9punkt - Die Debattenrundschau

Die Disruption ist unfassbar

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.04.2020. In der FAZ benennt Jan-Werner Müller das doppelte Dilemma der amerikanischen Qualitätsmedien in Bezug auf  Trump. In Zeit online spricht die Anthropologin Shalini Randeria über globale Ungleichheiten in der Coronakrise. In China legt die Coronakrise den  Rassismus gegen Afrikaner frei, berichtet der Guardian. Agamben und Sloterdijk erleiden in ihren Äußerungen zu Corona einen "Schiffbruch mit Zuschauer", diagnostiziert die FAS.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2020 finden Sie hier

Politik

In China legt die Coronakrise den grassierenden Rassismus gegen Afrikaner frei, berichtet Hsiao-Hung Pai im Guardian. Der zeigt sich besonders deutlich in den sozialen Medien und in der 12-Millionen-Stadt Guangzhou: "Es begann damit, dass die lokale Regierung in Guangzhou Überwachung, obligatorische Tests und eine 14-tägige Quarantäne für alle afrikanischen Staatsbürger durchsetzte - selbst wenn sie zuvor negativ getestet worden waren und nicht kürzlich aus China gereist waren. Im Bezirk Yuexiu, der größten afrikanischen Migrantengemeinde in China, wurden viele Afrikaner von Vermietern auf die Straße gesetzt, obwohl sie ihre Mieten bezahlt hatten. In Anlehnung an die Apartheid in Südafrika oder die Rassentrennung in den Vereinigten Staaten wurde in der ganzen Stadt ein Farbbalken eingeführt: Krankenhäuser, Hotels, Supermärkte, Geschäfte und Lebensmittelgeschäfte verweigern Afrikanerinnen und Afrikanern den Zutritt. ... Der weit verbreitete Rassismus hat in ganz Afrika einen gewaltigen öffentlichen Aufschrei ausgelöst, der über soziale Medien unter dem Hashtag #ChinaMustExplain verbreitet wurde."

Nach Donald Trumps Unfall mit dem Desinfektionsmittel, das er in einem Presse-Briefing gern gegen Corona spritzen wollte (hierzu ein interessanter Hintergrund im Guardian), hat er nun diese famosen Presse-Briefings eingestellt. Der Politologe Jan-Werner Müller veröffentlicht in der FAZ (politischer Teil) einen Essay über das Dilemma der amerikanischen Qualitätsmedien, permanent Unwahrheiten und rechtspopoulistischen Positionen Raum geben zu müssen. Die Corona Presse-Briefings tragen nun also nichts mehr dazu bei. Und sie waren von vornherein als Ersatz für Wahlkampfversammlungen konzipiert, erläutert Müller (der wohl noch vor Trumps Rückzug geschrieben hat): "Auch deswegen sind die Einschaltquoten so hoch wie zuletzt bei den Debatten während der Vorwahlen der Republikaner 2016, welche Fernsehen und Rundfunk enorme Profite bescherten. Trump hat es sich denn auch nicht nehmen lassen, selbst per Tweet darauf hinzuweisen, dass seine Briefings derzeit mehr Zuschauer haben als die beliebtesten Reality-TV- Shows." Damit hat Müller ja auch noch das andere Dilemma der Qualitätsmedien angedeutet: Trump bringt Quote.

Der Wohltäter und Microsoft-Gründer Bill Gates hatte frühzeitig vor Pandemien gewarnt. Im Gespräch mit Roland Lindner im Wirtschaftsteil der FAZ gibt er zu, dass er das Ausmaß dabei eher noch unterschätzte: "Es ist vielleicht nicht der allerschlimmste Fall wie ein Bioterrorismus-Anschlag mit Pockenviren. Aber es ist erheblich schlimmer, als ich gedacht habe. Die Disruption ist unfassbar, wenn man auf die Todesfälle blickt, die Wirtschaft oder auch verlorengegangene Fortschritte in der Ausbildung. Ich hätte nicht gedacht, dass sich das Virus in Europa und den Vereinigten Staaten so weit verbreiten würde."

