Außer Atem

Berlinale 8. Tag

Von Ekkehard Knörer, Anja Seeliger
13.02.2003. Christian Petzold beweist in "Wolfsburg" filmische Intelligenz. In Spike Lees "25th hour" amüsieren sich nicht mal Drogendealer. In Pascal Bonitzers Wettbewerbsfilm "Petites Coupures" verirrt sich Bruno, Kommunist, Journalist und Nervensäge, zwischen eins, zwei, drei, vier Frauen.
Trocken: Spike Lees "25th hour" (Wettbewerb)

Spike Lees
Wettbewerbsfilm "25th hour" hat den Charme eines elterlichen Ratschlags: Kind, wenn du diese grünen Pflaumen isst, kriegst du schlimmes Bauchweh. Der Drogendealer Monty Brogan hat noch 24 Stunden, bevor er seine siebenjährige Haftstrafe antreten muss. Er geht mit seinem Hund spazieren, trifft sich mit seinem Vater und zieht abends mit seinen Freunden Frank und Jacob und seiner Freundin Naturelle um die Häuser.

Eine lange Szene spielt in einem schicken Nachtclub. Die Musik wummert, schweißnasse Körper winden sich, und unser Filmpersonal - diskutiert Fragen von Schuld und Sühne. Wobei Sühne hier weniger der Freiheitsentzug ist als vielmehr die im Knast unvermeidlich drohende Vergewaltigung, die - als Ersatz für heiße Liebesszenen zwischen Naturelle und Monty? - ausführlich geschildert wird. Vorher haben Frank und Jacob darüber gestritten, ob Monty die Strafe verdient hat. Ja, meint Frank, schließlich sei es eine Gemeinheit, Drogen auf Kinderspielplätzen zu verkaufen. Dabei sehen wir aus dem Fenster von Franks schicker Wohnung auf Ground Zero. In diesem Moment lernt man als alter Europäer Rumsfeld lieben. Dessen simple Botschaften haben wenigstens Witz.

Es gibt eine hinreißende Szene in diesem Film, in der Monty seinem Spiegelbild einen Vortrag über die Schwulen, die Juden, die Schwarzen, die Islamisten hält, die allesamt New York versauen und überhaupt für alles verantwortlich sind, was schief läuft. Eine hate speech vom Feinsten, die Eminem gedichtet haben könnte. Ruhig entgegnet Monty dann seinem entfesselten Ich: "Nein, Monty, der einzige der Schuld ist an deinem verpfuschten Leben, bist du selbst." Jawohl, Mutter.

Nichts gegen die Moral, aber warum so staubtrocken? Das ganze hätte den Charme einer katholischen Predigt entfalten können, wären uns die süßen Freuden des leicht verdienten Drogengeldes, die köstliche Frische der grünen Pflaumen etwas plastischer ausgemalt worden. Doch Montys schickes Apartment, das fette Auto sind nur mit gleichgültiger Beiläufigkeit gefilmt. Monty trägt keinen Schmuck, geht nie einkaufen, protzt nie mit seinen Statussymbolen. Er hat nicht mal Sex mit seiner hinreißenden Freundin. Jeder Buchhalter amüsiert sich mehr.

Die Alternative wird uns am Ende vorgeführt. Auf dem Weg zum Gefängnis malt sein Vater ihm aus, wie das Leben aussehen könnte, wenn Monty flüchten und noch mal von vorn anfangen würde. Wir sehen ihn in einem Kaff in der Wüste, wo er einen langweiligen Job annimmt, heiratet und schließlich seine große, ganz in Weiß gekleideten Familie um sich versammelt.
Diese Leute haben keine Träume. Nur spießige Frisuren.

