9punkt - Die Debattenrundschau

Für das Tanzen auf der Straße

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.10.2022. In der Berliner Zeitung blickt Slavoj Zizek voller Bewunderung auf die Proteste im Iran: "Frau, Leben, Freiheit" ist nicht #MeToo. Hubertus Knabe studiert für die FAZ alte Stasi-Dokumente über Wladimir Putins Dresdner Zeit. Das Interesse am Stierkampf lässt in Spanien deutlich nach, beobachtet die taz. Im Observer meldet Kenan Malik Zweifel an der Idee des "Gemeinwohls" an.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.10.2022 finden Sie hier

Politik

In der Berliner Zeitung blickt Slavoj Zizek in einem Text, der von reaktionären Frauen zu einem Film und schließlich zum Iran mäandert, voller Bewunderung auf die Demonstrantinnen und Demonstranten dort, die dem Westen gerade zeigen, was universale Menschenrechte sind: Sie "verbinden verschiedene Kämpfe (gegen die Unterdrückung der Frau, gegen religiöse Unterdrückung, für politische Freiheit gegen staatlichen Terror) zu einer organischen Einheit. Da der Iran nicht zum entwickelten Westen gehört, unterscheidet sich 'Zan, Zendegi, Azadi' ('Frau, Leben, Freiheit', der Slogan der Proteste) sehr von #MeToo in den westlichen Ländern: Es mobilisiert Millionen gewöhnlicher Frauen, und der Protest ist direkt mit dem Kampf aller, auch der Männer, verbunden. Es gibt keine antimaskuline Tendenz, wie es im westlichen Feminismus oft der Fall ist. Frauen und Männer sind gemeinsam dabei, der Feind ist der religiöse Fundamentalismus, der durch staatlichen Terror unterstützt wird. Männer, die sich an 'Zan, Zendegi, Azadi' beteiligen, wissen sehr wohl, dass der Kampf für die Rechte der Frauen auch der Kampf für ihre eigene Freiheit ist: Die Unterdrückung der Frauen ist kein Sonderfall, sie ist der Moment, in dem die Unterdrückung, die die gesamte Gesellschaft durchdringt, am deutlichsten sichtbar wird."

Bei den Wahlen in Brasilien hat Jair Bolsonaro besser abgeschnitten als vermutet. Luiz Inácio Lula da Silva hat nicht die ersehnte absolute Mehrheit im ersten Wahlgang erreicht und muss sich einer Stichwahl stellen. Wie so oft, wenn Rechtspopulismus im Spiel ist, hatte die Demoskopie versagt, schreibt Tjerk Brühwiller in der FAZ: "Ratlosigkeit machte sich am Sonntagabend breit, nicht nur unter den Anhängern Lulas, sondern auch bei vielen Journalisten und Beobachtern. Wie konnten die einst sehr zuverlässigen brasilianischen Umfragen so danebenliegen? Analysten führen den Fehler auf die hohe Zahl von 'stillen' Bolsonaro-Wählern zurück, die ihre Präferenzen nicht in Umfragen preisgeben oder gar nicht daran teilnehmen."

In Simbabwe, das zeigt jetzt das jüngste Urteil gegen die Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga ganz deutlich, zählt die Meinungsfreiheit auch unter Präsident Emmerson Mnangagwa, der 2017 den Diktator Robert Mugabe ablöste, nichts. "Wer Kritik wagt, läuft Gefahr, kriminalisiert zu werden", beschreibt Jonathan Fischer in der SZ die Zustände dort. "Barbara Gröblinghoff, die Projektleiterin der Friedrich-Naumann-Stiftung in Simbabwe, sagt, es gehe dem Gericht offensichtlich darum, an einer der bekanntesten Autorinnen Simbabwes ein Exempel zu statuieren: 'Die Richterin ließ das Recht auf Meinungsfreiheit nur gelten, wenn man sie nicht in der Öffentlichkeit mit anderen teile. Das heißt, dass von nun an jeder Tweet, jede Äußerung auf sozialen Medien für Dangarembga potenziell der Weg in den Knast bedeutet'."
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Europa

Man kann nicht sagen, dass der Unmut über Deutschland in der EU nachlässt, auch nicht angesichts der jüngsten 200 Milliarden Euro, die Olaf Scholz auf die Deutschen herabregnen lässt, konstatiert eine Reportergruppe bei politico.eu: "Deutschlands tiefe Taschen sind ein langjähriger Streitpunkt, der auch während der Coronavirus-Pandemie für Probleme sorgte, als die Länder Milliarden an Rettungsgeldern in ihre Volkswirtschaften steckten. Die Kritik lautet, dass Deutschlands massive finanzielle Feuerkraft es ihm ermöglicht, seine Wirtschaft zu retten, während ärmere Länder daran zerbrechen, was zu großen Spaltungen im Binnenmarkt führt, da deutsche Unternehmen einen staatlich finanzierten Vorteil gegenüber Konkurrenten in anderen Ländern erlangen. Die Nationen sagen, dass Deutschland die Verantwortung hat, Solidarität zu zeigen und nicht nur für sich selbst zu sorgen - nicht zuletzt wegen Berlins Rolle, Gazprom dabei zu helfen, eine Vormachtstellung in Europa aufzubauen, und weil Deutschlands Streben nach neuen Gaslieferungen die Preise für alle in die Höhe treibt."