Elisabeth von Thadden unterhält sich für Zeit online mit der Anthropologin Shalini Randeria über globale Ungleichheiten, die in der Coronakrise besonders deutlich werden. Sie wünscht sich einen Schuldenerlass für die Entwicklungsländer, mehr Förderungen für kleine und mittlere Unternehmen und pharmazeutische Produkte, an die keine Profiterwartungen geknüpft sind: "Teure Beatmungsgeräte werden gegenwärtig für die Märkte der reichen Länder produziert - obwohl sie sich viel günstiger fertigen und einfacher bedienen ließen. Das hängt mit dem Patentrecht zusammen und auch das ist ein Faktor wirtschaftlicher Ungerechtigkeit zwischen den Staaten. Wir brauchen ein neues Niveau der internationalen Zusammenarbeit, damit mehr Gerechtigkeit möglich wird. Man sieht es an der weltweiten Forschungskooperation zu Impfstoffen und Medikamenten, ebenso an der Open-Access-Bereitstellung der Ergebnisse. Der Impfstoff sollte, wenn er denn endlich gefunden ist, nicht patentiert als privatwirtschaftliches Monopol verkauft werden. In meinen Augen ist er ein Gemeingut."
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Gesellschaft

Die Syrer hatten wirklich guten Grund zu glauben, sie hätten den Kelch des Unglücks bis zur Neige ausgeschöpft. Dann kam die Pandemie. In der NZZ weiß Loubna Sweileh kaum, wie sie diesen neuen Schrecken in Worte fassen soll: "Als wäre ganz Damaskus nun al-Mazraa . . . Warum dieses verlorene Gefühl in unserer Stadt? Wir wissen nicht einmal, ob Frühling, Sommer oder Winter ist. Hier gibt es keine Seelen mehr, nur wandelnde Leichname aus irgendeiner Zombie-Fernsehserie. Vielleicht wird die Serie ja irgendwann abgesetzt, weil die ewige Wiederholung des Elends nur mehr langweilig und öde ist. Nach und nach verlieren wir unsere Fähigkeit zum Mitgefühl; nicht einmal das Schicksal derer, die uns am nächsten sind, berührt uns noch."
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Stichwörter: Syrien, Coronakrise, Pandemie

Überwachung

Na also, geht doch. Die Bundesregierung hat sich jetzt doch für eine dezentrale Corona-Tracing-App entschieden, die als datenschutzrechtlich unbedenklicher gilt als das zuvor favorisierte zentrale Modell (unsere Resümees), meldet unter anderem der Deutschlandfunk: "Es gehe um einen Ansatz, der auf Freiwilligkeit beruhe, datenschutzkonform sei und ein hohes Maß an IT-Sicherheit gewährleiste. Hauptziel sei es, Infektionsketten möglichst frühzeitig zu erkennen und zu unterbrechen. Über die App gibt es seit Wochen Diskussionen."

Grund für das Umdenken der Bundesregierung ist neben der starken Kritik aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft auch die Weigerung von Apple, für eine zentrale App Schnittstellen auf seinen Geräten zur Verfügung zu stellen, berichtet Oliver Voss im Tagesspiegel.
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Wissenschaft

Unser tägliches Interview mit Christian Drosten gibt uns heute der Guardian: "In Deutschland sehen die Menschen, dass die Krankenhäuser nicht überfordert sind, und sie verstehen nicht, warum ihre Geschäfte schließen müssen. Sie schauen nur auf das, was hier passiert, nicht auf die Situation etwa in New York oder Spanien. Das ist das Präventionsparadox, und für viele Deutsche bin ich der Bösewicht, der die Wirtschaft lähmt."
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Ideen

