9punkt - Die Debattenrundschau

Viren sind nie Elefanten geworden

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.11.2020. "Ich muss mir die Augen mit Atemschutzmasken bedecken, um einzuschlafen", schreibt der Hongkonger Demokrat Joshua Wong in einem Mail-Interview, das die Welt mit ihm führte - in seiner Gefängniszelle wird das Licht nicht ausgemacht. Die AfD ist die stärkste Arbeiterpartei, konstatiert das DGB-Blog Gegenblende mit dem Soziologen Klaus Dörre. Und die oberste Bundesrichterin und christliche Fundamentalistin Amy Coney Barrett funktioniert wie vorgesehen und stimmt für Gottesdienste in Corona-Zeiten, berichtet die New York Times. Aktualisiert: Der neue "Arbeitskreis Digitale Publisher" protestiert.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2020 finden Sie hier

Politik

Seit diesem Montag ist der Aktivist Joshua Wong in Hongkong im Gefängnis, ihm wird vorgeworfen, gegen das chinesische "Sicherheitsgesetz" verstoßen zu haben, es drohen bis zu fünf Jahre Haft. "Ich fühle mich wie ein Dissident in China", sagt Wong im schriftlich geführten Welt-Interview mit Johannes Boie: "Ich werde in einer Einzelzelle festgehalten, kann die Zelle nicht verlassen und darf auch keine anderen Gefangenen treffen. Draußen Sport zu treiben - etwas, das von den Insassen hier sehr geschätzt wird - wird mir verwehrt. Weil das Licht in der Zelle 24 Stunden lang brennt, fällt es mir schwer zu schlafen. Ich muss mir die Augen mit Atemschutzmasken bedecken, um einzuschlafen."

Die von Trump auserkorene oberste Bundesrichterin und christliche Fundamentalistin Amy Coney Barrett funktioniert wie vorgesehen, berichtet Adam Liptak in der New York Times: "Am Mittwoch versetzte Richterin Barrett dem Obersten Richter einen Schlag. Sie gab die entscheidende Stimme in einem 5:4-Urteil ab, in dem sie die vom New Yorker Gouverneur Andrew M. Cuomo verhängten Corona-Einschränkungen der Gottesdienste in New York ablehnte und den vorsitzenden Richter John G. Roberts Jr.  und die drei verbliebenen Liberalen des Gerichts in den Dissens zwang."
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Medien

Aktualisiert um 9.40 h: Die Bundesregierung will den Zeitungen 220 Millionen Euro geben. Gegen die einseitige Bevorzugung nur eines Akteurs auf dem Markt regt sich  nun Protest, den der "Arbeitskreis Digitale Publisher" ( zu dem auch der Perlentaucher gehört) in einem Aufruf artikuliert: "Der neu formierte "Arbeitskreis Digitale Publisher" ist in großer Sorge, dass diese Förderung zu einer massiven Wettbewerbsverzerrung auf Kosten von Digitalen Publishern führt, die in den vergangenen Jahren mit erheblichen Risiken und meist ohne jede Förderung neue journalistische Angebote aufgebaut haben. Wir fordern, dass die Bundesregierung auf eine Förderung ausgewählter Medien verzichtet, oder uns neue digitale Akteure gleich behandelt."
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Gesellschaft

Diego Maradona ist vorgestern gestorben, aber ein Tag reicht zur Bewältigung dieser Nachricht nicht aus. In Buenos Aires kam es zu Krawallen, "weil Fans Angst hatten, nicht mehr zum Sarg Maradonas zu gelangen", meldete Spiegel online gestern Abend. In der taz mahnt Andreas Rüttenauer zur Vernunft: "Die Nachrufe lesen sich wie Gebete. Er wird angehimmelt wie ein Heiliger. Kaum einer mahnt, ruft die Trauergemeinde zur Vernunft und sagt, dass es doch bloß ein Mensch war, der da gestorben ist. Und kaum einer kann erklären, warum da einer, der gewiss fehlbar war, so verehrt wird."

Aber ist das hier denn menschenmöglich?


Gleiches Bild in Neapel, schreibt Michael Braun in der taz: "Maradona durfte sich von Beginn an eingebürgert fühlen, die Stadt verehrte ihn nicht bloß, sie liebte ihn abgöttisch. Selbst Jahrzehnte nach seinem Karriereende provozierte Maradona jedes Mal Aufläufe von völlig aus dem Häuschen geratenen Fans, wann immer er sich in Neapel auf der Straße zeigte. Denn es war zuerst und vor allem ihm zu verdanken, dass der SSC Neapel in den Jahren 1987 und 1990 italienischer Meister wurde. Ein Erfolg, der weder vorher je gelungen war noch nachher je wieder gelingen sollte."

