Außer Atem

Berlinale 9. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl
17.02.2006. Hans-Christian Schmids Wettbewerbsfilm "Requiem" würde man gern die Dialoge austreiben. Ganz erstaunlich aber: Christoph Hochhäuslers "Falscher Bekenner". Fußball als Probe aufs patriarchalische Exempel: Jafar Panahis Wettbewerbsfilm "Offside". Zeigt das Ende der Geschichte: Amir Muhammads Film über Malaysias "Last Communist" Chin Peng. Very Soprano: Sydney Lumets Wettbewerbsfilm "Find me guilty".
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Lebt trotz Todesurteil: Christoph Hochhäuslers "Falscher Bekenner" ist ein erstaunlicher Film

Erst ist nur ein Schatten zu erkennen im diffusen Dunkel der breiten Leinwand. Eine Straße bei Nacht, eine Kurve, eine Leitplanke und etwas, das sich bewegt. Dann werden die Umrisse einer Gestalt sichtbar, die sich nähert. Sie bleibt stehen, sie blickt auf etwas, das sich unserem Blick zunächst entzieht. Der Umschnitt zeigt: Ein Unfall ist passiert, ein Mann ist tot. Armin (Constantin von Jascheroff), der junge Mann, den wir gesehen haben, hat nichts damit zu tun, aber er wird einen anonymen Brief schreiben und behaupten, er habe das Unfallauto manipuliert.

Armin ist ein falscher Bekenner. Er tritt aus dem Dunkel ins Licht einer Geschichte, in der er Fremdkörper bleibt. Mit großer Subtilität richtet der Regisseur Christoph Hochhäusler das so ein. Armin hat soeben die Realschule beendet, es wäre jetzt an ihm, ein Erwachsener zu sein. Wie das geht, weiß er nicht. Und er will es nicht wissen. Er bewirbt sich und hat auf die Frage, warum er diesen Job will und nicht irgendeinen anderen, keine Antwort. Die Wahrheit ist: Er will diesen Job gar nicht, und eigentlich auch keinen anderen. Er ist keineswegs dumm, er hat keinen richtigen Grund zur Klage, die Eltern sind nicht verkehrt, auch die Brüder kümmern sich. Nur versteht keiner, was er hat.

Er selbst, so viel wird man sagen können, versteht es auch nicht. Nachts schleicht er auf eine Autobahntoilette, für schwulen Sex. Zugleich nähert er sich einem Mädchen, Katja, auch sie zeigt Interesse. Aber dann sitzen sie bei Kentucky Fried Chicken, sie fragt ihn, wie er sie so sieht und er sagt: Wenn ich mir einen runterhole, denke ich an dich. Selbst das, denkt man, ist womöglich ein falsches Bekenntnis.

Mit der Zielsicherheit dessen, der zu viele simple, verlogene Fernsehfilme gesehen und gehasst hat, vermeidet Hochhäusler jedes nahe liegende Klischee. Die Gründe für Armins Lebensgefühl nennt er nicht. Er zeigt stattdessen Symptome und Gefühlslagen, er untermischt kühn die Alltagsmomente mit der Realität oder Fantasie kaum klar zuordenbaren Szenen. Der Film entgeht so allen Eindeutigkeiten. Nicht gewollt, sondern gekonnt.

Phänomenal ist der Einsatz der Musik, die Seelenlagen präzisiert, die sich nicht nur in Worten, sondern noch durch reine Wortlosigkeit kaum vermitteln ließen. Die Darsteller, Constantin von Jascheroff allen voran, treffen einen Ton, den man so überzeugend sehr selten hört im deutschen Kino. Aus seinen brillant getimeten Auslassungen gewinnt der Film verstörende Kraft. Und vor allem ist Hochhäusler in seinem zweiten Werk - nach dem insbesondere in Frankreich gefeierten, aber etwas überambitionierten "Milchwald" (2003) - zu einem wahren Meister der Mise-en-Scene gereift. Wie er in einer Plansequenz die um den Tisch versammelte Familie mit Freunden von links nach rechts und zurück ins Bild setzt, das ist phänomenal. Übrigens auch komisch, wie in den absurden (aber nur zu wahren) Bewerbungs- und mehr noch den Bewerbungsübungs-Gesprächen.

