Außer Atem

Berlinale 7. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl, Lucy Powell
15.02.2006. Macht Björk zum Wal: Matthew Barneys "Drawing Restraint 9". Einheits-Minestrone: Michele Placidos Wettbewerbsbeitrag "Romanzo Criminale". Valeska Grisebachs Wettbewerbsfilm "Sehnsucht" ist tragisch und bezaubernd zugleich. Rafi Pitts Wettbewerbsfilm "Zemestan" zeigt einen verzweifelten Iran, Maziar Miris "Be Ahestegi" zeigt einen gefühllosen Iran. Sabus "Shisso" ist auf Wasser gebaut. Yang Yonghi versucht in ihrem Dokumentarfilm "Dear Pyongyang" herauszufinden, warum ihr Vater seine Kinder nach Nordkorea schickte.
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Macht Björk zum Wal: Matthew Barneys "Drawing Restraint 9"

Nachdem Film auf Film an ihm vorbeigezogen war, erklärte Matthew Barney, Mitglied von Dieter Kosslick's "Hosenträger und Gürtel tragender" Berlinale-Jury, er fühle sich nackt, als habe man ihm die Haut abgezogen. Eine passende Bemerkung. Immerhin ist Barney der Mann, der gerade in seinem Film "Drawing Restraint 9" gezeigt hat, wie er und seine Frau Björk ihre unteren Körperteile gegenseitig in Stückchen schneiden, an den Fleischbrocken knabbern, ihnen Schwänze wachsen und sie dann zu den Eisbergen hinausschwimmen.

Barney machte "Drawing Restraint 9", als er in Japan war, wo man ihn eingeladen hatte, seine Werke auszustellen. Und da er ein Mann ist, der seit seiner Zeit als Sportstudent eine enge Beziehung zu Fettcremes hat, gefiel ihm natürlich die Möglichkeit, auf einem Walfänger Zeuge des ausgeklügelten und ritualisierten Verfahrens zu werden, mit dem Walen die Haut abgezogen wird.

Der Film vereint das Material über die Arbeit der Walfänger mit Barneys eigener fantastischer Verarbeitung des japanischen Rituals. Er und Björk spielen die Rolle von Touristen, die durch den Schiffsbauch wandern und am Ende als Wale ausgespuckt werden. Das Symbol des ovalen Körpers, der durch ein Band kontrolliert wird, das immer wieder in "Cremaster Cycle" auftaucht, spielt auch in diesem Film eine zentrale Rolle - als riesengroßer Bottich auf dem Schiffsdeck, der mit langsam gerinnendem Walfett gefüllt ist, oder als rituelles Mahl der Arbeiter. Hier allerdings ist das kontrollierende Element entfernt und aufgegessen worden. Barney darf sich dann aus ganzem Herzen einer Kultur hingeben, die berühmt dafür ist, sich durch ihre Tradition zu kontrollieren.

Er und Björk werden aufgesaugt in die gut geschmierte, lineare Beschreibung eines förmlichen Rituals. Sie kommen getrennt auf dem Schiff an, werden rasiert und in exquisite Perversionen von japanischen Kostümen eingewickelt: aus einem darmartigen Material, das mit Fossilien und Haaren bedeckt ist. In zerbrechlichen Muschel-Flip-Flops laufen sie klackernd durch die Stahleingeweide des Schiffes, um gemeinsam eine Teezeremonie abzuhalten, bei der sie ein dickflüssiges Gebräu schlürfen.

"Drawing Restraint 9" umgeht erfolgreich die Gefahr, wie der Film "Lost in Translation" mit all seinen lustigen, aber letztlich billigen Gags die japanische Kultur abzubürsten. Barneys Sehnsucht, zu durchdringen, ohne Angst, verschlungen oder verändert zu werden, macht aus diesem Film eine skulpturale Ode an seinen Gast, die ganz die seine ist.