Anja Seeliger

"25th hour", von Spike Lee. Mit Edward Norton, Barry Pepper, Philip Seymour Hoffman, Rosario Dawson u.a., USA 2002, 135 Minuten.
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Christian Petzold zeigt seine filmische Intelligenz in "Wolfsburg" (Panorama)

Die erste Szene: ein Mann in einem Auto, am Telefon seine Frau, sie streiten sich. Sie legt auf, das Handy fällt zu Boden, der Mann hebt es auf, ist abgelenkt, ein Schlag. Er hat einen Jungen überfahren, er zögert einen Moment - und fährt weiter. Aus dieser in ihrer scheinbaren Einfachheit meisterhaften ersten Szene entwickelt Christian Petzold seinen Film. Autos, Liebe, der Unfall, die Schuld, so präzise platziert wie unaufdringlich bestimmen diese Motive den weiteren Verlauf.

Der Junge wird wenig später im Krankenhaus sterben. Der Verlust verwundet, beinahe tödlich, die Mutter Laura (Nina Hoss, kaum wiederzuerkennen mit schulterlangem dunklen Haar) - aber auch Philip (Benno Fürmann), den Täter, der mehrmals kurz davor ist zu gestehen, der Polizei erst, dann seiner Frau. Es kommt nicht dazu. Er beginnt, sich Laura zu nähern, begegnet ihr, folgt ihr, rettet sie sogar aus dem Fluss. Sie ist von der Brücke gesprungen. Alles setzt er aufs Spiel, seine Ehe, seinen Job. Er versucht, gutzumachen, was nicht gutzumachen ist, zu sühnen - und Laura zu helfen. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Unversehens gerät er so, geraten sie beide in eine Beziehung, an der nicht alles falsch ist, aber das Entscheidende: ihre Voraussetzungen.

Petzold erzählt das, wie man es von ihm kennt. Nüchtern, in Einstellungen, die sich auf die Figuren, die Gesichter konzentrieren und ihren Ort im Raum. Es wird nicht viel gesprochen, spröde Sätze nur, die Annäherung zwischen Philip und Laura vollzieht sich nach und nach. Was sie fühlen, müssen wir ihnen ansehen, die Figuren leben aus dem, was uns verborgen bleibt. Das tut unendlich wohl nach allen krampfhaften Motivierungsversuchen, denen man sich eine Woche lang ausgesetzt gesehen hat, nach all dem zu viel und zu deutlich Gesagten. Und Balsam für die Seele auch die Stille, der Verzicht auf Musik die meiste Zeit. Einmal nur zwischendurch weht verzerrte Orgelmusik von irgendwo her. Erst am Ende, das man wohl als Erlösung sehen muss, als eine Sühne, die nicht ausbleiben kann, hören wir zweimal Musik - die nicht untermalt, nichts erzwingt, sondern ganz im notwendigen Pathos der Situation aufgeht.

Christian Petzold ist ein Regisseur, dessen ungeheure filmische Intelligenz in den Bildern steckt, in den Figuren, im kunstvollen Einsatz unscheinbarer Motive - und in der Erzählstruktur. Klüger kann man seine Ellipsen nicht setzen: eine Reise nach Cuba, die wichtig ist, wird nicht gezeigt. Es ist diese Auslassung, das ausgefallene und gerade darin überzeugende Bild für eine Ehe, die am Ende ist. Kein Schnitt auch, in der Anfangsszene, auf die Frau zu Hause. Diese Details sind es, an denen sich der Meister zeigt. Einmal ist Philip in der Nahaufnahme im Bild. Er fährt, auf dem Rücksitz zieht Laura sich um. Sie ist auf dem Weg zur Arbeit. In der Unschärfe fast sieht man kurz im Rückspiegel seinen Blick auf Laura. Petzold denkt nicht daran, hier etwas zu unterstreichen. Er kommt dem Zuschauer nicht entgegen. Er setzt auf seine Intelligenz, und das zahlt sich aus. Es gab, neben "Son Frere", keinen Film auf der Berlinale, der mit so reinen Mitteln großes Kino ist. Um den Verstand einer Auswahlkommission, die "Wolfsburg" ins Panorama gesteckt hat, ist zu fürchten.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Wolfsburg", von Christian Petzold. Mit Benno Fürmann, Nina Hoss, Antje Westermann, Astrid Meyerfeldt u.a., Deutschland 2002, 93 Minuten.
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Eins, zwei, drei, vier Frauen verwirren den armen Bruno in Pascal Bonitzers "Petites Coupures" (Wettbewerb)

