9punkt - Die Debattenrundschau

Reuegeld bezahlen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2022. Francis Fukuyama erklärt in verschiedenen Medien, warum die Geschichte doch nicht endete und warum man den Liberalismus vor sich selbst retten muss. Die NZZ geht den überraschenden und seltsamen Beziehungen der Moon-Sekte zur Spitze der japanischen Politik nach. Was den russischen Krieg so gefährlich macht, ist seine Ungenauigkeit, konstatiert der Guardian.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2022 finden Sie hier

Ideen

Francis Fukuyamas Buch "Der Liberalismus und seine Feinde" ist gerade auf Deutsch erschienen, weshalb der amerikanische Politikwissenschaftler, der einst das "Ende der Geschichte" verkündet hatte, auf Interviewtour durch deutsche Medien ist. Das die Geschichte nun doch nicht mit dem strahlenden Sieg der Demokratien endete, daran gibt er im Interview mit der FR auch einem falsch verstandenen Liberalismus die Schuld: "Der Neoliberalismus hat die Marktprinzipien in ein Extrem ausgeweitet, das für eine enorme Ungleichheit gesorgt hat. Zudem ist er für die Instabilität des globalen Finanzsystems verantwortlich. Das hat sowohl auf der linken und auch auf dem rechten politischen Spektrum eine Reaktion hervorgerufen. Auch die erhebliche Zunahme der Migration, etwa bedingt durch die Syrien-Krise, hat für eine erhebliche politische Verschärfung in Europa gesorgt. Etwas Ähnliches passiert nun in den USA mit den Menschen, die aus Mexiko und Zentralamerika kommen. Das ruft entsprechende politische Gegenreaktionen durch die heimische Bevölkerung hervor." Dennoch ist er überzeugt, dass am Ende der Liberalismus überleben wird, wie er auch im Interview mit der SZ bekräftigt: "Ich habe immer gesagt, dass der Liberalismus potenziell universell ist, weil er grundlegende gesellschaftliche Probleme lösen kann. "

Der Autor und Regisseur Milo Rau schreibt in der taz den Nachruf auf den Philosophen Bruno Latour. Hauptwerk war für ihn Latours Schrift "Wir sind nie modern gewesen - Versuch einer symmetrischen Anthropologie" (1995): "Darin kam seine Soziologie kurz nach dem Fall der Berliner Mauer zu sich selbst: sie erhielt eine moralische und politische Konsequenz. Im letzten Kapitel des 'Versuchs' fordert Latour ein 'Parlament der Dinge', eine politische Ökologie, einen Übergang von der modernen Doktrin der Naturbeherrschung zu einer Doktrin der Partizipation aller an der Demokratie, auch der 'Ding-Kulturen': 'Wir haben keine Wahl. Wenn wir nicht in ein anderes gemeinsames Haus ziehen, werden wir die anderen Kulturen, die wir nicht mehr beherrschen können, nicht darin unterbringen.'"

Außerdem: In der Welt schreibt Martina Meister zum Tod des französischen Philosophen Bruno Latour. In der SZ gratuliert Ronen Steinke dem israelischen Historiker Saul Friedländer zum Neunzigsten.
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Politik

Friederike Böge erzählt in der FAZ die Geschichte der Krebsforscherin Chen Zijuan, die in Schenzhen einen einsamen Kampf für ihren Mann, den inhaftierten Anwalt und Bürgerrechtler Chang Weiping führt. Er sitzt im Gefängnis, seit Xi Jinping Anwälte wie Chang festnahm, weil Anwälte in den Farben-Revolutionen in der Ukraine und Georgien eine so große Rolle gespielt hatten. Böge schildert die finsteren Techniken der Folter der Gefangenen und der Entmutigung der Angehörigen: "Chen wusste, dass man ihr nicht erlauben würde, im Gerichtssaal dabei zu sein. Der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Sie war angereist, weil sie gehofft hatte, ihren Mann durch ein Fenster des Gefangenentransporters zu sehen. Es wäre die erste Begegnung seit drei Jahren gewesen. Ihr Anblick sollte ihm Mut machen. Doch an der Mautstation, nach einer Anreise von zweitausend Kilometern, hat die Polizei sie kurz vor dem Ziel abgefangen. Mehr als zwanzig Stunden lang wurde sie in ihrem Auto eingekesselt, bis der Prozess vorbei war."

