9punkt - Die Debattenrundschau

Heute etwas Neues

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2021. 54books erinnert mit Berit Glanz an all die Künstler, die ihren Geniekult mit Gewalt gegen Frauen zelebrierten. Der Guardian erklärt, wie clever britische Eliten Druck von unten zum Absahnen nutzen. Die Salonkolumnisten lassen sich von Alexei Nawalny Putins Palast am Schwarzen Meer zeigen. Im Neuen Deutschland fragt Veranstalter Berthold Seliger, warum von den 25 Milliarden Überbrückungshilfen bislang gerade mal 2,7 Milliarden bewilligt wurden. Und: zur Inauguration von Joe Biden blicken die Medien noch einmal zurück auf seinen hohe Auflage bringenden Vorgänger und den Trümmerhaufen, den er hinterlässt.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2021 finden Sie hier

Politik

Heute hält Joe Biden seine Inauguration Adress. Bemerkenswert ist, dass fast alle Artikel zu Bidens Antritt allerdings eher retrospekiv sind, als hätten die Medien Schwierigkeiten, sich aus der giftigen Faszination Donald Trumps zu lösen, die ihnen übrigens auch gute Zahlen brachte.

Verena Lueken betrachtet das Genre der Inauguration Adress in der FAZ näher (gestützt auf einen Text von Jill Lepore) und stellt fest, dass Trump radikaler als alle die Konventionen des Genres über den Haufen warf: "Mit der Geschichte zu brechen, das war Donald Trumps Versprechen zur Amtseinführung: 'A new vision will govern our land.' Die Macht dem Volk zurückzugeben war sein Programm, das seine Wähler, jedenfalls der gewaltbereite Teil von ihnen, nun eingelöst sehen wollen: 'Der 20. Januar 2017 wird als der Tag in Erinnerung bleiben', so sagte Trump damals, 'an dem das Volk wieder die Herrschaft in dieser Nation übernahm.' Dass mit Joe Bidens Rede heute etwas Neues beginnen könnte, wenn sie an etwas Altes anknüpft, das liegt vor allem an dieser Rede von Donald Trump."

Richard Herzinger zieht im Perlentaucher Bilanz und konstatiert, dass Trump "nicht nur innenpolitisch, sondern auch in der Außenpolitik eine Spur der Verwüstung" hinterlässt.

Eher hilflos blickt die New-Yorker-Kolumnistin Susan B. Glasser in ihrem letzten Brief aus Donald Trumps Washington auf den abstrusen und finsteren Mummenschanz zurück, den Trump vier Jahre lang veranstaltet hat. Am tiefgründigsten in ihrer Aufzählung von Bekanntem ist wohl die Beobachtung, dass Trump fähig war, "eine der beiden politischen Parteien Amerikas zu einem Personenkult um einen bankrotten Immobilienentwickler zu bringen. Und so beenden wir diese vier Jahr nicht mit der Lehre, dass Trump ein böser Mann ist - die Beweislage war hier vor seinem Amtsantritt schon überwältigend - sondern dass es Millionen Amerikaner gibt, die bereit sind, unser Verfassungssystem umzustürzen, um ihn an der Macht zu halten."

Dass Trumps Putschversuch gescheitert ist, gibt dem Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke in der NZZ zu denken. Hitlers gescheiterter Marsch auf die Feldherrenhalle kommt ihm in den Sinn, der auch erst mal lächerlich aussah: "Regelmäßig haben Niederlagen eine weit größere gruppenpsychologische Wirkung als Siege. Ohne es mit der Parallele zu weit treiben zu wollen, gilt dies auch für die Eindringlinge des Kapitols, die zwar den Machtwechsel nicht sabotieren konnten, aber aus ihrem 'lost cause' die Kraft und die Berechtigung zu einem nur noch radikaleren Widerstand schöpfen. An ihnen bestätigt sich die Beobachtung, dass sich fanatisierte Gefolgsleute oft weniger durch Bewunderung an ihren politischen Führer binden als durch Parteinahme und Empathie für seinen vermeintlichen Opfergang. ... Denn erst jetzt, in seiner Erniedrigung, ist er endgültig einer der Ihren geworden - nach einem alten, tief in der Geschichte der christlichen Religion verankerten Skript."

