9punkt - Die Debattenrundschau

Auch als Endung verwendbar

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2021. In der SZ erklärt Lann Hornscheidt, wie Sprache endgültig gerecht zu gestalten ist. Der Verlag  w_orten & meer versucht, die Regeln in Büchern umzusetzen - wir zitieren aus dem Style Sheet. Horst Bredekamps Polemik zu Post- und Antikolonialismus wird bei Twitter vor allem mit feministischer Empörung bedacht, notiert die FAZ. Die taz liest einen Bericht über soziale Unterschiede in der Coronakrise.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.03.2021 finden Sie hier

Ideen

Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp hat sich am Montag sehr scharf und im Blick auf das Humboldt-Forum gegen einen Postkolonialismus gesträubt, der den Antikolonialismus der Pioniere beschädige. Gerade der Beitrag jüdischer Forscher werde desavouiert (unser Resümee). Auf Twitter erhoben sich neben den üblichen Shitstorms die Stimmen einiger Ethnologinnen, die kritisierten, dass die FAZ den Artikel ausgerechnet am 8. März, dem Tag der Frau veröffentlichte. Patrick Bahners antwortet in der FAZ eher spitz auf die Vorwürfe: "Diese kollegialen Reaktionen bestätigen den von Bredekamp geäußerten Verdacht, dass im Kulturkrieg um die Kolonialvergangenheit die Symbolpolitik vollends an die Stelle der Auseinandersetzung in der Sache getreten ist. Ethnologinnen sind zuständig für Symbole: Der Fall ist ernst zu nehmen." Als Protagonistinnen der Debatte nennt Bahners Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens (hier) und Viola König, die pensionierte Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin (hier).

Im Monopol-Magazin antwortet Chefredakteurin Elke Buhr unter dem Titel "Eine irrwitzige Verdrehung des Diskurses" auf Bredekamp. Er hatte argumentiert, dass man in Deutschland vielfach Alltagsgegenstände gesammelt habe, um eine Kultur darzustellen. Dazu meint Buhr: "Ach so, die Leute in den Hütten, denen die Gegenstände eigentlich gehörten, haben sie ja nur benutzt, während die Ethnologen aus Deutschland mit ihrem überragenden Intellekt deren erkenntnistheoretischen Wert erkannten? Deshalb faulen auch so viele der Gegenstände, die während der Kolonialzeit zusammengerafft wurden, unaufgearbeitet in den Depots der europäischen Völkerkundemuseen?"
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Politik

Die Pandemie hat Chinas Abschottungspolitik nur noch beschleunigt, schreibt Christoph Giesen in der SZ: "Internationale Proteste werden von Peking ignoriert; es beginnt damit, die eigene Wirtschaft sanktionssicher zu machen. Die ökonomische Abhängigkeit vom Rest der Welt soll systematisch reduziert werden. Xi Jinping verfolgt dazu die Strategie der 'dualen Kreisläufe'. Im 'internen Kreislauf' soll die Nachfrage in der Volksrepublik gestärkt werden, und es soll viel Geld für Forschung und Entwicklung geben. (…) Dem 'externen Kreislauf', also dem internationalen Handel und Investitionen aus dem Ausland, wird hingegen nur noch eine unterstützende Rolle zugesprochen. Die Welt mag China brauchen, vor allem wirtschaftlich. China aber schickt sich an, ohne die Welt auszukommen."

Der Westen, Australien, Japan und die EU im Besonderen müssen jetzt schnell Beziehungen mit der Übergangsregierung in Myanmar aufnehmen, fordert in der Welt Philipp Annawitt, der von 2015 bis 2021 für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen in Myanmar tätig war: "Die Junta muss sich einer demokratischen Einheitsregierung mit signifikanter Unterstützung durch Minderheiten, militärischer Stärke und voller Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft gegenübersehen. Diese Einheitsregierung sollte Ende März stehen, in diesen Verhandlungen wird dann das Schicksal des Diktators Min Aung Hlaing und seiner Kollegen zu besiegeln sein - komfortables Exil, eventuell in Russland."
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Stichwörter: China, Myanmar

