Außer Atem

Berlinale 4. Tag

Von Thekla Dannenberg, Ekkehard Knörer, Christoph Mayerl
12.02.2006. Das schlimmste Schimpfwort in Detlev Bucks "Knallhart" ist: Opfer. Jasmila Zbanics Wettbewerbsfilm "Grbavica" erzählt von den Folgen des Bosnienkrieges. Harwan Hamed zeigt in "Omaret Yacoubian", wie Bestechung auf äygpytisch funktioniert. Romuald Karmakar entfaltet in seinen "Hamburger Lektionen den Humor der islamischen Fundamentalisten. Michel Gondry probt im Wettbewerbsfilm "The Science of Sleep" die Anarchie in Zellophan. Zhang Mings "Before Born" sucht Struktur, nicht Sinn.
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Nenn mich nicht "Opfer"! Detlev Bucks "Knallhart" im Panorama

Auch die lieben Kinderchen in Berlin Neukölln spielen gern, Topfschlagen zum Beispiel. Das geht hier so: In einem Parkhaus wird dem einen ein Email-Eimer über den Kopf gestülpt, und der andere drischt mit verbundenen Augen und einem Baseballschläger in der Hand so lange um sich, bis er etliche Autos demoliert und das arme Schwein von seinem Stuhl gefegt hat. In den Wettbüros interessiert man sich für Sport, und generell stehen Familienwerte hoch im Kurs - die Junkie-Mutter nimmt gern ihr Kind mit in den Park, um dem Dealer etwas Mitleid und einen günstigeren Preis abzuquetschen, und für die Bosse gibt es keinen besseren Ort, Geschäfte zu machen, als die Küche der Großmutter.

Hierin, nach Neukölln, in den härtesten der harten Berliner Bezirke, verschlägt es den fünfzehnjährigen Michael (David Kross). Seine Mutter (Jenny Elvers-Elbertzhagen) hatte es sich bei ihrem reichen Freund im noblen Zehlendorf etwas zu bequem gemacht. Sie landen in einer billigen Wohnung in Neukölln, nahe Hermannplatz. Michaels Schicksal ist besiegelt, als seine Mitschüler hören, dass er aus Zehlendorf kommt und weiß, was eine Quadratzahl ist. Ein gefundenes Fressen für Gangbanger Erol (Oktay Özedmir), der ihn nach Strich und Faden abzieht. Handy, Turnschuhe und natürlich Geld: Entweder gleich 50 oder morgen 100 Euro.

Der Junge braucht also Geld und Protektion. Zuerst versucht es mit seinen beiden Kumpels Crille und Atze, aber die Kleingauner kriegen kaum was zusammen, und vor Erols Schlägen können sie ihn auch nicht retten. Drogenboss Hamal (wunderbar: Erhan Emre) macht Michael das Angebot, für ihn als Kurier zu arbeiten ("Ich weiß ein ehrliches Gesicht zu schätzen"), und der Junge denkt nicht mal darüber nach, es auszuschlagen. Nur nicht mehr Opfer sein müssen.

Das geht eine Weile gut, er kann unbehelligt seinen iPod und die nagelneuen Sneakers durch die Gegend tragen, niemand wagt es mehr, ihn zu malträtieren. Aber natürlich wächst dem Kleingangster die Sache über den Kopf, das Unheil beginnt seinen Lauf mit einem Ausflug in den Wedding zu nehmen. Auch wenn der Film von Beginn an auf die Katastrophe zusteuert, trifft sie einen wie ein Schlag von Erol.

Bis dahin war "Knallhart" bei aller Brutalität vor allem komisch. Das mag daran liegen, dass er heillos das Bild vom Neuköllner Ghetto überzieht, so manches Klischee verbrät und sich anfangs nicht ganz entscheiden kann, seine Figuren ernst zu nehmen. Aber er hatte auch einfach unglaublich lustige Szenen. Etwa wenn Erol von seiner Teenagerfreundin - und Mutter seiner beiden Kinder - fertig gemacht wird. Sie belegt ihn mit dem übelsten, demütigendsten aller Schimpfwörter: Sie nennt ihn "Opfer". Und dann muss sich Erol auch noch von Michael mit dem Kinderwagen die U-Bahntreppe hochhelfen lassen. Oder der lakonische Dialog zwischen Crille und Michael: "Mein Alter ist wieder da." - "Hat's sehr wehgetan?".

