9punkt - Die Debattenrundschau

Manchmal sagen Hände mehr als Worte

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2021. taz und FAZ greifen die obszön-stalinistische Inszenierung des Roman-Protassewitsch-Interviews im belarussischen Staatsfernsehen auf. Die Debatte über den von A. Dirk Moses beklagten "Katechismus der Deutschen" in dem Blog newfascismsyllabus.com geht weiter: Für den Historiker Alan Confino ist sie eigentlich eine Debatte über Israel. In der Welt antwortet Zelda Biller auf einen Text von Fabian Wolff, der ebenfalls eine "Holocaust-Neurose" der Deutschen diagnostiziert hatte. In der SZ schreibt A.L. Kennedy über den deplorablen Zustand der britischen Medien.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.06.2021 finden Sie hier

Europa

Einen besonders finsteren historischen Moment hält Bernhard Clasen in der taz fest. Der belarussische Blogger Roman Protassewitsch wurde gezwungen, sich in einem im öffentlichen Fernsehen ausgestrahlten Interview zu seinen angeblichen "Taten" zu bekennen: "Manchmal sagen Hände mehr als Worte. Bei Roman Protassewitsch war das so. Der Chef des staatlichen belarussischen Fernsehkanals ONT, Marat Markow, war höchstpersönlich im Nadelstreifenanzug ins 'Studio', einen fensterlosen Raum in den Kellern des Hochsicherheitstraktes des KGB in Minsk, gekommen, um den oppositionellen Journalisten persönlich zu interviewen. Der war am 23. Mai nach der erzwungenen Landung eines Ryanair-Flugzeuges auf dem Weg nach Vilnius festgenommen worden. Während Protassewitsch seinen Geiselnehmer, Präsident Alexander Lukaschenko, in den höchsten Tönen lobte, waren auch seine Handgelenke zu sehen: Sie wiesen Spuren von Handschellen oder anderem Foltergerät auf."

Ein weiteres Detail der stalinistischen Inszenierung nennt Reinhard Veser in der FAZ. Ausgestrahlt wurden anderthalb Stunden des Gespräch: "Aber in Wirklichkeit habe die Unterhaltung mehr als vier Stunden gedauert, sagt der Chef des Senders, Marat Markow, am Ende: 'Und leider können wir nicht alle Namen nennen, die darin gefallen sind, solange die Ermittlungen noch andauern.' Diese Aussage soll Menschen in Angst versetzen, die in den vergangenen Monaten in Belarus Kontakt zu Protassewitsch hatten - und das dürften sehr viele sein."
Archiv: Europa

Medien

"Schwarz und deutsch" heißt eine Dokumentation des Hessischen Rundfunks über schwarze Deutsche und natürlich auch über Rassismus in Deutschland. Interviewt wurde darin unter anderem der schwarze Fußballspieler Erwin Kostedde, der in seinen Schilderungen rassistischer Fan-Äußerungen das Wort "Neger" oder "Nigger" aussprach, als er von dem Team interviewt wurde - und sich daraufhin vom Off-Kommentar belehren lassen muss, dass seine Sprache "vergiftet" sei. Ulrich Gutmair, hat diesen Moment bemerkt und kommentiert ihn in der taz so: "Wenn man einen Satz, in dem Kostedde das N-Wort benutzt, um zu illustrieren, wie brutal und verletzend mit ihm umgegangen wurde, nicht in einem Beitrag haben will, soll man ihn nicht senden. Wenn man sich aber dafür entscheidet, ihn doch zu senden, ist es dann fair, Kostedde für nicht ganz zurechnungsfähig zu erklären? Eben das sagt uns diese Bemerkung über die 'Vergiftung' seiner Sprache."

A. L. Kennedys Text über den Zustand der britischen Medien in der SZ kommt derart als Suada daher, dass man kaum ein Detail herausgreifen kann. Hier immerhin ihre Sätze zur Verteidigung der BBC: "Sie ist historisch betrachtet sowohl ein Sprachrohr der Regierung als auch ein vertrauenswürdiger Kontrollmechanismus gegen schlechte Regierungsführung. Zudem ist sie ein öffentlich finanziertes Gemeingut. Genau das ist der Grund dafür, dass jene, die die BBC aus kapitalistischen Beweggründen verabscheuen, sie seit langem attackieren und zerstören wollen."