Lucy Powell

"Drawing Restraint 9". Regie: Matthew Barney. Mit Matthew Barney und Björk. USA, 2005, 145 Minuten (Berlinale Talent Campus)


Quotenitaliener: Michele Placidos "Romanzo Criminale"

Rom 1960. Eine Bande von aufstrebenden Kleinganoven übernimmt die kriminelle Herrschaft über die ewige Stadt, weil sie von ganz oben protektiert werden. Berlin 2006. Ein handwerklich solider, aber wenig aufregender Film wird in den Wettbewerb der Berlinale aufgenommen, weil... Es ist unwahrscheinlich, dass Berlusconi ein gutes Wort für "Romanzo Criminale" eingelegt hat, hier hat wohl eher der Länderproporz regiert, und Michele Placidos Epos um drei Kriminelle, dem Libanesen, Ice und Dandy, wurde als Quotenitaliener in den Wettbewerb aufgenommen.

Niemand beschwert sich über gute Unterhaltung. Deshalb erst einmal die Gründe, warum "Romanzo criminale" unterhaltsam sein könnte. Rom in den 60er Jahren war großartig, lebendig, legendär. Ein wenig von dieser Aura versucht der Film mit Alfa Romeos, getönten Sonnenbrillen und mondänen Abendkleidern auf sich zu übertragen. Und die Geschichte hat ja auch alles, was man für ein Epos braucht: Größenwahn, Verrat, Betrug, Liebe, Sex, Mafia und Tote, viele Tote. Um den Werdegang aller Beteiligten vom ersten Coup bis zum gewaltsamen Abgang des letzten Überlebenden zu schildern, braucht Placido dann auch zweieinhalb Stunden. Einen Rhythmus findet er während dieser halben Ewigkeit aber nie.

Das liegt zum einen daran, dass Rom nur Staffage bleibt. Die zeithistorischen Bezüge wie der Terrorismus der roten Brigaden oder die Entführung und Ermordung Aldo Moros sind allzu bemüht und tragen nichts zu einer Atmosphäre oder irgendeinem Gefühl bei. Das liegt auch an den Figuren, die sich keinen Deut weiterentwickeln, da kann passieren was will. Dieser Film ist geruchlos und aseptisch. Er hätte sich nicht so sehr an dem distanzierten Ice orientieren sollen, sondern eher an der Edelprostituierten Patrizia (Anna Mouglalis), die mit Esprit und Unberechenbarkeit etwas Pfeffer in diese Einheits-Minestrone bringt.

Wer schöne Menschen, alte Vespas und jede Menge italienische Gangster sehen will, sollte sich Romanzo Criminale als DVD holen. Zum einen wegen des italienischen Originaltons, der mit römischen, sizilianischen und Mailänder Dialekten erfreut. Außerdem kann man jederzeit aufstehen und doch dem "Paten" den Vorzug geben, auch wenn es das zehnte Mal ist.

Christoph Mayerl

"Romanzo Criminale". Regie: Michele Placido. Italien/Großbritannien/Frankreich 2005, 146 Minuten (Wettbewerb)


Einfache Tragödie, bezauberndes Satyrspiel: Valeska Grisebachs großartiger Film "Sehnsucht" (Wettbewerb)

Ein Unfall ist geschehen, der Film beginnt. Ein Mann ist vor Ort und bringt mit den Händen des Experten eines der Opfer, das vor ihm liegt, auf die Wiese geschleudert, in stabile Seitenlage. Wir werden den Mann und seine Expertenhände im weiteren sehen, über den Unfall erfahren wir nur noch: Die Frau ist tot, der Mann wird vielleicht leben, vielleicht sterben, es war ein Selbstmordversuch.

Der Retter, Markus (Andreas Müller), ist bei der Freiwilligen Feuerwehr, er ist Schlosser. Er lebt in dem brandenburgischen 200-Einwohner-Dorf Zühlen, in dessen unmittelbarer Nähe der Unfall passierte. Markus hat eine Frau, Ella (Ilka Welz) und ein Kind. Er liebt seine Frau, ohne viele Worte zu machen. Er zweifelt, ob es sein Recht war, dem Mann der sterben wollte, das Leben womöglich zu retten. Sonst sehen wir ihm beim Schweigen zu und seinen Händen bei der Arbeit an Schlössern und Gittern.