Zum Schluss könnte man fast Heulen vor Mitgefühl über diese Neuköllner Kleinkriminellen, die sich, immer wenn sie glauben, sich aus einer Situation herausgeboxt zu haben, nur noch tiefer reingeritten haben. Und die einfach nicht beherzigen, was schon der große Clint Eastwood wusste: "Tough ain't enough."

Thekla Dannenberg

"Knallhart". Regie: Detlev Buck. Mit David Kross, Jenny Elvers-Elbertzhagen, Erhan Emre, Oktay Özdemir und anderen. Deutschland, 98 Minuten (Panorama).


Erfrorenes Sarajevo: Jasmila Zbanics Wettbewerbsfilm "Grbavica"

Der Krieg in Bosnien ist noch nicht vergessen. Alle sind aus ihrem Leben davor in ein anderes verrückt worden, viele sind verrückt geworden. In Sarajevo, wo Jasmila Zbanics eindringlicher Film "Grbavica" angesiedelt ist, ist die dreijährige Belagerung immer noch besonders gegenwärtig. "Du bist völlig irre", sagt Cenga zu Esma, und meint damit, dass sie etwas gemeinsam haben. Cenga war Soldat im Krieg und ist nun Leibwächter eines Kriegsgewinnlers, der jetzt eine Disco besitzt. Ob er den verhassten Boss am Ende umbringt, weiß man nicht. Cenga flieht vor seiner Mutter, die immer noch auf Hilfslieferungen des Roten Kreuzes wartet, flieht vor seinem abgebrochenen Wirtschaftsstudium und der Hoffnungslosigkeit eines winterlichen Sarajevo.

Esma kann sich nicht so einfach von den schrecklichen Erlebnissen trennen. Sie muss jeden Tag mit ihnen leben, sich jeden Tag in der Gestalt ihrer 12-jährigen Tochter mit ihnen auseinandersetzen. Dass etwas war, wird in vielen Andeutungen über den Film hinweg deutlich, beim harmlosen Herumtollen, das plötzlich abgebrochen wird, als Sara ihre Mutter auf den Boden drückt, bei den Panikanfällen, wenn Esma Soldaten sieht. Wie eine Kontinentalplatte, langsam aber mit unaufhaltsamer Wucht, schiebt sich die Erinnerung in Esmas Gedächtnis zurück. Esma wurde vor 13 Jahren von serbischen Soldaten vergewaltigt. Sara ist das Kind eines Tschetniks. Mit ruhigem, standfesten Blick beobachtet die Dokumentarfilmerin Jasmila Zbanic in ihrer ersten fiktiven Arbeit, wie eine alleinerziehende Mutter alles versucht, um ihrer Tochter den Klassenausflug zu bezahlen und sie vor der Vergangenheit zu beschützen, wie sich nach und nach ein Druck aufbaut, der sich endlich gegen den geliebten Bastard richtet.

Es schneit oft in diesem Film, und die farbarmen Aufnahmen suggerieren, dass der Frühling nie mehr kommen wird. Der Grill, den Cenga für das Rendez-vous mit Esma auf einem schuttübersäten Hügel aufbaut, scheint jede Sekunde den Kampf gegen die eisige Kälte zu verlieren und auszugehen. Voller Trotz ist dieses Bild eines neuen Anfangs der beiden Kriegsversehrten inmitten der festgefrorenen Trümmer des vergangenen Krieges und eine der bewegendsten Szenen in diesem anrührenden und nachdenklichen Spielfilmdebüt.

So bewegungslos und leblos Sarajevo in der winterlichen Schockstarre auch aussieht, untergründig rumort es, und immer wieder entladen sich die Erinnerungen an die Gewalt wieder in Gewalt. Jasmila Zbanic hat einen Film geschaffen, der sich langsam, Einstellung für Einstellung, in einen hineingräbt und die Last der Erinnerungen, die Sarajevo quälen, auf die schmalen Schultern der Zuschauer ablädt. Am größten ist er in der längsten Einstellung des Films, als die Kamera so nah und so zögernd an den Gesichtern vergewaltigter Frauen vorbeistreift, dass man lange, unangenehm lange in ihre Augen sehen muss.