Hubertus Knabe
studiert für die FAZ alte Stasi-Dokumente über Wladimir Putins Dresdner Zeit. Unter anderem stößt er auf bisher unbekannte Fotos. Aus den Dokumenten kann er Beziehungen rekonstruieren, die für Putin bis heute eine Rolle spielen: "Den Papieren kann man auch entnehmen, wie Putins Arbeitsstelle aufgebaut war und welche Aufgaben sie hatte. Neben dem Leiter bestand die 'Dienststelle des Verbindungsoffiziers' nur noch aus einem Stellvertreter, einer Sekretärin und vier Offizieren. Dass mindestens drei von Putins damaligen Kollegen heute zum engsten Zirkel des russischen Präsidenten gehören, belegt, dass die viel zitierten Netzwerke des KGBs tatsächlich existieren." Knabe widerspricht allerdings der britischen Autorin Catherine Belton, die in ihrem Bestseller "Putins Netz" nahelegt, Putin habe direkte Kontakte zu Terroristen der RAF gehabt und beim Schmuggel von Hightech aus dem Westen eine Rolle gespielt. Insgesamt erscheint Putin in Knabes Recherche als kleiner, wenn auch zutiefst vom Geheimdienstapparat geprägter Fisch.
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Stichwörter: Putin, Wladimir, Scholz, Olaf

Gesellschaft

Das Interesse am Stierkampf lässt in Spanien deutlich nach, berichtet Reiner Wandler in der taz, der für seinen Artikel auch mit dem Wirtschaftsprofessor Vicente Royuela, einem Lobbyisten des Stierkampfs, gesprochen hat: "War früher die Begeisterung für den Stierkampf in allen politischen Lagern anzutreffen, hat sich heute fast ausschließlich die politische Rechte und extreme Rechte die Verteidigung des Spektakels auf die Fahne geschrieben. Neben der Religion, der Einheit Spaniens, der Monarchie und der traditionellen Familie ist für sie der Stierkampf ein Element dessen, was Spanien ausmacht. 'Dass der Stierkampf immer mehr mit einer bestimmten Idee von Spanien gleichgesetzt wird, schadet ihm', ist sich Royuela sicher. (...) Wie stark diese Politisierung mittlerweile fortgeschritten ist, zeigt eine Umfrage, die die Onlinezeitung El Plural veröffentlichte. 46,7 Prozent würden den Stierkampf gerne verbieten, 18,6 Prozent wollen ihn erhalten und 34,7 Prozent sind nicht für den Stierkampf, aber auch nicht für ein Verbot."
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Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Stierkampf, Spanien, Lobbyisten

Ideen

Kenan Malik bekennt in seiner Observer-Kolumne seine Skepsis gegenüber dem Begriff des "Gemeinwohls", der sowohl von Rechtspopulisten wie Giorgia Meloni als auch von linken Theoretikern wie Maurice Glasman in seinem Buch "Blue Labour" verfochten wird: "Die Idee des 'Gemeinwohls' kann ebenso viel verdunkeln wie erhellen und wird ebenso oft zum Ausschluss und zur Spaltung wie zum Integration und zur Bindung eingesetzt. Als Aristoteles über das Gemeinwohl schrieb, schloss er die Belange von Frauen, Arbeitern, Sklaven und anderen, die nicht als Bürger angesehen wurden, aus. Im frühneuzeitlichen England wurden Katholiken als außerhalb der moralischen Gemeinschaft stehend betrachtet, Juden sogar noch mehr. Heute spielen Migranten und Muslime oft eine ähnliche Rolle wie die Menschen, gegen die die moralische Gemeinschaft definiert wird."

Texte gegen "Wokeness" gibt es schon seit dreißig Jahren, schreibt René Rusch (Regisseur beim Österreichischen Rundfunk ORF) in der taz. Den Fortschritt in ihrem Lauf konnten sie nicht aufhalten: "Um die Diskrepanz zwischen Narrativ und Wirklichkeit zu kaschieren, behelfen sich die Anti-Wokeness-Warriors mit einem simplen Trick: Sie verlagern ihre Schreckensbilder in die Zukunft. So gut wie nie behaupten sie, dass die freie Rede im Hier und Jetzt substanziell eingeschränkt wäre. Stattdessen 'greift etwas um sich' oder 'ist auf dem Vormarsch'. Die neue alte PC-Kritik behandelt im Grunde keine faktischen Zustände. Ihr Standardmodus ist das Verkünden von Prophezeiungen."
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Geschichte

Das Foro Italico, früher Foro Mussolini, mit seinen 60 Heldenstatuen in Rom, die Villa des faschistischen Dichters D'Annunzios am Gardasee, der monumentale Kriegerfriedhof von Redipuglia bei Triest, das Marmortempelchen, das noch 2021 auf dem Grab des Kriegsverbrechers Rodolfo Graziani in Affile errichtet wurde, das Graziani als "prominenten Mitbürger und Kriegshelden" würdigt - in Italien ist das Erbe des Faschismus vielerorts noch präsent. Giorgia Meloni "wird in einem Land regieren, das mit seiner faschistischen Vergangenheit nicht im Reinen ist. In prominenten Denkmälern lebt der Geist des 'Ventennio' weiter, zu selten wird er hinterfragt, zu oft wird er verharmlost", schreibt Andres Wysling, der sich für die NZZ mit einigen Verantwortlichen unterhalten hat.
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