Erst recht keine Worte hat er für das, was ihm widerfährt, aus heiterem Himmel. Mit den Kameraden macht er einen Ausflug zum alljährlichen Feuerwehrtreffen in einem anderen, größeren Ort. Sie feiern, sie trinken, wir sehen Markus versunken im Tanz zu Robbie Williams' Musik. Robbie Williams singt: "I just wanna feel real love, Feel the home that I live in." Es folgt ein Schnitt, der harmlos aussieht, aber er ist kühn, sehr kühn, von der lauten Musik auf die Stille des Morgens. Aber Markus erwacht in einem fremden Bett, am Frühstückstisch sitzt eine fremde Frau. Mit ihr hat er die Nacht verbracht, beim Frühstück mit den Kameraden erfährt er ihren Namen: Rose (Anett Dornbusch).

Wer weiß, wie teuer die Filmrechte an bekannter Musik sind, ahnt, wie wichtig der Regisseurin Robbie Williams' Song gewesen sein muss. Eine andere Zeile: "Not sure I understand, This role I've been given." In der Tat: Markus versteht es nicht. Er liebt seine Frau, er liebt auch Rosa. Das ist die ganze Tragödie. So einfach ist das - und Grisebach inszeniert es als das, was es ist: eine einfache, eine furchtbar einfache Tragödie. Die Kamera ist ganz nah an den Gesichtern der Figuren. Alle wissen sie nicht, wie ihnen geschieht. Alle verstehen sie nicht, warum ihr Leben aus den Fugen gerät. Sie blicken sich an, als ließe sich im Gesicht des anderen etwas lesen. Und Ella ahnt, dass etwas nicht stimmt, bevor sie es überhaupt wissen kann. Ganz nebenbei, ganz beiläufig begrüßt sie ihn bei seiner Rückkehr mit dem scherzhaft gemeinten Satz: "Hallo, fremder Mann." Dabei ist tatsächlich ein Fremder zurückgekehrt. Sie spürt es und sucht, fast verzweifelt, nach Worten für das Große, das sie fühlt: "Ich begehre dich so", sagt sie, "ich liebe dich". Was soll sie sagen? Es sind irgendwie nicht die richtigen Worte, aber andere Worte hat sie nicht. Sie handhabt sie wie etwas, das sie noch nie gebraucht hat.

Valeska Grisebach hat in "Sehnsucht" ausschließlich mit Laien gearbeitet. Was sie mit ihren Darstellerinnen und Darstellern erreicht, macht staunen. Sie spielen keine Rollen, sondern sie führen eine Aneignung vor: Aneignung der Geschichten, die nicht ihre sind, Aneignung von Gefühlen, die sie kennen, wenn auch vielleicht nicht genau so. Aneignung von Worten, die ihnen fremd sind, um die Grisebach sie kämpfen lässt. Und obwohl, vielleicht auch: weil diese leichte Unschärfe bleibt, obwohl die Darsteller in den Rollen nie ganz aufgehen, obwohl sie immer wie ein wenig über sich selbst verwundert scheinen, stimmt jeder Ton.

Grisebach erzählt eine Tragödie mit Anspielungen auf "Romeo und Julia", auf dem Dorf. Dabei überhöht sie nicht, sondern reduziert. Sie legt im Innersten eines überzeugenden naturalistischen Äußeren eine Geschichte frei, die so konkret wie universal ist. Die als universale nur überzeugt, weil sie so unendlich konkret ist, bis zum Einsatz der Sprühsahne, bis zum wackligen Gesang im Dorfchor. Die Regie, der Schnitt, die Kamera zeugen von einem wunderbaren Rhythmusgefühl. Im rechten Moment gibt es den Trost fürs aufgewühlte Empfinden, Blicke hinaus, auf Natur, auf das Rauschen der Bäume.

Und wie jede ordentliche Tragödie hat der Film ein bezauberndes Satyrspiel als Epilog. Die Geschichte und ihr möglicher Ausgang werden spielerisch verhandelt, aus Kindermund kommentiert. Ein großartiger Einfall fürs Ende eines großartigen Films.

Ekkehard Knörer

"Sehnsucht"
, Regie: Valeska Grisebach, mit Ilka Welz, Annett Dornbusch, Andreas Müller. Deutschland, 2005, 90 Minuten (Wettbewerb).