Christoph Mayerl

"Grbavica". Regie: Jasmila Zbanic. Mit Mirjana Karanovic, Luna Mijovic, Leon Lucev u.a., Österreich / Bosnien-Herzegowina / Deutschland / Kroatien 2006. (Wettbewerb)


Häschen oder Truthahn: Marwan Hameds "Omaret Yacoubian" (Panorama)

Es kann doch nicht sein, dass diese glitzernde, an Geschichten und Geschichte überreiche Schatulle ein Regisseur zu verantworten hat, der aussieht wie ein Schuljunge. Marwan Hamed ist angeblich 27, sieht aber verdammt nach 16 aus. Er war noch nicht mal annähernd geboren, als das Oberhaupt der armenischen Gemeinde Hagop Yacoubian das prächtige Eckgebäude 1934 im Art Deco Stil errichten ließ, als Zeichen des ägyptischen Aufbruchs in die Moderne, nach Europa. Nach dem Militärputsch 1952 flohen die Minister, jüdischen Geschäftsleute und die Aristokraten, die neuen Strippenzieher wie Nasser zogen in die Vorstädte, und die Offiziere und das mittlere Bürgertum übernahmen. Einer ist immer geblieben, der alternde Pascha Zaki El Dessouki - mit ironischer Abgeklärtheit verkörpert von Adel Imam -, er steht für die längst untergegangene Elite des britisch-französischen Ägypten. Er müsste nur ein paar Stufen nach oben gehen, um vom Dach aus das untere Ende der Gesellschaft zu sehen - verarmte Immigranten aus der Provinz, die mit ganzen Familien in den ehemaligen Dienstbotenzimmern und Lagerhäusern des Gebäudes wohnen.

In eleganter wie ungezwungener, weil realistischer Manier ist hier also ein guter Teil Ägyptens versammelt, in historischer und gesellschaftlicher Hinsicht. Das steinerne Gebäude mit seinem blätterndem Putz wird im Laufe des Films unmerklich zu einem flirrenden, sozialen Gewebe aus bunten Lebensfäden, die nebeneinander herlaufen, sich überlagern, plötzlich abgeschnitten werden oder sich miteinander verbinden. Wenn der Regisseur seinen letzten Knoten geknüpft hat, wenn der milde Pascha die arme Bothayna heiratet und mit ihr in der Morgendämmerung durch Kairo läuft, hat man in den vergangenen zweieinhalb Stunden selbst für einige Wochen in dem Yacoubian Gebäude gelebt, und man würde noch einmal gerne mit dem alten Pascha in Kairo zu Edith Piaf tanzen.

Vor allem aber geht es um die gärende, widersprüchliche Gegenwart der Metropole. Diese Gegenwart schwemmt in Form von sozialem Fanatismus, Folter, Korruption, sexueller Belästigung, Mord, Diebstahl, heimlich gelebter Homosexualität und Drogengeschäften herein. Hamed spart nicht mit Verweisen auf die Wirklichkeit, und es wäre interessant gewesen, das Gesicht des mit großem Pomp begrüßten ägyptischen Generalkonsulars zu sehen, als der Geschäftsmann Haji den korrupten Minister schließlich an seinem Einkommen beteiligen muss, um beschützt zu werden. "Ich kann nur zwei Dinge zeichnen", sagt der zigarrenschmauchende Politiker mit einem Lächeln, "ein Häschen oder einen Truthahn". 25 Prozent oder 50 Prozent heißt das. Die Machtfülle auf der einen und die Machtlosigkeit auf der anderen Seite ist selten so eindrücklich gezeigt worden wie mit dem krakeligen Nager, das der Politiker auf einem Blatt Papier überreicht. Der junge Taha hat diese Mittel nicht zur Verfügung und kann deshalb niemanden schmieren, um auf die Polizeischule zu kommen. Sein Idealismus findet ein Ventil bei einer islamistischen Gruppe nach dem Vorbild der Muslim-Bruderschaft. Er wird festgenommen, im Gefängnis vergewaltigt und zum Attentäter.

So ehrlich der Film mit den Abgründen der Gegenwart umgeht, so wenig verbeißt er sich in sie. Das ist wohl auch auf den zugrunde liegenden Roman von Alaa Al Aswany zurückzuführen, der die Bestsellerlisten 2002 und 2003 anführte. Aswany bleibt nah an den Menschen dran. Und so verlässt man nicht ohne Widerwillen das Yacoubian Building und geht lebenstrunken heraus in die eiskalte Berliner Nacht, und man schaut jedem vorbei eilenden Passanten ins Gesicht, in der Hoffnung, er bleibt stehen und fängt an zu erzählen.