"Falscher Bekenner" ist im letzten Jahr in der prestigeträchtigen Reihe "Un Certain Regard" in Cannes gelaufen. Jetzt war er in der Nebenreihe "German Cinema" auf der Berlinale zu sehen. Er ist nach Frankreich, sogar in die USA verkauft. Der Film ist in kürzester Zeit, mit minimalem Budget gedreht. Die Redaktion von "Das kleine Fernsehspiel" hat, wie Hochhäusler hinterher erzählt, die Finanzierung abgelehnt. Unter den hierzulande herrschenden Filmförderzuständen ist eine Absage des Fernsehens eigentlich das Todesurteil für ein Werk dieses Formats. Hochhäusler hat aber einen Bank-Kredit aufgenommen, viele der Beteiligten haben umsonst gearbeitet. Herausgekommen ist ein erstaunlicher Film. Er ist so brillant inszeniert, dass man ihn unbedingt auf der großen Leinwand sehen sollte. Zum Glück besteht Gelegenheit: Er läuft ab April bei uns im einen oder anderen Kino.

Ekkehard Knörer

"Falscher Bekenner". Regie: Christoph Hochhäusler. Mit Constantin von Jascheroff, Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff, Nora von Waldstätten u.a., Deutschland 2005, 94 Minuten (German Cinema).


Sühneleidend: Hans-Christian Schmid Wettbewerbsbeitrag "Requiem"

Dies ist kein Film über Exorzismus, sondern über die misslungene Loslösung von der Familie, über Selbstbestimmung, Glaube und Orientierungslosigkeit. Ja doch. Trotzdem würde man "Requiem" gerne einiges austreiben. Die Dialoge zuallererst. "Guck mal, die Felder sehen aus wie eine Patchworkdecke." Nicht nur Michaelas besorgte Freundin Hanna, alle Figuren reden in einer Sprache, die das Werk einer Kommission zu sein scheint, einer Arbeitsgruppe aus hundert Drehbuchschreibern, die sich auf ein Allgemeinplatzabkommen einigt. Nicht mal in dem süddeutschen Nest, in dem Michaela Anfang der siebziger Jahre aufwächst, haben die Menschen gesprochen wie Diplomaten auf einer Tagung über die Mohammed-Karikaturen und das iranische Atomprogramm zusammen.

Trotz ihrer Epilepsie und ihrer Mutter, die ihr wenig zutraut, beginnt Michaela ein Pädagogikstudium in Tübingen. Und man ahnt es schon: Sie blüht auf wie aus dem Handbuch für Drehbuchschreiber. Sie ersetzt ihre graue Garderobe durch quietschgrüne enge Pullover, Röcke und Lederstiefel. Sie geht in Unterwäsche baden. Sie tanzt wie verrückt und exzessiv. Und natürlich lernt sie einen Mann kennen. Der ist Naurwissenschaftler, bleibt aber den ganzen Film unscheinbar und kann sie auch nicht vor dem unausweichlichen Ende retten. Wie man als Zuschauer überhaupt niemals das Gefühl hat, dass man eine Entscheidung oder auch nur einen inneren Kampf gesehen hat.

Ihr Abdriften ins Reich der Stimmen und Dämonen verläuft schleichend und unscheinbar wie eine langsam voranschreitende tödliche Infektion. Michaela hält sich schnell für eine Sühneleidende, die göttlichen Prüfungen unterworfen wird, und bald ist ihr Umfeld davon ebenso überzeugt wie die Mutter, oder akzeptiert es schließlich, wie der Vater. In den Nebenfiguren mag bis dahin etwas rumoren, wenn sie außer Sichtweite sind, die Protagonistin leidet statisch, in Großaufnahme, von Anfang bis Ende, wenn man von der zehnsekündigen Kussszene absieht.

Die Kameraführung soll wohl die inhaltliche Versteinerung etwas auflockern. Aber der Verzicht auf Steady-Cams und Stative, die schnellen Zooms ohne Motivation, kombiniert mit dem In-Bewegung-Schneiden, das alles schafft keinen stilistischen Aufbruch, sondern nur visuelle Unruhe. Das Problem ist nicht, dass man des Dramatischen und Traurigen überdrüssig wird und zwischendurch einfach gerne mal gekichert hätte, das Poblem ist vielmehr, dass sich hier kein Drama entfaltet. Es gibt weder Höhen noch Tiefen, weder Exposition, Peripetie oder Katastrophe, es gibt nicht mal Ratlosigkeit oder Zweifeln. Hier geht alles seinen Gang. Alles ist vorherbestimmt. Das mag tröstlich sein, weshalb in der Pressekonferenz die verzückten Kritikerkollegen auch reihum ihren Glauben bekannt haben. Es ist aber auch furchtbar fad.