Zeigt einen verzweifelten Iran: Rafi Pitts "Zemestan" (Wettbewerb)

Der Film beginnt im Winter, er endet im Winter, aber in der Zeit dazwischen, so erzählt es uns Rafi Pitts in seinem bedrückenden Film "Zemestan", wird es auch nicht behaglicher im Iran. Es ist ein unwirtliches Land, das seinen Menschen keine Zukunft mehr geben kann.

Ein Mann verliert seinen Arbeitsplatz, findet keinen neuen und beschließt, ins Ausland zu gehen. Seine Frau und seine Tochter lässt er zurück. Monate vergehen, doch die Zurückgebliebenen erhalten weder Lebenszeichen noch Geld von ihm.

Ein anderer Mann kommt in die Stadt, auch er ein Mechaniker, aber einer, der mehr von seinem Leben erwartet als nur Maloche, der ungebunden sein will, sich nicht kleinmachen lassen will. Wieder folgt ihm die Kamera distanziert und schweigend durch die unwirtlichen Vororte, zu den Fabriken und Autowerkstätten, in billige Arbeiterunterkünfte und auf Märkte, deren Freuden man sich eh nicht leisten kann. Er findet einen Job und heftet sich an Spuren der verlassenen Frau. Er folgt ihr, beobachtet ihr Haus und erfährt so von der schlechten Nachricht, die ihr die Polizei überbringt. Sie heiraten.

Erst wenn die Hälfte des Films vorbei ist, wird die Frau ein einziges Mal sprechen und auch lächeln, es ist der Höhepunkt des Films. Davor sieht man sie nur schweigen, man kennt ihren Namen nicht, man weiß nicht, wer sie ist, was sie fühlt, was sie denkt, man muss ahnen, wie sie hofft und verzweifelt, neue Hoffnung schöpft. Ihre Freude währt nur kurz, sie ist aber der Scheitelpunkt des Films. Denn auch ihr neuer Mann verliert seinen Job. Man weiß nicht recht, ob sich die Geschichte nun wiederholt oder ob sie rückwärts läuft. Voran geht es jedenfalls nicht. Die Menschen bleiben dem Kreislauf der Trostlosigkeit ausgesetzt.

Der Club der iranisch-europäischen Filmemacher hatte der Berlinale in einem offenen Brief vorgeworfen, sie unterstütze mit der Präsentation von Filmen aus dem Iran das "faschistische Regime" des Landes. Ein abstruser Vorwurf. Rafi Pitts Film zeigt ein Land, das unter seinem großmäuligen Regime verzweifelt.

Thekla Dannenberg

"Zemestan - It's Winter". Regie: Rafi Pitt. Mit Ali Nicksolat, Mitra Hadjar, Hashem Abdi und anderen. Iran 2005, 86 Minuten (Wettbewerb)


Ambitionierte Überstürzungsstrategie: Sabus "Shisso - Dead Run" (Panorama)

Die Filme Sabus, die ich kenne, leben von ihrer Struktur. Der Zufall spielt eine entscheidende Rolle als etwas, das Sabus Drehbuch seinen Figuren antut, die an Punkten zusammentreffen, an denen sich ihr Leben arrangiert. "Shisso" ist, das zeigt sich bald, anders. Zwar wird eine scheinbar klare Differenz eingeführt schon im ersten Dialog: Es gibt das Küstenland und das Land vor der Küste, das einst Ozean war und nun gefüllt ist. Die Leute von der Küste verachten die vom Land vor der Küste. Diese Differenz jedoch hat nicht die Kraft, den ganzen Film zu strukturieren, der auf ein komplexes - jedenfalls kompliziertes - Geflecht von Motiven setzt. Sein Held, Shuji, ist entsprechend einer, der sich, voller Neugier, von Anfang an quer stellt: Als einer vom Festland kehrt er immer wieder in den über eine lange Straße zu erreichenden Landstrich davor zurück. Und der Film selbst scheint im Verzicht auf festen Boden unter den Füßen sehr bewusst eher auf Wasser als Festland gebaut.

