Außer Atem

Berlinale 5. Tag

Von Ekkehard Knörer, Anja Seeliger
09.02.2004. In dem parodistischen Spionagethriller "The Adventure of Iron Pussy" wird heftig gesungen. Bei Chantal Akerman wird Unkomisches nicht komischer. "Infernal Affairs", die Gangster-Trilogie von Andrew Lau und Alan Mak, ist ein absoluter Kracher. Annette K. Olesen zeigt in ihrem Wettbewerbsbeitrag "In Deinen Händen", wozu die Dogma-Regeln gut sind. Jean-Pierre Leaud ist in "Folle embellie" durch und durch royal.
Höllisch: Andrew Laus und Alan Maks Trilogie "Infernal Affairs" (Forum)

Mit dieser Trilogie kann im Augenblick nichts mithalten. "Infernal Affairs" ist ein absoluter Kracher: er hat die besten Schauspieler, die verrückteste Choreografie und die elegantesten Anzüge. Er hat seine Fehler, aber die sind die eigentlich gute Nachricht. Doch erst mal was zum Inhalt:

Der erste Film, der innerhalb der Trilogie der zweite ist, lief im letzten Jahr auf der Berlinale. Die Geschichte verwickelt zu nennen, ist ein Witz. Der Hauptstrang beschreibt zwei Verräter: Ming, der von dem Gangsterboss Sam als Spitzel bei der Polizei eingeschleust wurde, und Yan, der von Inspector Wong als Spitzel bei den Triaden Dienst tut. Beide treiben dieses Spiel jahrelang. Es ist sonnenklar, dass sie beide bald nicht mehr wissen, wer und was sie eigentlich sind. Dieser Film hat über 55 Millionen Hongkong-Dollar eingespielt. Die Regisseure Andrew Lau und Alan Mak haben dann 2003 "Infernal Affairs" Teil II und III gedreht (Lau hat in dem Jahr außerdem noch zwei andere Filme gedreht), die jetzt auf der Berlinale laufen.

Der zweite Teil erzählt die Vorgeschichte des ersten Films, der dritte schildert, wie und warum alles zu Ende geht. Um den Einstieg zu verwirren, werden die Hauptrollen in "Infernal Affairs" Teil II von anderen Schauspielern gespielt als in den anderen beiden Teilen. Aber das ist ein Fliegenschiss gegen die Verwicklungen, die sich im Laufe der drei Teile auftun. Hier hat jeder was mit jedem. Polizisten und Triaden töten, lieben, korrumpieren quasi spiegelbildlich.



Ganz kurz, fünf Sekunden lang, darf man das in Teil III versuchen zu sortieren: Gangster und Polizisten sind in einem Polizeirevier kurz davor, sich die Köpfe einzuschlagen. Der melancholische Inspector Wong macht mit seinem Eintreten der Szene ein Ende und einen kurzen Augenblick stehen alle still. Ruhe. Zuschauer denkt: wir haben hier zwei Sorten Polizisten, die gegeneinander arbeiten, außerdem mindestens zwei Sorten von Banditen, die gegeneinander arbeiten. Jeder der Polizisten hat was laufen mit einem der Banditen - im Guten oder im Schlechten. Ihre Gehirnzellen werden rattern wie die Wittgensteins, selbst wenn Sie Krimis oder Rätsel nicht lieben. Die Preisfrage nämlich - gefallen einem diese Filme, auch wenn man weder Talent noch Lust hat, die Verbindungen zwischen all den Figuren zu enträtseln - kann mit Ja beantwortet werden. Man muss sich diese Leute einfach angucken. Kein Mensch auf dieser Welt, Brad Pitt und George Clooney eingeschlossen, sieht zur Zeit so natürlich und anmutig in einem Anzug aus, wie diese chinesischen Schauspieler. Selbst der Streber, der Inspektor mit der Brille (3. Teil), sieht so unglaublich elegant aus, dass man sich in ihn nicht weniger verliebt als in Yan (Tony Leung), der ein Huhn in den Suppentopf lächeln könnte.