Im Welt-Feuilleton stimmt auch Hans Ulrich Gumbrecht in die Gebete mit ein, erinnert aber auch: Im Viertelfinale am 22. Juni 1986 war Maradona "bereits kokainsüchtig und kämpfte von Spieltag zu Spieltag mit drohendem Übergewicht. Gesundheitsprobleme und ihn trotz fortgesetzt hohen Einkommens heimsuchende finanzielle Krisen hat er nie mehr hinter sich gelassen. (…) Für Political Correctness zu retten war er nicht." Ebenfalls in der Welt schreibt der Theologe Jochen Wagner: "Er hatte ein fleischernes Herz, kein kaltes aus Geld, Protz und Macht. Er teilte auch mit uns die tägliche Angst, nicht zu genügen: dem irdischen Diego, meinte er, mache der schier überirdische Maradona Angst."

NRW-Ministerpräsident Armin Laschet hat mit Blick auf die kommenden Corona-Maßnahmen das "härteste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben", angesagt. Für den Salonkolumnisten Michael Miersch ist das ein Beweis, dass auch Konservative zu ideologischer Sprachschönung fähig sind: "Laschets Lametta ist unnötig, denn jeder weiß: Covid-19 wird für Millionen Menschen eine willkommene Ausrede sein, keine quälend langen Abende mit Menschen verbringen zu müssen, die man nicht ausstehen kann, denen man sich jedoch aus finanziellen, emotionalen oder neurotischen Gründen verpflichtet fühlt. Frauenhäuser, Telefonseelsorge und lärmempfindliche Nachbarn werden entlastet. Das Weihnachtsmotto 'Friede auf Erden' könnte dieses Jahr in deutschen Wohnzimmern endlich mal Wirklichkeit werden."
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Europa

Die AfD ist die stärkste Arbeiterpartei, sagt der Jenaer Soziologe Klaus Dörre im Gespräch mit  Thomas Gesterkamp vom DGB-Blog Gegenblende: "In Thüringen hat die AfD bei den letzten Landtagswahlen 22 Prozent der Stimmen bekommen, bei den betrieblich Aktiven waren es 39, in Brandenburg gar 44 Prozent. Im Westen der Republik finden wir ähnliche Phänomene, auch in Baden-Württemberg war die AfD bei den letzten Landtagswahlen stärkste Arbeiterpartei. Die Betroffenen sehen sich in einer Warteschlange, die am Fuße des Bergs der Gerechtigkeit steht - aber es geht nicht vorwärts. Ständig gibt es neue Gründe für Stockungen: die Globalisierung, die deutsche Einheit, die Eurokrise. Während dessen ziehen andere vermeintlich vorbei, etwa Geflüchtete, die 'nur' wegen ihres Traums von einem besseren Leben kommen."

Außerdem: In der Welt erklärt der Soziologe Thomas Wagner, weshalb die AfD plötzlich die Kapitalismuskritik entdeckt und warum Björn Höcke Marx-Lektüre empfiehlt: "Man glaubt, dass sich SPD und Linkspartei entlang der identitätspolitischen Frontlinie selbst zerlegen und dabei die Interessen ihrer Kernwählerschaft aus den Augen verlieren. Deren Stimmen gelte es mit einer sozial und national ausgerichteten AfD zu gewinnen." In der NZZ gratuliert Heinz D. Kurz Friedrich Engels zum 200. Geburtstag.

Die viel und auch nach der Biden-Wahl wieder beschworene "special relationship" zwischen Großbritannien und den USA ist eine "englische Fiktion", schreibt der Literaturwissenschaftler Rüdiger Görner in der FR: "Ian Buruma spricht gar von einem 'Churchill-Komplex', dem die Briten auch in Sachen 'special relationship' geradezu huldigten. Die wirtschaftstheoretische Geschäftsgrundlage vor allem für Reagan und Thatcher war die These Milton Friedmans, nach der die Welt von Einzelinteressen bestimmt werde, die sich ökonomisch maximieren ließen. Dies wurde perverserweise zum anglo-amerikanischen 'Gemeinsinn' erklärt, um den bedeutenden indischen Essayisten und Literaturkritiker Pankaj Mishra zu zitieren. Die Gewichte in dieser Beziehung verschoben sich merklich unter Barack Obama und David Cameron, bevor sie unter den blondschöpfigen Tweedledum und Tweedledee vollends in eine im Grunde überraschende Schieflage gerieten, bedenkt man die prinzipielle Nähe der ideologischen Einstellung von Trump und Johnson."