Wissenschaft

Der Wissenschaftsbetrieb liegt vielerorts während der Pandemie brach, Bibliotheken, Archive und Labore sind geschlossen, Labortiere und -kulturen mussten vernichtet werden, Promotionsstipendien wurden häufig nur nach Ermessen der Fachbereiche verlängert, weiß Jonas Feldt in der Welt: "Auch für die Zukunft sieht es nicht besonders gut aus - für das in diesem Jahr beginnende Exzellenzforschungsprogramm Europe Horizon ist das Budget bis 2027 auf 95,5 Milliarden Euro festgelegt worden. Vom Europäischen Parlament wurden ursprünglich 120 Milliarden gefordert, die Kommission strebte 100 Milliarden Euro an. Konkurrenzfähig mit anderen großen Wissenschaftsstandorten ist die EU damit nicht. Bei einem derartigen Umgang mit der Wissenschaft und ihrem Nachwuchs wird sich dieser nach neuen - und alten - Forschungshotspots wie China oder den USA umschauen und umschauen müssen. Die Folgen solcher Abwanderungen sind katastrophal, auch für den Wirtschafts- und Innovationsstandort Europa. Denn mit den Professoren gehen ganze Arbeitsgruppen, einschließlich ihrer Doktoranden."
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Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Pandemie, EU, Wissenschaft

Internet

Die Medien sind in Russland weitgehend gehorsam, die eigentliche Öffentlichkeit bildet das Internet. FAZ-Korrespondent Friedrich Schmidt berichtet von bisher meist noch recht erfolglosen Versuchen Putins, das Netz zu strangulieren, jüngst etwa durch die  Anordnung, Twitter zu verlangsamen. in sein "Ringen mit dem Netz fallen auch Versuche, das Land mit einem Gesetz zum 'souveränen Internet' von 2019 unabhängiger vom Ausland zu machen und das 'Runet' besser zu kontrollieren. Aber vom Vorbild China ist man weit entfernt; effektiv ist vor allem die Internetregulierung per Strafrecht, das 'extremistische' Tweets mit fünf Jahren Haft ahndet." Mehr zu den russischen Twitter-Sperrungen bei Netzpolitik.
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Europa

Die Bereicherung der Abgeordneten Nikolas Löbel und Georg Nüßlein an den Coronamasken war falsch, aber der Vorstoß des Unions-Fraktionsvorsitzenden Ralph Brinkhaus, "entgeltliche Beratungs- und Vermittlungstätigkeiten, die in einem direkten Zusammenhang mit dem Aufgabengebiet, das in der Fraktion betreut wird, stehen, (…) auszuschließen", ist es ebenfalls, meint Robin Alexander in der Welt: "Im Kern sollen Funktionsträger in der Fraktion Regierungsmitgliedern gleichgestellt werden. Letztere dürfen gar keine Nebentätigkeiten ausüben, erwerben im Gegenzug aber eine großzügige Absicherung und Altersversorgung durch den Staat. Es ist absehbar, dass diese Leistungen dann auch auf führende Parlamentarier ausgeweitet werden. Diese aber sind nicht Teil der Regierung, sondern sollen sie im Gegenteil kontrollieren. (…) Schon die bisherige Hierarchisierung in den Fraktionen ist ein Problem. Das Bundesverfassungsgericht hat in einem bis heute nur unzureichend umgesetzten Urteil im Jahr 2000 entschieden, dass sogenannte 'Funktionszulagen', also mehr Geld, für stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Parlamentarische Geschäftsführer und Ausschussvorsitzende gegen die Freiheit des Mandates verstoßen und nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sind."
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Gesellschaft

Ein alle zwei Jahre erscheinender Report des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB), des Statistischen Bundesamts und der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt, dass es in Deutschland starke soziale Unterschiede gibt und dass sich diese Unterschiede in der Pandemie noch verschärfen, berichtet Patricia Hecht in der taz: "In der unteren Einkommensgruppe mit unter 1.000 Euro arbeiteten nur 13 Prozent im Homeoffice - in der oberen von mehr als 2.500 Euro dagegen mehr als 40. Von finanziellen Problemen infolge der Pandemie berichteten neben Selbstständigen zudem vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, an- und ungelernte Arbeiter:innen sowie Personen mit niedrigen Einkommen." Der Bericht lässt sich hier herunterladen.

