9punkt - Die Debattenrundschau

Nur im anderen ich selbst

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.03.2021. Auf Zeit online sehnt sich Christian Bangel nach Zuversicht und würde gern endlich auch mal hören, wie sich die Corona-Lage zum Guten wendet. Der Soziologe Felix Römer fragt auf geschichtedergegenwart.ch, warum es in Deutschland so gut wie keine Daten zur Frage gibt, wie unterschiedlich die Pandemie Arm und Reich trifft. Die Sichtbarkeit des Gesichts ist eine Grundvoraussetzung für unsere Zivilisation, meint in der NZZ Thomas Ribi. Die Washington Post erzählt, wie PBS seinen Dokumentarfilm "A Thousand Cuts" trotz der Zensur auf die Philippinen bringt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.03.2021 finden Sie hier

Medien

"Frontline", ein Portal der Public-Television-Netzwerks PBS, hat erstmals die Rechte zu einem Dokumentarfilm erworben, damit er trotz Zensur auf den Philippinen gezeigt werden kann, berichtet Elahe Izadi in der Washington Post. Es handelt sich um den Film "A Thousand Cuts" (Trailer), der in Sundance gefeiert wurde und den Kampf der Journalistin Maria Ressa gegen das blutige Regime Rodrigo Dutertes schildert. "Es gibt schon jetzt Gewissheit, dass die Filipinos 'A Thousand Cuts" sehen wollen. Der Film wurde 24 Stunden lang am Unabhängigkeitstag des Landes gestreamt und wurde über 250.000mal angesehen - ein Rekord für einen Dokumentarfilm von 'Frontline' auf Youtube. Die Menschen haben auch große Mengen Raubkopien des Films angefertigt. 'Frontline' hofft, dass noch viel mehr Menschen den Film sehen, wenn er ab 13. März permanent gestreamt wird."
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Gesellschaft

Die Künstlerin Moshtari Hilal und der Autor Sinthujan Varatharajah greifen die Buchhändlerin Emilia von Senger in einem Instagram-Video an, weil sie ihren Laden mit ererbtem Geld eröffnet hat und die Familie, von der sie es erbte, angeblich in den Nationalsozialismus verstrickt war (unsere Resümees). Die Künstler schlagen vor, von Deutschen als "Menschen mit Nazihintergrund" beziehungsweise "Genozidhintergrund" zu sprechen. Patrick Bahners erzählt den Fall in der FAZ in aller Ausführlichkeit nach und fasst den Diskurs der beiden so zusammen: "Die Gentrifizierung, die Emilia von Senger durch die Anmietung eines Ladenlokals am Kottbusser Damm betreibt, setzt in der totalitären Logik des Künstler-Tribunals die genozidale Geschäftstätigkeit der Wehrmacht an der Ostfront fort. Wie kann man einer Buchhändlerin sogar einen Vorwurf daraus machen, dass sie Angestellte beschäftigt? Die herbeifantasierte Ausnutzung prekärer Verhältnisse wird in eine Kontinuität zur Zwangsarbeit gestellt."

Dieser Winter scheint niemals zu enden. Der Lockdown hört nie auf, geimpft wird auch kaum. Wo ist die Hoffnung, fragt auf Zeit online Christian Bangel. Die Warnungen sind ja berechtigt, aber auch Zuversicht tut not, meint Bangel, dem eine "merkwürdige Deformation öffentlicher Kommunikation in Zeiten von Corona" auffällt. Er würde gern auch mal hören: "Wie sehr sich die Lage zum Guten ändert, seit ein Impfstoff nach dem anderen zugelassen wird und sich als hochwirksam gegen die Krankheit und einen schweren Verlauf erweist - auch bei der britischen Mutante, die hierzulande vor allem zirkuliert. Immer klarer wird auch, dass Geimpfte deutlich seltener ansteckend sind. Impfstoffhersteller zeigen sich außerdem optimistisch, dass sie auch künftige Mutationen des Virus mit leichten Modifikationen in den Griff bekommen können. All das sind sehr gute Nachrichten. Wir befinden uns, so sagte es RKI-Chef Lothar Wieler kürzlich, 'im letzten Frühjahr dieser Pandemie'."

Auf eine verblüffende Fehlstelle in deutschen Corona-Analysen macht der Soziologe Felix Römer bei geschichtedergegenwart.ch aufmerksam: Man weiß zwar, dass die Pandemie die Ärmeren eher trifft, es gibt aber anders als in Großbritannien oder den USA so gut wie gar keine Daten dazu, keine Karten nach Stadtgebieten, keine Statistiken nach Einkommensgruppen: "Eine Auswertung der internationalen Literatur am Robert Koch-Institut (RKI) ergab im Sommer 2020, dass bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland erst eine einzige Studie zum Thema Ungleichheit und Covid-19 entstanden war. Noch dürftiger ist das Angebot der amtlichen Statistik. Die Website des Statistischen Bundesamtes zu den 'Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Gesellschaft' enthält keinerlei Analysen nach Einkommen oder ähnlichen Indikatoren der Ungleichheit - als ob diese in der Pandemie hierzulande überhaupt nicht existiere."