Der Chefredakteur der NZZ Eric Gujer legt einen kleinen Essay über den Zusammenhang von Flüchtlingskrise und Terrorismus vor. Dem Satz, dass der Rechtsextremismus heute die gefährlichste Form des Terrors sei, will er nicht zustimmen: "Für Deutschland trifft dies zwar zu, weil hier die rechte Szene das größte gewaltbereite Milieu ist. Aber für Europa gilt dieser Satz nicht, wie die zahlreichen islamistischen Anschläge in Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Österreich demonstrieren. Keine Ideologie stellt eine größere Bedrohung dar als der radikalisierte Islam."
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Ideen

Wie stets mäandernd und ohne jeden Bezug auf politische Aussagen antwortet (oder eben doch nicht) Alexander Kluge in einem Brief in der FAZ auf Giorgio Agambens Corona-Texte (Agamben sieht in der Krise vor allem einen Vorwand zur Erklärung des "Ausnahmezustands", unsere Resümees). Eigentlich ist Kluge vor allem von den Viren entzückt: "Merkwürdig, dass ein Wesen aus totem Material (die Viren haben platonische Körper wie die Kristalle) und lebendiger Funktion in den Millionen Jahren seiner Vorzeit nie seine robuste Kleinheit wesentlich verändert hat. Viren sind nie Elefanten geworden. Sie haben nie Ehrgeiz gezeigt. Sie sind wie der Warenfetisch fast unsichtbar und omnipotent. Darin liegt Macht."
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Kulturmarkt

Bertelsmann will nicht nur den Verlag Simon & Schuster übernehmen (Unser gestriges Resümee), sondern auch eine neue Digital-Plattform für seine Medieninhalte entwickeln, weiß Kai-Hinrich Renner in der Berliner Zeitung: "Ein Portal, wie es die Now GmbH entwickelt, wäre einzigartig, vergleichbar vermutlich nur mit Amazon, wo auch digitale Inhalte aller Mediengattungen erhältlich sind. Einen gewichtigen Unterschied gibt es jedoch: Amazon vertreibt vor allem Medieninhalte Dritter. Dort, wo der US-Konzern eigene Inhalte anbietet, wie etwa Serien auf Amazon Video, muss er sie für sein Portal extra produzieren. Dagegen soll die Plattform der Now GmbH fast ausschließlich Bertelsmann-Inhalte anbieten, die es bereits gibt und die sich großenteils bereits monetarisiert haben."

Der Verkauf von Simon & Schuster an Bertelsmann gefährdet die "Bibliodiversität" auf dem Buchmarkt, sagt Verleger Stefan Weidle im Dlf-Gespräch mit Miriam Zeh. Vor allem die Literaturagenturen seien betroffen: "'Die haben jetzt einen Player weniger.' Weil die Rechte an kommerziell erfolgreichen Autorinnen und Autoren in der Regel in verdeckten Versteigerungsrunden dem zahlungskräftigsten Verlag zugesprochen werden, gehen hier zum Teil horrende Summen über den Tisch. 'Dabei fehlt jetzt einer. Simon & Schuster wird kein Gebot mehr gegen Penguin Ramdom House abgeben', so Weidle. Auf dem US-amerikanischen Buchmarkt, seinem wichtigsten Auslandsmarkt, stärkt Bertelsmann seine Präsenz damit erheblich. 'Die können im Grunde Marktpreise diktieren, wenn sie das wollen.'"
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Kulturpolitik

Matthias Alexander plädiert in der FAZ dringend dafür, gerade die Kargheit der Paulskirche als Ausdruck der Erhabenheit und des nüchternen Pathos der Demokratie zu begreifen - so sei es von dem Architekten Rudolf Schwarz 1948 gemeint gewesen. Den "Einrichtungsberatern" Frank-Walter Steinmeiers um Herfried Münkler, die die Kirche mehr mit original 19. Jahrhundert ausstaffieren möchten (unser Resümee), stimmt Alexander nicht zu: "Ein Kompromiss zwischen der Abstraktionskunst von Schwarz und den Wünschen der Bilderlosigkeitsstürmer ist schwer vorstellbar, zumindest im großen Saal. Ohnehin ist Vorsicht im Streben nach Authentizität geboten. Die historische Inneneinrichtung der Paulskirche ist 1944 komplett verbrannt. Nur zwei Dinge aus den Tagen der Nationalversammlung haben sich erhalten: eine Parlamentsglocke und das riesige Transparent der Germania, das der Nazarener Philipp Veit in Eile gemalt hatte, damit es über dem Sitz des Präsidiums aufgehängt werden konnte; es befindet sich heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Wer eine authentische Paulskirchen-Erfahrung wünscht, müsste dann auch die Frage beantworten, wie er es mit der Germania hält."
Stichwörter: Paulskirche