Die Actionszenen sind - gemessen an Hongkong-Standards - relativ unspektakulär. Was zählt, ist die schiere Eleganz der filmischen Lösungen: wie mit einem kleinen Kameraschwenk eine neue Beziehung angedeutet werden kann, wie nur durch die Choreografie der Figuren immer neue Geschichten erzählt werden können. Das ist wunderbar und zugleich der Fehler dieser Trilogie. Sie erfindet tausend Genreszenen neu, aber wie die Schauspiellehrer in Andres Veiels Dokumentarfilm "Die Spielwütigen" möchte man irgendwann fragen: Warum erzählt ihr uns das? Lau und Mak haben die Geschichte in die Zeit vor, während und nach der Übergabe Hongkongs gelegt. Mittendrin wird alles neu sortiert. Die Hongkong-Triaden bekommen Konkurrenz vom Festland. Hätten die beiden Regisseure dieser politischen Umwälzung mehr Aufmerksamkeit gewidmet, statt sich vor allem auf die Choreografie zu konzentrieren, dann hätte die Trilogie noch genau die Prise Pfeffer gehabt, die ihr jetzt fehlt. So ist blendendes Genre-Kino daraus geworden, aber kein Meisterwerk Diese Leute sind so smart, dass sie sich selbst ein Bein stellen. Das ist die gute Nachricht. Wir lahmarschigen Westler haben noch nicht verloren.

Aber vielleicht irre ich mich, und der Film hat doch eine politische Aussage. Es gibt in Teil III eine ganz kleine Szene, in der ein Festland-Mafioso zwei Hongkong-Gangstern anbietet, mit ihm zusammenzuarbeiten. Die zwei gucken ihn nicht mal an, sondern beschließen sofort, dass Geschäft auf eigene Rechnung zu machen. Der Festland-Chinese wird einfach stehen gelassen ...

Anja Seeliger

"Infernal Affairs II - Wu jian dao II". Regie: Andrew Lau, Alan Mak. Mit Anthony Wong, Eric Tsang, Carina Lau, Francis Ng, Shawn Yue, Edison Chen u.a., Hongkong 2003, 119 Minuten (Forum)

"Infernal Affairs III - Wu jian dao III". Regie: Andrew Lau, Alan Mak. Mit Tony Leung, Andy Lau, Leon Lai, Chen Dao Ming, Kelly Chen u.a., Hongkong 2003, 118 Minuten (Forum)


Die hektische Wiederholung des Unkomischen bleibt doch unkomisch - Chantal Akermans missglückte Komödie "Demain, on demenage"

Heute begann der Tag mit Chantal Akermans Sex-und-Holocaust-Boulevardkomödie "Demain, on demenage". Früher begann er mit einer Schusswunde, aber da war ohnehin alles besser. Es gibt einen Plot, etwas in der Art jedenfalls. Wir haben Charlotte, die eine erotische Geschichte erzählen soll, in irgendjemandes Auftrag und sich von ihrer Mutter, mit der sie eine Wohnung teilt, schmutzige Wörter einflüstern lässt. Die Wohnung, die erotische Geschichte, das sind die roten Fäden des Films, der besser ein Theaterstück geworden wäre (aber gewiss auch kein gutes). Gelegentlich kommt der Holocaust ins Spiel, etwa in Gestalt von Samuel Popernick, Immobilienmakler von der traurigen Gestalt. Er hat seine Familie in Polen verloren. Der Geruch des Fungizids in der Wohnung erinnert ihn an Polen. Ist das mehr als eine törichte Frivolität? Ich wüsste nicht, warum. Dann spielt er Klavier.

