Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die kosmische Weite seines Hirns

05.01.2021. Die Feuilletons befreien Friedrich Dürrenmatt aus den Schulbüchern und feiern den vor hundert Jahren geborenen als großen Infragesteller der Welt. Die NZZ hat allerdings noch die ein oder andere Rechnung mit ihm zu begleichen. FAZ und Welt würdigen zum neunzigsten auch Alfred Brendel als den Poeten unter den Pianisten. Der Guardian beobachtet bekümmert den Verfall brutalistischer Bauten im Norden Englands. Der Tagesspiegel erinnert an  die Lehren der Moskauer Werkstätten WChUTEMAS. Und der Standard verabschiedet sich vom Prinzip Zwischennutzung.

Ein Myzel der Assoziationen

04.01.2021. In der FAZ entwirft der Architekt Stefano Boeri die Stadt der Zukunft als ein Archipel aus einzelnen Vierteln mit Hausdächern als Orten der Begegnung. Die Berliner Zeitung drückt sich an den Glasfassaden der generalsanierten Neuen Nationalgalerie die Nase platt. Die NZZ geißelt die Verkrümmung des Theaterbetriebs vor dem Zeitgeist. Im Standard entdeckt Lydia Mischkulnig die umwälzende Kraft von Louise Glücks Gedichten. Im Freitag hört Marie Darrieussecq Schweine pfeifen. Und die SZ erlebt, wie Goyo Montero einen Stubentiger zum Wolf macht.

Höchste, fiebrige Intensität

02.01.2021. Der Tagesspiegel zählt mit der Künstlerin Birgit Brenner die Sekunden zum Weltuntergang runter - und setzt noch schnell den Hund aus. Transhumanismus ist auch keine Alternative, nehmen die TheaterkritikerInnen aus Michael Maertens Soloperformance am Burgtheater mit. In der taz begibt sich Detlef Diederichsen mit der brasilianischen Musikerin Tuca auf eine durchgedrehte Hochgeschwindigkeitsreise. Die Welt will Cesare Paveses Tagebuchnotizen, in denen er den Faschismus verherrlicht, lieber nicht überbewerten.

Endlich von den Menschen befreit

31.12.2020. Für die Kultur endet ein hartes Jahr: "Das Theater und die Oper in Italien sterben", sagt der Regisseur Romeo Castellucci in der taz. Aber die arabische Lyrik blüht in Zeiten der Pandemie, hält die NZZ fest. Die taz geht mit Filmen von Philip Scheffner in den poetischen Widerstand. Ebenfalls in der taz erinnert sich Jane Birkin an alte Skandale und einen schüchternen Serge Gainsbourg. Und die SZ träumt von einem autofreien Times Square.

Alles leuchtet verlockend

30.12.2020. Der Modeschöpfer Pierre Cardin ist tot. Die Zeitungen verabschieden einen Pionier, der die Demokratie in die Mode brachte. ZeitOnline erinnert an die türkische Dichterin Semra Ertan, die sich 1982 aus Protest gegen den Rassismus nach Verlesen eines ihres Gedichte in Hamburg auf offener Straße umbrachte. Die FR sieht in Pete Docters Pixar-Produktionen "Soul" pastellenen Künstlerträumen beim Platzen zu. Und die New York Times nippt an den Körperflüssigkeiten von Ulay.

Fröhlicher Pestwalzer

29.12.2020. Der Tagesspiegel blickt mit dem Fotografen Anton Laub in die verrauschte und verrätselte Welt Rumäniens unter Nicolae Ceaușescu. Auf Zeit Online hat der Filmemacher Errol Morris wenig Hoffnung, dass Joe Biden die USA aus der Epoche des Irrationalismus führen wird. In der SZ verrät Steffen Kopetzky, wie er die Angst vorm Sterben besiegt. Der Standard lässt mit Lieselott Beschorner Avantgarde-Puppen tanzen. Und Monika Grütters möchte ihr Mitspracherecht bei den Bayreuther Festspielen geltend machen, melden die Zeitungen.

Zwischen Funktionalität und Glamour

28.12.2020. Im Dlf spricht Swetlana Alexijewitsch in einer Essay-Reihe zur Lage in Belarus. Die New York Times lernt vom Harlemer Fotografen-Kollektiv Kamoinge, wie man einen Berg erklimmt. Der Freitag erkennt in der Mode des südafrikanischen Designer Thebe Magugu das alte Spionage-Prinzip, sich bei voller Sichtbarkeit zu verbergen. Die FAZ beobachtet, wie sich nun auch Warner mit "Wonder Woman" vom Kino verabschiedet. 125 Jahre nach der ersten Kinovorführung in Paris, wie die Welt erinnert.

Eine Kapazität im Aushalten

24.12.2020. Die taz blickt fasziniert durch die Handykamera der Fotografin Barbara Wolff auf die Metropole Berlin. Die FAZ erkundet, was Abstände unter Musikern für den Orchesterklang bedeutet. In der Welt schildert Schriftsteller Jonathan Coe die Corona-Lage in Britannien. Und die SZ trauert um den Schauspieler Charles Brasseur, der wunderbar bourgeois und zugleich fies, brutal und unberechenbar sein konnte

Dieser geniale Lackierroboter

23.12.2020. Im Neuen Deutschland analysiert Berthold Seliger, wie Hedgefonds und Private-Equity-Firmen von Steueroasen aus riesige Songrecht-Konglomerate aufbauen. Andy Warhol muss kein Mensch im Museum sehen, ruft die Zeit dem Kölner Museum Ludwig zu, druckt lieber T-Shirts. In der Berliner Zeitung stellt Kang Sunkoo klar, dass seine Statue of Limitations nicht Teil des Humboldt-Forums ist, sondern Protest dagegen. Die FAZ ahnt, dass die Öffentlichkeit noch mit jeder Rekonstruktion ihren Frieden gemacht hat. Der Freitag huldigt der Naturlyrik.

Sowas kann man doch nicht erfinden!

22.12.2020. In Cargo erinnert sich Elfriede Jelinek an ihr erstes, überwältigendes Kinoerlebnis im Albertkino in der Josefstädter Straße. In der Zeit blickt Marlene Streeruwitz auf die Verheerungen der Corona-Pandemie. Die Nachtkritik stellt fest, dass die Wiedervereinigung auch nach dreißig Jahren die deutsche Theaterlandschaft, nun ja, spaltet. Der Rolling Stone erkennt mit dem Podcast von Tocotronic-Bassisten Jan Müller den Vorzug, kein Journalist zu sein. Und Dezeen meldet, dass von jetzt an amerikanische Bundesgebäude in den USA schön und bewundert sein müssen.