9punkt - Die Debattenrundschau
Kein Vermittler, sondern ein Verbündeter
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.06.2026. Nicht nur die Ukraine, auch ihre europäischen Partner zeigen größeres Selbstbewusstsein gegenüber Putin, freuen sich die Zeitungen. Die deutschen Yad-Vashem-Dépendancen sind, anders als Meron Mendel unterstellt, keine Agenturen der israelischen Regierung, insistiert Deborah Hartmann im Spiegel. In der Politik haben sich längst viele Männer als schwul bekannt, warum nicht im Fußball, fragt die taz. Und was ist Niedersachsen, fragt die FAZ.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
09.06.2026
finden Sie hier
Europa
Als ziemlich zuversichtlich liest Dominic Johnson in der taz die Erklärung Wolodimir Selenskis und der Regierungschefs aus Berlin, Paris und London zu einem Frieden in der Ukraine. Darin werden, anders als von Trump vor einem Jahr, klare Forderungen an Putin gestellt, auch bezüglich einer Friedenstruppe. "Die Neuerung der Londoner Erklärung ist, dass eine solche Friedenstruppe - die Russland kategorisch ablehnt - nicht am Ende eines Friedensprozesses stehen soll, sondern am Anfang. Dies zeugt von gestiegenem europäischen und ukrainischen Selbstbewusstsein. Selenski wirke 'zuversichtlicher denn je', beschrieb eine britische TV-Interviewerin am Sonntag den ukrainischen Präsidenten. Man trage den Krieg nach Russland zurück, wo er herkam, sagte Selenski in dem Interview mit Sky News."
In der FAZ ergänzen Johannes Leithäuser und Friedrich Schmidt: "Selenski sagte unterdessen, falls ein Waffenstillstand erreicht werden könne, dann sei die Ukraine einverstanden damit, dass der aktuelle Frontverlauf die Waffenstillstandslinie markiere. Das sei der schnellste Weg. Kiew wolle aber, dass die Kampfhandlungen in einer Weise endeten, 'dass der Krieg nicht zurückkommt'."
Den Blick von Wladimir Putin auf Verhandlungen mit der EU fasst Hubert Wetzel in der SZ so zusammen: "Ich vergewaltige mein Nachbarland, bringe Tod und Verderben, raube Land und Kinder - und Europa und Amerika segnen mir das dann ab und zwingen die Ukraine, es hinzunehmen. (...) Europa ist im Ukraine-Krieg nicht neutral. Der Ausgang des Kriegs berührt fundamentale europäische Sicherheitsinteressen, für manche osteuropäische Länder auf existenzielle Weise." Denn was hält Putin nach erfolgreichen "Verhandlungen" davon ab, nach der Ukraine einfach weiter zu machen? "Europa ist also kein Vermittler zwischen Russland und der Ukraine, sondern ein Verbündeter des angegriffenen Landes in dessen Abwehrkampf gegen den Angreifer, weil dieser Angegriffene als Bollwerk fungiert."
Das Zarenreich und die Sowjetunion waren schon immer auf Waffenproduktion in der Ukraine angewiesen, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ. Jetzt muss sich die Ukraine gegen ihren früher größten Kunden Russland selbst verteidigen. "Die wichtigste ukrainische Rüstungsfabrik befindet sich in Dnipro und trägt noch heute den Namen Juschmasch - ein typisch sowjetisches Kofferwort, das eigentlich 'südrussische Maschinenfabrik' bedeutet. Hier wurden im Kalten Krieg vor allem ballistische Raketen produziert." Dem Standort wird jedoch seit Beginn des Krieges der Rang abgelaufen. "Die für die ukrainische Kriegsführung wichtigen Langstreckendrohnen und Flamingo-Raketen werden aber nicht in Dnipro hergestellt, sondern vom jungen Unternehmen Fire Point, dessen siebzig Fertigungsstandorte streng geheim sind. Der Abstieg von Juschmasch und der Aufstieg von Fire Point verdeutlichen eine Dynamik, die sich in der Ukraine bereits seit längerem abzeichnet. Die staatlichen Rüstungskonzerne konnten sich lange Zeit auf Regierungsaufträge und Exportverträge verlassen. Dabei blieb die Innovationskraft auf der Strecke. 2015 ging ein Viertel der Kiewer Rüstungsbestellungen an private Firmen, 2020 bereits über die Hälfte."
