenden Pikaro-Helden humoristisch gemein macht, ist er zuletzt nicht viel anderes als eine große, gelegentlich infame Verharmlosungsaktion.

Ekkehard Knörer

"Ich habe den englischen König bedient". Regie: Jiri Menzel. Mit Ivan Barnev, Oldrich Kaiser, Julia Jentsch. Tschechische Republik 2006, 118 Minuten (Wettbewerb)


Sellerie: Guy Maddins "Brand Upon the Brain!"


Die Aufführung von "Brand Upon the Brain" in der Deutschen Oper geriet zur live inszenierten Sinnesorgie. "Jeder Ton, den sie heute hören, wurde innerhalb dieses Saales produziert", erklärt der ungemein aufgeregte und stolze Maddin dem ausverkauften Haus zu Beginn. "Wenn draußen nicht gerade eine Bombe hochgeht oder so was." Eine Truppe von nicht weniger als 40 Leuten sorgte gestern dafür, dass Maddins Stummfilm alles andere als still war. Das 34-köpfige Volkswagen-Orchester sorgte für die Musik, dirigiert vom Komponisten Jason Staczek selbst. Ihm halfen ein Kontra-Tenor, drei Geräuschemacher und Isabella Rossellini als Erzählerin. Das Beste daran war, dass sie alle bei ihrer Arbeit zu beobachten waren. Das führte wiederum dazu, dass Maddins Landsmann Marshall McLuhan an diesem Abend endlich wörtlich genommen werden konnte und tatsächlich das Medium und seine Struktur zur Botschaft wurden.

Oft wusste man gar nicht, wo man zuerst hinschauen sollte. Es würde ja alleine schon genügen, Isabella Rossellini in ihrem dunklen Anzug mit roter Krawatte zu beobachten, wie sie die Geschichte nicht nur erzählt, sondern vorlebt. Sie flüstert und schreit, lässt die Faust durch die Luft sausen oder legt die Hand an die Brust. Der Kontra-Tenor oder Sopranist ist ein Schrank von einem Mann. Zweimal singen im Film Frauen, und es braucht eine Weile, bis es durchsickert, dass es wirklich dieser Bär ist, der ihnen die Worte ihn den Mund legt. Im Alltag redet er allerdings unauffällig bis normal, wie Recherchen bei der darauf folgenden Abschlussfeier der Forum-Sektion im Foyer ergaben. Das Orchester, obwohl der größte Korpus, blieb eher unaufällig, auch weil es keine Fehler machte und bis aufs einzelne Bild präzise spielte. Die Musiker bekamen aber vor allem so wenig direkte Beachtung, weil neben ihnen die eigentlichen Stars des Abends ihr Labor aufgebaut hatten. Die Geräuschemacher, alle in weißen Kitteln, hatten sich hinter schlecht geölten Türen, hängenden Metallplatten und einem großen Wasserbottich verschanzt. In den folgenden anderthalb Stunden betätigten sie dann hochkonzentriert und höchst sehenswert Blasebalge, um den Wind pfeifen zu lassen, intonierten Möwenschrei oder küssten sich wild auf den Handrücken, wenn es auf der Leinwand gerade intim wurde. Dass das Drücken eines nassen Lappens exakt so klingt wie das Geräusch eines nassen Pinsels auf der Wand, war hier ebenso zu lernen wie die Tatsache, dass die Brandung an einem Kiesstrand für das Ohr nicht zu unterscheiden ist von einer Trommel, in der Steinchen hin und her rollen. Ihre eindrucksvollste Szene hatten die drei aber in der Kannibalenszene, als die Mutter auf der Suche nach ihrer täglichen Dosis jung machenden Gehirnnektars ein Waisenkind anknabbert. Auf der Bühne wurde dazu herzhaft in einen prächtigen Sellerie gebissen. So echt, so abscheulich! Rohes Gemüse wird fürs Erste vom Speiseplan gestrichen.