Charlottes Mutter Catherine ist Klavierlehrerin, im Grunde ein weiterer roter Faden: die Musik. Mal vom Klavier (das in der ersten Einstellung durchs Bild schwebt), mal aus dem CD-Player, mal tanzen die Leute, die kommen, sich die Wohnung zu besichtigen, zur Musik. Einer hat etwas gegen Beethoven, seine Frau liebt Beethoven, dann verlässt er seine Frau. Eine andere Frau, sie hat jeden Tag Sex, bekommt ihr Kind in der Wohnung. Der alten, denn eine neue wird ja gesucht. Im Cafe belauscht Charlotte Gespräche und übernimmt sie in ihre Geschichte. In einer weiteren Wohnung, die sie sich mit einer anderen Frau teilt, lauscht sie an den Wänden, Sex rechts, Sex links, eifrig ins Notebook getippt. Ach ja, Charlottes Vater ist gerade gestorben, Catherine bewahrt in einem Koffer Unterhosen, Hemd, Krawatte, Rasierzeug etc. als Andenken. Der Mann, der seine Frau verlässt, wird den Koffer an sich nehmen. Später bringt er ihn zurück.

Klingt nach einem Durcheinander? Das ist es, weiß Gott. Aber eines mit Tempo. Irgendwie hat Chantal Akerman die Idee, dass Komik von selbst entsteht durch Beschleunigung zum einen und ständige Wiederholung zum anderen des Unkomischen. Das ist ein Irrtum. Es gibt einen einzigen recht hübschen Scherz, dem als running gag allerdings auch rasch die Puste ausgeht: Bei jeder Wohnungsbesichtigung - es gibt eine ganze Reihe - öffnet einer den Kühlschrank, stellt erstaunt fest: Er ist leer. Replik: Man kann ihn füllen. Wer weiß, vielleicht wäre der Film gerne eine Screwball-Comedy. Er ist es nicht. Leid tut einem Sylvie Testud, die hier zu Gekasper gezwungen wird, weit unter ihrem darstellerischen Niveau. Am Ende zieht im übrigen die Mutter aus, die Frau, die jeden Tag Sex hatte, trennt sich von ihrem Freund und zieht ein, mit Kind. Das ist wohl eine feministische Pointe.

In der Reihe vor mir leises Schnarchen. Neid.

Ekkehard Knörer

"Demain, on demenage". Regie: Chantal Akerman. Mit Sylvie Testud, Aurore Clement, Jean-Pierre Marielle, Natacha Regnier u.a., Frankreich/Belgien 2003, 112 Minuten (Panorama)



Musicaltravestie auf den Spionagethriller: "The Adventure of Iron Pussy" von Apichatpong Weerasethakul und Michael Shaowanasai (Forum)

Mit nur zwei Filmen hat sich der 1970 geborene thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul schon einen beträchtlichen Ruf in der internationalen Filmszene erarbeitet. Sein Debüt "Mysterious Object at Noon" (2000) zeigt, zwischen Dokument und Experiment, die Verfertigung einer Geschichte beim Filmen nach der Art des Fortsetzungsromans mit verschiedenen Autoren. "Blissfully Yours" (2002) riss die Cahiers du Cinema, aber auch den New Yorker Film Comment zu hymnischen Kritiken hin: Erzählt wird in klaren Bildern eine Liebesgeschichte, in der sich die Verortung in der thailändischen Gegenwart und die Offenheit auf metaphorische Auslegungen hin nicht ausschließen. Nach diesen zwei Filmen glaubte man, so etwas wie die Handschrift Weerasethakuls zu kennen und Ähnliches von ihm erwarten zu dürfen.

Der im Forum gezeigte Film "The Adventure of Iron Pussy" hat jedoch mit dem bisherigen Werk Weerasethakuls nichts zu tun. Was man hier vors Auge geknallt bekommt, ist eine wilde Travestie auf einen Spionagethriller. Agent "Iron Pussy" ist - da fungieren eher amerikanische Superheldencomics als Vorbild - ein kleiner Verkäufer, der sich für seine Agenten-Einsätze in Schale wirft und grell geschminkt und in Frauenkleidern die Schurken der Welt bekämpft. Sein Geliebter Pew ist, auf dem Motorrad, stets dabei und notfalls auch lebensrettend zur Stelle. Hier geht es nun gegen einen Schurken, der eine Droge entwickelt, die Menschen gefügig macht, mehr erfährt man nicht und es ist auch sowas von egal. Mehr als einen grellbunten Jux nämlich mit der Verulkung des Genres, durch Einarbeitung des schwulen Element, durch Umarbeitung ins Musical-Genre will der Film sich nicht machen.