Bruno Beckmann (Daniel Auteuil), Journalist und Kommunist, ist ein Mann, der die politische mit der privaten Verwirrung zu verbinden weiß: Gaelle und Nathalie, Beatrice und Mathilde, zwischen eins, zwei, drei, vier Frauen hat Bruno sich zu entscheiden und entscheidet sich nicht. Die ersten beiden eröffnen den Film, in einer herrlich absurden Szene. Nathalie und Gaelle begegnen sich zufällig auf der Straße, Nathalie leiht sich den Lippenstift (dieselbe Marke), bevor ihr dämmert, dass sie es mit der Ehefrau ihres Geliebten zu tun hat. Bonitzer zeigt hier, dass er raffinierte Szenen bauen, absurd komische Dialoge schreiben kann. Im Rest des Films aber will er mehr als das; er sucht eine Geschichte und Bilder, die Brunos Dilemma schlagend auf den Punkt bringen.

Welches Dilemma eigentlich, lässt sich sehr berechtigt fragen. Wen müssen die Sorgen eines alternden Mannes kümmern, der nicht weiß, was er will? Der mit jeder Frau schläft (bzw. schlafen will), die ihm über den Weg läuft, der keine Entscheidungen treffen kann und zu allem Überfluss im Selbstmitleid versinkt? Wie das ganze mit dem Kommunismus und Brunos mutmaßlich sehr ins Wanken geratenen Überzeugungen zusammenhängt, das zu klären interessiert Bonitzer ohnehin nicht; mehr als ein eher lahmer running gag springt da nicht raus. Nun muss man im Kino natürlich auch mit unsympathischen Hauptfiguren leben können, selbst wenn Regie und Buch sich, unsympathischerweise, Mühe geben, Reste von Sympathie beim Betrachter hervorzulocken.

Spannend wird der Film, der Paris, das natürliche Biotop der Brunos dieser Welt, rasch verlässt, als Bruno vom Weg abkommt. Er gerät in einen finsteren Wald, sein kleines rotes Auto will nicht mehr weiter, und er gelangt an ein einsames Haus. Bonitzer inszeniert das, als wäre es ein Stück von Hitchcock. Vor allem die Musik tut alles, diesen Eindruck zu unterstützen. In diesem Haus wohnt Etienne Verekher (Hanns Zischler), der Liebhaber der Frau von Brunos Onkel (ja, das ist alles ein wenig kompliziert), aber auch seine Stieftochter Beatrice (Kristin Scott Thomas), die zugleich seine Frau ist und ihre Mutter mit deren Mann schon vor deren Tod betrogen hat (jetzt sind wir eher auf Chabrol-Territorium). Natürlich will Bruno sofort mit ihr schlafen, diesmal, scheint es, ist es ihm Ernst mit der Frau. Für Momente schlägt auch der Ton des Films um, Beatrice stiftet Bruno zum Mord an ihrem Mann an, der ist kurz davor, es zu tun. Vielleicht aber war alles nur ein Scherz.

Der letzte Satz ist übrigens mehr oder weniger die Summe des Films. Er schwankt zwischen absurdem Scherz und dramatischen Beschwörungen von Liebe und Gefahr - mit voller Absicht. "Dies ist ein Vaudeville und keine Tragödie", sagt Beatrice gegen Ende. Der Film aber will beides sein, Seelendrama und Boulevard. Am Ende fällt ein Schuss, es folgt ein rascher Schnitt, eine Beerdigung. Tot aber ist nicht der Mann, auf den geschossen wurde, sondern ein anderer. "Petites Coupures" hat viel Freude daran, mit den Erwartungen des Betrachters zu spielen. Mehr vielleicht, als der auf die Dauer vergnüglich findet.

Ekkehard Knörer (Jump Cut)

"Petites Coupures - Kleine Wunden", von Pascal Bonitzer. Mit Daniel Auteuil, Kristin Scott-Thomas, Ludivine Sagnier u.a., Frankreich 2003, 95 Minuten
Termine.