Vom Zernuen

Marcel Beyers "Dämonenräumdienst" kräftigt Atem-, Klang- und Erkenntniswege. Tagtigall. Von Marie Luise Knott

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Sie war so New York

26.09.2020. Die SZ blickt mit Anna Wieners Erfahrungsbericht aus dem Silicon Valley ins dunkle Herz unserer Existenz. Auch die taz schaut mit den Dystopien von Yoko Ogawa und Zoe Beck keiner freudvollen Zukunft entgegen. Die FAZ reist mit Gerhard R. Kaiser in den „Musenhain für Weimars zweite Reihe“ - nach Tiefurt. Die FR begrüßt, wie hart Howard Eiland und Michael Jennings in ihrer Biografie mit Walter Benjamin ins Gericht gehen. Die Welt vergnügt sich mit Manfred Geier auf Foucaults SM-Orgien. Nur von Heidegger lässt sie dank Oliver Precht lieber die Finger. Mehr...

EICHENDORFF21

Die neue Klassenfrage

17.09.2020. Didier Eribons Aufsteigergeschichte "Rückkehr nach Reims" löste auch in Deutschland einen Boom aus. In diesem Herbst hat es Deniz Ohde, die in ihrem Roman "Streulicht" das Ausgeschlossensein des "abgehängten Prekariats" analysiert, auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Wir haben in unserer neuen Bücherliste auch einige Sachbücher zum Thema zusammengestellt: Im Band "Vom Arbeiterkind zur Professur" schildern ProfessorInnen ihren eigenen steinigen Weg nach oben.
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EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Die Reime lagen auf der Straße

26.09.2020. Die SZ lässt sich vom Trüffelduft der Blockbuster-Ausstellung "Dekadenz und dunkle Träume" in der Alten Nationalgalerie nicht darüber hinwegtäuschen, dass die belgischen Symbolisten von den Kolonien profitierten: Sie hätte sich auch Fotos von abgehackten Kinderhänden aus dem Kongo gewünscht. Die FAZ schleicht sich an die scheuen AutorInnen Portugals heran. Auf ZeitOnline erklärt Julia Wissert, die erste schwarze Intendantin an einem deutschen Stadttheater, wie sie das Theater diverser machen will. Die Berliner Zeitung sucht mit Chuck D von Public Enemy den Wert der Kultur auf den Straßen der Bronx. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Grenzen der Meinungsfreiheit neu gezogen

26.09.2020. In Paris herrscht nach dem neuen Anschlag Entsetzen, Libération berichtet, wie die Meldungen in den Prozess gegen die Charlie-Attentäter platzte. Die FAZ erinnert daran, wie schon nach dem Attentat auf das Münchner Oktoberfest Polizei und Politik den rechtsextremen Terror herunterspielten. Fahrlässig findet die taz, wie Netflix die Ermordung von Treuhand-Chef Detlev Rohwedder ins Reich der Legenden trägt. Die SZ liest in einem Brief vom März 1933, wie Kronprinz Wilhelm dazu aufruft, jedem in die Fresse zu hauen, der die Eintracht der Nazis stört. Mehr...

MEDIENTICKER

Nomade auf Sammlerschaft

25.09.2020. Aktualisiert: Elektronik-Pakete für Buchhandlungen & Stationäre Buchhändler machen Boden gut - Massive Zunahme: Zahl der Cyberattacken steigt um 154 Prozent - Ein kritisches Leben: Zu Walter Benjamins 80. Todestag - Der neue Axel Cäsar: Friede Springer installiert Mathias Döpfner als Nachfolger -  "unglaublich witzige & erkenntnisreiche Funken": Raabe-Preis für Christine Wunnicke + TV+Hörfunk-Tipps für das Wochenende. Mehr...

IM KINO

Verbitterte Ichs aus der Zukunft

24.09.2020. Auch Bill & Ted, die zwei Luschen, die 1989 in MTV, Bowling und Shopping Malls das Paradies sahen, bevor sie durch Zeit und Raum reisten, sind älter geworden. Ihre Ambitionslosigkeit sollte einst die Welt retten, doch jetzt zehrt der Misserfolg an ihnen: "Bill & Ted Face the Music" und sie klingt hässlich.  Elsa Kremser und Levin Peter setzen in ihrem Dokumentarfilm "Space Dogs" den Raumfahrthündinnen Belka, Strelka und Laika ein Denkmal, aber auch den Moskauer Straßenhunden. Von Olga Baruk, Robert Wagner. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Ein Faible für Satire und Demokratie

22.09.2020. Die London Review erinnert an die Siebziger, als sich die Putzfrauen von London gewerkschaftlich zu organisieren begannen. Ohne Organisation geht gar nichts, lernen auch Aktivisten in Chicago, die Obdachlose in ein Sheraton Hotel einquartierten, erzählt Harper's, das außerdem die Synthesizer-Pionierin Wendy Carlos vorstellt. Pitchfork erzählt, wie Enyas Balladen aus den Achtzigern Melodiker wie Weyes Blood ebenso beeinflusst haben wie die Death Metal Band Blood Incantation oder den Avantgardisten Oneohtrix Point Never. Atlantic warnt die Qualitätspresse: Lügen sind nicht einfach andere Fakten. Das sollte auch Facebook kapieren, meint Bloomberg. Der Guardian spuckt seinen genveränderten Lachs aus. Mehr...

