Außer Atem

Berlinale 2. Tag

Von Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl, Anja Seeliger
10.02.2007. Robert de Niros Wettbewerbsfilm "The Good Shephard" zeigt einen vom Kalten Krieg erschaffenen Eisblock. Wang Quan'ans Wettbewerbsfilm "Tuyas Ehe" erzählt sehr lakonisch von einem Leben ohne Zukunft. Park Chan-wooks Wettbewerbsfilm "Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts" fragt erfrischend unclever nach dem Sinn der Existenz. Pascale Ferrans "Lady Chatterley" zeigt die größte Freiheit.
Eine Liste aller besprochenen Filme finden Sie hier.
Eine sich hinziehende Hinrichtung: Robert de Niro: The Good Shepherd (Wettbewerb)

Wer immer noch meint, Spionage ist ein aufregender und irgendwie sinnvoller Beruf, sollte sich Robert de Niros Epos um die Gründung des CIA anschauen. So unglamourös hat man sich die ersten Jahre des mächtigsten Geheimdienstes der Welt nicht vorgestellt. Das liegt vor allem an Edward Wilson alias Matt Damon, der im ganzen Film wohl nicht viel mehr Worte sagt als Arnold Schwarzenegger in "Terminator". Wilson schweigt lieber und denkt nach. Das macht ihn zu einem formidablen Geheimdienststrategen, wie sein russischer Widerpart ihm schon im Nachkriegsberlin 1945 versichert. Das macht ihn aber auch zu einem aus vom Kalten Krieg erschaffenen Eisblock, unter dem zuerst seine Frau und dann sein Sohn zugrunde gehen.

Es geht um Loyalität in diesem Film. Schon in der berühmten Studentenvereinigung "Skulls and Bones" in Yale, wo sich die zukünftigen Führer des Landes treffen, wird erst auf die Bruderschaft und dann auf Gott angestoßen. Kurz vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg wird Wilson für das Office of Strategic Services rekrutiert wird, weil er richtigerweise als glühender Patriot und naiver Idealist eingeschätzt wird. Das Vaterland, so wird sich im Verlauf der Geschichte, von schmutzigen Revolutionen in lateinamerikanischen Ländern bis zur missglückten Landung in der Schweinebucht herausstellen, kommt für Wilson im Zweifelsfall immer zuerst.

Der kühl berechnende Schachspieler Wilson, und nur für dessen Entwicklung interessiert sich Robert de Niro wirklich, versucht, konsequent zu sein, um von der inkonsequenten Welt dann doch schachmatt gesetzt zu werden. Er will seinen Sohn schützen und muss ihn schließlich verraten, genauso wie die USA, für die er alles andere aufgegeben hat. Seine Frau hat er schon vor langer Zeit betrogen. Mit ruhiger Hand und einem verdammt langen Atem entfaltet de Niro seinen Entwicklungsroman über einen Lyrikstudenten, der Special-Operations-Director wird. Das ist nicht als Aufstieg zu verstehen, sondern als langsame, sich über Jahrzehnte hinziehende Hinrichtung, die schließlich nicht mal mehr im Namen der USA, sondern allein für die "Firma" exekutiert, Robert de Niro zelebriert die Enthumanisierung Wilsons mit einer gewissen Routine und Opulenz, und kann sich dabei auf eine illustre Runde an Schauspielern verlassen. Keine der Nebenrollen bekommt aber genug Luft, um in den 167 Minuten irgendeinen Eindruck zu hinterlassen. Nicht die Kollegen Wilsons, nicht die Verräter, nicht die Gegner, und schon gar nicht die Mutter seines Sohnes, gespielt von Angelina Jolie. Frauen haben in diesem Film wirklich nichts zu suchen. Männer spielen weltweites Schach, und alles, was in den Weg gerät, wird zum Spielmaterial.