Die technischen Mittel sind dürftig, gedreht hat man mit Digital Video und zu sagen, dass man das auch sieht, wäre noch untertrieben. Es findet sich darüber hinaus kein einziger Originalton auf der Tonspur, die dafür mit heftiger Musik und den synchronisierten Stimmen vollgeknallt ist. Selten nur gibt es dabei so etwas wie Lippensynchronität - und offenkundig hatte auch niemand den Ehrgeiz dazu. Die Wendungen des Plots sind obskur, die Scherze mal gelungen, mal nur dem Thai-Publikum (das der Film seines schwulen Agenten wegen vermutlich nie haben wird) so recht verständlich, mal auch einfach doof und viel zu lang. Hübsch vor allem das Ende, als, am seidenen Faden hängend, Agent Iron Pussy und der Verbrecher Tang, in den er sich verliebt, der sich in ihn - als Frau - verliebt hat, in Gesang ausbrechen.

Das ganze also ein Spaß, nichts weiter, und nichts, was man von Weerasethakul auch nur im entferntesten erwartet hätte. Es gibt dafür einen einfachen Grund: "The Adventure of Iron Pussy" ist weniger sein Projekt als das des Künstlers und Darstellers des Titelhelden Michael Shaowanasai, der drei selbstgedrehten und in Galerien und Ausstellungen der westlichen mehr als der thailändischen Welt gezeigten Iron-Pussy-Kurzfilmen nun als Ko-Regisseur diesen Langfilm folgen ließ. Weerasethakuls originäre Idee war die Verwandlung ins Musical. Anwesend nach der Vorführung war nur der auch live einige Entertainer-Qualitäten zeigende Star von "Iron Pussy". Weerasethakul hat gerade seinen nächsten Film abgedreht, "Tropical Malady", dies hier wird in seinem Werk ein eher unerhebliches Nebenprojekt bleiben.

Ekkehard Knörer

"The Adventure Of Iron Pussy - Hua jai tor ra nong". Regie: Apichatpong Weerasethakul und Michael Shaowanasai. Mit Michael Shaowanasai, Krissada Terrence, Darunee Kritboonyalai, Jutharat Attakorn u.a., Thailand 2003, 90 Minuten (Forum)


"Aus Liebe zum Volk" von Eyal Sivan und Audrey Maurion (Berlinale Special)

"Found Footage" ist gefundes Filmmaterial - oder eher: angeeignetes. Es geht um einen Wechsel der Autorschaft. Wer "found footage" verwendet, einsetzt, sich aneignet, enteignet zugleich den ursprünglichen Produzenten, löst es aus dem Kontext seiner Entstehung und übernimmt, ob er will oder nicht (und meist ohne Einwilligung des ursprünglichen Produzenten) die Verantwortung für den neuen Sinn, den der neue Kontext gibt. Der Umgang mit "Found Footage" ist ein erprobtes Konzept im experimentellen Film, es ist eine Reaktion auf die Tatsache - falls es eine Tatsache ist -, dass wir stets schon mit vorgeformten Bildern konfrontiert sind noch da, wo wir neue zu produzieren glauben. Schon mancher, der Neues zu erfinden glaubte, fand nichts weiter als das Klischee, das es schon längst gab. "Good Bye Lenin", dessen weltweiter Erfolg auf der Berlinale des letzten Jahres seinen Ausgang nahm, war genau das: Die Neuerfindung der DDR als das Klischee ihrer selbst.