In geschichtedergegenwart.ch denkt Claus Leggewie darüber nach, was Trump mit seiner stets erhobenen Faust besagen wollte, die ursprünglich ja eher ein Symbol der Linken war: "Und so kam die Faust an den Arm von Donald Trump. Er hat sie geklaut, wie so vieles, und nutzt sie als Anführer eines vermeintlichen Volksaufstandes gegen Eliten und so deklarierte Volksfeinde. Trump, der sich gerne als Außenseiter und Spielverderber geriert hat, behält seine falsche Widerstandsgeste auch, wenn er die Macht innehat und signalisiert so, dass er immer noch in Opposition zu ihr steht."

Außerdem: 500 Autoren rufen dazu auf, dass kein Verlag Trumps Memoiren veröffentlichen soll - das übliche Geschäftmodell gewesener Präsidenten -, berichtet etwa der Guardian.

Und dann noch diese Meldung außerhalb des Trump-Universums. Der verschwundene Alibaba-Gründer Jack Ma ist nach Wochen wieder aufgetaucht, meldet etwa heise.de mit dpa: In einem Video kündigte er an, sich nunmehr karitativen Tätigkeiten zuwenden zu wollen.
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Ideen

Die Schriftstellerin Berit Glanz hat bei Twitter einen langen Thread über berühmte Künster veröffentlicht, die Gewalt gegen Frauen ausübten - bis hin zu tödlicher Gewalt - ohne, dass es ihren Karrieren schadete. Ihre Beispiele reichen von William S. Burroughs bis Peter Handke. Simon Sahner greift diesen Thread bei 54books auf. Trug der Mythos der Gewalt zum Geniekult bei? Jedenfalls ging es auch um eine Vermischung von Fiktion und Realität, so Sahner: "Besonders perfide ist da ein Fall wie die Vergewaltigung der damals neunzehnjährigen Schauspielerin Maria Schneider durch den wesentlich älteren Marlon Brando während der Dreharbeiten zu 'Der letzte Tango' in Paris vor laufender Kamera, eine Szene, die um der vermeintlichen Authentizität willen vorher vom Regisseur Bernardo Bertolucci und Brando geplant worden war und die im Film zu sehen ist. An dieser Stelle verbinden sich auf abstoßende Weise die Realität misogyner Gewalt mit der Fiktion des scheinbar gebrochenen Mannes, den Brando in dem Film darstellen soll." Mehr zur Frage, wie real die Gewalt im "Letzten Tango" war, hier und in diesem Wikipedia-Artikel.
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Geschichte

In der SZ erinnert Thomas Steinfeld an die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens vor hundert Jahren und ihre Bedeutung, die sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Partei zu ihren Hochzeiten ein Viertel aller italienischen Wähler gewinnen konnte: "Die Bedeutung, die der PCI nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für Italien errang, wird oft damit erklärt, dass die Partei den Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ihre italienischen Vasallen angeführt habe. Darüber seien feste Strukturen aufgebaut worden, die sie dann im Frieden für politische Aufgaben nutzen konnte. In der Organisation aber liegt allenfalls die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte besteht darin, dass der italienische Kommunismus eine weltliche Antwort auf die katholische Kirche bildete."
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Kulturpolitik

Berthold Seliger, selbst Agent und Veranstalter, kritisiert im Neuen Deutschland heftig die angeblich unbürokratische Unterstützung, die die Bundesregierung kleinen Unternehmen und Selbständigen im Kulturbereich zukommen lassen wollte. "Für die meisten kleinen und mittleren Firmen entspricht die beantragte Hilfe nicht einmal 40 Prozent des realen monatlichen Betriebsverlustes im Corona-Jahr, und die Hilfen sind alles andere als 'unbürokratisch'. Kein Wunder, dass bisher von den im Konjunkturpaket ausgelobten 25 Milliarden Euro für die Überbrückungshilfen gerade einmal etwas mehr als zehn Prozent, nämlich 2,7 Milliarden Euro, bewilligt wurden. Die Selbstständigen und kleinen und mittleren Unternehmen im Kultursektor sind in Not; nach Schätzungen von Verbandsvertreter*innen kämpft mehr als ein Viertel der Betriebe um die Existenz."