Christoph Mayerl

"Requiem" Regie: Hans-Christian Schmid. Mit Mit Sandra Hüller, Burghart Klaußner, Imogen Kogge u.a., Deutschland 2006, 93 Minuten (Wettbewerb)


Probe aufs patriarchale Exempel: Jafar Panahis "Offside" (Wettbewerb)

Die ewigen Weisheiten des Fußballs: Der Ball ist rund. Das Spiel dauert neunzig Minuten. Frauen dürfen nicht ins Stadion. Jedenfalls im Iran. Das Irritierende ist: Es gibt eigentlich kein Gesetz dagegen, es gibt nur die wohlmeinenden Männer, die finden, dass ihr Verhalten im Stadion für Frauen einfach unzumutbar ist. Es steht auch nicht wirklich fest, wie mit Frauen, denen das egal ist, genau umzugehen ist. Also schickt Jafar Panahi in "Offside" ein paar Frauen, als Männer verkleidet, ins Stadion zum WM-Qualifikationsspiel gegen Bahrain. Er macht einfach die Probe aufs patriarchale Exempel und führt vor, wie Spielräume im totalitären Regime aussehen könnten.

Natürlich ist "Offside" Fiktion. Als solche hält der Film sich jedoch, wo er kann, ans Reale. Die Aufnahmen, die man sieht, stammen vom tatsächlichen Spiel, der Jubel auf den Straßen am Ende ist echt. Die Darstellerinnen der weiblichen Fans sind ebenso Laien wie die der Soldaten, in deren Obhut sie während des Spiels genommen werden. Der Ort dieser Obhut ist weder draußen noch drinnen, es ist ein abgezirkeltes Geviert an der Außenmauer des Stadions. Der Lärm von drinnen dringt direkt nach draußen, ein paar Schritte weiter ist ein Gitter, das den Blick aufs Spielfeld erlaubt. Einer der Soldaten kommentiert, von den Frauen angefeuert, stellenweise live.

In ihrem Geviert vor der Mauer sind die Frauen die Geiseln der Soldaten, doch das heißt nicht, die Verhältnisse wären von vornherein klar. "Abseits" ist, in Jafar Panahis Film, wenn die Frauen sich keineswegs damit abfinden, nicht zugelassen zu sein. Sie revoltieren, sie diskutieren, sie kaspern und fiebern, sie fügen sich nicht in die ihnen zugedachte Rolle als ertappte Übertreterinnen geltender Gesetze. Hier misst der Film die Spielräume in den Geschlechterverhältnissen einer zerrissenen Gesellschaft mit spielerischer Präzision aus. Eine der Frauen schimpft wie ein Rohrspatz und verwendet justament jene Sprache, die Männern vorbehalten ist, vor der die Frauen jedoch, wie vor sich selbst, zu schützen sind. Dass die Wächter selbst Wehrpflichtige sind, zum Dienst am Vaterland eher Gezwungene als sich Drängende also, macht die Grenzen, die sie im Namen einer diffusen, und durch ihre Diffusität auch verhandelbaren Rechtmäßigkeit wegen zu ziehen haben, nur unklarer.

"Offside" ist ein Film von größtmöglicher Einfachheit. Alles daran übt eine weit reichende Mimikry ans Dokumentarische. Kein Stilwille drängt sich zwischen die semidokumentarische Wirklichkeit und ihre nach Möglichkeit unmittelbare Abbildung. Man hat Panahis Arbeiten mit einigem Recht neorealistisch genannt - und gewiss verträgt das, was er will, weder dramaturgische Zuspitzungen noch allegorische Aufladung. Über die simple Offensichtlichkeit des Titels hinaus, der die Rolle der Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft beschreibt, geht es hier sehr ums Konkrete. Es ist gut und auch schön, dass die Figuren des Films weitreichende Konflikte aushandeln, ohne noch für etwas anderes stehen zu müssen als nur für sich selbst.

Und doch war ich von Jafar Panahis Film etwas enttäuscht. Es fehlt, was Abbas Kiarostamis keineswegs unähnlich angelegtes Kino so meisterlich macht, die Spur, die oft leise Spur der Reflexion der eigenen Darstellungsverfahren im Film. Der dokumentarische Neorealismus in "Offside" gibt sich naiv - und sucht für diese Naivität kein Widerlager in, zum Beispiel, Formen der Selbstbeschränkung. Abbas Kiarostami hat dies in "Ten" mit ganz einfachen Mitteln erreicht, durch die starre Kamera, die das Innere eines Taxis nie verlässt, durch die minimalistische Experimentalsituation. In "Offside" jedoch gewinnt das Geviert im Abseits, nicht drinnen, nicht draußen, in den flinken Blickwechseln der Kamera, im naturalistischen Spiel der Laien-Darstellerinnen, in den manchmal etwas schwerfälligen Dialogen nie die Kraft, den dargestellten Konflikten eine Bedeutung zu geben, die in anderer als beliebiger Weise über das, was man sieht, hinausweisen würde.