Die Europäer machen die EU und ihre Regierungen für das schleppende Anrollen der Impfaktion verantwortlich, berichtet wenig überraschend Laurenz Gehrke bei politico.eu unter Bezug auf eine neue Umfrage: "51 Prozent der deutschen Befragten sagten, dass die Europäische Union die Einführung des Impfstoffs schlecht gehandhabt hat, eine Ansicht, die von 35 Prozent der französischen und 24 Prozent der schwedischen Befragten geteilt wurde. In Großbritannien sagten 45 Prozent, dass die EU einen schlechten Job gemacht hat, während 77 Prozent sagten, dass sie die Erfolgsbilanz ihrer Regierung in Sachen Impfung gutheißen. Im Gegensatz dazu haben nur 23 Prozent der Deutschen, 19 Prozent der Schweden und 18 Prozent der Franzosen eine ähnlich großzügige Meinung über die Einführung von Impfstoffen in ihren jeweiligen Ländern."
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Ideen

Die Sichtbarkeit des Gesichts ist eine Grundvoraussetzung für unsere Zivilisation, meint in der NZZ Thomas Ribi, der sich weder an Burka noch an Geschichtsmaske auf Dauer gewöhnen will. "Ein Gesicht, das ich sehe, zeigt mir, was ich bin. Im Gesicht jedes Menschen erkenne ich mich selber und zugleich den anderen als meinesgleichen. Dass ich vom anderen das sehe, was ich von mir nie sehen werde, verweist mich auf mich selbst. Nur im Antlitz des anderen kann ich mich dessen versichern, was ich mir nicht bestätigen kann: dass ich ein Mensch unter Menschen bin. Indem ich dem anderen mein Gesicht zeige, sage ich auch: Das bin ich! Doch das ist nicht mehr als eine Behauptung, die der Bestätigung bedarf. Erst im Blick eines Menschen, dem ich ins Gesicht blicke, bekomme ich sie. Und spüre augenblicksweise, dass ich nur im anderen ich selbst sein kann. Und er nur in mir."
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Archiv: Ideen
Stichwörter: Gesicht, Sichtbarkeit

Europa

Jahrelang stand dieser Satz zur Definition des Linksextremismus auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung: "Im Unterschied zum Rechtsextremismus teilen sozialistische und kommunistische Bewegungen die liberalen Ideen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - interpretieren sie aber auf ihre Weise um." Dann empörten sich rechte Webseiten, die Bild-Zeitung und CDU-Politiker über den Satz und setzten durch, dass er geändert wird, berichtet Volkan Ağar in der taz, den in seiner Recherche zu dieser "Teaser-Affäre" weniger die Frage interessiert, ob der Satz inhaltlich zutrifft, sondern wer ihn bekämpfte. Und zitiert zum Beleg den Grünen-Bundestagsabgeordneter Kai Gehring, der im Kuratorium der bpb sitzt: "Das BMI ist hier eingeknickt vor einer orchestrierten Empörungsaktion von Personen aus dem konservativen bis neurechten Spektrum - mit Junger Freiheit, Bild und NZZ als Medienpartner."

In der NZZ beschreibt der Historiker Rasim Marz die Beziehung der Türkei zu Russland, die die meiste Zeit von Feindschaft geprägt war. Das hat sich erst in jüngster Zeit geändert: "Die Abwendung der Türkei vom verbündeten Westen hin zum historischen Erbfeind Russland ist eine Folge des neuen nationalen Selbstbewusstseins, das sich für die mit System betriebene Unterwanderung des Osmanischen Reiches durch den europäischen Imperialismus des 19. und 20. Jahrhunderts revanchieren will. ... Nun verfolgen Russland wie die Türkei das Ziel, ihren alten Einfluss in der Welt wieder neu geltend zu machen und an vergangene imperiale Größe anzuknüpfen. Trotz allen Widerständen aus Brüssel und Washington wird die militärisch-technische Kooperation zwischen den beiden Ländern weiter ausgebaut und das gemeinsame Handelsvolumen auf 100 Millionen Dollar ausgeweitet. Die Türkei entwickelt sich zu einem Energie-Drehkreuz für russisches Erdgas, insbesondere mit Blick auf Südosteuropa."
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Internet

Jordan Peterson ist zurück, Abgott einer hämischen neuen Rechten und Gottseibeins der puritanischen Linken. Drei Jahre lang war er mehr oder weniger aus der Öffentlichkeit verschwunden. Sein neues Buch heißt "Beyond Order - 12 More Rules for Life". Helen Lewis widmet ihm im Atlantic eine ausuferndes Porträt, erzählt wie er sich von seiner Drogensucht befreite und wie er überhaupt durch die Hysterien der Streitkultur im Internet in diese Sucht hineingeraten war: "Er starrte in den Abgrund des Kulturkriegs, und dieser starrte direkt zurück. Er ist wie ein jeder von uns, der einem sinnlosen Facebook-Streit nicht widerstehen kann, der den Zuckerrausch des selbstgerechten Twitter-Aficionados verspürte und die Niederlage eines gegnerischen oder sogar verwandten politischen Stammes bejubelte. Diese Art von ungesundem Verhalten: wütend um sich schlagen, während man weiß, dass Gegenangriffe folgen werden, ist eine sehr moderne Form der Selbstverletzung."
Archiv: Internet
Stichwörter: Peterson, Jordan