Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Kniebeugen vor dem Altar

03.09.2019. Die SZ erzählt, wie Japans Wutbürger das Stück "Aus Mangel an Meinungsfreiheit" aufführen. Die NZZ findet beim Zürcher Theaterspektakel die Avantgarde am Strand und in der Fußgängerzone. SZ und FAZ berichten vom weichen Fall des französischen Schriftstellers Yann Moix, von dem hochgradig antisemitische Schriften aufgetaucht sind. In Venedig sahen die Kritiker Filme von Costa-Gavras und Steven Soderbergh. Und der Standard fürchtet, dass die Kunst bald nicht mehr die Norm attackiert, sondern die Normverletzung.

Am Ende marodieren Clownshorden

02.09.2019. In Venedig jubeln die Filmkritiker über Joaquin Phoenix als "Joker", der bei ihnen geradezu "Taxi-Driver"-Stimmung aufkommen ließ. Artechock fragt sich allerdings, ob in diesem Film nicht der Bürger ausgeschaltet wird.  In der Welt lernt Manuel Brug, dass man dicke Frauen auf der Bühne ausstellen darf, aber nicht über sie schreiben.  Die Nachtkritik erlebt am Deutschen Theater Politikverdruss erster Güte:  Wie Heiner Müller, nur kürzer. Und die FAZ erinnert daran, wie Claude Monet vor 150 Jahren mit breiten Pinselstrich die Konventionen der schönen Malerei hinwegwischte.

Die verpeilteste Nostalgie

31.08.2019. Die Filmkritiker streiten darüber, ob sich Roman Polanski in seinem skandalumwitterten Film "J'Accuse!" ernsthaft mit Alfred Dreyfuss vergleicht. Zeit Online erfährt von der Übersetzerin Katy Derbyshire, wie man Briten von deutschem Humor überzeugt. In der Jungle World fordert die Berliner Rapperin Babsi Tollwut eine Diskussion über die Machtverhältnisse im Rap. Und die SZ verdankt Lana del Rey den perfekten Soundtrack für den Spätsommer und klettert auf Sou Fujimotos weißem Baum von Balkon zu Balkon.

Schwermütiger Heldenkörper

30.08.2019. Hyperallergic wundert sich, wie wenig Aufsehen die große Jenny-Holzer-Retrospektive in Bilbao erregt. In Venedig freuen sich die Kritiker über aufgewecktes amerikanisches Autorenkino mit Brad Pitt und Scarlett Johansson. Schade, dass Matthias Lilienthal aus München weggeht, wo er doch Stadttheater der Zukunft macht, bedauert Dlf Kultur. Warum sind Literaturkritiker nur solche Heulsusen, fragt sich die NZZ.

Eine trockene Trunkenheit

29.08.2019. In Venedig erliegen die Filmkritiker dem Charme zweier französischer Filmdiven im Spätsommerlicht. Im Tagesspiegel erklärt der Dramatiker Necati Öziri, warum ihn relevantes Theater nicht mehr interessiert. In der Welt schildert Amelie Nothomb die wohltuenden Auswirkungen von Tee und Champagner aufs Schreiben. Der Standard tanzt zu den Teskey Brothers. Die Zeit wirft sich einen Afghanenmantel über.

Von neuen Bildern nichts gehört

28.08.2019. Die Kritiker blicken nach Venedig, wo heute Abend die Filmfestpiele beginnen und sich vor keinem heißen Eisen drücken. Die NZZ fürchtet, dass der VW-Konzern das Kunstmuseum Wolfsburg ganz auf Linie bringen will. Die FR bewundert Kasper Königs Charisma, das noch immer jeden kommerziellen Ort überstrahlt. Die SZ dokumentiert, mit welcher Gehässigkeit die AfD KünstlerInnen unter Druck setzt. In der Zeit freut sich Gisele Sapiro, dass jetzt auch die USA mehr Literatur aus anderen Sprachen übersetzen.

Nostalgie für die Gegenwart

27.08.2019. Die taz erlebt in Berlin, wie sich die europäische Mode aus ihrer Einsamkeit befreit.  Und die NZZ verliebt sich auf der Vienna Biennale in die Küchenkuh. In der NZZ warnt Slavoj Žižek vor der Falle der Ideologie, in uns die Streamingdienste mit ihren dystopischen Produktionen locken. Die SZ verpasst sich mit Michel Houellebecq und Gérard Depardieu eine grandiose Schlammpackung. Welt und Republik diskutieren weiter über Karen Köhlers Roman "Miroloi" und die Frage, ob Emanzipation ohne Moderne möglich ist.

Wer verteilt die Rollen?

26.08.2019. In den von den Samwer-Brüdern aufgekauften Weddinger Uferhallen meldet die Kunst Eigenbdearf an, berichtet die taz. Die SZ lauscht im Bochumer Audimax höllenschlundgrausiger Totenmusik. Bei seinem Antrittskonzert mit Beethovens Neunter bei den Berliner Philharmonikern attestieren die Kritiker Kirill Petrenko immerhin große Sachlichkeit. Die NZZ erlebt das Zürcher Theaterspektakel als einen Ort gelebter Utopie. Und im Standard trauert Elif Shafak um den Fortschritt in Istanbul.

Es brechen aufregende Zeiten an

24.08.2019. Noch ganz hypnotisiert sind die Musikkritiker von Kirill Petrenko, der mit Beethovens Neunter seinen Auftakt als neuer Leiter der Berliner Philharmoniker feierte: Petrenko verkörpert die reine Kunst, jubelt der Tagesspiegel. Im Guardian wirft Ai Weiwei den Europäern "moralische Überlegenheit" vor und verzieht sich deshalb nach Großbritannien. Zeit Online heult beim Anblick der Schönheit der Werke von Rebecca Horn in Basel und Metz. Im Standard sehnt sich der Schriftsteller Gustav Ernst nach Literatur, die zum Erwürgen anstiftet. Die SZ ergründet die obskuren Vorlieben von Musikkassetten-Fans.

Anthropologisches Monstrum

23.08.2019. Die NZZ entdeckt bisher unbekannte, expressionistische Zeichnungen von Franz Kafka. In der Welt erklärt Konstantin Khabensky, weshalb er für seinen Film "Sobibor" unbedingt den Massenmord in den Gaskammern zeigen muss. Die Berliner Zeitung lernt, wie man Geschichte tanzt. Tagesspiegel und Nachtkritik berichten von der Rufmordkampagne gegen Adolphe Binder. Und Zeit Online lauscht den Scheußlichkeiten der Taylor Swift.