Im SZ-Feuilleton möchte Aurelie von Blazekovic Geschlecht als Kategorie ganz fallen lassen und am liebsten aus dem Personalausweis streichen. Aber schon sprachlich gibt es viele Hürden, wie ihr Lann Hornscheidt, tätig in den Gender Studies an der Berliner Humboldt Universität, im Gespräch erklärt: Misslich, "dass es für geschlechtsneutrale Pronomen keine geläufige Form gibt. 'Mein Vorschlag im Moment wäre 'ens' zu nehmen', sagt Lann Hornscheidt. Der Mittelteil aus dem Wort Mensch, eine etwa sechs Monate alte Wortneuschöpfung Hornscheidts. 'En'' sei völlig genderfrei und auch als Endung verwendbar. Mit der Form 'Liebe Bürgens' wären demnach weniger Personen bestimmten Geschlechts angesprochen, sondern einfach: Menschen. 'Ens' ließe sich an Wörter wie 'jemandens' und 'diesens' anhängen und könnte als Artikel benutzt werden. Statt 'Der Erfinder' hieße es 'dens Erfindens'. Oder: Eine Person, die erfindet."

Der neugegründete Verlag w_orten & meer, der laut viel retweetetem Style Sheet "diskriminierungskritische Wortungen zum Anliegen" hat, hat Hornscheidts Idee schon aufgegriffen (sie verlegen auch Hornscheidts Buch zum Thema). Ziel ist es, mit "Autorens, Übersetzens und anderen Menschen" neue Sprachformen zu finden. Die verlegten Texte sollen gut verständlich für alle Menschen, "insbesondere aber für Diskriminierte" bleiben, eine ganze Menge von Richtlinien ist dabei zu beachten: "Bei Übersetzungen wünschen wir uns, dass die Genderungen entweder explizit als Herstellungen benannt werden (Frauisierte statt Frauen) oder auf exkludierende Genderungen explizit hingewiesen wird (zum Beispiel in einer vorangestellten Anmerkung, Fußnote, im Nachwort etc.). In Bezug auf antirassistische Schreibweisen wünschen wir uns, dass die aktuellen Selbstbenennungen von antirassistischen Initiativen verwendet werden. Dies bedeutet momentan Schwarz (immer großgeschrieben), People of Color - PoC(s), BPoC(s), Sinti*zze und Rom*nja, Indigene Gesellschaften usw. Hautfarben sind immer Herstellungen und keine Substanz oder objektive Wahrnehmung."

In der NZZ blickt Hoo Nam Seelmann in sprachliche Abgründe der anderen Art, wenn sie die Kultur des Schimpfens im Allgemeinen und in Korea im Besonderen erklärt. Im Kontrast zur höflich-distanzierten Fassade stehen die oft "derb-vulgären" Schimpfworte, die sie in fünf Cluster aufteilt: "Das vierte Cluster besteht aus Wendungen, die mit Krankheiten zu tun haben. Man wünscht den anderen alle möglichen Krankheiten wie Pocken, Lepra und Typhus, besonders pikant in Zeiten von Covid-19. Inzwischen ist diese Variante rückläufig, da Epidemien seltener geworden sind. Das fünfte Cluster hat mit Dummheiten zu tun, die man den anderen unterstellt. Häufig verwendete Wörter hierbei sind 'Steinkopf', 'Kopf voll Tinte' oder 'Idiot'."

Die Medizinhistorikerin Bettina Schöne-Seifert erteilt in der FAZ eine Stunde "Nachhilfe aus dem ethischen Proseminar". Natürlich sollen Geimpfte Privilegien haben, wenn sie nicht ansteckend sind, schreibt sie, und nimmt Argumente der Fraktion auseinander, die Maßnahmen bis ultimo verlängern will. Ein "Argument gegen 'Impf-Privilegien', das vermutlich in den internen politischen Debatten keine kleine Rolle spielt, fürchtet, dass die Normalisierung für Geimpfte als indirekter Impfzwang wahrgenommen werden könnte. Damit könnte es dem Lager der Impfgegner oder Corona-Leugner in die Hände spielen. Ganz ausschließen lässt sich das wohl nicht. Aber warum sollte man darauf Rücksicht nehmen?"
Archiv: Gesellschaft