Auch die Regisseure Eyal Sivan und Audrey Maurion nähern sich der DDR - und sie nähern sich ihr über "Found Footage". Zu den Bildern, die nicht die ihren sind, die sie aus den Archiven geholt haben, Fernseh-Archiven und Stasi-Archiven, kommt ein Text, der selbst "Found Footage" ist, die Notizen eines Offiziers der Stasi, verfasst im Moment der Wende, erschienen schon im Jahr 1990. Dieser Text, den der Film sich aneignet, den Axel Prahl liest, gibt den Leitfaden, die narrative Schnur, auf die die Bilder gefädelt werden. Der Stasi-Mann erzählt sein Leben. Er glaubt an den Sozialismus, auf dessen Ende er mit Sarkasmus, Verunsicherung und Verzweiflung reagiert. Es gibt Einblicke in Details der operativen Tätigkeit, notiert werden berufliche Erfolge wie Misserfolge, Privates, soweit es damit zusammenhängt. Man erfährt nichts aufregende Neues, aber doch Interessantes über inoffizielle Mitarbeiter und offizielle Sprachregelungen.

Entscheidend ist nun der Akt des Rearrangements des aus verschiedensten Kontexten her Angeeigneten, ist die Rekontextualisierung von Text und Bild im neuen Zusammenhang, zu dem Film, den wir sehen. Auf den ersten Blick passt alles bestens zusammen, die Komposition erzeugt nichts als Harmonien. Der Text spricht von dem Eindringen in Privatwohnungen, was man sieht: Zwei Stasi-Mitarbeiter dringen in eine Privatwohnung ein. Wir hören vom Volk auf der Straße, wir sehen das Volk auf der Straße, wir hören von der Familie, zu sehen sind Aufnahmen eines Propagandafilms aus dem zehnten Jahr der DDR, die Mutter stellt die Torte auf den Tisch. Und immer wieder Material von geheimen Aufzeichnungen, bis hin zum offenbar konterrevolutionären Ehebruch. In der Aneignung verlieren die gefunden Bilder den Ort ihrer Herkunft und werden zur Illustration des Textes, auf den der Film sie stoßen lässt. Dieser Zusammenstoß ist der Ort der Regie. Die Energien, die er entbindet, entscheiden darüber, was der Film zu sagen hat.

Was die Regisseure zu sagen haben ist klar, sie teilen es einem im beigegebenen Handout mit: "Unser Ziel ist es, die Zuschaueransichten über die Fähigkeit von Bildern, 'die Wahrheit' auszudrücken, in Frage zu stellen und der Illusion entgegen zu wirken, man könne die Wirklichkeit über den Umweg einer Darstellung von ihr erkennen." Es geht also um Zuschauerpädagogik. Daran, dass die Bilder zusammenpassen, obwohl diese Passgenauigkeit eine durch Aneignung und Rearrangement künstlich, im Ein- und Zugriff erst hergestellte ist, soll der Betrachter erkennen, dass der Dokumentcharakter der Bilder, von deren Herkunft er nichts erfährt, täuscht. Nicht die Bilder, nicht der Text, sondern die wunderbare Harmonie von Bild und Text sollen irritieren. Es fragt sich allerdings, ob dieser Effekt tatsächlich eintritt. Ob nicht die Bilder in ihrer Illustrativität aufgehen und ob nicht gerade die Irritation ausbleibt. Ob sie nicht - gegen die erklärte Absicht der Regisseure - die Illusion einer dem Archiv geschuldeten Verfügbarkeit des Bildes als Zeugnis erst erzeugen. Es fragt sich, ob der Film sich gegen eine solche klischierende Lektüre tatsächlich zu sperren vermag. Mein Eindruck ist: nein. Damit aber wäre er auf ganzer Linie gescheitert.