Der Film selbst ist wie immer bei Maddin ein Spiel mit Zitaten und autobiografischen Verweisen, unterbrochen durch kurze, lakonische Zwischentexte. In der Form des Stummfilms, komplett mit grobkörniger Auflösung und ein bisschen zu wenig Bildern pro Sekunde, was zu den bekannten hakligen Bewegungen führt, nimmt sich Guy Maddin nur scheinbar zurück. Vielmehr kann er damit seine Traumata von einer Kindheit voller erotischer Verwirrungen, trostlosen Abendessen, neurotischen bis inzestuösen Müttern und debilen Vätern nur ungehemmter übermitteln. Durch die amüsante und antiquierte Form ist die Darstellung mit einem ironischen Überdruckventil versehen, und Maddin kann in die Vollen greifen, ohne sich je darauf festlegen zu müssen, ob wir uns noch auf dem Boden der tatsächlichen Biografie befinden oder schon längst auf dem Ozean seiner Obsessionen kreuzen. Diese Überwältigungsstrategie ist eine gegenwärtige, die Bilder sind zu grell und schrill, um eine nachhaltige, deutlich konturierte visuelle Erinnerung zu formen. Was von diesem opulenten und sehr verrückten Abend aber bleibt, ist die Ahnung einer Enge, des klaustrophobischen Gefühls, dass Maddin offenbar mit seiner Kindheit verbindet. Und das Wissen, dass es für Kannibalen auf Entzug nichts besseres als Sellerie gibt.

Christoph Mayerl

"Brand Upon the Brain!". Regie: Guy Maddins. Mit Erik Steffen Maahs, Gretchen Krich, Sullivan Brown, Maya Lawson, Katherine E. Scharhon. Kanada, 2006, 95 Minuten (Forum)


Vom Flirt in die Katastrophe: Jacques Rivettes "Ne touchez pas la hache" (Wettbewerb)


Hinter "Ne touchez pas la hache" steckt ein Film, der nicht gedreht wurde und wohl nie gedreht werden wird. Der Titel des anderen Films ist - oder wäre gewesen - "Nächstes Jahr in Paris", aber es ist Jacques Rivette und seiner Produzentin nicht gelungen, eine Finanzierung für dieses Projekt, in den Hauptrollen: Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu, auf die Beine zu stellen. Schwer vorstellbar, aber leider wahr: Jacques Rivette, beinahe achtzig Jahre alt, Veteran der Nouvelle Vague und einer der wichtigsten lebenden Filmautoren, bekommt im einst cinephilen Frankreich kein Geld für ein ambitioniertes Filmprojekt, das inhaltlich an die großen Werke der 70er Jahre angeschlossen hätte.

Rivette erzählt die Vorgeschichte auf der Pressekonferenz mit kaum verhohlener Enttäuschung. Natürlich ist die Pressekonferenz schlecht besucht, nachdem sich zuvor mal wieder die Massen drängelten, für den Film "Bordertown" mit Jennifer Lopez. Jede einzelne der gestellten Fragen ist eine Beleidigung für den Regisseur; gleich zweimal wird Guillaume Depardieu unverschämterweise nach seinem Vater gefragt, die Unterstellung schwingt mit, er habe seine Schauspielkarriere dessen Bedeutung und Einfluss zu verdanken.

Was für ein Unsinn das ist, hat zuvor sein grandioses Spiel in "Ne touchez pas la hache" belegt. Nach dem Zusammenbruch der Finanzierung für den großen Film ging es nämlich so weiter, dass Rivette ein kleiner dimensioniertes Projekt für Jeanne Balibar und Guillaume Depardieu suchte. Heraus kam ein Kammerspiel, nicht sehr frei, sondern sehr treu nach Honore de Balzacs "Die Herzogin von Langeais", einer Geschichte, die vor der Einverleibung in die Comedie Humaine noch den Titel "Ne touchez pas la hache" trug. Balzac erzählt darin von einer Liebe, die vom Flirt in die Katastrophe führt.

Einander begegnen der napoleonische Held Montriveau (Depadieu) und die in der Pariser Gesellschaft hoch angesiedelte Herzogin von Langeais (Balibar). Sie hat einen Ehemann, aber der taucht nie auf. Montriveau bringt exotische Geschichten aus der Wüste mit nach Paris und verführt mit ihnen die Herzogin. Man kommt sich näher, aber was sich zunächst zu einer nicht weiter komplizierten Affäre zu entwickeln scheint, wird bald ein Spiel von Liebe und Leidenschaft, das alle Regeln, die die Pariser Gesellschaft für solche Fälle kennt, durchbricht. Sehr rasch freilich ist die Gesellschaft gar nicht mehr das, worum es geht. Statt zum Verhältnis kommt es zwischen Montriveau und der Herzogin zum Krieg: einem Krieg um Liebe. Gekämpft wird mit scharfen Worten und fürsorglicher Belagerung, die beiden graben sich ein und lauern sich auf, sie ziehen sich zurück und lassen nicht mehr los, sie schenken sich nichts und schlagen den Rat, den sie bekommen, in den Wind. Eine Schlacht in Boudoirs, Vorzimmern, auf dem Sofa, vor der Tür, im Salon. Es fließt kein Blut und doch steht irgendwann alles, nicht weniger als das Lebensglück, auf dem Spiel.