Von Shuji erzählt dieser Film, seinem Schicksal, von seiner Neugier auf ein Leben außerhalb der recht engen, von Institutionen der Erziehung vorgesehenen Grenzen. Die Schule wird präsentiert als Ort der Zurichtung durch Lehrer und Mitschüler, die Familie als Brennpunkt der Traumatisierung fürs Leben. Darum geht es um Träume von der Möglichkeit einer Gegenwelt, die aber nicht ohne Gefährdungen eigener Art zu haben ist. So trifft Shuji auf eine andere Außenseiterin, eine Verletzte auch sie, Nanba Eri, deren Eltern Selbstmord begangen haben. Sie geht in die Kirche zu dem Priester, dessen Bruder zum Mörder wurde, nicht ohne des Priesters Schuld.

"Shisso" verhält sich narrativ seltsam. Es beginnt mit der merkwürdigen Perspektive der Voiceover-Stimme, die den Helden, Shuji, mit einem Du anspricht: Dies Shuji, ist deine Geschichte. Wer spricht, wird ganz klar erst am Ende, das es mit dem Helden genommen haben wird. Was diese Erzählung strukturiert, sind vor allem Motive. Schuld und Tod, Feuer und Wasser, Blut und Verbrechen, das Rennen und das Humpeln. Aber es geht auch um ein Leben im Außenbereich der Gesellschaft, die Solidarität der Außenseiter, mit der es nicht immer weit her ist. Es kommt zu Ellipsen und Sprüngen nach ganzen, nicht so kurzen Weilen flach dahin erzählter Lebenswirklichkeit. In seinen Motiv-Verdopplungen und narrativen Abwegen erscheint manches eher kompliziert als komplex. Am Ende schließt sich ein Kreis, aber Sabus Lust an Punkten großer Verdichtung, von denen der Plot ausgeht, zu denen der Plot zurückkehrt, um dazwischen episodische Wegstrecke zu sein, ist diesmal nicht ausgeprägt.

Es ist ihm diesmal auch nicht um Komik zu tun. Der Sabu eigene Lakonismus steht in "Shisso" im Dienst einer durch Wiederholungen, nicht durch schlichte Erklärung, von einem Ereignis zum nächsten treibenden Überstürzungsdramaturgie. Es gibt Verlagerungen, Abbrüche, ein verstörendes Verhältnis von Erklärtem und Unerklärtem, von Ausgebreitetem und nachholendem Vollzug von Geschehenem. In nichts, was geschieht, wird grundsätzlich die Einsicht verweigert, oft jedoch kommt sie zu früh oder zu spät. Es ist weniger die Logik des Traums, die hier herrscht, als erzählerische Willkür. Zu heftig scheinen die Eingriffe eines unsichtbaren Erzählers. Seine Verkörperung ist nur die Stimme, die spricht, die das Schicksal als vollendetes präsentiert. Ein solches Erzählen ruft Widerstände hervor.

"Shisso" aber scheint sich auch als Arbeit an und mit diesen Widerständen zu verstehen, ja, es kann einem vorkommen, als suche er in seiner Sprunghaftigkeit auf zu erwartende Vorwürfe schon zu reagieren, indem er neu ansetzt, zurückkommt auf angespielte Motive und gelegentlich auch in die Irre führt. "Shisso" ist von den Filmen Sabus, die ich kenne, das am wenigsten geschlossene Werk. Vielleicht ein Befreiungsschlag für den Regisseur, der, so viel steht fest, der Gefahr, auf lakonischen Strukturalismus mit komischen Effekten festgelegt zu werden, mit diesem ambitionierten Film fürs erste entgeht.

Ekkehard Knörer

"Shisso - Dead Run". Regie: Sabu. Mit Yuya Tegoshi, Hanae Kan, Miki Nakatani, Ren Osugi, Etsushi Toyokawa u.a., Japan 2005, 125 Minuten (Panorama)


Das nächste mal, Alexander!

Cinemaxx, Kino3, Untergeschoss
17.40: Vor dem Saal hat sich schon eine Menschenmenge gebildet, es ist heiß und eng. Immer mehr kommen, die Menge bildet einen perfekten Kreis um die Eingangstür, schließlich stauen sich die Möchtegernzuschauer auf die Treppe zurück. Niemand weiß, was ihn noch erwartet. Es ist warm.