Der französische Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon hat am Wochenende sein Programm für ein "Neues Frankreich" vorgestellt. Auf den ersten Blick wirkt sein "Unbeugsames Frankreich" (LFI) konziser als die zersplitterte gemäßigte Linke, aber man soll sich nicht täuschen, meint Laurent Joffrein in librejournal.fr: Schließlich sei die gemäßigte Linke "bei den letzten Wahlen keineswegs verschwunden. Sie hat bei den Europawahlen gut abgeschnitten, eine beachtliche Fraktion in die Nationalversammlung entsandt und bei den Kommunalwahlen Dutzende von Städten gehalten oder erobert, gegenüber acht für LFI. Mélenchons Programm ist schlüssig, unterscheidet sich jedoch radikal vom Rest der Linken. Er lehnt 'Kriegswirtschaft' ab, also die Aufrüstung angesichts der russischen Bedrohung; er schlägt ein Moratorium für alle europäischen Beschlüsse vor, die seinem Programm widersprechen, was einem Austritt aus der Union gleichkommt, ohne dies offen zu benennen; er schweigt zur Schuldenfrage, die sich jedoch jedem glaubwürdigen Kandidaten aufdrängt; er will die Rente mit 60 wieder einführen, obwohl sich die Lebenserwartung bei guter Gesundheit deutlich verlängert hat."
In der FAZ ergänzen Johannes Leithäuser und Friedrich Schmidt: "Selenski sagte unterdessen, falls ein Waffenstillstand erreicht werden könne, dann sei die Ukraine einverstanden damit, dass der aktuelle Frontverlauf die Waffenstillstandslinie markiere. Das sei der schnellste Weg. Kiew wolle aber, dass die Kampfhandlungen in einer Weise endeten, 'dass der Krieg nicht zurückkommt'."
Den Blick von Wladimir Putin auf Verhandlungen mit der EU fasst Hubert Wetzel in der SZ so zusammen: "Ich vergewaltige mein Nachbarland, bringe Tod und Verderben, raube Land und Kinder - und Europa und Amerika segnen mir das dann ab und zwingen die Ukraine, es hinzunehmen. (...) Europa ist im Ukraine-Krieg nicht neutral. Der Ausgang des Kriegs berührt fundamentale europäische Sicherheitsinteressen, für manche osteuropäische Länder auf existenzielle Weise." Denn was hält Putin nach erfolgreichen "Verhandlungen" davon ab, nach der Ukraine einfach weiter zu machen? "Europa ist also kein Vermittler zwischen Russland und der Ukraine, sondern ein Verbündeter des angegriffenen Landes in dessen Abwehrkampf gegen den Angreifer, weil dieser Angegriffene als Bollwerk fungiert."
Das Zarenreich und die Sowjetunion waren schon immer auf Waffenproduktion in der Ukraine angewiesen, schreibt Ulrich M. Schmid in der NZZ. Jetzt muss sich die Ukraine gegen ihren früher größten Kunden Russland selbst verteidigen. "Die wichtigste ukrainische Rüstungsfabrik befindet sich in Dnipro und trägt noch heute den Namen Juschmasch - ein typisch sowjetisches Kofferwort, das eigentlich 'südrussische Maschinenfabrik' bedeutet. Hier wurden im Kalten Krieg vor allem ballistische Raketen produziert." Dem Standort wird jedoch seit Beginn des Krieges der Rang abgelaufen. "Die für die ukrainische Kriegsführung wichtigen Langstreckendrohnen und Flamingo-Raketen werden aber nicht in Dnipro hergestellt, sondern vom jungen Unternehmen Fire Point, dessen siebzig Fertigungsstandorte streng geheim sind. Der Abstieg von Juschmasch und der Aufstieg von Fire Point verdeutlichen eine Dynamik, die sich in der Ukraine bereits seit längerem abzeichnet. Die staatlichen Rüstungskonzerne konnten sich lange Zeit auf Regierungsaufträge und Exportverträge verlassen. Dabei blieb die Innovationskraft auf der Strecke. 2015 ging ein Viertel der Kiewer Rüstungsbestellungen an private Firmen, 2020 bereits über die Hälfte."