Ekkehard Knörer

"Pour l'amour du peuple". Dokumentarfilm. Regie: Eyal Sivan, Audrey Maurion. Deutschland, Frankreich 2003, 88 Minuten (Berlinale Special)



Dogma-Film: "Forbrydelser - In Deinen Händen" von Annette K. Olesen (Wettbewerb)

"Forbrydelser - In Deinen Händen", der dänische Wettbewerbsbeitrag von Annette K. Olesen, ist ein Dogma-Film. Wer nie so recht begriffen hat, wozu Dogma eigentlich gut ist, sollte sich diesen Film ansehen. Erzählt wird die Geschichte einer Pastorin, Anna, die vertretungsweise die Seelsorge in einem Frauengefängnis übernimmt. Anna (Ann Eleonara Jörgensen) ist eine moderne Frau. Sie lebt mit ihrem Freund Frank zusammen, und begrüßt die Frauen im Gefängnis mit "Hi". Sie ist freundlich, aber nicht aufdringlich. Außerdem wünscht sie sich schon lange ein Kind, kann aber nicht schwanger werden. Als sie es wie durch ein Wunder doch wird, stellt sich heraus, dass das Kind einen Chromosomenschaden hat. Die Chancen, dass es schwer behindert zur Welt kommt, stehen bei 10 Prozent.

Die Zusammenfassung klingt grauenvoll. Aber es ist ein wundervoller Film. Wir sehen freundliche, sympathische Menschen - das gilt für fast alle: Pastorin, Gefangene, Gefängniswärter - die intelligent über ernste Dinge sprechen. Wer sieht sich nicht so?

Eine neue Gefangene, Kate (Trine Dyrholm), bringt Unruhe in den fast freundlichen Gefängnisalltag. Kate ist schweigsam, aber sie hat bald den Ruf einer Heilerin. Wem sie die Hände auflegt, der ist von seiner Drogensucht befreit, heißt es. Wir sehen Kate ganz anders: eine zurückhaltende junge Frau, die Angst hat, wenn weinende Gefangene zu ihr kommen, die lächelt, wenn ihr ein netter Gefängniswärter zu einem Ausflug verhilft, die menschliche Kontakte sucht, obwohl es ihr schwer fällt. Ob sie wirklich heilen kann? Wir wissen es nicht, aber darum geht es auch nicht. Die anderen glauben, dass sie es kann. Selbst Anna, die intelligente moderne Pastorin, hofft, dass Kate ihr Kind gesund machen kann, obwohl sie sich dafür hasst. Für den Zuschauer bleibt Kate ein Geheimnis, ohne dass sie je zu einem mystischen Wesen stilisiert wird.

Die Dogma-Regeln sind wie geschaffen für einen Film, in dem so viel geredet wird, in dem es um so existenzielle Dinge geht. Das liegt an der Handkamera und vor allem am Licht, dass laut Dogma nicht künstlich sein darf. So ist es immer ein bisschen dunkel in diesem Film. Wenn Anna und ihr Freund darüber diskutieren, ob sie das Kind abtreiben soll oder nicht, liegen die Gesichter im Schatten. Als Zuschauer hat man fast das Gefühl, mit den beiden im Wohnzimmer zu sitzen. Als wüssten die zwei, dass man da ist, kümmerten sich aber nicht darum. Man fühlt sich nie als Voyeur, der versucht, die Seelenregungen am Zucken einer Augenbraue in grell ausgeleuchteten Gesichtern zu deuten. Weil es diese nicht erzwungene Intimität gibt, hört man ihnen zu, begreift das Dilemma, in dem sie stecken: Kate, die ihr Kind hat verdursten lassen, und doch auf menschlichen Kontakt hofft. Der Gefängniswärter, der sich in sie verliebt, sie dann aber abweist, weil er das Risiko und die Folgen einer solchen Liebe nicht tragen kann. Anna, die so stark und selbstbewusst erscheint, die dachte, sie würde alles für ein Kind tun, aber den Gedanken an ein behindertes Kind dann doch nicht ertragen kann. Und vor allem den Gedanken nicht ertragen kann, dass Gott ihr, die immer gut, vernünftig und klug war, ein behindertes Kind aufbürdet, während die Gefangenen, die "Drogensüchtige und Mörderinnen", gesunde Kinder haben.