18.00: Der Nebenmann, der die ganze Zeit Anekdoten und Insidergeschichten aus dem Filmkritikergeschäft erzählt hat, wird langsam unruhig. Eines der jungen Mädchen in den weinroten Uniformen, die nur während der Berlinale zu existieren scheinen, holt tief Luft und ruft etwas in den Raum hinaus. Keiner versteht sie. Die Mundpropaganda, die langsam aus den vordersten Reihen durchsickert, spricht von technischen Problemen, an deren Lösung man sich nun gemacht habe. Der Nebenmann, nun schon sichtlich enerviert, macht einen halbherzigen Witz über eine Leiche, die erst aus dem Teppich gekratzt werden müsse. Keiner lacht. Jetzt sagt er, sowas habe er noch nie erlebt. Die Lage scheint ernst zu sein. Es wird wärmer.

18.10: Mittlerweile gab es eine Durchsage, dass versucht wird, das Kino zu tauschen. Eine andere besagt, dass weiter an dem technischen Problem in Kino 3 gearbeitet wird. Man dankt den Wartenden für ihr Verständnis. Um mich herum hat niemand mehr Verständnis. Die Frage, ob das selbe Mädchen wie vorher spricht, sorgt nur einige Minuten für Ablenkung und Gesprächsstoff. Es ist heiß.

18.20: "Sehr geehrte Zuschauer für Kino 3, dear visitors of cinema 3, 'Happy People'!". Einige lachen. "Die Vorstellung findet nun in Kino 9 im Obergeschoss statt." Alle drängeln. Durch unerklärliche strömungstechnische Vorgänge bin ich nun ganz hinten in der Schlange, die sich über die gesamten Treppen des Cinemaxx staut. Die Idee, mit dem Lift die Schlange zu überholen, kommt zu spät. Es ist unerträglich.

18.35, 1. Stock: Die Zuschauer, die für ihr Ticket bezahlt haben, dürfen zuerst durch die hastig errichtete Absperrung. Journalisten müssen warten. Als alle durch sind, wird der Zugang gesperrt. Der Sicherheitsbeauftragte, ein vielleicht 18-jähriger, stämmiger Junge, hat die undankbare Aufgabe zu verkünden, dass wahrscheinlich alles voll ist und außer Ticketbesitzern niemand mehr durchkommt. Das Kapital hat über die Meinungsfreiheit gesiegt. Das will der kleine ältere Herr mit den raspelkurzen Haaren nicht hinnehmen. Wir sind Journalisten, ruft er mit russischem Akzent. "Ich muss in diese Vorstellung. Ich muss darüber schreiben".

Er ist unser Anführer. Er heißt Alexander und kommt aus der Ukraine, wie sich herausstellt, und er weiß noch, wie kostbar die Pressefreiheit ist. Wir fühlen uns ermutigt. Eine neue Bewegung in Richtung Kordon setzt ein, noch sind etwa 50 von uns übrig. Dem für die Sicherheit zuständigen Milchgesicht treibt das den Schweiß auf die Stirn. Er denkt an den Aufstand vom 17. Juni, er denkt an Tienanmen. Wird er die revoltierende Menge niederkartätschen lassen müssen? Wird dieser 14. Februar als Revolte der "Unhappy People" in die Annalen der Berlinale eingehen? Er ruft Verstärkung. Zu dritt reden sie auf unseren Anführer ein. Der widersteht lange, und schaut sich schließlich hilfesuchend um. Doch wir Schreibtischtäter sind nicht für die Aktion gemacht. Wir bleiben stehen, die ersten gehen. "Shame on you", bekommt der Wachmann immer wieder zu hören, "Shame on you". Und tatsächlich scheinen sich alle ein wenig zu schämen. Das nächste Mal, Alexander!