Leonie Gubela stellt in der taz das Lokalmagazin Rums ("Rund um Münster") vor, ein hyperlokales, vor allem auf Newsletter setzendes Magazin, das von seinen Lesern finanziert wird. In der NZZ bringt Pauline Voss eine Blütenlese aus den den Instagram-Kanälen der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland - das Wort "Männlichkeit" komme da eigentlich nicht mehr ohne das Beiwort "toxisch" vor.
Archiv: Medien

Wissenschaft

Nach dem Historiker Michael Sommer (FAZ, unser Resümee), protestiert heute auch der Gräzist Jonas Grethlein in der Welt gegen die drohende Abschaffung der Altertumswissenschaften in Halle und damit auch, wie er meint, die Abschaffung des Erbes von Friedrich August Wolf, der vor 200 Jahren in Halle die immer noch andauernde Debatte über die Frage lostrat, ob es einen Dichter namens Homer wirklich gab. "Beherrschte zuerst Wolfs These einer multiplen Autorschaft die Philologie, so entfaltete seine These von der mündlichen Epentradition ihre Wirkung im 20. Jahrhundert. Vor allem anglophone Forscher betrachteten die homerischen Epen als mündliche Dichtung. Sie interpretierten die Formelsprache - wiederkehrende Phrasen wie 'der schnellfüßige Achill' oder 'als die rosenfingrige Morgenröte erschien' - und typische Szenen - zum Beispiel das Gelage oder die Ankunft eines Gastes - als Mittel des mündlichen Vortrags. Die Harvard-Gräzisten Milman Parry und Albert Lord zogen zum Vergleich die noch lebendige Rezitationskunst serbokroatischer Sänger heran. Zugleich formierte sich vor allem in Deutschland eine Gegenposition sowohl zur Analyse als auch zur Mündlichkeitsforschung ... Nachdem Wolfs Seminar die SED-Diktatur überstanden hat, soll es nun zur 'Profilschärfung und Haushaltskonsolidierung' geschlossen werden. Wie kann das Rektorat einer Universität dieses Erbe wegwerfen wollen?"
Anzeige
Archiv: Wissenschaft

Internet

Gestern vor 32 Jahren richtete die chinesische Regierung das Massaker am Tien-am-Men-Platz an. Und gestern meldete Vice: Microsofts Suchmaschine Bing bringt bei der Bildersuche nach "Tank Man" die Antwort "kein Ergebnis", und zwar selbst in der amerikanischen Version der Suchmaschine. Inzwischen gibt es wieder eins:
Bildersuche nach "Tank man" in Microsofts Suchmaschine Bing.
Archiv: Internet

Gesellschaft

Maxim Biller schickt der Coronakrise in einer SZ-Kolumne zum Abschied noch ein paar apokalyptische Angstlustträume hinerher: "Was aus der Corona-Katastrophe und der von ihr ausgelösten Selbst-Entmachtung, Selbst-Demontage, Selbst-Entblößung und Selbst-Demoralisierung unserer Regierungseliten folgen wird? Kurzfristig nichts. Auf mittlere Sicht aber die allmähliche Zermürbung, Zerstörung der Demokratie, Chaos auf den Straßen, in den Köpfen, in den Jobcentern" und so weiter...

Jana Hensel unterhält sich in Zeit online mit Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung  über Rassismus in der ehemaligen DDR, aber auch über ihre eigene Biografie, ihre Jugend in der DDR und ihre Vergangenheit als Stasi-IM: "Ich bin durch den Antifaschismus zur Stasi gekommen. Damals war ich 19 Jahre alt. Meine Aufgabe war, westlichen Diplomaten und Journalisten in Ostberlin die Vorzüge der DDR zu zeigen und zu berichten, wie sie die DDR sahen. Je älter ich wurde, desto stärker kam ich damit in Konflikt."

Sehr viel retweetet wurde das Video von einer Abitur-Feier in Dallas, in der sich die Absolventin Paxton Smith gegen das neue drakonische Abtreibungsgesetz in ihrem Staat wendet:



Der Tagesspiegel zitiert aus Smiths Rede: "'Angesichts der jüngsten Ereignisse fühlt es sich falsch an, über etwas anderes zu sprechen, als über das, was mich und Millionen anderer Frauen gerade betrifft', sagt die 18-Jährige zu ihren Mitschülern. 'Ich habe Träume, Hoffnungen und Ambitionen', fährt Smith fort. 'Jedes Mädchen hat sie. Wir haben unser ganzes Leben damit verbracht, gemeinsam für unsere Zukunft zu arbeiten. Und ohne unsere Zustimmung oder einen Beitrag ist uns die Kontrolle über unsere Zukunft genommen worden.'" Auch in Deutschland ist die Debatte aktuell. Vor fünfzig Jahren veröffentlichte der Stern sein legendäres Cover, mit dem Bekenntnis vieler Frauen, dass sie abgetrieben haben. Die Grünen-Politikerin Laura Dornheim fordert im Gespräch mit Katrin Gottschalk von der taz die Abschaffung der Paragrafen 218 und 219.
Archiv: Gesellschaft