Matt Damon spielt seinen Wilson so zurückhaltend, dass es auf die Dauer weh tut. Wilson bleibt aufrecht wie sein Stehkragen, und selbst die größten Rückschläge verursachen höchstens ein paar mehr Falten mehr in der immer leicht gekräuselten Stirn. Wilson geht mit größtmöglichem Ernst und unmenschlicher Konseqenz an die Sache, und das ist schließlich sein Untergang. Auch der Film überlebt diese 167 Minuten Ernsthaftigkeit und Hingabe nur knapp. Für was kann jemand, der schlau ist wie Wilson, der bescheiden ist, der nicht mal drogenabhängig oder sexsüchtig ist, wie kann so jemand tatsächlich jahrzehntelang an etwas glauben, dass sich schon im ersten Jahr, als sein Literaturprofessor und Mentor aus vagen Sicherheitsbedenken liquidiert wird, als Konstrukt erweist? Wilson schluckt und schluckt, das ganze Leben lang. Normalerweise rasten solche Menschen irgendwann aus. Wilson aber explodiert nicht. Genausowenig wie dieser Film, muss man leider dazu sagen. Man kann sich jetzt lebhaft vorstellen, dass der CIA von unglaublich verkniffenen-eiskalt-langweiligen Bürokraten regiert wird. Bürokratisch ist aber leider auch der Film. Und selbst wenn die Geschichte des CIA eine epische ist: Sie hätte auch in der halben Zeit erzählt werden können.

Christoph Mayerl

"The Good Shepherd - Der gute Hirte". Regie: Robert de Niro. Mit Matt Damon, Angelina Jolie, Alec Guiness, Alec Baldwin, Tammy Blanchard, Martina Gedeck und anderen. USA, 2006. 167 Minuten (Wettbewerb)


Stetige Wendung zum Schlechteren:
Wang Quan'ans "Tuyas Ehe" (Wettbewerb)

"Tuyas Ehe" ist ein Film über eine Existenz ohne Zukunft. Dies gilt für die Lebensform, von der er handelt, im Ganzen und es gilt erst recht für die Helden und vor allem die Heldin des Films. Tuya (Yu Nan) ist Schäferin und sie arbeitet bis an den Rand des körperlichen Zusammenbruchs, da ihr Ehemann Bater (Ba Te Er) nach einem Unfall beim Brunnenbau nicht mehr gehen kann. Dies wird nicht die letzte Wendung zum Schlechteren sein, die Tuya widerfährt. Beim Versuch, ihrem Nachbarn Shenge (Sen Ge) nach der Havarie seines motorisierten Dreirads zu helfen, bricht sie zusammen, und der Arzt erklärt, dass sie nicht weiter arbeiten kann, ohne ihre eigene Gesundheit aufs Spiel zu setzen.

Sie verfällt auf die verzweifelte Idee, sich von ihrem Mann zu trennen, um weiter mit ihm leben zu können. Es spricht sich herum, dass sie einen neuen Mann sucht, der mit dieser Konstruktion - zwei Mann und eine Frau und zwei Kinder unter einem Dach - leben kann. Tatsächlich tauchen Bewerber auf, aber es stellt sich heraus, dass sie Bater doch irgendwie loswerden wollen. Mit dem seit Schulzeiten in Tuya verliebten Baolier (Peng Hongxian) scheint eine Lösung gefunden, nur leider erweist er sich als einer, der zuletzt doch sein eigenes Wohl über das Tuyas stellt. Dann aber beginnt Nachbar Shenge, ein arger Pechvogel und Trunkenbold und doch der stete Beschützer Tuyas, einen Brunnen zu bauen, direkt vor ihrem Haus.

"Tuyas Ehe" ist ein einfacher Film, der mit einfachen Mitteln eine einfache Geschichte erzählt. Die Bilder sind klar, bleiben stets auf die Figuren, insbesondere Tuya, die Heldin des Films, konzentriert. Auch die Erzählung verzichtet auf alle Abschweifungen, leider auch auf alle atmosphärischen Details, die nicht dem Fortgang dienlich wären. Die Konstruktion der so entschlossenen wie störrischen Heldin, die sich von keinem Schicksalsschlag unterkriegen lässt, erinnert durchaus an die frühen Werke Zhang Yimous mit seiner Muse Gong Li, etwa "Die Geschichte der Qiuju". Freilich reicht Wang Quan'ans Film bei aller mit humoristischen Einsprengseln akzentuierten Lakonie an deren Qualität nicht heran. Zu aufgeräumt bleiben die Bilder, zu schlicht die Umrisse der Figuren. Von der Weite der Steppe, der Verlorenheit der Figuren vermittelt "Tuyas Ehe" keinen wirklichen Eindruck.