Christoph Mayerl

"Omaret Yacoubian"
. Regie: Marwan Hamed. Mit Adel Imam, Yousra, Nour El Sherif, Hind Sabry, Isaad Younis u.a., Ägypten 2005, 165 Minuten (Panorama)


Der Humor der Fundamentalisten: Romuald Karmakars "Hamburger Lektionen" (Panorama)

Wir haben Manfred Zapatka nicht mit Heinrich Himmler verwechselt, wir verwechseln ihn nun auch nicht mit dem islamischen Prediger Fazazi. Aus Zapatkas Mund kommen fremde Worte, die er sich nicht aneignet. Er stellt sie nicht dar, er spricht sie nur aus.

Die "Hamburger Lektionen" sind die Karmakarisierung - da es nun, beim zweiten Mal, Methode wird, ist die Wortprägung fällig - zweier Frage-und-Antwort-Veranstaltungen in der Hamburger Moschee, die drei der Attentäter vom 11. September besuchten. Ob sie bei diesen beiden Terminen im Jahr 2000 zugegen waren, werden die, die es wissen, keinem verraten. Fazazi, der hier den Koran auslegt, sitzt inzwischen im Gefängnis, in Marokko, des prägenden Einflusses auf andere Untaten wegen.

Manfred Zapatka sitzt auf einem Stuhl, zwei Schemeltischchen neben sich, einer links, einer rechts. Der Hintergrund ist neutral, eine Wand wie im Museum, die nicht sich, sondern das, was zu ihr kontrastiert, zur Geltung bringt. Vom Schemel linker Hand nimmt Zapatka den Text, den er liest, auf dem Schemel rechter Hand legt er ihn wieder ab. Drei oder vier unterschiedliche Einstellung kennt die Kamera, eine von halbrechts halbnah, zwei Frontale, eine davon ein Close-Up aufs Gesicht des Darstellers, der nichts darstellt außer dem Vorlesenden, der er ist. Nur wenige Male nimmt eine Einstellung das Gesamtarrangement in den Blick: den Mann auf seinem Stuhl, die Schemel, den Raum. Kaum Ablenkungsmanöver, nur gelegentlich wird ein Zettel reingereicht, nur gelegentlich fällt der Schatten des Körpers des Regisseurs (oder eines Helfers) auf die Wand hinter Zapatka.

Volle Konzentration auf den Text. Der Prediger Fazazi widmet sich theologischen Fragen, in einiger, für den vielleicht nicht so am Detail Interessierten, doch etwas enervierender Ausführlichkeit. Verhandelt wird etwa der genau Termin des Beginns des Ramadan. Sorgfältig ist der vorgelesene Text dabei übersetzt, zwischendurch immer wieder unterbrochen durch Erläuterungen von Begriffen, die termini technici sind und auch im arabischen Original genannt werden. "Bidaa" etwa, was Reform heißt und als Abweichung vom Koran und der Sunna grundsätzlich von übel ist.

Oder "halal", das heißt "erlaubt". In den, aus terrorismustheoretischer Sicht jedenfalls, interessantesten Passagen wird es darum gehen, ob es erlaubt ist, sich am Eigentum der Ungläubigen zu vergreifen. Ja, wird der Prediger sagen, es ist "halal", denn die Ungläubigen haben es den Muslims immer schon gestohlen. Da wird wenig verklausuliert. Weil man - auch immer schon - im Krieg ist mit den Ungläubigen, ist es auch erlaubt, sie zu töten, um nicht getötet zu werden.

Wie Fazazi diesen Sprengstoff in theologische Haarspaltereien hineinfaltet und in rituell wiederkehrende Formen wickelt, das gibt einen guten Eindruck, denkt man, vom Denk- und Empfindungsmilieu des Fundamentalismus. Eingeblendet werden auch immer wieder die Reaktionen des in der Zapatka-Lektion natürlich nicht nachgestellten Publikums: lautes Lachen, unterdrücktes Kichern. Das Einverständnis zeigt sich so, nachvollziehbar, auch und erst recht im nicht Ausgesprochenen. Der Humor der Fundamentalisten ist die Freiheit zur Tötung des Andersdenkenden.