Der französische Linkspopulist Jean-Luc Mélenchon hat am Wochenende sein Programm für ein "Neues Frankreich" vorgestellt. Auf den ersten Blick wirkt sein "Unbeugsames Frankreich" (LFI) konziser als die zersplitterte gemäßigte Linke, aber man soll sich nicht täuschen, meint Laurent Joffrein in librejournal.fr: Schließlich sei die gemäßigte Linke "bei den letzten Wahlen keineswegs verschwunden. Sie hat bei den Europawahlen gut abgeschnitten, eine beachtliche Fraktion in die Nationalversammlung entsandt und bei den Kommunalwahlen Dutzende von Städten gehalten oder erobert, gegenüber acht für LFI. Mélenchons Programm ist schlüssig, unterscheidet sich jedoch radikal vom Rest der Linken. Er lehnt 'Kriegswirtschaft' ab, also die Aufrüstung angesichts der russischen Bedrohung; er schlägt ein Moratorium für alle europäischen Beschlüsse vor, die seinem Programm widersprechen, was einem Austritt aus der Union gleichkommt, ohne dies offen zu benennen; er schweigt zur Schuldenfrage, die sich jedoch jedem glaubwürdigen Kandidaten aufdrängt; er will die Rente mit 60 wieder einführen, obwohl sich die Lebenserwartung bei guter Gesundheit deutlich verlängert hat."
Geschichte
Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin, antwortet im Spiegel auf Meron Mendel, der vor den deutschen Yad-Vashem-Dependancen gewarnt hatte (unser Resümee). Sein Argument: die israelische Regierung könne auf das schöne deutsche Gedenken Einfluss nehmen wollen. "Mendel fordert, die Arbeit der Yad-Vashem-Bildungseinrichtungen in Deutschland klar auf die Vermittlung der NS-Vergangenheit zu begrenzen, 'um Einflussversuche auf tagespolitische Themen zu verhindern'. Ihm schwebt eine Eingrenzung auf die Jahre 1933 bis 1945 vor... In diesen Vorschlägen zeigt sich nicht nur eine fragwürdige Vorstellung davon, Inhalte historisch-politischer Bildung kontrollieren zu wollen. Sie zeugen auch von erstaunlichem Nichtwissen über die pädagogische Arbeit Yad Vashems. Deren besondere Stärke liegt gerade darin, dass die Auseinandersetzung mit dem Holocaust immer auch das jüdische Leben vor der Schoa sowie das Überleben und Weiterleben danach einschließt. Es geht nicht um übergeordnete 'Narrative', sondern um Erinnerungen, Erfahrungen, persönliche Geschichten, Dilemmata und Entscheidungen."
Gesellschaft
Auf Twitter viel diskutiert wird ein Substack-Essay des Neurowissenschaftlers und Publizisten Sam Harris, der erklärt, "warum ich mich nicht auf Debatten mit Israel-Kritikern einlasse". Der heute grassierende "Antizionismus", der Israel weghaben will und dafür "Meinungsfreiheit" einfordert, ist für ihn nichts anderes als der alte Antisemitismus in neuem Gewand. Und "warum ist Antisemitismus von Bedeutung? Nun, für die Juden ist klar, warum er von Bedeutung ist, aber warum sollte er auch für alle anderen von Bedeutung sein? Er ist von Bedeutung, weil man, wenn man sich ansieht, was Antisemiten sonst noch hassen, feststellt, dass sie alles hassen, was kulturell reiche, vielfältige und offene Gesellschaften erst möglich macht. Echte Antisemiten bringen mehr mit als nur ihren Hass auf Juden: Sie bringen Zensur, politische Unterdrückung, Verschwörungsdenken und die Politik der Entmenschlichung und der Sündenböcke mit sich. Antisemitismus anzuprangern ist also kein Akt des Engagements für eine einzelne Gruppe, sondern eine Verteidigung der moralischen und institutionellen Architektur, die freie Gesellschaften benötigen."
In der Politik haben sich längst viele Männer als schwul bekannt - und das Publikum nimmt es mit freundlichem Achselzucken zur Kenntnis. Warum ist das im Fußball immer noch anders, fragt Jan Feddersen in der taz: "Eventuell liegt es auch an der Mentalität der berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld zu geben, ist hingegen klassistisch gesinnt: Schwules ist längst kein Schocker mehr, auch für sie nicht."