Auch das Ende bleibt Geschmackssache. Nach dem Sieg der Mannschaft und der Qualifikation für die WM hierzulande versucht sich Panahis Film in feierndem Überschwang, der eine alle einschließende, aber doch eine geschlossene Nation als Gemeinschaft erträumt. Dazu hört man über den Abspann gelegt ein Lied, nicht die Nationalhymne zwar, aber ein tradierter - den Iran beschwörender - Gesang über den Widerstand der Nation gegen westliche Bedrückung. Ein Ausschnitt, ein besonderer Moment, mehr nicht, keine Frage. Und doch stimmt der Film allzu umstandslos in diesen Jubel mit ein.

Ekkehard Knörer

"Offside". Regie: Jafar Panahi. Mit Sima Mobarak Shahi, Safar Samandar, Shayesteh Irani, M. Kheyrabadi, Ida Sadeghi u.a., Iran 2005, 88 Minuten (Wettbewerb)


Ende der Geschichte: Amir Muhammads "The Last Communist" (Forum)

Dass "The Last Communist" eine etwas andere Geschichtsstunde wird, merkt man gleich zu Beginn. Im malaysischen Sitiawan, der Geburtsstadt des Kommunistenführers Chin Peng (mehr hier), erzählt ein Straßenhändler, wie das Geschäft läuft, wer seine Kunden sind und warum hier ein guter Platz ist, um Getränke zu verkaufen. Zudem erfährt man, wie die Stadt zu ihrem Namen kam. Sitiawan heißt "Tote Elefanten", weil an der Stelle einst zwei Dickhäuter so heftig miteinander kollidierten, dass sie sofort starben.

Langsam pirscht sich Amir Muhammad an den legendären Generalsekretär der kommunistischen Partei von Malaysia heran, Stadt um Stadt und Mensch um Mensch, von der Vergangenheit bis zur Gegenwart im thailändischen Exil. Mehr als 80 Menschen hat er befragt. Chin Peng ist nicht darunter. "Politiker sind langweilig", erklärt der Regisseur frech und konzentriert sich lieber auf jene, auf die es ankommt, die einfachen Leute. Auf den kommunistischen Kämpfer, der Arm und Bein verloren hat und niemandem zur Last fallen möchte. Oder den einstigen Sympathisanten, der heute noch von der hübschen Kommunistin, aber vor allem von der Belohnung schwärmt, die er vom britischen Polizeichef für den Verrat an ihr bekommen hat. Die Kommunisten in Malaysia haben nie aufgehört zu kämpfen: erst gegen die Briten, dann die Japaner, dann wieder gegen die Briten und schließlich gegen die eigene unabhängige Regierung. Die wenigen, die bis zum Friedensschluss überlebt haben, leben heute in Dörfern im thailändischen Exil, fein säuberlich nach Glaube und Ethnie getrennt.

Noch während die Kommunisten in Rente mit etwas brüchiger Stimme Propagandalieder intonieren, fühlt man, wie umfassend hier die Ideologie am Menschen gescheitert ist, wie total Totales scheitern muss. Das Ende der Geschichte, hier kann man es aus der Nähe sehen. Die Flamme der Revolution reicht gerade noch dazu, den Reis für den Tag zu kochen. Eine der blutigsten Auseinandersetzungen im britischen Commonwealth zerfasert in einzelne Lebensläufe, versickert in Alltagsproblemen und Zipperlein. Dabei nimmt Amir Muhammad seine Protagonisten immer ernst, lässt sie reden und hört einfach nur zu, wenn sie erklären, warum sie ihr ganzes Leben einem sozialistischen Malaysia geopfert haben, das irgendwann keiner mehr wollte.

