9punkt - Die Debattenrundschau

Tugenden der kindlichen Frömmigkeit

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.06.2021. Der Guardian und Le Monde erinnern an das Massaker von Tulsa vor hundert Jahren, einen der extremsten Ausbrüche rassistischer Gewalt in den USA. China antwortet mit einer "Dreikinderpolitik" auf den demografischen Schwund der Bevölkerung, berichtet die FAZ - aber die Chinesinnen antworten mit keinem Kind. Im Tagesspiegel wendet sich Claus Leggewie vehement gegen die Hufeisentheorie. Bei hpd.de erzählt eine feministische Aktivistin aus Irak, was es heißt, gegen das Kopftuch zu kämpfen.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2021 finden Sie hier

Geschichte

Vor hundert Jahren fand einer der extremsten Ausbrüche rassistischer Gewalt in der Geschichte der USA statt, das Pogrom von Tulsa. Präsident Joe Biden hat den gestrigen Montag und den heutigen Dienstag zu Tagen des Gedenkens an das Massaker erklärt. Ed Pilkington erinnert im Guardian an dieses Ereignis. Die Zahl der Toten wird auf 300 geschätzt. Belangt wurde niemand: "Eines der frappierendsten Merkmale des Massakers von 1921 ist, dass trotz des Ausmaßes und der Grausamkeit der Gewalt - zusätzlich zu den Morden wurden etwa 1.200 Häuser von Schwarzen zerstört - nicht eine der mehr als hundert Anklagen, die in der Folge erhoben wurden, jemals vor Gericht verhandelt wurde."

"Danach wurde eine Decke des Schweigens über die Stadt gebreitet", setzt Gilles Paris in Le Monde die Geschichte fort: "Die Tulsa Tribune, eine lokale Zeitung, erwähnte die Tragödie in ihren Gedenkspalten nicht. Der Präsident der Vereinigten Staaten erinnerte am Montag daran, dass alles getan wurde, um die Wunden offen zu halten, und verwies insbesondere auf die Verantwortung der Gemeinde sowie des Bundesstaates bei der Einführung von Bauvorschriften, die die Kosten für einen eventuellen Wiederaufbau des verwüsteten Gebiets erhöht hätten."

Matthias Küntzel erinnert bei mena-watch.de an den "Farhud" ein Pogrom gegen die Juden von Bagdad vor genau achtzig Jahren. 179 Menschen wurden umgebracht, viele Geschäfte wurden zerstört. Das Pogrom wurde angestachelt von Amin al-Husseini, dem Mufti von Jerusalem, der sich zu dieser Zeit in Bagdad befand (kurz vor dem Pogrom aber geflohen war) und der Rundfunkpropaganda aus Berlin, so Küntzel. "In den kommenden Wochen wurde insbesondere der Islam für die Zwecke des Nationalsozialismus eingesetzt. Während dieser Wochen stand der Mufti al-Husseini mit den Machern des Nazi-Rundfunks in Zeesen bei Berlin in ständigem Kontakt. Das arabischsprachige Programm dieses Nazi-Senders war in Bagdad bekannt und beliebt."
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Kulturpolitik

Der Streit um den Führungsstil der Bayerischen Akademie geht weiter: Nachdem sechs von 20 Mitgliedern, die dem Akademiepräsident Winfried Nerdinger in einem offenen Brief "Dünkel" vorgeworfen hatten, ausgetreten sind (unser Resümee), hat jetzt auch Georg Baselitz seinen Rückzug erklärt, meldet die SZ. "Er findet das Verhalten der 20 Unterzeichner des Protestbriefs gegen Akademiepräsident Winfried Nerdinger 'widerlich und möchte nicht weiterhin unter einem Dach mit diesen Höflingen sitzen'."

Europa

In Hamburg fand am Wochenende eine finstere antiisraelische Demo statt, auf die Ali Ertan Toprak, der Bundesvorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland, mit einem Tweet aufmerksam machte. In militärischer Formation skandierten Männer die üblichen Parolen.

Organisiert wurde die Demo, die von der Hamburger Polizei als "friedlich" bezeichnet wurde, von einem randständigen islamistischen Club, der eigentlich verboten ist, der Bewegung Hizb ut-Tahrir. In einem Kommentar für die Jüdische Allgemeine stellt Uwe Becker, Antisemitismusbeauftragter von Hessen, einen Bezug zur "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" her: "Die Geister, denen 200 Honoratioren aus dem wohlfeilen intellektuellen Elfenbeinturm quasi eine Bedienungsanleitung zum israelbezogenen Antisemitismus geliefert haben, praktizieren diesen nun mit akademischem Gütesiegel landauf landab."
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Politik

China antwortet mit einer "Dreikinderpolitik" auf den demografischen Schwund der Bevölkerung. Viele Frauen in China wollen allerdings gar keine mehr, sondern lieber Karriere machen, schreibt Friederike Böge, die China-Korrespondentin der FAZ: "Doch statt in flächendeckende Kinderbetreuungsangebote zu investieren, reagiert die Kommunistische Partei darauf mit der zunehmenden Betonung konservativer Werte. Am Montag hob die Parteiführung hervor, dass die Werteorientierung junger Menschen hinsichtlich Ehe und Familie gestärkt und 'traditionelle Tugenden der kindlichen Frömmigkeit und des Respekts gegenüber den Älteren' gefördert werden sollten."