Die Politologin Dastan Jasim wirft im Gespräch mit  Tigran Petrosyan in der taz einen Blick auf die Folgen des Aufstands im Iran für die Region: "Iran ist geschwächt, befindet sich schon lange unter Sanktionen und kommt weltpolitisch nicht weiter. Das Land hat seine Marionetten im Irak, im Libanon, in Syrien und in Jemen installiert, und diese haben bewaffnete Gruppen. Fällt Iran als Strippenzieher weg, besteht die Gefahr, dass diese Milizen, die ohnehin brutal vorgehen, freidrehen. Das ist auch eine Strategie des Iran: Teheran hat es geschafft, davor international Angst zu verbreiten - fiele das Regime, brächen Chaos und Terror in der ganzen Region aus. Mit diesem Narrativ manipuliert das Regime."

Hoo Nam Seelmann erzählt in der NZZ, welch enge Verbindungen die südkoreanische Moon-Sekte in höchste japanische Politkreise pflegte - bis hin zum Großvater und Vater des ermordeten japanischen Ex-Ministerpräsidenten Shinzo Abe, der ebenfalls mit Moon verbandelt war, was eine kuriose Seite hat: "In Südkorea besitzt die Vereinigungskirche eine andere Stellung als in Japan, wofür es gute Gründe gibt. Zum einen stuften die etablierten koreanischen reformierten Kirchen sie als häretisch ein und lehnten sie ab. Moons wahlloser Eklektizismus wurde ihm zum Verhängnis. Zum anderen war Moon Militärdiktatoren eng verbunden, die ebenfalls antikommunistisch orientiert waren. Die Koreaner schafften es, die Militärdiktatur niederzuringen und die Demokratie einzuführen. Moon geriet dadurch politisch ins Abseits, verlor die gesellschaftliche Akzeptanz und wurde belächelt. In Japan aber genoss er stets volle politische Protektion. Er nutzte auch geschickt das schlechte Gewissen der Japaner aus und predigte, sie müssten Reuegeld bezahlen, weil Japan Korea kolonialisiert und ausgebeutet habe. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er unter dem Schutz ausgerechnet jener japanischen Politiker stand, die sich weigerten, das koloniale Unrecht offiziell anzuerkennen und wiedergutzumachen. Das sorgte für einen steten Geldfluss nach Südkorea."
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Geschichte

Der Historiker Egon Flaig wendet sich im großen Feuilletonaufmacher der FAZ gegen die Idee retrospektiver Gerechtigkeit, die sich etwa in Reparationsforderungen für Sklaverei manifestiere. Sie lasse vor allem außer Acht, dass auch andere Gesellschaften, besonders muslimische und afrikanische, Menschen versklavten. Seine Argumentation führt ihn sogar so weit, den Kolonialismus zu rechtfertigen, der sich häufig aus dem Kampf gegen Sklaverei legitimierte: "Jeder Begriff von Fortschritt schleppt die Inkaufnahme der Kosten seiner eigenen Universalisierung mit sich. Um die grauenhaften Versklavungskriege im Inneren Afrikas zu stoppen, reichte es nicht, den Sklavenhandel an der Küste zu unterbinden. Die Briten mussten Invasionen durchführen. Sie intervenierten seit 1807 zögernd und seit 1848 massiver im Innern, desgleichen die Franzosen. Selbstverständlich mussten sie teure militärische Einsätze durchführen und Protektorate errichten, die man später Kolonien nannte."
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Medien

Die ARD-Dokumentation "Tod und Spiele - München '72" löste schon bei Erscheinen wegen der ungefilterten Äußerungen von Olympia-Attentätern, die sich ihrer Tat brüsten, Unbehagen aus, hier die Präsentation in der ARD-Mediathek. Nun stellt sich heraus, dass einer der Attentäter auch noch ein Honorar von 2.000 Dollar dafür erhielt. Die ARD macht glaubhaft, dass sie nichts davon wusste und sogar zur Bedingung gemacht hatte, dass die Attentäter nicht honoriert wurden, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ, der eine Recherche von Focus aufnimmt. Der Produzent hatte das Honorar im Nachhinein aus unklaren rechtlichen Gründen bezahlt. "Doch was folgt daraus? Außer der gewissermaßen 'technischen' Erklärung? Pech gehabt, und weiter geht's mit dem Dreh? Keine Erklärung den Hinterbliebenen und den jüdischen Verbänden gegenüber? Kein Hinweis in der Mediathek? Die Fragen haben wir der ARD gestellt. Auf die Antwort warten wir noch."