FOTOLOT

Die Botschaft ist das Medium

21.09.2020. Roger Eberhards Band "Human Territoriality" über Grenzzäune, Migration und den Kampf um natürliche Ressourcen und Damian Heinischs "45" über eine Zugreise, die den Migrationswegen seiner Familie nachfährt, gewinnen Bedeutung nur über den Kontext, den sie illustrieren. Anders die Fotografien von Julia Steinigeweg, die den Punkt suchen, an dem das Virtuelle und das Reale ineinander übergehen. Von Peter Truschner. Mehr...

ESSAY

Mitnichten antidemokratisch

21.09.2020. Die Anschuldigung, dass die Linke den öffentlichen Diskurs mithilfe ihrer "Cancel-Kultur" strategisch zu ihren Gunsten formen wolle, entlarvt sich bei genauem Betrachten selbst als versuchtes Cancelling: Wer Kritik an Einzelentscheidungen von Veranstalter*innen oder Redakteur*innen zum Beleg für eine neulinke Diktatur aufbauscht, möchte vor allem linke Identitätspolitik diskreditieren. Von Anna Huber. Mehr...

INTERVENTION

Wie war das in Syrien?

11.09.2020. Es könnte sein, dass Wladimir Putin im Fall Belarus sein Erfolgsmodell der Repression neu erprobt: Festhalten an einem Diktator um jeden Preis, wie bei Maduro oder Assad. Indem der Kreml angeschlagenen Despoten die Haut rettet, macht er sie sich zu willfährigen Marionetten. Ein Lukaschenko, der die Fortsetzung seiner Herrschaft dem Kreml verdankt, wird damit für Putin zu einem idealen Vollstrecker seiner großrussisch-imperialen Ambitionen. Von Richard Herzinger. Mehr...

EICHENDORFF21

Die Longlist für den Buchpreis

25.08.2020. Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 ist bei der Kritik gut angekommen, die nominierten Romane verheißen thematische und erzählerische Vielfalt. Es sind aufregende Titel darunter:  Deniz Ohdes "Streulicht" , Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson und Johnson" oder Christine Wunnickes "Die Dame mit der bemalten Hand", aber auch Romane von bewährten Erzählern wie Thomas Hettche, Bov Bjerg und Frank Witzel.
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BÜCHERBRIEF

Furchtlose Nestflüchterin

06.09.2020. Deniz Ohde erzählt fragil-schön und mit leiser Wucht von einem schmerzhaften Aufstieg aus dem Industrieproletariat, Mieko Kawakami vermisst mit subtilem Humor Brüste und Rolle der postmodernen Japanerin, Jeremy Tiang blickt klar und nüchtern auf die gewaltvolle Geschichte Singapurs und Malaysias zurück und Eliot Weinberger zerpflückt mit Biss das pralle Desaster von Trumps Amtszeit. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats September.
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ESSAY

Wie sonst das Zeugen Mode war

20.08.2020. Die heutige Linke gibt sich ökologisch sensibel, aber Geschlecht ist  für sie ein reines Konstrukt. Nun ist der Begriff der "Konstruktion" von jeher ein genuin technischer Begriff, der im Spannungsverhältnis zum Konzept "Natur" steht. Wir konstruieren, was wir in der Natur nicht vorfinden, etwa Geräte, Gebäude und Maschinen. Dazu brauchen Menschen natürliche Ressourcen, die sie "Rohstoffe" nennen. Konstruktionen brauchen und verbrauchen Natur. Über eine Theorie-Paradoxie und ihre Tabus. Von Jochen Hörisch. Mehr...

ESSENZEN

Du riechst nach Macchia

21.08.2020. Auf Korsika scheint die Immortelle derart präsent zu sein, dass sie für die Insel zu einer Art Duftstempel wurde, vergleichbar dem Lavendel für den Süden Frankreichs. Der aus Korsika stammende und in Marokko aufgewachsene Parfumeur Marc-Antoine Corticchiato kombiniert in "Immortelle Corse" die krautige Würze dieser Blume mit der Aprikose und ein paar anderen Noten und schafft damit etwas ganz eigenes, das doch auch an das berühmte Parfum "Mitsouko" von Guerlain erinnert. Von Claus Brunner. Mehr...

ESSAY

Aufgeplusterte Empörung

18.08.2020. Der "menschenverachtende" Skandal, der den "Offenen Brief" von sechzig Intellektuellen an die Bundeskanzlerin auslöste, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten: Der Autor Arye Sharuz Shalicar hat den Autor Reiner Bernstein angegriffen. Bernstein hat sich dagegen vor Gericht gewehrt und verloren. Die Gruppe um Wolfgang Benz und andere macht daraus eine Aktion der israelischen Regierung, der sich deutsche Gerichte angeblich unterwerfen und deren schärfste Waffe der Antisemitimusvorwurf sei. Rekonstruktion einer Jagd nach Hirngespinsten. Von Matthias Küntzel. Mehr...

VORGEBLÄTTERT

Uta Ruge: Bauern, Land - eine Leseprobe

13.08.2020. Uta Ruge verwebt in "Bauern, Land - Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang" die Erinnerung an das Leben auf dem Lande in den fünfziger Jahren mit der genauen Beobachtung der Veränderungen in der Landwirtschaft heute, mit der Chronik des Dorfes, den welthistorischen Zusammenhängen und der Kulturgeschichte, die das Leben der Bauern geprägt haben und prägen. Sie greift auch kontroverse Themen auf: den Streit um die Wölfe, den Streit um die moderne Landwirtschaft. Von Uta Ruge. Mehr...