Außer Atem

Berlinale 6. Tag

Von Gabriella Gönczy, Ekkehard Knörer
15.02.2005. In seinen Liebkosungen ein großer Film: Christian Petzolds Wettbewerbsbeitrag "Gespenster". Heute läuft die Verfilmung von von Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen" im Wettbewerb. Gabriella Gönczy berichtet über die Debatten der ungarischen Feuilletons vor und nach der Premiere.
Eine Liste aller besprochenen Berlinalefilme finden Sie hier.
Erlaubt keinen falschen Zufall: Christian Petzold und sein Wettbewerbsbeitrag "Gespenster"

Die Türen, die ins Schloss fallen, das Rauschen der Blätter in den Bäumen des Tiergartens, die Musik, die von der Party hinaus dringt, in den Raum der Natur zwischen den Räumen eines Hauses. Als Schlusspunkt der wütende Laut, mit dem eine Geldbörse in einen Mülleimer geworfen wird, wieder im Tiergarten. "Gespenster" ist ein Film der Geräusche, ein Film, den man über seine Tonspur erzählen könnte.

"Gespenster" ist auch ein Film, den man über seine Schauplätze erzählen könnte. Der Wald, die Natur, der Tiergarten. Hier finden sich Toni und Nina, eine schicksalhafte Begegnung. Ein Schicksal freilich, das einen Sinn fürs Lapidare hat. Sie erklären einander nicht. Sie begegnen sich, sie geraten aneinander und bleiben beieinander, bis sie sich wieder verlieren. Sie sind zwei Mädchen ohne Vergangenheit, die Mädchen, die sich im Wald begegnen, als wäre es ein Märchen der Brüder Grimm. Es gibt den Wald und es gibt die Stadt. Den Tiergarten und den Potsdamer Platz.

"Gespenster" ist aber auch ein Film mit einer Geschichte. Falsch. Mit zwei Geschichten, die einander sacht berühren, im Ton der Erzählung, in den Figuren, am Ort des Geschehens. Die andere Geschichte ist die einer Mutter, die ihre Tochter verloren hat, vor vielen Jahren, in einem Supermarkt. In Nina glaubt sie sie nun wieder entdeckt zu haben, am Potsdamer Platz. In die Geschichte, in der Nina und Toni, die einander nicht kennen und einander nicht erklären, platzt die falsche Mutter, die vielleicht auch die richtige Mutter ist.

"Gespenster" ist eine Liebesgeschichte. In den Geschichten, die sie einander erzählen, erklären sich Nina und Toni ihre Liebe. Aus der nichts folgt, die kein Fundament hat, kein anderes jedenfalls als die Gegenwart, in der sie sich ereignet. Nina rettet Toni, Toni rettet Nina. Die Geschichten, die sie sich erzählen, die Geschichte von einer Rettung zum Beispiel, sind nicht wahr. Ein Traum, eine Lüge, aber wahr sind sie dennoch. Die schönste Szene zeigt Nina und Toni nebeneinander, bei einem Casting für einen Film (oder eine Fernsehsendung, egal), sie tragen schon die Produktions-T-Shirts: "Freundinnen". Toni erzählt ihre Lügengeschichte, Nina erzählt den Traum, in dem Toni auftritt als Königin. Die Kamera liebkost die Gesichter zweier wunderbarer Schauspielerinnen, die Gesichter von Sabine Timoteo und Julia Hummer.

In diesen Liebkosungen, in weiteren dieser Liebkosungen ist "Gespenster" ein großer Film. Im ganzen ist er das nicht. So wundervoll die Tonspur ist, so sehr sie dazu einlädt, die Augen zu schließen und diesen Film einfach nur zu hören, so klar die Bilder sind, so wunderbar Christian Petzold (wie immer dramaturgisch beraten von Harun Farocki) seine Motive gegeneinander balanciert, so großartig die Schauspielerinnen sind und so wenig man die filmische Intelligenz dieses Regisseurs übersehen kann: Es funktioniert im ganzen nicht. "Gespenster" hat das Zeug zu einem Meisterwerk, aber das ist er nicht.