Ekkehard Knörer

"tu ya de hun shu - Tuyas Ehe". Regie: Wang Quan'an. Mit Yu Nan, Ba Te Er, Sen ge. China 2006, 96 Minuten (Wettbewerb)


Leuchtet, fliegt und jodelt: Park Chan-wooks "Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts" (Wettbewerb)


Das Mädchen Young-goon ist außerirdisch. Schmales ovales Gesicht, eine hochgezogene Oberlippe, ein Ausdruck wie das Fünfte Element. In der ersten Szene des Films sitzt sie mit anderen Mädchen in einem weißen Raum an langen weißen Tischen, die Mädchen tragen alle rote Kleider und Kopftücher und basteln irgendwelche Geräte zusammen. Nur Young-goon folgt den Anweisungen der sanften Stimme, die ihr über den Lautsprecher befiehlt, sich die Arme aufzuschneiden und Kabel in die Adern zu stecken. Als sie den Stecker in die Steckdose schiebt, leuchten ihre Zehen auf: rot, grün, blau und gelb. Dann fällt sie um.

Lim Soo-jung, die Darstellerin der Young-goon, war Model, bevor sie Schauspielerin wurde. Ich weiß nicht, wie sie auf Koreaner wirkt oder auf Chinesen, für einen Europäer sieht sie auch ohne Zutaten aus wie ein wunderschöner Cyborg. Die einzigen Tricks aus der Maske, die das verstärken, sind die blond gefärbten Augenbrauen und die falschen Zähne, die sie manchmal trägt. Es ist das Gebiss ihrer über alles geliebten Großmutter, die sich für eine Maus hielt und den ganzen Tag Rettich aß, bis die Familie genug davon hatte und sie in eine Irrenanstalt steckte. Dabei wurde das Gebiss vergessen.

Young-goon ist kein Cyborg, sondern schizophren. Es dauert allerdings eine Weile, bis der Zuschauer das begreift. Die erste halbe Stunde fragt er sich verwirrt, ob er hier in einem Korea-Popmärchen, einem Science-fiction-Film oder einem surrealistischen Krimi gelandet ist.

Park Chan-wook wurde berühmt mit dem politischen Thriller "JSA - Joint Security Area" und der ultrabrutalen Rachetrilogie "Old Boy", "Sympathy for Mr. Vengeance" und "Sympathy for Lady Vengeance". In diesem Film gibt es keine Leichen. Dafür eine Szene, in der Young-goon durch heftiges Reiben zweier Filzstiefel mit ihrem Bett in die Höhe schwebt, von einem Marienkäfer gepackt und - angetrieben von kräftigem Gejodel ihres Freundes - durch die Gitter des Krankenhausfensters ins Blaue geflogen wird.

Das Leitmotiv des Films, erklärt der Regisseur auf der Pressekonferenz, ist die Frage, die der Cyborg Young-goon im Film anderen Maschinen im Krankenhaus - Getränkeautomaten oder ihrer Lampe - immer wieder stellt: Was ist der Sinn meiner Existenz? Das ausgerechnet Liebe die Rettung ist, mag man kaum schreiben, weil es natürlich schrecklich kitschig klingt. Aber dass Park Chan-wook einen Film macht, in dem er die Frage aller Fragen so unclever, so naiv direkt stellt, statt sie sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Distanzierungsmethoden der westlichen und östlichen Kultur vom Leib zu halten, ist unerhört mutig. Denken Sie nur an den philosophischen Schrott, den der arme David Carradine in Quentin Tarantinos "Kill Bill" quasseln muss!

Der Film war in Korea kein großer Erfolg. Nicht mal sein Sohn mochte ihn besonders, erzählt Park Chan-wook auf der Pressekonferenz. Ich schon, wenn diese Erkenntnis auch ein paar Stunden gebraucht hat. Jetzt aber weiß ich, dass ich heute Nacht von wundervollen Farben träumen werde, von einer Maschine in einem durchsichtigen Körper, die angetrieben wird von einem Schmuckdöschen mit dem Bild einer geliebten und gehassten Mutter, und von einem anmutigen und schönen Liebespaar, das im wirklichen Leben drei Monate geopfert hat, um Jodeln zu lernen.

Anja Seeliger

"Sai bo gu ji man gwen chan a - Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts". Regie: Park Chan-wook. Mit Lim Soo-jung, Jung Ji-hoon u.a. Republik Korea, 2006, 105 Minuten (Wettbewerb)


Von Kleidern und Schuld befreit: Pascale Ferrans "Lady Chatterley" (Panorama)

Mit klaren Strichen, Einstellungen und Einstellungswiederholungen, wird am Beginn eine Situation entworfen. Constances Mann ist aus dem Krieg zurück. Er ist gelähmt und impotent. Und seine Lähmung, seine Impotenz lähmen und schwächen buchstäblich auch Constance. Dies ist die Ausgangssituation, viele Worte müssen nicht gemacht werden, die Bilder, die Gesichter, die Montage sprechen für sich.