Christoph Mayerl

"Happy People". Regie: Aleksandr Shapiro. Mit Konstantin Zabajkalski, Witalj Linetskij, Katja Winogradowa, Fedor Bondartschuk u.a., Ukraine 2006, 103 Minuten (Forum)


80 Minuten eng: Maziar Miris "Be Ahestegi - Gradually" (Panorama)

"Wie ein Staat, der sich durchaus zu modernen Lebensformen bekennt, offensichtlichen Irrsinn zum Staatsprogramm erheben kann, ist schwer zu verstehen", sagte Götz Aly bei Spiegel Online zu der geplanten Holocaust-Konferenz in Teheran. Der Iran wird dem Westen mit jedem Tag fremder. Es tröstet nur bedingt, wenn einem nach Maziar Miris Film "Be Ahestegi" klar wird, dass der Iran sich offenbar selbst nicht mehr versteht. Jeder Iraner lebt in einem anderen von Millionen Einzeluniversen und die Entfernungen zwischen diesen Privatwelten sind viel zu groß, um noch jemanden zu erreichen, sich zu verständigen. Es wird viel geredet in diesem Film, aber es ist nur Gerede, leere Formeln, religiöse Regeln und Lebensweisheiten, die nicht mehr passen auf das, was täglich geschieht.

Mahmoud ist Schweißer bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft. Irgendwo, weit unten im verschneiten Süden, arbeitet er an einer neuen Trasse. Durch einen anonymen Anruf aus Teheran erfährt er, dass seine Frau Pari verschwunden ist. Mahmoud gibt seinen Job auf, um sie zu suchen. Er fragt die Vermieterin, die Nachbarn, die Händler, die Handwerker, die Verwandten und die Polizei. Doch niemand will etwas wissen. Der Fall scheint klar: Die nervöse Pari, die seit ihrer Jugend Psychopharmaka nimmt, ist Mahmoud weggelaufen, eine furchtbare Schande für den Ehemann und die ganze Nachbarschaft. Das soziale System spuckt ihn aus, um sich selbst zu erhalten. Wie ein Fremdkörper stolpert Mahmoud durch die Gassen und erntet entweder Desinteresse oder betretenes Schweigen. Alle außer Mahmoud sind erleichtert, als die Polizei eine Frauenleiche findet, die Pari ähnlich sieht. Kurz nach dem schnell abgewickelten Begräbnis allerdings meldet sich ein Ladenbesitzer aus der Nachbarschaft, der Pari in Teheran gesehen haben will. Und tatsächlich: Pari lebt und kehrt zurück. Was sie genau gemacht hat, bleibt unklar. Nun hat Mahmoud drei Möglichkeiten, ihre und seine Ehre wieder zu erlangen. Er kann sich scheiden lassen, sie ins Gefängnis stecken oder sie umbringen.

Hier kommt nicht nur Mahmoud, sondern auch der Film an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss. Will er nun sozialkritisch die stickigen religiösen und gesellschaftlichen Konventionen anklagen, an denen zwei Menschen zerbrechen, will er einen Kriminalfall erzählen oder die Liebe über alles triumphieren lassen? Indem Regisseur Maziar Miri die Handlung im Nachhinein über den Umweg eines Tonbandes erzählt, auf dem Pari ihrem Ehemann in einem Monolog ihre Reise schildert, will er zweierlei: einerseits die Unfähigkeit des Paares verdeutlichen, miteinander zu sprechen, andererseits die Spannung steigern, weil der Zuschauer bis zum Schluss nicht weiß, was Mahmoud nach dem Geständnis mit Pari gemacht hat. Ersteres gelingt, das zweite nicht. Außerdem verheddert sich Miri in seiner mehrstöckigen Konstruktion. Der nachgeklappte Schluss wirkt aufgesetzt und ein wenig grob.

In dieser allerletzten Einstellung löst sich die Kamera zum ersten Mal von den Figuren und geht in ein zaghaftes Panorama über. Die 80 Minuten davor klebt sie an den Menschen und ihren Gesichtern und lässt so das drückende Geflecht aus Regeln und Erwartungen spürbar werden, in dem Mahmoud und Pari sich kaum bewegen, geschweige denn zueinander finden können. Diese Enge, an der sich beide immer wieder stoßen, ist allgegenwärtig. Und so werden die Nebenfiguren, wird die Gesellschaft zum eigentlichen und verstörenden Hauptdarsteller des Films. Die verlogene Vermieterin, die sich in erster Linie um die Miete sorgt, der auf sein Ansehen bedachte Onkel, der seine Nichte lieber für tot erklärt als entehrt, der Polizist, der bloß seine Formulare ausfüllt.