Vielleicht hat es mit dem zu tun, was Christian Petzold in der Pressekonferenz erzählt. Eine Szene, in der einmal die Siegessäule im Hintergrund zu sehen war, hat er sofort in den Müllkorb geworfen. Dem Zufall, der ein Klischee auf die Leinwand befördern könnte, fällt Petzold programmatisch in den Arm. Auf den Millimeter genau will er bestimmen, was zu sehen, auch, was dazu zu denken ist. Das Bild, das er von seinen Figuren im Kopf hat, ist so präzise, dass er genau weiß, welche Zufälle die richtigen und die falschen sind. Toni ist die Soldatin, die nur in der Gegenwart lebt.

Von dieser Idee lässt er nicht. Nichts, das dieser Idee womöglich nicht entspricht, hat Raum in seiner Geschichte. Den Gespenstern, deren Geschichten er erzählt, nimmt er so die Freiheit, anderes zu bedeuten, den Figuren, anderes zu tun, als er es für sie vorgesehen hat. Christian Petzold weiß alles ganz genau, vielleicht zu genau. Vielleicht darf man aber auch als Autor und Regisseur nicht alles wissen, vielleicht muss man den falschen Zufall zulassen und Bilder, die abweichen von denen, die man im Kopf hat. Erst dann erwacht eine Geschichte, erwachen auch Untote zum Leben.

Ekkehard Knörer

"Gespenster". Regie: Christian Petzold. Mit Julia Hummer, Sabine Timoteo, Marianne Basler, Aurelien Recoing, Benno Fürmann u.a., Deutschland, Frankreich 2004, 85 Minuten. (Wettbewerb)


Heute wird auf der Berlinale "Fateless", Lajos Koltais Verfilmung von Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen" aufgeführt. In Ungarn war der Film umstritten.

Imre Kertesz' "Roman eines Schicksallosen" erzählt die Geschichte eines Jungen aus gutem Haus, der auch im Konzentrationslager "ein vernünftiger Junge" sein möchte, der seine Aufgaben erfüllt. Gyuri betrachtet die Geschehnisse, ohne sie völlig zu verstehen oder zu werten, so erscheint das Konzentrationslager als Alltag, in dem auch Langeweile, sogar Glück möglich sind, denn "es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde".

Seit 1997, als die Neuübersetzung von Christina Viragh (mehr hier) den 20 Jahre zuvor veröffentlichten "Roman eines Schicksallosen" international bekannt machte, wurde Imre Kertesz immer wieder gefragt, ob er sich eine Verfilmung des Romans vorstellen könnte. Er antwortete immer: "Schwer vorstellbar. Es wäre prinzipiell möglich, aber nur mit einem Künstler, der diese Sprache auf der Leinwand erfinden kann", hieß es in einem Interview. Umso überraschender war es, als 2001 ein kleines Büchlein von Kertesz mit dem Titel "Schritt für Schritt - Drehbuch zum Roman eines Schicksallosen" erschien. Im Vorwort erklärt der Autor die Kehrtwendung: "Zum eigenen Roman ein Drehbuch zu schreiben ist ein gefährliches Spiel; noch gefährlicher kann es jedoch mitunter werden, es nicht zu tun. Denn es gibt offenbar Bücher, die mit der Zeit auf Verfilmung drängen, und dieses Drängen kann genauso unwiderstehlich sein wie vormals das, geschrieben zu werden... so muss der Autor einsehen: Statt seine Zeit mit weiteren Ausweichmanövern zu verschwenden, tut er besser daran, sich selbst an diese Arbeit zu machen." Wir sollen jedoch nicht "jene Radikalität der Sprache suchen", die den Roman kennzeichnete, denn "Film und Roman sind durchaus gegensätzliche Gattungen."

Anfang 2003 gab der ungarische Kameramann Lajos Koltai (mehr hier) bekannt, als Regisseur mit "Fateless" (mehr hier und hier), der Verfilmung des "Romans eines Schicksallosen" debütieren zu wollen. Das Projekt sollte auch in Ungarn den Prozess des Umdenkens voranbringen. Zum Beispiel wurden Begleitmaterialien für Jugendliche kostenlos ins Netz gestellt. "Dieser Film", so Regisseur Koltai in der Einleitung, setzt sich zum Ziel, "den Roman jenen Hunderttausenden, oder Millionen von Menschen zugänglich zu machen, die ihn noch nicht gelesen haben, die ihn von Hörensagen kennen, die vielleicht versuchten, den Roman zu lesen, dann aber weglegten, weil sie ihn zu schwer fanden."