Pascale Ferran hat D. H. Lawrences "Lady Chatterley" nicht verfilmt, sondern sie hat die Geschichte, die der Roman erzählt, in einen Film verwandelt, der sich von seiner Herkunft und seinem Herkunftsmedium souverän ablöst. Den Hang zum Symbolischen, zur Buchstäblichkeit schwerer Bedeutungen hat die Filmemacherin der Vorlage nicht ganz austreiben können, aber sie konterkariert sie durch ganz unprätentiöse Bildfolgen wie diese: Constance hat einen Alptraum, sie erwacht. Schnitt. Am Morgen kommt ihre Schwester zu Besuch, Constance liegt matt im Bett. Schnitt. Sie geht zum Arzt, der sie ermahnt, zu Kräften zu kommen, sonst könne er für nichts garantieren. Schnitt. Constance verlässt das Haus und seine bedrückende Stimmung. Sie spaziert durch das riesige Grundstück, Wald eher als Garten, die Kamera zeigt uns in unaufdringlichen Einstellungen Pflanzen, Zweig und Busch: Natur. Die Natur bedeutet und steht für "Natur" und Vitalismus, im Buch wie im Film, aber im Film ist sie auch einfach nur da, durch Großaufnahmen befreit aus einem narrativen Zusammenhang. Immer noch Symbol, aber schwebendes, leichtes, fast ganz in seine bloße Präsenz transformiertes Symbol.

In der Natur steht eine Hütte und hinter der Hütte steht der Wildhüter Parkin mit nacktem Oberkörper und wäscht sich. Parkin ist ein Mann der Natur. Es ist die Art, in der die Regisseurin Pascale Ferran die bei Lawrence manchmal schwer erträglichen symbolischen Lasten in beinahe naturalistische Einstellungen überträgt, die diese Verfilmung so gelungen macht. Wir sehen Constance und ihr Begehren und ihre Scheu. Sie stiehlt sich davon, aber sie nähert sich gleich wieder. Gezeigt wird das mit großer Selbstverständlichkeit. Und lesbar wird es in Marina Hands Gesicht, ohne die leiseste Anstrengung.

Hands ist eine Dartellerin, die Nuancen findet, nicht Ausdrücke, die perfekt das erwachende Interesse ihrer Figur an sich selbst und der Welt verkörpert. Und das ist so wichtig und so beglückend, weil es in "Lady Chatterley" gerade um dies eine immer geht: Verkörperung. Aber nicht so, dass die Körper Bedeutungen tragen müssen, sondern so, dass da Körper sind und die Dinge. Freiheit ist, wenn sie sich begegnen. Die Szene der größten Freiheit, des größten Glücks, später, als die Körper von Constance und Parkin einander längst gefunden haben: Ein Rennen im prasselnden Regen, eine Jagd, der sich auch die Kamera (Godard-Kameramann Julian Hirsch) überlasst, huschend, rennend, unaufdringlich; nackte, genauer: von allen Kleidern und Schuldgefühlen befreite Körper in Stiefeln und Schuhen. Ein Rennen, das im Matsch endet, der Körper des Mannes, der Körper der Frau. Später schmückt Parkin den Körper der Geliebten in der Hütte mit Blumen.

Das klingt gewiss dämlich, ist es aber nicht. Der Film verdient sich jedes riskante Bild, weil er Geduld hat und weil er genau hinschaut und weil ihm nichts ferner liegt als die Ausbeutung nackter Körper. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Befreiung zur Unschuld der Lust. Auf Anhieb gelingt das nicht. Auf Dauer zu stellen ist es ebenso wenig. Die Kamera folgt erst dem, was die Hände tun und die Körper, die beim Sex zunächst dezent bekleidet bleiben. Die Nacktheit, die wirkliche Nähe der Körper, die offene Neugier auf den Körper des anderen sind das Ergebnis einer Annäherung, die nach Zeit verlangt. "Lady Chatterley", der erste Film der Regisseurin Pascale Ferran seit zwölf Jahren, nimmt sich die Zeit, die er braucht, und schenkt sie uns und seinem Paar, das eine Liebe findet, der am Ende der Traum wenigstens möglicher Dauer mitgegeben wird.

Ekkehard Knörer

"Lady Chatterley". Regie: Pascale Ferran. Mit Marina Hands, Jean-Louis Coulloc'h, Hippolyte Girardot u.a. Frankreich, Belgien, 2006, 168 Minuten (Panorama)

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