Die Abwesenheit von Gefühlen lässt den Iran als totes Gefüge erscheinen, in dem jeder nur an den eigenen Vorteil denkt. Denn alles muss bezahlt werden: die Klageweiber, die Informanten, die Polizei und auch der Mullah, den Mahmoud in seiner Not bucht, um herauszufinden, wie die Chancen stehen, dass seine Frau noch lebt. "50:50", meint der Gelehrte und wendet sich wieder seinem Gebet zu. Lakonisch und hilflos, nicht verstockt und agressiv wie sein Präsident Mahmud Ahmadineschad, so erscheint der Iran in diesem Film.

Christoph Mayerl

"Be Ahestegi - Gradually". Regie: Maziar Miri. Mit Mohammed-Reza Foroutan, Niloofar Khoshkholgh, Hassan Poorshirazi u.a., Iran 2005, 81 Minuten (Panorama)



Liebe zum Grau: Yang Yonghi Dokumentarfilm "Dear Pyongyang" (Forum)

Die Mutter schnürt Pakete, um ihre Söhne und deren Familien mit warmen Jacken, Bleistiften und Medizin zu versorgen, all das, was es in Nordkorea schon lange nicht mehr gibt. Seit 30 Jahren tut sie das, und seit 30 Jahren werden die Abstände der Hilfslieferungen immer kürzer und die Kisten immer größer. Yonghi Yangs Eltern emigrierten nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem heutigen Südkorea nach Japan. Als führende Vertreter der pro-kommunistischen "Zainichi"-Bewegung der koreanischen Minderheit gilt ihre Sympathie aber Nordkorea und den "geliebten Führern" Kim Il-Sung und Kim Jong-Il. Der Vater glaubte so sehr an das Land, dass er vor 30 Jahren seine Söhne als sogenannte "Heimkehrer" nach Pjöngjang schickte.

Die Glorifizierung eines repressiven Systems, die bedingungslose Liebe zu einem korrupten Diktator, das Trauma der japanischen Kriegsverbrechen in Korea und die wahnwitzig anmutende Entscheidung, seine Kinder in das graue Gefängnis Nordkorea geschickt zu haben - zu all dem könnte Yonghi Yang ihrem Vater Fragen stellen. Dass sie es im Widerspruch zur traditionellen Hierarchie einer asiatischen Familie versucht, ist ihr hoch anzurechnen. Aber sie scheitert.

Es bleibt ein intimes Porträt der Eltern, die beim Essen, beim Blumengießen und beim Spazierenfahren gefilmt werden. Außerdem erhaschen wir einen Blick auf die komplexe Familiengeschichte und das Leben im koreanischen Viertel von Osaka. Höhepunkt ist sicherlich der Besuch bei den drei Brüdern und deren Familien, drüben in Pjöngjang. So gut hat man sich im Kino wohl noch nie im Wohnzimmer einer nordkoreanischen Familie umsehen dürfen, so unbehelligt ist man noch nie durch die Straßen dieser letzten Bastion eines orthodoxen Kommunismus spaziert. Leider gibt es nur wenige Außenaufnahmen. Gerne hätte man ein wenig mehr gesehen vom grotesken Stadtzentrum mit dem riesenhaften, nie vollendeten dreieckigen Hochhaus, von den Menschen, die bevorzugt rechteckig angeordneten über die Aufmarschplätze kreuzen, von den U-Bahn-Stationen, die an Moskaus Untergrundpaläste erinnern. Obschon es überhaupt verwunderlich ist, dass Yang mit ihrer Digitalkamera nicht aufgehalten wurde.

Der Film wird immer mehr zur persönlichen Hommage an die Familie und vor allem den Vater. Streckenweise wirkt das Werk allerdings wie das Homemovie irgendeiner Familie. Das kann interessant sein, ihrem eigentlichen Anspruch wird Yonghi Yang aber nicht gerecht. Und so wirkt die viel zu lange Geschichtslektion am Anfang wie der Auftakt zu einer vielversprechenden historischen Fragestunde, die nach zwei Stunden in zwar bewegenden, aber leider immer noch wortlosen Umarmungen und Liebesbekundungen endet.

Christoph Mayerl

"Dear Pyongyang". Regie: Yang Yonghi. Japan 2005, 107 Minuten (Forum)