9punkt - Die Debattenrundschau

Wann man Differenz betont und welche

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.06.2021. Die SZ ist enttäuscht über das neue Organigramm der Stiftung Preußischer Kulturbesitz - über dem doch derselbe Hermann Parzinger thront. Eine zivilgesellschaftliche Initiative fordert neue Gesetze zur politischen Bildung, um eine Parteistiftung der AfD zu verhindern. Die Berliner Zeitung weiß, wie teuer es wird, wenn man der Umbenennung der Mohrenstraße widerspricht. In der New York Times schreibt  Timothy Snyder über Geschichtspolitik. Und im Guardian fragt Amartya Sen: Was hat die britische Herrschaft Indien gebracht?
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2021 finden Sie hier

Ideen

Der Guardian bringt einen Vorabdruck aus Amartya Sens kommendem Buch "Home in the World - A Memoir". Sehr nüchtern und ohne postkoloniale Hyperventilation fragt er, "was die britische Herrschaft wirklich für Indien vollbracht hat". Er endet mit einem berückenden Tagore-Zitat: "In der kraftvollen Anklageschrift gegen die britische Herrschaft in Indien, die Tagore 1941 vorlegte, argumentierte er, dass Indien viel aus seiner Verbindung mit Großbritannien gewonnen habe, zum Beispiel aus 'Diskussionen, die sich auf Shakespeares Drama und Byrons Poesie konzentrierten, und vor allem ... dem großherzigen Liberalismus der englischen Politik des 19. Jahrhunderts'. Die Tragik liege darin, dass das, 'was in ihrer eigenen Zivilisation wirklich das Beste war, das Betonen der Würde der menschlichen Beziehungen, in der britischen Verwaltung dieses Landes keinen Platz hat'. In der Tat hätten die Briten den indischen Untertanen nicht erlauben können, sich dieser Freiheiten zu bedienen, ohne das Empire selbst zu bedrohen."

Timothy Snyder bringt in der New York Times einen sehr langen und recht komplexen Essay über Geschichts- und Identitätspolitik. Er erläutert zunächst russische Geschichtsgesetze, die den Hungermord an ukrainischen Bauern, den "Holodomor", relativieren und kommt dann auf geschichtspolitische Gesetze zu sprechen, die von den Republikanern in einigen Bundesstaaten erlassen wurden. "Die größte Gemeinsamkeit unter diesen Gesetzen ist einem Erforscher der repressiven Gedächtnisgesetze anderswo in der Welt vertraut. Sie liegt in ihrer Aufmerksamkeit für Gefühle. Vier von fünf Gesetzen verbieten in fast identischem Wortlaut jegliche Aktivitäten im Lehrplan, die 'Unbehagen, Schuldgefühle, Ängste oder irgendeine andere Form von psychologischem Leid aufgrund der Rasse oder des Geschlechts der Person' hervorrufen würden." Snyder verteidigt nebenbei aber auch die "Critical Race Theory". Das ganze muss möglicherweise vor dem Hintergrund des Streits zur Artikelserie über das Jahr 1619 in der New York Times gelesen werden, die die Sklaverei als das begründende Ereignis des Landes darstellte (unser Resümee).

Die nigerianische Autorin Chimamanda Ngozi Adichie hat Transfrauen Transfrauen genannt, und nicht einfach Frauen, wie diese es wünschen. Das hat zu großem Streit geführt (unser Resümee). Ein Unterschied zwischen Transfrauen und Frauen existiert zwar, erläutert Peter Weißenburger in der taz, aber es wäre unhöflich, ihn zu benennen: "Die Aussage, die Adichie über trans Frauen gemacht hat, kann als trans-ausschließend verstanden werden. Zwar ist ihr Appell, dass man 'zwischen Erfahrungen differenzieren' möge, alles andere als kontrovers. Kaum jemand wird abstreiten, dass Erfahrungen von cis und trans Frauen sich unterscheiden. Oder dass männlich gelesenen trans Frauen männliche Privilegien zuteilwerden können. Aber wann man Differenz betont und welche Differenz, ist eine strategische Entscheidung."

Auch in der Linkspartei tobt ein Streit um Identitätspolitik, der in ein wohl aussichtsloses Parteiausschlussverfahren gegen Sahra Wagenknecht führt - in Wahlkampfzeiten keine Empfehlung. Wagenknecht wirft ihrer Partei in ihrem Buch "Die Selbstgerechten" vor, ihren eigentlichen Feind aus dem Auge zu verlieren, erläutert Thomas Thiel in der FAZ: "Wer sich um soziale Gerechtigkeit nicht kümmere, sagt Wagenknecht, tue auch für Minderheiten nichts. Identitätspolitik ist bei ihr kein Engagement für Minderheiten, sondern ein umgeschminkter Neoliberalismus, auf den ihre ökonomisch blind gewordene Partei hereinfällt... Das Unternehmertum kann sich nichts Schöneres vorstellen als eine Opposition, die tagfüllend um den richtigen Namen für ein Zigeunerschnitzel streitet."
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Europa