Ganz ist der Film konzentriert auf seine Hauptfiguren. Alles wird zur Sache des Timings. Jede Geste zählt, jeder Blick ist von Gewicht, das Zittern von Balibars Oberlippe ist Ausdruck inneren Aufruhrs und das Brüten von Depardieu verkündet verheerendes Unheil. Rivettes Kameramann William Lubtschansky überführt das Drama aus Worten und Bewegungen in Licht- und Dunkel-Installationen, die immer wieder wie zu Gemälden stillgestellt scheinen. Unaufhörlich prasseln, zum Schein nur beruhigend, die Kaminfeuer in den Salons. Dazwischengeschaltete Texttafeln liefern Zeitangaben und von Balzac übernommene Kommentierungen des Geschehens. Rivette dramatisiert nichts, er beobachtet Balibar und Depardieu beim Sprechen von Worten, die schärfer sind als Schwert und Florett, er sieht ihnen - gnadenlos wie Balzac - zu beim Leiden und Hoffen, beim Bangen und Kämpfen.

Eine größere Diskrepanz als die zwischen einem so fein gewirkten filmischen Text wie diesem und der zuvor im Wettbewerb gezeigten Menschenrechtspornografie "Bordertown" ist nicht vorstellbar. Das eine vor das andere zu programmieren ist die schiere Barbarei und doch der Standard im Festivalbetrieb. Das ist kein Vorwurf, es ist wohl mehr oder minder unvermeidlich. Aber es soll auch einmal gesagt sein.

Ekkehard Knörer

"Ne touchez pas la hache - Die Herzogin von Langeais". Regie: Jacques Rivette. Mit Jeanne Balibar, Guillaume Depardieu, Bulle Ogier, Michel Piccoli und anderen. Frankreich, Italien 2006, 137 Minuten (Wettbewerb)


David Ondriceks "Grandhotel" (Panorama)

Manchmal genügen eine handvoll Seidenslips und eine leere Mülltonne, um einen Traum zu verwirklichen. Fleischman ist Hausmeister und Hobbymeteorolgoe. Der 30-Jährige lebt im hoch auf dem Berg Jested gelegenen Grandhotel. Einer futuristisch-sozialistischen Hotelanlage, die wie eine Nadel auf dem Berg sitzt. Der Blick von dort ist phantastisch. Und auch zum Wolken beobachten eignet er sich sehr gut.

Der stille, mürrisch wirkende Fleischman hat zwei Probleme: Er ist noch Jungfrau und er schafft es nicht, die Stadtgrenze des im Tal gelegenen Liberec zu überschreiten. Nicht mal wenn er sich im Bus mit Handschellen ankettet. Ein kühner Satz - und, den Bussitz hinter sich herziehend, marschiert er wieder ins Hotel zurück.

Nur fliegend, glaubt er, gelangt er über die Stadtgrenze und in die Welt hinaus. Während er an einem Ballon näht, die Temperatur misst und sich mit dem Hotelier streitet, verlieben sich zwei Frauen in ihn. David Ondricek erzählt das als eine sehr zarte Liebesgeschichte. Am Ende verliebt sich auch Fleischman - in die Frau, die ihm mit ihren Seidenhöschen hilft, die Stadt zu verlassen. Es ist gerade der Rest Stoff, den er noch für seinen Ballon braucht. Die schönste Liebeserklärung auf diesem Festival.

Anja Seeliger

"Grandhotel". Regie: David Ondricek. Mit Marek Taclik, Klara Issa, Jaroslav Plesl, Jaromir Dulava, Dita Zabranska u.a. Tschechische Republik, 2006, 95 Minuten (Panorama)


Mit JLo: Gregory Navas "Bordertown" (Wettbewerb)


Man hat es ja schon fast nicht mehr geglaubt: Ein Film im Wettbewerb, der sich traut, ein heißes Eisen anzupacken und sich dazu nicht in die Vergangenheit flüchtet. "Bordertown" ist in diesem Jahr der eindeutigste Vertreter eines engagierten Kinos, das in die Realität ausstrahlen will. Reden wir deshalb nicht über den Film, der strahlende Helden, aufopferungsvolle Vorzeigejournalisten und ein sehr prototypisches Mexiko zeigt. Reden wir über die schrecklichen Vorfälle, die dem Film zugrunde liegen.