Es ist schockierend zu sehen, wie diese aufgeklärten, freundlichen modernen Menschen am Ende allesamt moralisch total versagen. Auf der Pressekonferenz meldete sich ein Journalist aus Brasilien, der das Gefängnis, Wärter und Gefangene, wohl recht idyllisch beschrieben fand. All diese Frauen in ihrer netten Gemeinschaftsküche, die freundlichen Wärter ... "Sind Sie da nicht etwas zu optimistisch?", fragte er. Womöglich sei das in seinem Land anders, antwortete die Regisseurin, aber in Dänemark versuche man, die Gefangenen auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Sie hätte in einem echten Gefängnis gedreht. Oleson zeigt in ihrem Film ganz unpathetisch das Dilemma des modernen Westens: Wenn von Krieg, Folter und Diktatur verschont ist, kann immer noch an seinen eigenen Ansprüchen scheitern.

Anja Seeliger

"Forbrydelser - In Deinen Händen". Regie: Annette K. Olesen. Mit Ann Eleonara Jörgensen, Trine Dyrholm, Sonja Richter u.a., Dänemark 2003, 101 Minuten (Wettbewerb)



Graf Dracula mit Bäuchlein: Jean-Pierre Leaud in "Folle embellie" (Forum)

"Folle embellie" spielt im Sommer 1939. Die deutschen Truppen rücken in Frankreich ein. Bomben, Flüchtlinge - es ist ein großes Durcheinander, in dem sich versehentlich auch die Tore eines Irrenhauses an der Loire öffnen. Der erste, der durch das offene Tor geht, ist Fernand, ein paar andere tun es ihm nach. Es ist eher Zufall, dass sie sich einige Zeit später zu einer Gruppe zusammenschließen. Fernand hat "Symptome", an denen er hängt. Er ist eine Majestät, die in einem früheren Leben Oberkellner im Cafe de la Paix war und Ronsard zitiert. Gespielt wird er von Jean-Pierre Leaud. Können Sie sich Graf Dracula mit einem Bäuchlein vorstellen? Dann haben Sie ihn. Weiter haben wir Miou-Miou, die mit ihrem weichen, sanftmütigen Gesicht seine Frau Alida spielt, ihren Sohn Julien, der einzig "Normale" in der Truppe, und vier andere Verwirrte.

Sie reihen sich unter die Flüchtigen ein. Ausgerechnet der Krieg bringt ihnen die Freiheit. Nicht alle halten das aus, aber erst mal erleben sie einiges. Fernand räumt den Tisch ab auf einer Party von Wehrmachtsoffizieren (einmal Kellner, immer Kellner), Alida und ihr Sohn kommen vorübergehend bei einem Flussfischer unter. Gerade wenn sich beim Zuschauer der Verdacht einer gewissen Putzigkeit einstellen will, kommt die Szene mit der Kuh! Die kleine Truppe ist völlig ausgehungert (inzwischen haben sich alle zusammengefunden), da finden sie wunderbarerweise diese Kuh. Wir sehen Fernand dabei zu, wie er die Kuh mit einem Vorschlaghammer tötet. Die Kamera dreht sich erst weg, als die Kuh am Boden liegt. Fernand legt den Hammer weg und verkündet: "Royal. Zack!" (Er hält sich wie gesagt für eine Majestät.) Man könnte diese Szene leichter abtun, hätte es nicht vorher eine gegeben, in der der Flussfischer lebende kleine Fische aus seinem Eimer nimmt, sie abschuppt und in eine brutzelnde Pfanne wirft, wo sie noch einige Sekunde heftig zappeln.

Manchmal genügen eben zwei Szenen, um aus einem poetisch-surrealen Film einen radikalen zu machen. Es gibt noch eine dritte, aber das schauen Sie sich lieber selbst an.

Anja Seeliger

"Folle embellie". Regie: Dominique Cabrera. Mit Miou-Miou, Jean-Pierre Leaud, Morgan Marinne, Marilyne Canto, Julie-Marie Parmentier u.a., Frankreich, Belgien, Kanada 2003, 105 Minuten (Forum)