Mehr zur Auswirkung der Coronakrise auf diverse Kulturszenen heute in efeu.

Gesellschaft

Das Land Berlin - genauer die Integrationssenatorin Elke Breitenbach - will eine MigrantInnenquote im öffentlichen Dienst durchsetzen, berichtet Ralf Pauli in der taz. Auch diverse MathematikerInnen sollten dann allerdings unter den Eingestellten sein, um eine gerechte Verteilung zu gewährleisten! "Befürchtungen, es werde nicht nach Qualifikation ausgewählt, sondern nach Herkunft, wies Breitenbach zurück. 'Nur bei gleicher Qualifikation und Punktzahl wird am Ende der Mensch mit Migrationshintergrund bevorzugt - es sei denn, dem steht ein anderes Gesetz entgegen, etwa das Landesgleichstellungsgesetz', erklärte die Senatorin. Letzteres regelt die Förderung von Frauen im öffentlichen Dienst. Bei gleicher Qualifikation würde demnach weiterhin eine 'biodeutsche' Frau vor einem migrantischen Mann eingestellt werden. Aber auch die 'biodeutschen' Männer 'müssen nun nicht heulen', so Breitenbach: 'Die letzten Hunderte Jahre waren immer sie es, die alle Stellen bekommen haben. Und auch bei 35 Prozent Quote bleibt noch viel für sie übrig.'" In einem Kommentar begrüßt Pauli die Idee. Antirassistische Organisationen machen allerdings darauf aufmerksam, dass in einer Migrantenquote noch keine "Menschen mit Rassismuserfahrung, etwa Schwarze Deutsche oder Sinti" berücksichtigt seien.
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Stichwörter: Migrantenquote

Europa

Das monarchistische Gepränge britischer Politik ist auch ein Mechanismus, "der die Massen ausschließt und sie zugleich in Komplizenschaft mit ihrem Ausschluss hineinzieht", schreibt der Guardian-Kolumnist Rafael Behr in einem kleinen Essay über britischen Konservatismus. Der Brexit ist dabei nur ein Höhepunkt alter Machttechniken, so Behr: "Die Konservative Partei passt sich wie eine perfekte Maschine dem sozialen Druck von unten an und absorbiert neue Unterstützer, ohne dass die etablierte Elite Macht abgeben muss. Dies geschah etwa in den Achtzigern mit dem Housing Act, der es gestattete, Eigenheime zu kaufen, die bisher den Kommunen gehörten. Es geschah im Brexit mit der Kooptierung der 'Red Wall'-Arbeiter aus den Labour Heartlands. Es ist ein Muster, das schon lange vor der heutigen Partei existierte und auf Reformgesetze des 19. Jahrhunderts und die selektive Ausdehnung von Wahlrechten zurückgeht."

Alexei Nawalny hat seine Rückkehr nach Moskau minuziös geplant - und dafür gesorgt, dass bei seinem Flug nach Moskau, seiner Verhaftung und dem fingierten Prozess, der ihn nun erstmal dreißig Tage hinter Gitter bringt, immer Kameras zugegen waren, die alles in die sozialen Medien streamten, schreibt Jan C. Behrends bei den Salonkolumnisten. Und auch in Deutschland war Nawalny keineswegs untätig: "Um zu zeigen, dass er es ernst meint, hat Nawalny heute im Internet noch nachgelegt. In einem aufwendig in Deutschland produzierten Video geht es dieses Mal nicht um die Lakaien des Präsidenten, sondern um Putin selbst. In einem epischen zwei-Stunden-Film zeichnet er die Karriere des Herrschers und seines Männernetzwerks nach. Im Mittelpunkt der Erzählung steht ein Palast, den er am Schwarzen Meer errichtet."



Außerdem: Eine Partei von Putin-Bewunderern, die AfD, wird jetzt vom Verfassungsschutz unter Beobachtung gestellt, melden Paul Middelhoff und Tilman Steffen in Zeit online. Das bedeute etwa, dass Telefongespräche abgehört werden können.
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