Der Ökonom Niko Paech, eine Art Öko-Stalinist, der neulich auch schon mal die Freiheit einschränken wollte, um das Klima zu retten (unser Resümee) fordert im Interview mit Jost Maurin aus der taz, dass aus der Corona-Krise nun endlich eine "Degrowth"-Politik folgt. Auf die Frage, ob man nicht gerade die Probleme einer schrumpfenden Wirtschaft sehe, antwortet er: "Auch für einen Bankräuber ist es schädlich, ihm die Beute zu entreißen. Unser Wohlstand resultiert nicht aus eigener Arbeit, sondern technologisch verstärkter Plünderung, bedürfte also ohnehin einer Korrektur. Arbeitslosigkeit kann durch eine verringerte Erwerbsarbeitszeit vermieden werden, sagen wir: 20 Stunden pro Woche. Daran ließe sich die wichtigste Maßnahme knüpfen, um soziale Verwerfungen zu vermeiden: nämlich Menschen unabhängiger von Konsumbedürfnissen werden zu lassen."

Es sei denn, wir leben bereits im Stalinismus, wie Internetkritiker Adrian Lobe meint, der in der taz die Idee einer Corona-Tracing-App kritisiert: "Der Einzelne verhält sich nur solidarisch, wenn er einen Teil seines Datenkörpers, gewissermaßen in einem quasireligiösen Akt, an die Gemeinschaft gibt. Die Vermassung der Körper durch Big Data, das Gerede von der 'Herdenimmunität', die Entindividualisierung durch Atemschutzmasken, all das lässt erahnen, wie sich westliche Gesellschaften unter epidemiologischem Druck auf ein kollektivistisches Modell zubewegen..."

Besonders die Großintellektuellen sollen mal das Schwadronieren lassen, rät Julia Encke in der FAS, mit Blick auf Agamben und Sloterdijk, denen sie vorwirft, nur ihre üblichen Schablonen auf eine nie dagewesene Situation zu applizieren: "In ihren Stellungnahmen interessieren sich weder Agamben noch Sloterdijk für jene an Covid-19 Erkrankten, die sterben oder schon gestorben sind. Sie zeigen auch kein Mitgefühl. Sie argumentieren aus der 'Schiffbruch mit Zuschauer'-Perspektive heraus, und vielleicht ist es dieser Standpunkt, der den Effekt der Leblosigkeit mit sich bringt: Mit dem, was sie bezeichnen sollen, stehen ihre Begriffe in keinerlei Austausch, und ihre Autoren legen Wert darauf, zumindest den Anschein zu erwecken, nicht involviert zu sein."

"Ein Vergleich mit dem Teufel, der automatisch als Provokation gedacht oder bewertet wird, ist außerordentlich effektiv", meinen Shimon Stein und Moshe Zimmermann im Tagesspiegel und vergleichen den Umgang und die Diskussion über die "Hochrisikogruppen" der Pandemie mit der Politik der Nazis gegenüber "unwertem Leben": "Im Unterbewusstsein eines Teils der Bevölkerung zeichnet sich eine Sichtweise ab, die die Angehörigen der Risikogruppe im Endeffekt als 'Ballastexistenzen' wahrnimmt. Auch das Wort Risikogruppe durchläuft eine Mutation: Gemeint ist weniger das Risiko für diese Gruppe, sondern eher das Risiko, das von dieser Gruppe für die Gesellschaft ausgeht. Darf der Preis für den Schutz dieser Gruppe Massenarbeitslosigkeit, eine schwere Wirtschaftskrise und die Gefährdung der Lebensqualität der Mehrheit sein? Ja, nach der Phase der Solidarität kommt vielerorts der soziale Darwinismus in Fahrt, der Wunsch nach dem Prinzip des Überleben des Stärkeren. Vor allem dort, wo die nichtsoziale, neoliberale Marktwirtschaft herrscht, in Amerika, England, Israel."
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