Geburtsname Hoffnung

Roy Anderssons "Über die Unendlichkeit" und Nicola Hens' Doku über die Spionin Marthe "Chichinette" Kohn. Im Kino

Wie war das in Syrien?

Es könnte sein, dass Wladimir Putin im Fall Belarus sein Erfolgsmodell der Repression neu erprobt: Festhalten an einem Diktator um jeden Preis, wie bei Maduro oder Assad. Von Richard Herzinger

Vom Zernuen

Marcel Beyers "Dämonenräumdienst" kräftigt Atem-, Klang- und Erkenntniswege. Tagtigall. Von Marie Luise Knott

EFEU - DIE KULTURRUNDSCHAU

Der tiefe Sturz in den Zeuthener See

23.09.2020. Die SZ feiert die Wiederentdeckung von Ruggero Leoncavallos veristischer Oper "Zazà" in Wien. Der Freitag reitet mit dem Cowboy Dean Reed noch einmal in den Untergang der roten Sonne. In der FAS wünscht sich die italienische Schriftstellerin Giulia Caminito einen gewaltlosen Anarchismus. In der NZZ sieht Zürichs Musikdirektor Paavo Järvi in der Coronakrise nur eine Generalprobe. Und die Filmkritik trauert um Michael Lonsdale, den großen einsamen Mann des französischen Kinos. Mehr...

9PUNKT - DIE DEBATTENRUNDSCHAU

Was heute Werte genannt wird

23.09.2020. Der Ideenhistoriker Michael Rothberg vergleicht in geschichtedergegenwart.ch die Mbembe-Debatte mit dem Historikerstreit: Habermas' Fehler seinerzeit, so Rothberg, war das vorbehaltlose Bekenntnis zum "Westen". Im Interview mit dem New Statesman möchte Judith Butler den neuen Feminismus eigentlich überhaupt nicht mehr als Frauenbewegung verstanden wissen. Französische Medien veröffentlichen aus Anlass des Charlie-Prozesses einen Aufruf für Meinungsfreiheit. Charlie Hebdo berichtet vom 15. Prozesstag, an dem es um die Morde im jüdischen Supermarkt ging. Mehr...

BÜCHERSCHAU DES TAGES

Das Unheimliche einer Erfahrung

22.09.2020. Ganz prächtig findet der DlfKultur den Bildband des Fotografen Harald Hauswald, der so liebevoll die Punks, Hooligans oder Armen der DDR auf seinen Bildern festhielt. Ziemlich vergnügt liest er auch Candice Carty-Williams' London-Roman "Queenie". Die FAZ lässt sich von Sabine Peters widerstandslos ins rheinisch-katholische Milieu der Sechziger und Siebziger mitnehmen. Und die SZ findet: Marcel Beyers "Dämonenräumdienst" groovt. Mehr...

MAGAZINRUNDSCHAU

Ein Faible für Satire und Demokratie

22.09.2020. Die London Review erinnert an die Siebziger, als sich die Putzfrauen von London gewerkschaftlich zu organisieren begannen. Ohne Organisation geht gar nichts, lernen auch Aktivisten in Chicago, die Obdachlose in ein Sheraton Hotel einquartierten, erzählt Harper's, das außerdem die Synthesizer-Pionierin Wendy Carlos vorstellt. Pitchfork erzählt, wie Enyas Balladen aus den Achtzigern Melodiker wie Weyes Blood ebenso beeinflusst haben wie die Death Metal Band Blood Incantation oder den Avantgardisten Oneohtrix Point Never. Atlantic warnt die Qualitätspresse: Lügen sind nicht einfach andere Fakten. Das sollte auch Facebook kapieren, meint Bloomberg. Der Guardian spuckt seinen genveränderten Lachs aus. Mehr...

FOTOLOT

Die Botschaft ist das Medium

21.09.2020. Roger Eberhards Band "Human Territoriality" über Grenzzäune, Migration und den Kampf um natürliche Ressourcen und Damian Heinischs "45" über eine Zugreise, die den Migrationswegen seiner Familie nachfährt, gewinnen Bedeutung nur über den Kontext, den sie illustrieren. Anders die Fotografien von Julia Steinigeweg, die den Punkt suchen, an dem das Virtuelle und das Reale ineinander übergehen. Von Peter Truschner. Mehr...

ESSAY

Mitnichten antidemokratisch

21.09.2020. Die Anschuldigung, dass die Linke den öffentlichen Diskurs mithilfe ihrer "Cancel-Kultur" strategisch zu ihren Gunsten formen wolle, entlarvt sich bei genauem Betrachten selbst als versuchtes Cancelling: Wer Kritik an Einzelentscheidungen von Veranstalter*innen oder Redakteur*innen zum Beleg für eine neulinke Diktatur aufbauscht, möchte vor allem linke Identitätspolitik diskreditieren. Von Anna Huber. Mehr...

EICHENDORFF21

Die neue Klassenfrage

17.09.2020. Didier Eribons Aufsteigergeschichte "Rückkehr nach Reims" löste auch in Deutschland einen Boom aus. In diesem Herbst hat es Deniz Ohde, die in ihrem Roman "Streulicht" das Ausgeschlossensein des "abgehängten Prekariats" analysiert, auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Wir haben in unserer neuen Bücherliste auch einige Sachbücher zum Thema zusammengestellt: Im Band "Vom Arbeiterkind zur Professur" schildern ProfessorInnen ihren eigenen steinigen Weg nach oben.
Mehr...