"Ich befürchte, dass die ungarische Gesellschaft der Gegenwart nicht in der Lage ist, sich über ihre schweren, aktuellen Probleme hinaus mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen", sagte dagegen Imre Kertesz vor einigen Jahren in einem Interview. Im Hinblick auf die auffallend vielen Neuerscheinungen, Ausstellungen, Spiel- und Dokumentarfilme, Konferenzen, Podiumsdiskussionen et cetera der letzten Jahre hoffen die Ungarn, dass sich diese düstere Prophezeiung vielleicht doch nicht erfüllt. Neben den Untersuchungen von Randolh L. Braham über den Holocaust in Ungarn - die nach der Wende auch in Ungarisch erschienen sind - gibt es auffallend viele Neuerscheinungen ungarischer Historiker aus den letzten Jahren, zum Beispiel von Laszlo Karsai (2001), Gyula Hosszu (2002), Laszlo Nemeth, Laszlo Bernath (2004) und Zoltan Paksy (2004). 2004 wurde in Budapest die erste staatlich unterstützte Holocaust-Gedenkstätte Ostmitteleuropas eröffnet. Eine Reihe von ausgezeichneten Dokumentarfilmen befasste sich mit dem Thema, darunter "Die Augen des Holocaust" von Janos Szasz, der ungarische Beitrag zur Dokureihe "The Broken Silence".

Der Nobelpreis für Imre Kertesz 2002 trug sicherlich auch erheblich dazu bei, dass sich immer mehr Menschen für dieses Thema interessierten. Sie entdeckten, dass die Mehrheit der Bevölkerung auf die Ghettoisierung und die Deportation von einer halben Million ungarischer Juden mit Desinteresse reagierte, mit welchem Eifer die ungarischen Behörden mit den Nazis kollaboriert hatten, dass nicht nur die Überlebenden, sondern auch die Kinder und Enkelkinder der Opfer schwer traumatisiert sind. Vielleicht steht das Land vor einem Neubeginn, ähnlich wie er in Deutschland etwa in den siebziger Jahren zu beobachten war?

Die konservative Tageszeitung Magyar Nemzet meldete am 9. Februar, dass "Fateless" in der Ungarischen Filmwoche außer Konkurrenz uraufgeführt und der meistbesuchte Film des zentralen ungarischen Filmfestivals wurde. Zwei Tage später erschien in der gleichen Zeitung ein Artikel mit dem Titel "Die Aufgabe, Lajos Koltai zu überleben". Der Publizist Attila Vegh bezeichnet sich darin als "Koltai-Überlebender" (sic!) und rät entschieden davon ab, den Film zu sehen. "Fateless" sei nämlich "einer der schlechtesten Filme der Welt". Im Artikel dominieren persönliche Angriffe gegen Regisseur Lajos Koltai; darüber hinaus ist vom "außergewöhnlich hohen Budget" die Rede. Laut Vegh habe sich Regisseur Koltai sogar im Grundton des Films vergriffen: "Während tragisch gemeinter Szenen lachten die Zuschauer immer wieder auf; zum Beispiel während der Appellszene, in der die stundenlang an der gleichen Stelle stehenden Gefangenen wie der Klatschmohn hin- und herwanken und der Elende in der Mitte ulkig herumfuchtelt."