Abgesehen davon hat Amir Muhammad vor nichts und niemandem Respekt. Vor den Propagandasongs schon gar nicht, die Briten wie Kommunisten einsetzten und aufführten, um die analphabetische Landbevölkerung zu informieren und vor allem indoktrinieren. Muhammad macht aus ihnen kleine Musicaleinlagen mit Slapstick-Charakter, in denen ein Sensenmann die Gefahren der Malaria besingt oder vier fröhliche Frauen um den rot kostümierten Kommunismus herumtanzen. Trotz der lustvollen Grenzüberschreitungen in alle Richtungen kippt der Film nie ins Lächerliche ab. Dazu gehört nicht nur Mut, sondern auch einiges an Feingefühl. Man muss sich das mal vorstellen: Ein junger deutscher Dokumentarfilmer schildert den Terror des deutschen Herbstes, indem er die Texte von Ulrike Meinhof von zappelnden Polizisten singen lässt. Das kann eigentlich nur schiefgehen.

Hier klappt es. Es muss an der Mischung aus großer Utopie und kleinem Alltag, todernstem Glauben und selbstvergessener Albernheit liegen. Das ist ähnlich widersprüchlich und verdreht, wie der jahrzehntelange Kampf von Kolonialismus, Nationalismus und Kommunismus in den Augen der Landbevölkerung Malaysias gewirkt haben muss.

Christoph Mayerl

"The Last Communist"
. Regie: Amir Muhammad. Malaysia 2005, 90 Minuten (Forum)


Very Soprano: Sidney Lumets Gerichtsdrama "Find Me Guilty" (Wettbewerb)

Bis Tony Soprano in die amerikanische Filmgeschichte eintrat, waren Mobster entweder Schurken, Heroen oder unschuldig Schuldige, aber immer gut angezogen. Dann haben die Sopranos den Gangstern ein neues Gesicht gegeben. Sie waren erbärmlich gekleidet, brutal, verhurt und reaktionär - und man mochte sie einfach.

Die Fernsehserie hat auch in Sidney Lumets Gerichtsdrama "Find Me Guilty" deutliche Spuren hinterlassen. Es tauchen auch einige bekannte Gesichter aus der Fernsehserie auf, und wieder sehen sie trotz ihres Reichtums so billig aus, dass man denkt, in einem B-Movie zu sein. Vor allem aber ist die Hauptfigur Jackie DiNorscio (Vin Diesel) ganz auf den fiesen Mobster zugeschnitten, über dessen versaute Witze man wider Willen lacht und dem man irgendwann nichts Schlechtes mehr wünscht. Was allerdings nicht gezeigt wird, ist seine Rohheit. Die kann man nur ahnen. Denn die meiste Zeit über spielt der Film im Gericht. Er erzählt die wahre Geschichte eines der aufwändigsten Mafia-Prozesse der amerikanischen Geschichte, den gegen die Lucchese-Familie aus New Jersey. Zwanzig Mitglieder waren in insgesamt 76 Punkten angeklagt, darunter Drogenhandel, Glücksspiel und Verschwörung.

Im Mittelpunkt steht Jackie DiNorscio, der, obwohl bereits wegen Drogenhandels zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ausschlägt, seinen geldgierigen Anwalt feuert und sich im Prozess selbst verteidigt. Er reißt geschmacklose Witze, beleidigt und bedroht die Zeugen, bringt die anderen Anwälte gegen sich auf, und erst, als er es sich mit der Jury zu verscherzen droht, nimmt er sich zusammen. Seine Mitangeklagten müssen dafür das ewige Geschwätz von seiner Liebe zur Familie ertragen. Vin Diesel spielt diesen eitlen Kotzbrocken großartig, seine Statur und seine rauhen Bass-Stimme helfen dabei. An die Seite gestellt ist diesem Hünen ausgerechnet ein kleinwüchsiger Anwalt (Peter Dinklage), der ihm den Rücken freihält und ab und zu mit Tipps versorgt (zum Beispiel mit der Anwaltsregel "Stell keine Frage, auf die du keine Antwort hast").

Das Drehbuch basiert auf den Prozessakten, der größte Teil der Dialoge ist authentisch. Eine Falle. Die Verhandlungstage ziehen sich in die Länge, mal geht der Punkt an den Staatsanwalt, mal an DiNorscio. Die anderen Angeklagten spielen kaum eine Rolle, echtes Drama entwickelt sich nicht, nur mit dem Boss bekommt DiNorscio ein wenig Ärger. Manchmal versucht es Sidney Lumet auch mit Pathos, aber das geht meistens schief. Schließlich sehnt man das Ende des Prozesses genauso herbei wie die zermürbte Jury.

Thekla Danneberg

"Find Me Guilty". Regie: Sidney Lumet. Mit Vin Diesel, Peter Dinklage, Linus Roache und anderen. USA 2005, 125 Minuten. (Wettbewerb)