Die klassischen bundesrepublikanischen Parteien, aber auch die Linkspartei haben sich im Lauf der Jahrzehnte prächtig in den Institutionen eingerichtet. Nicht nur sind die Abgeordneten blendend finanziert (nicht allein was die Gehälter angeht, sondern die Ausstattung der Abgeordneten mit Mitarbeitern), sie haben auch mächtige Stiftungen, die in Berlin residieren, als wären sie amerikanische Botschaften. Allein die Parteistiftungen bekommen Hunderte von Millionen Euro im Jahr. Nun müsste nach den Regeln auch die AfD eine solche Stiftung bekommen, womit dem Rechtsextremismus Abermillionen Euro jährlich zufließen würden. Einige Organisationen wenden sich nun mit einem "Manifest der Zivilgesellschaft" gegen eine solche Stiftung der AfD. Das Papier wurde von der Bildungsstätte Anne Frank, der Amadeu-Antonio-Stiftung, aber auch Luisa Neubauer und der Jüdischen Gemeinde lanciert und fordert eine "gesetzliche Verankerung der politischen Bildung", ohne klar zu machen, ob dies auch die Bedingungen der anderen Siftungen verändert: "Nur diejenigen Aktivitäten dürfen staatlich finanziert werden, die eindeutig auf rechtsstaatlichem Boden agieren, die uneingeschränkte Geltung der Menschenrechte als handlungsleitend in ihrem Programm verankert haben und aktiv für den Schutz und die Stärkung der Demokratie einstehen." In der taz berichtet Julian Jestadt über das Thema.

Hans Hütt liest für die SZ das Wahlprogramm der Union und ist nachhaltig unbeeindruckt: "'Wir brauchen ein Modernisierungsjahrzehnt in Deutschland': Das ist ein Satz, der nach 54 Jahren, in denen die CDU in unterschiedlichen Koalitionen das Land regiert hat, wie ein sehr verstocktes Schuldeingeständnis klingt. Wer wollte an die Versäumnisse erinnern, die schon in den 80er-Jahren damit verbunden waren, dass ein Unionspostminister auf Kupfer- statt auf Glasfaserkabel setzte?"
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Gesellschaft

In Berlin wird die Umbenennung der Mohrenstraße vom grünen Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel wohl ebenso zügig durchgesetzt wie die Umbenennungen im Afrikanischen Viertel. Dafür sorgen auch die hohen Gebührenandrohungen beim Widerspruch gegen die Umbenennung (zwischen 36,79 und 741,37 Euro), berichtet Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung. "Was auf die Frechen zukommt, zeigte schon das Beispiel Afrikanisches Viertel in Wedding, gleichfalls Bezirk Mitte. Dort müssen jetzt Anwohner damit rechnen, dass der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, um die Gebühr einzutreiben. 'Das Amt kennt kein Erbarmen', sagt Karina Filusch von der Bürgerinitiative Afrikanisches Viertel, wo die Umbenennung von Petersallee, Lüderitzstraße und Nachtigalplatz 2017/18 in einem intransparenten Verfahren durch eine Geheimjury ohne Bürgerbeteiligung durchgesetzt wurde."

Warum nennen wir die Namen der Opfer des Anschlags in Würzburg nicht, fragt Frederik Schindler in der Welt. "Nach dem rechtsextremen Terroranschlag in Hanau im vergangenen Jahr war es einer antirassistischen Initiative aus dem Umfeld der Opferfamilien zu verdanken, dass die Namen und Gesichter auf den Straßen vieler Großstädte präsent waren. Später nannten auch hochrangige Politiker die Namen der Toten. Weil Anschläge eine politische Bedeutung haben, sollte es nicht die Aufgabe der Hinterbliebenen bleiben, angemessen an die Opfer zu erinnern. ... Auf der Trauerfeier in Würzburg wurden nicht einmal die Vornamen der Opfer genannt."
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Kulturmarkt

Die deutsch-französische Autorin und Verlagsfrau Elisa Diallo denkt im Gespräch mit Isabella Caldart von 54books über mangelnde Diversität in der deutschen Buchbranche nach: "Fast noch störender als die fehlende Diversität wegen Hautfarbe und ethnischer Herkunft ist für mich aber die bezüglich sozialer Herkunft. Es wird eine bestimmte Ausbildung erwartet, um mit Texten zu arbeiten. Aber die Frage ist: Stimmt das wirklich? Braucht es dafür einen akademischen Titel?"
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Kulturpolitik

In der SZ ist Jörg Häntzschel enttäuscht über die Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die ihren Namen (Reform) nicht verdient: Inhaltlich gibt's nur Appelle, erklärt er, eine Hierarchieebene verschwindet, aber personell ändert sich auch kaum was. Hermann Parzinger bleibt über allen Einrichtungen thronender Präsident. "Bisher ist die jetzt beschlossene Struktur kaum mehr als eine Skizze auf einer Papierserviette. Die entscheidenden Fragen werden erst noch 'geprüft': Können die Häuser endlich selbst über Personal und Haushalt entscheiden? Wie weit reicht die Macht des Präsidenten? Sollen die Museen 'Cluster' bilden oder autonom sein?"

Die Coronakrise hat den Status von Kultur in der Gesellschaft in Frage gestellt. Jagoda Marinic fordert in der taz eine neue breite kulturpolitische Diskussion in Deutschland: "Das einzige Mal, dass Künstlerinnen in diesem pandemischen Jahr öffentlich hörbar wurden, war die verunglückte Aktion #allesdichtmachen. Innerhalb von wenigen Tagen war jedoch auch aus dieser Aktion eine der tausend Diskussion über Meinungs(un)freiheit, rechtsextreme Strippenzieher und die öde Leier von der Spaltung der Gesellschaft geworden. Ein langes Jahr lang wollten sich die meisten Künstler eben nicht öffentlich beschweren, auch weil es in den sozialen Medien schnell zu Selbstmitleid verzerrt wurde."