Der Regisseur und Autor von "Bordertown" Gregory Nava wurde Mitte der Neunziger auf die - übrigens bis heute andauernde - Serie verschleppter, vergewaltigter und ermordeter Frauen in den mexikanischen Städten Juarez und Chihuahua aufmerksam. 1998 kontaktierte er Jennifer Lopez, die sich schon damals bereit erklärte, bei dem Projekt mitzumachen. Das Thema ist kitzlig, da viele der Opfer in den Fabriken arbeiten, die sich an der Grenze zu den USA angesiedelt haben und Fernseher oder PCs für den amerikanischen Markt produzieren. Keines der großen Studios wollte einsteigen. Nava spricht nach dem Film vom Gegenwind, der dem Projekt auch in den USA entgegengeschlagen ist. Es hat Jahre gedauert, die Finanzierung aus unabhängigen Quellen zusammenzubekommen. Jennifer Lopez ist ebenfalls beteiligt. Der Dreh war offenbar noch schwieriger. Die Stars Jennifer Lopez und Antonio Banderas sind aus Sicherheitsgründen bis heute nie in Juarez gewesen. Die Aufnahmen von den Originalschauplätzen besorgte ein unaufälliges fünfköpfiges Team.

Diese Vorsichtsmaßnahme brachte aber auch nicht viel, wie die ausführende Produzentin Barbara Martinez Jitner auf der Pressekonferenz erzählt. Recht bald wurde ihr Hotelzimmer aufgebrochen und Drehmaterial entwendet. Daraufhin drehten sie nur unter bewaffnetem Schutz. Als dann die Kameras gestohlen wurden, gab das Team auf. Jitner vermutet, dass die Polizei in der Stadt kein allzu großes Interesse an ihrem Aufenthalt hatte. "Sie wollten nicht, dass dieser Film fertig wird." Ob die Polizei tatsächlich so große Macht hat wie im Film, wo einfach so die Redaktion der Zeitung auf der Suche nach dem überlebenden Vergewaltigungsopfer auf den Kopf gestellt wird, sei dahingestellt. Aber die Recherche in diesem Fall wurde und wird offenbar behindert, und so regen sich die solidarischen Reflexe der anwesenden Kollegen in der Pressekonferenz. Die Nachbarin auf dem Stuhl nebenan meint, dass die Presse gestern extra angewiesen wurde, Jennifer Lopez nett zu behandeln. Sie sei bekannt, bei unangenehmen Fragen auch einfach alles platzen zu lassen.

Der Kollege, der JLo fragt, ob bei der Produktion ihrer Modemarke ebenso katastrophale Arbeitsbedingungen herrschen wie jene, die in dem Film angeprangert werden, hat diese Instruktion offenbar nicht erhalten. Lopez' Stirn kräuselt, und dann erklärt sie kurz, dass dieses Problem natürlich in Betracht gezogen wurde. Was auch immer das heißt. Zum Glück handelt die nächste Frage von ihren Gefühlen beim Lesen des Drehbuchs. Betroffenheit natürlich. Norma Andrade, die Mutter eines Mädchens, das vor sechs Jahren am Valentinstag verschwunden ist, ist ebenfalls anwesend und trägt das Foto ihrer Tochter um den Hals. Sie könnte wohl mehr über Betroffenheit erzählen. Aber Jennifer Lopez ist Jennifer Lopez, und die Mütter hatten am Tag zuvor schon einen Auftritt auf der Verleihung des "Artists for Amnesty International Awards" im Restaurant "Solar". Diesen Preis hat Jennifer Lopez völlig zu recht bekommen, den Goldenen Bären bekommt sie hoffentlich nicht. Der ist auch gar nicht das Ziel des Films. Es ging ihm darum, so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf die Morde und Vergewaltigungen in Juarez und Chihuahua zu lenken, sagt Gregory Nava. Das hat er geschafft, und das ist gut so. Der Film ist es leider nicht.

Christoph Mayerl

"Bordertown". Regie: Gregory Nava. Mit Jennifer Lopez, Martin Sheen, Maya Zapata, Antonio Banderas. USA 2006, 112 Minuten (Wettbewerb)

Eine Liste aller besprochenen Filme finden Sie hier.