Karrar al Asfoor unterhält sich bei hpd.de mit der feministischen Aktivistin Maryam, die im Irak lebt und erzählt, was es sie kostete, den Schleier abzulegen: "Hier sind Millionen Frauen gezwungen, ihn zu tragen - und dies bei Temperaturen von bis zu 44 Grad Celsius. Und wenn du auch nur laut darüber nachdenkst, ihn auszuziehen, bist du allen Arten von Diffamierungen und Beleidigungen ausgesetzt. Hier mischen sich alle Männer ein und wollen Frauen den Schleier aufzwingen. Dies ist nur ein Teil dessen, was Frauen in dieser Gesellschaft auferlegt wird, aber es ist ein wichtiger Teil."

In der Welt gibt Hildegard Stausberg einen Einblick in die Situation in Mexiko, das im Juni einem Wahlmarathon entgegensieht. Ob die Partei des linken Präsidenten Präsident Manuel López Obrador (Amlo genannt) profitieren wird, ist nicht abgemacht, denn der regiere immer mehr wie ein Autokrat: "Geradezu archaische Vorstellungen hat Amlo bei der Energiepolitik. Während das sonnenreiche Mexiko mit seinen Tausenden Kilometern Küste zum Vorreiter bei alternativen Energien werden könnte, kündigt der Präsident den Kauf einer Raffinerie in Texas an. Die gehört den Mexikanern zwar schon zur Hälfte, aber für 600 Millionen Dollar will er noch die andere Hälfte von Royal Dutch Shell kaufen - und da sind die eine Milliarde Schulden des Unternehmens noch nicht eingerechnet. Müssten sich da nicht Mexikos Grüne zu Wort melden? Doch die sind eine Koalition eingegangen mit Amlos Morena, halten also lieber still. Auch international führen solche Entscheidungen nicht zu einem Aufschrei. Das verwundert, wenn man sich das große Echo auf die umstrittene Umweltpolitik des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro in Brasilien vergegenwärtigt. Aber Amlo agiert als 'Linkspopulist', und das hat ihn - bisher jedenfalls - geschützt."
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Gesellschaft

Jene intellektuelle, vor allem aber institutionelle Prominenz, die sich im letzten Jahr in der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" für BDS stark machte, hat zu den jüngsten antisemitischen Ausschreitungen geschwiegen, beobachtet Vojin Saša Vukadinović in der Jungle World: "Vergleicht man den politischen, akademischen wie kulturbetrieblichen Einsatz, den viele in der Causa Achille Mbembe zeigten, die vergangenes Jahr zu einer Kontroverse weit über das Feuilleton hinaus geführt hatte, zeigt sich, welche Prioritäten in Deutschland gesetzt werden. Die Historikerin Ute Frevert sagte damals im Gespräch mit der ZDF-Sendung 'Aspekte', sie habe den Eindruck, die Kritik an Mbembe lenke vom eigentlichen Antisemitismus in Deutschland ab. Das Gegenteil ist der Fall: Es ist der Bezug auf postkoloniale Theorie, der von antisemitischen Verhältnissen ablenken soll."

Im Freitag ärgert sich Sebastian Puschner schwarz über die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), die in Berlin die Rückkehr der Schulen in den Regelbetrieb vor den Sommerferien ablehnt, obwohl die 7-Tage-Inzidenz in Berlin unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Es geht hier um "Erwachsene, deren Brutto-Entgelt in Berlin oft mehr als 5.000 oder gar 6.000 Euro beträgt, deren Arbeit im vergangenen Jahr oft Eltern aufgebürdet wurde und die bei den Impfungen zu den priorisierten Gruppen zählen. ... Ihr Interessensverband aber macht mobil für bequeme Gleitzeit in die Sommerferien, da können noch so viele Kinder aufgrund mangelnder sozialer Kontakte psychisch erkranken." (Laut RBB hat das Berliner Verwaltungsgericht jetzt indirekt eine Rückkehr zum Regelunterricht erzwungen.)
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Ideen

Vehement spricht sich Claus Leggewie im Tagesspiegel gegen die "Hufeisentheorie" aus, eine, wie er meint, Vulgarisierung antitotalitären Denkens, die behauptet, dass rinks und lechts sich tendenziell berühren. Das kann gar nicht sein, so Leggewie, denn wer etwa antisemitisch ist, ist ja nicht "links": "Einer der widerlichsten Anschläge auf jüdische Einrichtungen in der jüngeren Geschichte war der auf die Jüdische Gemeinde am 9. November (!) 1969 durch die Tupamaros West-Berlin, in den der SDS-Kommunarde Dieter Kunzelmann verwickelt gewesen sein soll. Das Datum der Reichspogromnacht war bewusst gewählt. Kunzelmann ließ verlauten, die Deutschen sollten ihren 'Judenknax' loswerden und sich für die Sache der Palästinenser aussprechen. Ein Beleg für die Hufeisentheorie? Eher der Beweis, dass Kunzelmann den Anspruch, links zu sein, weit verfehlte."

Im Zeit online Blog 10 nach 8 ist die Bildungswissenschaftlerin Caroline Assad entsetzt über das schwarz-weiß-Denken, das sich in den sozialen Medien zum Nahostkonflikt zeigt: "In Deutschland leben im Moment viele liberale arabische Wissenschaftler*innen, Autor*innen und Künstler*innen, sie schreiben, sie diskutieren, sie leisten Bildungsarbeit. Viele dieser Menschen wären eigentlich für jede Form der politischen Bildung, die sich mit muslimischem oder arabischem Antisemitismus auseinandersetzen will, für jeden ehrlichen Austausch über den Nahostkonflikt und für jede echte Bemühung um jüdisch-arabische Koexistenz ein unschätzbarer Gewinn. Sie scheinen nicht auf dem Radar der deutschen Politik zu sein. Es gibt aber auch eine wirklich gute Nachricht: Sehr viele Menschen scheinen nicht auf den Segen der Regierung und der Politik zu warten."
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