Ekkehard Knörer

"Hamburger Lektionen". Regie: Romuald Karmarkar. Mit Manfred Zapatka, August Diehl. Deutschland 2006, 133 Minuten (Panorama)


Anarchie in Zellophan: Michel Gondrys "The Science of Sleep" (Wettbewerb)

Was eilt diesem Regisseur für ein Ruf voraus! Er hat mit den Chemical Brothers, mit den Rolling Stones und Kylie Minogue Videos gedreht. Für seinen ersten Spielfilm "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" hat Charlie Kaufmann das Drehbuch geschrieben. Landauf, landab wird seine Kreativität gerühmt, seine Fantastereien, seine Verspieltheit. Mit Gael Garcia Bernal und Charlotte Gainsbourg hat er für seinen neuen Film großartige Schauspieler bekommen. Und tatsächlich wird man in dieser Hinsicht nicht enttäuscht. "The Science of Sleep" bordet schier über an Einfällen, Spielereien und lustigen Erfindungen. Wie früher die Yps-Hefte.

"Parallel synchonized randomness" nennt der junge Stephane das Phänomen, an dem er tüftelt und das er so erklärt: Auf der Straße kommen sich zwei Menschen entgegen, doch sie schaffen es nicht aneinander vorbei, sondern versuchen sich immer in der gleichen Richtung auszuweichen, so dass man sich immer wieder gegenseitig blockiert. So etwas in der Art passiert ihm mit Stephanie, der neuen Nachbarin. Er ist Grafikdesigner, der gerade einen neuen Kalender entworfen hat, der die einzelnen Monate im Comic-Stil mit den schlimmsten Katastrophen illustriert, die jeweils stattgefunden haben. Sein neuer Job ist jedoch so öde, dass er sich lieber in spannendere Gefilde flüchtet, sein Fernsehstudio aus Pappmache zum Beispiel. Stephanie ist dafür auch keine erfolgreiche Musikagentin, sondern ebenso versponnen wie Stephane.

Die beiden sind nicht nur Wahlverwandte, ihre Gehirne sind auch miteinander verkoppelt. Wenn Stephane wild träumt, sieht Stephanie das in ihrem Fernseher. Stephane hat eine 1-Sekunden-Zeitmaschine gebastelt, bei Stephanie laufen Zellophanschwaden aus dem Wasserhahn. Allerdings gibt es ein Problem für die beiden: Stephane träumt so wüst, dass es gelinde gesagt Probleme mit der Realitätswahrnehmung gibt. Oder man glaubt, dass er aus einem Traum aufwacht, nur um zu sehen, dass er in einer noch surrealeren Situation steckt. Das ist manchmal ziemlich komisch, aber immer schrecklich harmlos. Hat er ihr jetzt das Liebeszettelchen unter der Tür durchgeschoben, oder nicht?

Was fehlt bei Gondrys Witz, ist der Biss. Selten überschreiten seine Gags das Pubertätsalter. Und so originell sind Knetfiguren, Collagen und absurde Büroszenen auch nicht. Allerdings waren Tim Burton, die Monty Pythons und selbst die Gaston-Hefte etwas subversiver. In einer einzigen Szene darf Charlotte Gainsbourg sexy sein. Den Rest des Films über muss sie das verspielte Kind geben.

"Es ist schwer, den Zufall zu organisieren", bemerkt Stephanie in einer Szene, während Stephane versucht, aus blauen und weißen Zellophanpapierchen ein unruhiges Meer für das Spielzeug-Traumschiffchen zu drapieren. "Anarchie in Zellophan!", ruft sie und gibt damit den gemeinsamen Schlachtruf aus. Und eigentlich auch die Zusammenfassung des Films: Hübsch verpackte Fantastereien, nett anzusehen. Hier eine große Schleife, da ein Riesenwirbel, doch die präsentierte Anarchie ist ziemlich winzig. Statt im Wettbewerb hätte der Film genauso gut in der Jugendreihe 14+ laufen können.

Thekla Dannenberg

"The Science of Sleep". Regie: Michel Gondry. Mit Charlotte Gainsbourg, Gael Garcia Bernal, Miou-Miou, Michel Chabat und anderen. Frankreich 2005, 105 Minuten (Wettbewerb, außer Konkurrenz).


Lust am Muster: Zhang Mings " Jie guo - Before Born" (Forum)

Ein Mann, einen Koffer in der Hand, betritt ein Hotel an einem Strand. Das Wetter ist schlecht, die Bilder sind bleich. Der Mann klopft an eine Tür in dem Hotel, keiner macht auf. Der Mann, den er sucht, war da, ist aber verschwunden. Eine Zigarette in einem Aschenbecher zeugt, scheint es, von diesem Verschwinden. Der Mann holt aus dem Koffer eine Digitalkamera und macht ein Foto. Eine Frau taucht auf, der Mann holt aus dem Koffer ein Bündel Geld, noch eines, noch eines. Die Frau verrät ihm nicht, wohin der Verschwundene verschwunden ist. Eine Tür zu einem Reisebüro, das der Verschwundene betreibt, es befindet sich, wie das Hotel, am Strand. Der verschwundene Mann, sagt der Mann im Reisebüro, ist in Peking. Oder in Vietnam.