IM KINO

Geburtsname Hoffnung

16.09.2020. "Ich sah einen Mann/eine Frau/Leute..." Roy Anderssons Film "Über die Unendlichkeit" erzählt in minimalistischer Abstraktion von einer hermetisch abgeriegelten Welt. Nicola Hens porträtiert in ihrem Dokumentarfilm "Chichinette: The Accidental Spy" die französische Widerstandskämpferin und Spionin Marthe Kohn, die die Rückzugsstrategien der Nazis auskundschafte. Von Nicolai Bühnemann, Rajko Burchardt. Mehr...

INTERVENTION

Wie war das in Syrien?

11.09.2020. Es könnte sein, dass Wladimir Putin im Fall Belarus sein Erfolgsmodell der Repression neu erprobt: Festhalten an einem Diktator um jeden Preis, wie bei Maduro oder Assad. Indem der Kreml angeschlagenen Despoten die Haut rettet, macht er sie sich zu willfährigen Marionetten. Ein Lukaschenko, der die Fortsetzung seiner Herrschaft dem Kreml verdankt, wird damit für Putin zu einem idealen Vollstrecker seiner großrussisch-imperialen Ambitionen. Von Richard Herzinger. Mehr...

EICHENDORFF21

Die Longlist für den Buchpreis

25.08.2020. Die Longlist für den Deutschen Buchpreis 2020 ist bei der Kritik gut angekommen, die nominierten Romane verheißen thematische und erzählerische Vielfalt. Es sind aufregende Titel darunter:  Deniz Ohdes "Streulicht" , Valerie Fritschs "Herzklappen von Johnson und Johnson" oder Christine Wunnickes "Die Dame mit der bemalten Hand", aber auch Romane von bewährten Erzählern wie Thomas Hettche, Bov Bjerg und Frank Witzel.
Mehr...

BÜCHERBRIEF

Furchtlose Nestflüchterin

06.09.2020. Deniz Ohde erzählt fragil-schön und mit leiser Wucht von einem schmerzhaften Aufstieg aus dem Industrieproletariat, Mieko Kawakami vermisst mit subtilem Humor Brüste und Rolle der postmodernen Japanerin, Jeremy Tiang blickt klar und nüchtern auf die gewaltvolle Geschichte Singapurs und Malaysias zurück und Eliot Weinberger zerpflückt mit Biss das pralle Desaster von Trumps Amtszeit. Dies alles und mehr in den besten Büchern des Monats September.
Mehr...

FOTOLOT

Allerseelen der Fotografie

31.08.2020. Doch, durchaus, es gibt einige interessante Fotoausstellungen in dieser beginnenden besonderen Herbstsaison: Vor allem Michael Schmidt im Hamburger Bahnhof natürlich. Aber auch einige andere Klassiker werden hier und dort gewürdigt.  Alles in allem teils durchaus interessante, publikumsfreundliche Veranstaltungen ohne ausgeprägte Ecken und Kanten oder gar gröbere Irritationen, die nur unnötig am unter Corona ohnehin fragilen Nervenkostüm der Besucher zerren würden. Von Peter Truschner. Mehr...

ESSAY

Wie sonst das Zeugen Mode war

20.08.2020. Die heutige Linke gibt sich ökologisch sensibel, aber Geschlecht ist  für sie ein reines Konstrukt. Nun ist der Begriff der "Konstruktion" von jeher ein genuin technischer Begriff, der im Spannungsverhältnis zum Konzept "Natur" steht. Wir konstruieren, was wir in der Natur nicht vorfinden, etwa Geräte, Gebäude und Maschinen. Dazu brauchen Menschen natürliche Ressourcen, die sie "Rohstoffe" nennen. Konstruktionen brauchen und verbrauchen Natur. Über eine Theorie-Paradoxie und ihre Tabus. Von Jochen Hörisch. Mehr...

ESSENZEN

Du riechst nach Macchia

21.08.2020. Auf Korsika scheint die Immortelle derart präsent zu sein, dass sie für die Insel zu einer Art Duftstempel wurde, vergleichbar dem Lavendel für den Süden Frankreichs. Der aus Korsika stammende und in Marokko aufgewachsene Parfumeur Marc-Antoine Corticchiato kombiniert in "Immortelle Corse" die krautige Würze dieser Blume mit der Aprikose und ein paar anderen Noten und schafft damit etwas ganz eigenes, das doch auch an das berühmte Parfum "Mitsouko" von Guerlain erinnert. Von Claus Brunner. Mehr...

ESSAY

Aufgeplusterte Empörung

18.08.2020. Der "menschenverachtende" Skandal, der den "Offenen Brief" von sechzig Intellektuellen an die Bundeskanzlerin auslöste, ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten: Der Autor Arye Sharuz Shalicar hat den Autor Reiner Bernstein angegriffen. Bernstein hat sich dagegen vor Gericht gewehrt und verloren. Die Gruppe um Wolfgang Benz und andere macht daraus eine Aktion der israelischen Regierung, der sich deutsche Gerichte angeblich unterwerfen und deren schärfste Waffe der Antisemitimusvorwurf sei. Rekonstruktion einer Jagd nach Hirngespinsten. Von Matthias Küntzel. Mehr...

VORGEBLÄTTERT

Uta Ruge: Bauern, Land - eine Leseprobe

13.08.2020. Uta Ruge verwebt in "Bauern, Land - Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang" die Erinnerung an das Leben auf dem Lande in den fünfziger Jahren mit der genauen Beobachtung der Veränderungen in der Landwirtschaft heute, mit der Chronik des Dorfes, den welthistorischen Zusammenhängen und der Kulturgeschichte, die das Leben der Bauern geprägt haben und prägen. Sie greift auch kontroverse Themen auf: den Streit um die Wölfe, den Streit um die moderne Landwirtschaft. Von Uta Ruge. Mehr...