Die politiknahe Werbeagentur Scholz and Friends hat einen neuen Slogan für Niedersachsen entworfen: "Niedersachsen. Das ist groß". Ob der wirken wird, fragt sich in der FAZ Reinhard Bingener und skizziert das Problem: "Das Land Niedersachsen stand bei seiner Suche nach einem neuen Claim vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts förderte vor einiger Zeit zutage, dass nahezu jeder zweite Deutsche bloß eine ungefähre Vorstellung von dem Land hat. Jeder vierte Deutsche verbindet mit Niedersachsen wenig oder überhaupt nichts."
In der Politik haben sich längst viele Männer als schwul bekannt - und das Publikum nimmt es mit freundlichem Achselzucken zur Kenntnis. Warum ist das im Fußball immer noch anders, fragt Jan Feddersen in der taz: "Eventuell liegt es auch an der Mentalität der berufsbegleitenden Personen, die auch Klaus Wowereit vor 25 Jahren davor warnten, sich zu outen. Beim Fußball namentlich Spielerberater, Trainer und die Funktionäre überhaupt. Die glauben, dass ihr Spieler, der sich als schwul zu erkennen geben möchte, an Marktwert verlöre, an sportlicher Kraft, an Durchsetzungsfähigkeit. Dem Publikum auf den Tribünen die Schuld zu geben, ist hingegen klassistisch gesinnt: Schwules ist längst kein Schocker mehr, auch für sie nicht."
Die politiknahe Werbeagentur Scholz and Friends hat einen neuen Slogan für Niedersachsen entworfen: "Niedersachsen. Das ist groß". Ob der wirken wird, fragt sich in der FAZ Reinhard Bingener und skizziert das Problem: "Das Land Niedersachsen stand bei seiner Suche nach einem neuen Claim vor einer besonders schwierigen Aufgabe. Eine repräsentative Umfrage des Allensbach-Instituts förderte vor einiger Zeit zutage, dass nahezu jeder zweite Deutsche bloß eine ungefähre Vorstellung von dem Land hat. Jeder vierte Deutsche verbindet mit Niedersachsen wenig oder überhaupt nichts."
Politik
Im Interview mit der SZ erklärt der US-Politologe Stephen Holmes, weshalb vor allem das Thema Migration von Populisten bespielt wird: Es "erzeugt die hysterische Vorstellung, dass man ersetzt werde. Dass das Land von Menschen übernommen wird, die nicht so sind wie man selbst. Liberale Politiker haben es schwer gegenüber Populisten, die das behaupten - obwohl Einwanderung für unser Leben viel weniger gefährlich ist als all die anderen Probleme. Niemand 'ersetzt' einen in einer Pandemie oder in einem Atomkrieg; Einwanderung hingegen wird als Substitution empfunden, das trifft einen Nerv. In Amerika befürchten viele, ein Zuckerwürfel zu sein, der sich in einer Tasse Kaffee auflöst. Das ist ein Irrglaube. Es ist lächerlich."
Kulturpolitik
Die Stadt Düsseldorf stoppt ihre ambitionierten Pläne zum Neubau eines Opern-Gebäudes (unser Resümee) durch das norwegische Architekturbüro Snøhetta, weil sich die Stadt einen Neubau bei einem mit 1,8 Milliarden Euro belasteten kommunalen Haushalt nicht leisten kann, konstatiert Christian Wildhagen in der NZZ. "In diesen Fällen rächt sich, dass Infrastruktur und Bühnentechnik der meisten städtischen Theater in Deutschland seit Jahrzehnten vernachlässigt oder auf Verschleiß gefahren werden. Hinzu kommen stetig weiter verschärfte gesetzliche Bestimmungen beim Brand- und beim Arbeitsschutz." In Düsseldorf soll in den alten Gebäuden weitergespielt werden. "Eine Lösung, alles andere als visionär, die längerfristig zu noch höheren Kosten führen könnte. Als Ersatz für den kulturellen Leuchtturm von Snøhetta soll in Düsseldorf das marode Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee 'ertüchtigt' werden - der Stadtrat will dafür zunächst 25 Millionen Euro bewilligen. Heine, der große Sohn der Stadt, hätte wohl einen spöttischen Reim darauf gemacht."
Kommentieren