Der Mann mit dem Koffer, die Frau, die auch nicht weiß, wo der Verschwundene ist, warten gemeinsam, haben nur einander und ihre Suche an diesem gottverlassenen Ort am Meer, er isst ekelhafte Würmer, sie nicht, sie machen einen Ausflug auf eine Insel, geraten in eine Kirche, kehren zurück. Eine weitere Frau kommt ins Spiel, aus einem anderen Reisebüro. Der Mann mit dem Koffer macht Fotos, dann schickt er den Koffer mit der Digitalkamera an seinen Auftraggeber. Das Geld packt er in eine Tüte und verschwindet.

Ein anderer Mann, einen Koffer in der Hand, betritt dasselbe Hotel am selben Strand. Das Wetter ist schlecht, die Bilder sind bleich. Der Mann klopft an eine Tür in dem Hotel, keiner macht auf. Jetzt wird der Film, dessen Rätsel und Irreführungen einem zuvor prätentiös und beliebig vorkommen durften, interessant.

Jetzt kommt es zu Wiederholungen und Verschiebungen. Die eine Frau taucht wieder auf, die andere auch. Der Mann mit dem Koffer (der andere Mann mit dem Koffer) macht mit der Frau einen Ausflug auf dieselbe Insel. Gegenstände tauchen auf, in der Wiederholung, die die Rätsel nicht löst, ihnen auch keine Tiefe gibt, bilden sich Muster. Die Leere der Bilder, die Einfachheit des Arrangements, machen nun Sinn als Hintergrund, der Kontrast gibt zu den Anordnungen und Verbindungen, die auf dem Vordergrund der Narration sich langsam zu verfestigen beginnen, ohne je ganz auszuhärten. Wir können der Geschichte beim Bilden von Mustern und Strukturen zusehen. Wir sehen, dass es nicht um Verrätselung geht, um aufgeschobenen, einzulösenden Sinn, sondern um die Herausbildung von Struktur. Der Film will keine psychologische Erschließung des Verhaltens der Figuren, er will vielmehr vor allem die Relation. Die Beziehung der einen zur andern erschließt sich nicht, sondern wird eingetragen, als Muster, in eine Fläche von Wiederholungen und Verschiebungen.

Das Presseheft verweist auf Antonioni, in dessen Filmen die Figuren an den Rand des Kommunikablen kadriert werden: einander fremd, sprachlos fast, in ein Bild gestellt, das existenziell lesbar ist. Diese existenzielle Lesbarkeit (Unfähigkeit, sich auszusprechen, miteinander zu kommunizieren) evozieren auch die Bilder von Zhang Mings Film. Sie verdichten sich jedoch nicht zu Symbolen. Die Gegenstände, das Ruder eines Schiffs, die Meerwürmer, die gegessen, die weißen Perlmutt-Stücke, die in einen Felsen gesteckt werden, sie verschließen sich einer Lesbarkeit, die ein Schlüssel wäre zur Bedeutung des Films. Sie gehen Beziehungen ein zu anderen Elementen des Films: Der zweite Mann färbt ihre Spitzen rot, rot wie das Blut, das mit der Schwangerschaft einer der Frauen assoziierbar ist. Über die Assoziierbarkeit, die keine spezifische Lesart erzwingt, öffnet sich "Before Born" dem Bedeuten, während er sich allem leicht zu habendem Sinn verweigert. Er tut dies aber nicht wie eine Muschel, die im Innern ihren Perlmutt-Schatz-verbirgt, er verteilt vielmehr die Zeichen als Wiederholungen in Variation über seine Geschichte. Er gibt Struktur, nicht Sinn. Er befriedigt eine Lust am Muster, nicht an tieferer Bedeutung. Man kann das abstrakt nennen. Es ist aber eine Abstraktion, die nach genauestem Blick verlangt, auf das, was sie zeigt, nach konzentrierter Aufmerksamkeit, die nicht leer ausgeht bei offenem Ende.

Ekkehard Knörer

"Jie guo - Before Born". Regie: Zhang Ming. Mit Liao Zhong, Huang Guangliang, Xu Baihui u.a., China 2005, 104 Minuten (Forum)