Der Filmwissenschaftler Gergely Bikacsy fühlt sich in Ungarns größter, linksliberal orientierter Tageszeitung Nepszabadsag durch die konventionelle Filmsprache gestört. "Schriftsteller wird man nicht durch eine besondere Begabung, sondern dadurch, dass man die Sprache und die vorhandenen Begriffe nicht akzeptiert", zitiert er aus dem "Galeerentagebuch" von Kertesz. "Lajos Koltai... glaubte vielleicht, dass dieser Satz für einen Filmemacher nicht gilt. Er akzeptierte die zur Verfügung stehende, seit langem vorhandene, auch von anderen benutzte Filmsprache." Für das Scheitern erklärt Bikacsy vor allem die Musik Ennio Morricones verantwortlich. Durch ihre Schönheit würden Szenen im Konzentrationslager "bis zur Sakralität ausgedehnt", wo der Roman von Kertesz doch gerade von der Vernichtung der Sakralität erzähle.

Dennoch spricht Bikacsy dem Film ganz eigene Qualitäten zu. Er schließt seine Kritik mit den folgenden Zeilen: "Die Schönheit dieses außergewöhnlich anspruchsvollen Films und des heroischen Unternehmens von Lajos Koltai besteht für mich paradoxerweise gerade darin, dass auch Koltai das prinzipiell Unmögliche - einen Spielfilm über Auschwitz - nicht verwirklichen konnte, aber mit allen Kräften versuchte."

Für "szaboZ", den Filmkritiker des beliebtesten ungarischen Internetmagazins "Index.hu" ist das viel zu wenig. Der Film sei eine Reihenfolge von schönen Bildern zu einer schönen Musik, und das sei dem Geist von Imre Kertesz nicht angemessen: "'Fateless' wird von tausendmal abgenutzten Holocaust-Klischees strukturiert. Er will gewaltig auf die Tränendrüsen der Zuschauer drücken, genauso wie die an Sonntagnachmittagen zwecks Reue und Nachsinnen eingesetzten sentimental-gruseligen Holocaust-Filme der Vergangenheit."

Auch der Publizist Andras Sztankoczy fand in der liberalen Tageszeitung Magyar Hirlap am 9. Februar 2005, dass die adäquate Verfilmung des Romans scheiterte. Koltai folge "der Handlung mit großem Respekt", nur das fehle: "der Stil, die Betrachtungsweise, die die Größe des Roman ausmacht. Aus einem großartigen Roman wurde ein mittelmäßiger Film."

Fast alle Kritiken vergleichen "Fateless" mit früheren Holocaust-Filmen. Mit den schwarzen Komödien der letzten Jahre - ("Der Zug des Lebens" von Radu Mihaileanu (Rumänien, 1998), "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni (Italien, 1998), "Wir müssen zusammenhalten" von Jan Hrebejk (Tschechien, 2000) hat "Fateless" wenig gemeinsam. Von Steven Spielbergs "Schindlers Liste" (USA, 1993) grenzt Imre Kertesz sein Drehbuch selbst ab: Der "bildlichen, anschaulichen, sozusagen 'realen' Darstellung ... des nationalsozialistischen Konzentrationslagers" stehe ein Verbot entgegen. Nach diesem stillschweigenden Konsens "ist die industrielle Liquidation von sechs Millionen Menschen nicht vorstellbar, und es verbietet sich, sie vorstellbar zu machen".

Aber Kertesz wendet sich auch gegen eingebürgerte Klischees. Die Nazis konnten in den meisten Holocaust-Filmen nur Deutsch, und sie wurden meistens mit einem schmalen, zusammengepressten Mund, streng nach hinten gekämmten Haaren und einem stahlhart-hellblauen, manischen Blick oder mit einem vor Blutdurst verzerrten Gesicht brüllend dargestellt. Kertesz, der sie in der Wirklichkeit gesehen hat, schreibt, dass sie keine "grandiosen, auch in ihrer Entsetzlichkeit außergewöhnlichen Persönlichkeiten" waren, sondern Menschen, die das Töten "als Gemeinplatz, nicht aus Überzeugung" betrieben. Koltai und Kertesz verzichteten bewusst auf jegliche herkömmlichen didaktisch-erbaulichen Effekte. In dieser Hinsicht wird "Fateless" bestimmt befreiend wirken.

Gabriella Gönczy

"Fateless". Regie: Lajos Koltai. Mit Marcel Nagy, Miklos B. Szrkely, Zoltan Bezeredy, Peter Vall u.a., Ungarn, Deutschland, Großbritannien, 2004, 130 Minuten. (Wettbewerb)