Religion

In Berlin wurde der Grundstein für das "House of One" gelegt, das der Behauptung dienen soll, Religionen könnten in einen "Dialog" treten, bei dem irgendwie etwas herauskommt. Die NZZ druckt die Rede zum Anlass von Wilhelm Schmid: "Fragen nach der Lebensführung, nach dem Zusammenleben und dem Trost stellen sich vielen Menschen. Religionen sollten sich in einer modernen Gesellschaft nicht damit begnügen, nur ihre Antworten zu vertreten." Die Kosten dieses "gemeinsamen Gebetshauses für (evangelische) Christen, Juden und der Gülen-Bewegung nahestehenden Moslems" übernehmen laut Frank Nicolai in hpd.de im wesentlichen die Steuerzahler: "Das Haus des Einen zahlen alle."
Archiv: Religion
Stichwörter: House of One

Ideen

In der Welt kann Zelda Biller, Tochter von Maxim, nicht verstehen, warum auch einige linke Juden die Einzigartigkeit des Holocaust in Frage stellen wollen und die BDS-Bewegung unterstützen. Damit die Meinungsfreiheit stärken zu wollen, wie etwa Fabian Wolff kürzlich in der Zeit (unser Resümee), findet sie naiv, "weil sie nicht begreifen, dass theoretisch, also wenn morgen plötzlich die wichtigsten BDS-Prediger die Welt beherrschen und alle ihre aktuell noch extra vage gehaltenen, eigentlich aber sehr durchschaubaren Ziele durchsetzen würden, es kein jüdisches Israel mehr geben würde. Oder sie wissen es ganz genau, denken aber eigentlich sowieso, dass ein mehrheitlich arabischer Staat genial wäre, weil dann die Palästinenser keinen Grund mehr hätten, die Juden zu hassen, alle in Frieden zusammenleben könnten und die Juden in diesem Staat als jüdische Minderheit endlich wieder zu den guten, unterdrückten Völkern der Erde gehören würden. Dass das so natürlich nicht ablaufen wird, zumindest nicht, bis wir in einer friedlichen antisemitismusfreien Disney-Welt leben, verstehen Leute wie Fabian Wolff nicht, und tun den Juden, die das ziemlich gut verstehen, deshalb nicht gerade einen Gefallen, wenn sie den Deutschen vorwerfen, durch ihre angebliche Holocaust-Neurose blind zu Israel zustehen und Antisemitismus nicht von angemessener Kritik an der Politik Netanjahus unterscheiden zu können."

Das Blog newfascismsyllabus.com setzt seine Debatte zur Durchsetzung von A. Dirk Moses' "Katechismus" weiter fort. Der Holocaust-Historiker Alon Confino, Mitunterzeichner der "Jerusalem Declaration", stimmt Moses zu und ergänzt, dass es sich im Grunde nicht um eine Debatte über die "Singularität" des Holocaust handelt, sondern um eine Debatte über Israel. Die Singularität infrage zu stellen, bedeutet Israel infrage zu stellen - was Confono gutheißt. Dass in Deutschland noch weithin "geglaubt" zu werden scheint, dass der Holocaust ein singuläres Ereignis war, scheinen die doch weithin in Amerika und im Kontext der heute angesagten Codes lehrenden Professoren als ein Hindernis zu empfinden: "Der Wert von Moses' Intervention... liegt darin zu zeigen, wie Erinnerung an den Holocaust in Deutschland, die wir mit Werten wie Menschlichkeit und Gerechtigkeit assoziieren, zu einem legitimierenden Schutzschild und einer Rechtfertigung für die Diskriminierung von Palästinensern durch israelische Juden geworden ist. Das ist meiner Meinung nach das dringendste und wichtigste Problem der deutschen Vergangenheitsbewältigung in diesen Tagen."

Der Historiker Helmut Walser Smith, einer der Autoren der Debatte in newfascismsyllabus.com, hat in einem Leserkommentar in Perlentaucher angemerkt, dass unsere Presseschau einige Beiträge zur Debatte (unter anderem seinen eigenen) übersehen hat - wir haben die Debatte, die schon seit einigen Tagen an dem für uns eher abgelegenen Ort läuft, nicht sofort entdeckt, versprechen aber nachzulesen!

Es gibt wirklich völlig unterschiedliche Bedeutungen des Worts "Singularität". Der Autor Matthias Pfeffer spricht in einem Vortrag, den die Welt abdruckt, von der "Singularitätstheorie" in der "kalifornischen Ideologie". Dahinter verbirgt sich "die Überzeugung, dass die digitale Technik aufgrund der ihr innewohnenden, angeblich exponenziellen Entwicklung zwangsläufig eine Superintelligenz hervorbringen wird, die dem Menschen in jeder denkbaren Hinsicht überlegen ist." Für Pfeffer eine äußerst fragwürdige Lehre: Der Mensch wird darin "zum Datenzwischenwirt auf dem unbarmherzigen Weg der Evolution, die mit der Superintelligenz eine neue, überlegene Spezies hervorbringt."
Archiv: Ideen