Dass die ARD-Doku "Tod und Spiele" einem palästinensischen Terroristen so viel Raum einräumt, um von seinen Taten zu schwärmen, findet Marcel Gyr in der NZZ nur halb skandalös, denn immerhin dokumentierten die Passagen auch "die verstörende Selbstverständlichkeit, mit der palästinensische Attentäter ihre Greueltaten rechtfertigen". Schlimmer wiege anderes: "Obwohl in Deutschland der Straftatbestand des Mordes nicht verjährt, sind bis dato keinerlei Anstrengungen der Justizbehörden bekannt, des bekennenden Massenmörders al-Safadi habhaft zu werden. ... Die naheliegendste Anlaufstelle wäre zweifellos die verantwortliche Produktionsfirma, die den Kontakt zu al-Safadi hergestellt hat. Doch Gunnar Dedio von Looksfilm sagte am Montag auf Anfrage, bis anhin hätten sich die deutschen Justizbehörden nicht gemeldet."
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Stichwörter: Olympia-Attentat 1972

Europa

Im Guardian beschreibt die ukrainische Reporterin die russischen Angriffe der letzten Tage, die vor allem die Stromversorgung unterbrechen sollten, aber oft daneben gingen: "In meiner Kiewer Wohnung fiel der Strom für nicht mehr als 10 Minuten aus, aber Gebiete am Stadtrand und Teile von Tschernihiw, Lemberg und Sumy sind immer noch ohne Strom. Was diese Angriffe so beunruhigend macht, ist die Ungenauigkeit der russischen Raketen. Ihre Luftangriffe verfehlen ständig ihre Ziele. Aus praktischer militärischer Sicht könnte man das für gut halten - aber es bedeutet, dass jeder zu jedem Zeitpunkt Opfer werden kann. ... Die Ukrainer befürchten auch, dass nach ein paar Stunden des Mitgefühls von Menschen aus aller Welt neue Aufrufe zur Kapitulation ertönen könnten. Diese Aufrufe, die aus der Sicherheit weit entfernter europäischer Städte kommen, klingen nicht nur unangemessen, sondern auch unethisch. Die zahlreichen Verbrechen in den besetzten Gebieten wie Bucha und Izium zeigen, dass die Alternativen zum Widerstand nicht nur Verfolgung, sondern auch Massenhinrichtung und Folter sein können. Wir haben im Moment Angst, aber das ist etwas anderes, als in ständiger Angst zu leben. Ukrainischer Trotz ist keine Angeberei. Das Gefühl, das man bekommt, wenn man fünf Stunden und 37 Minuten lang in einem Keller sitzt und auf die Luftangriffswarnkarte schaut, ist vor allem Pragmatismus. Wir denken nicht an große Ideen, sondern an Strom- und Wasserversorgung, Dokumente, Tagesrationen und Notfallpläne."

Wir tragen ein taz-Gespräch Jan Feddersens mit dem Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Universität der Bundeswehr in München nach, der sich unter anderem gegen einen Pazifismus ausspricht, wie er in der Friedensbewegung gepflegt wurde: "Der Unterschied zu heute ist nur, dass die Sowjetunion eine Status-quo-Macht war, der es in Europa also darum ging, das Bestehende zu erhalten, nicht zu erweitern. Russland hingegen ist eine revisionistische Macht. Und deswegen wird dieser Kalte Krieg 2.0, in den es zumindest auf einer europäischen Ebene hinausläuft, nicht stabiler sein als der, der 1990 endete, sondern unberechenbarer sein als der Kalte Krieg."
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Gesellschaft

Die anthroposophisch geprägte Uni Witten plant eine Veranstaltung mit den Corona-Skepikern Ulrike Guérot und Stefan Homburg unter dem Titel "Die Würde des Menschen - (un)antastbar?" Seriöse Wissenschaftler sagten ab, da Guérot und Homburg in veritable Verschwörungstheorien abgeglitten seien. Die Uni verteidigt die Veranstaltung mit dem Argument der Meinungsfreiheit. Matthias Meisner legt den Streit in seinem Blog mit dem hässlichen Namen Volksverpetzer dar, das sich Verschwörungstheorien widmet. Interessant bei dem Streit ist natürlich, wie bestens gesellschaftlich und politisch vernetzt die Coronaskepsis ist, sobald sie im anthroposophischen Dunstkreis betrieben wird: "Die Veranstalter der Tagung, eine Initiativgruppe an der Universität Witten mit dem Namen 'Das Ich im Wir', äußern sich nicht zu der Auseinandersetzung. Die Gruppe hat sich vor gut einem Jahr gegründet. Eine maßgebliche Rolle spielt Professor Peter Gaidzik, Leiter des Instituts für Medizinrecht und geschäftsführendes Mitglied der Ethikkommission der Hochschule. Zur Arbeit der Initiativgruppe hier nur eine Kostprobe: Im Mai lud sie den Parapsychologen Harald Walach zu einer Videokonferenz ein, Gaidzik damals mit im Publikum. Es moderierte Bettina Berger vom Lehrstuhl für anthroposophische Medizin. Sie schaltete sich zu von einem Symposium der vom Altbundespräsidenten und seiner Frau gegründeten Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung, laut einem Spiegel-Bericht aus dem Jahr 2010 ein Lobbyverein der pseudowissenschaftlichen Homöopathie."
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