9punkt - Die Debattenrundschau

Drakonisch durchgesetzt

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2020. Auch heute steht alles im Zeichen der Corona-Krise. Netzpolitik prüft, wie die sozialen Netze gegen Desinformation vorgehen. In der NZZ denkt Hans Ulrich Gumbrecht über die Solidarität der Jungen mit den Alten nach - und ihren Preis. Der Medizin-Infodienst Statnews berichtet über eine Initiative Costa Ricas für einen Rechte-Pool, der überteuerte Patente bei der Corona-Forschung verhindern soll. Zu melden gibt es auch etwas Positives: Beim Hackathon am vergangenen Wochenende stellten 27.000 Freiwillige fast 1.500 Projekte auf die Beine, um die Folgen der Corona-Krise abzufedern.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.03.2020 finden Sie hier

Wissenschaft

(Via Julia Reda) Die costaricanische Regierung hat die WHO aufgefordert, einen Rechte-Pool für mögliche Patente bei phamazeutischen Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu schaffen, berichtet Ed Silverman im Pharma-Informationsdienst Statnews. Es geht darum zu verhindern, dass spätere mögliche Medikamente nicht zu teuer werden für arme Länder. Die Beamten "fügten hinzu, dass der Pool freien Zugang oder die Erteilung von Lizenzen zu 'vernünftigen und erschwinglichen Bedingungen in jedem Mitgliedsland' ermöglichen sollte, dass aber über Kosten und Gewinne später entschieden werden soll. Die Beamten forderten die WHO auch auf, eine Datenbank der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im Zusammenhang mit Covid-19-Produkten zu erstellen, einschließlich Schätzungen der Kosten für klinische Studien und aller von Regierungen und Wohltätigkeitsorganisationen bereitgestellten Subventionen."
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Stichwörter: Corona-Krise, Coronavirus

Ideen

Schade, dass über so etwas die Feuilletons nie berichten würden: Am letzten Wochenende fand unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung ein riesiger virtueller Hackathon statt unter dem Namen #WirvsVirus: 27.000 Freiwillige stellten fast 1.500 Projekte auf die Beine, um die gesellschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus abzufedern. Mit dabei waren Programmierer und Grafikdesigner, aber auch Pädagogen, Historiker oder Psychologen. Dabei ging es um Fragen wie: "Wie lässt sich das Abstandhalten im Alltag -'Social Distancing' - in den nächsten Wochen besser realisieren? Wie können Menschen aus der Risikogruppe beim Einkaufen unterstützt werden? Und wie können die bundesweiten Kapazitäten an Krankenhausbetten auf einer Plattform gebündelt werden?", schreibt Helena Ott auf den Digitalseiten der SZ. "Die Programmierer tüftelten gemeinsam an Codes, Grafiker entwarfen Logos. Andere Freiwillige kümmerten sich um die ersten Inhalte und Social-Media-Posts. Das Team 'Ernte retten' nahm sich zum Beispiel das Problem vor, dass im Frühjahr 300.000 Saisonarbeitskräfte auf den Feldern fehlen könnten. Gemeinsam setzten sie bis Sonntag eine Website auf, die verschiedene existierende Angebote bündelt, bei denen Erntehelfer und Landwirte zusammenkommen sollen." Auch Perlentaucher-Mitbegründer Adam Cwientzek arbeitete an einem der Projekte mit und half zusammen mit 126 Mitstreitern, ein virtuelles Klassenzimmer auf die Beine zu stellen. Alle Abschlussvideos findet man hier.

Hier das Video, mit weiterführenden Links, zum virtuellen Klassenzimmer:



Im Interview mit der Berliner Zeitung kritisiert der Soziologe Sighard Neckel den Rückzug des Staates aus elementaren Aufgaben wie medizinischer Versorgung der Bevölkerung. Die Folgen würden sich ja jetzt zeigen, mit viel zu wenig medizinischem Personal und Krankenhausbetten. Er fordert daher "eine Art Infrastruktursozialismus, der nicht nur die elementaren Funktionen als hochwertige öffentliche Güter betreibt. Ja, wir brauchen eine Umwertung der ökonomischen Werte. Die Nützlichkeit und Unverzichtbarkeit gesellschaftlicher Leistungen muss in der Staffelung von Erträgen vorrangig sein. Wir können ziemlich sicher auf etliche Consultants und Derivatehändler verzichten, aber auf keine einzige Pflegekraft im Krankenhaus." Und was ist mit Soziologen? Oder Journalisten?

In der NZZ denkt der 71-jährige Hans Ulrich Gumbrecht über das neue Vertrauen in den Staat nach. Und über die Solidarität, die jüngere mit älteren Menschen derzeit üben, wenn sie Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen akzeptieren, die vor allem die Älteren schützen sollen, aber einen hohen wirtschaftlichen Preis haben könnten: "Und hier stellt sich den (in einem moralisch positiven Sinn) populistischen Notstands-Regierungen eine - skandalös wirkende und gewiss schmerzhafte - Frage, deren Beantwortung sie schleunigst ins Visier nehmen müssen. Wird durch den Entschluss, alle Zeitgenossen mittels drakonisch durchgesetzter sozialer Distanz gleich und maximal gegen eine Todesgefahr zu schützen, das Überleben der Menschheit oder mindestens doch die Zukunft der jüngeren Generationen aufs Spiel gesetzt?"

Die Freiheitsforscherin Ulrike Ackermann ( "Das Schweigen der Mitte") konstatiert ebenfalls in der NZZ: "Inzwischen scheint sich endlich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass unsere Freiheiten und unser Lebensstil, den anspruchsvollsten, den wir je hatten, nur zu halten sind, wenn wir in außergewöhnlichen Situationen zum Schutz der Gesundheit und des Gemeinwohls bereit sind, temporär auf die Ausübung dieser verfassten Freiheitsrechte zu verzichten."

Außerdem: In der FR schreibt Arno Widmann eine kleine Kulturgeschichte der Seuchen.

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Internet

Sehr "beflissen" seien die großen Plattformen wie Youtube, Facebook und Twitter beim Ausschalten von Desinformationen über die Corona-Krise, berichtet Julian Jaursch in Netzpolitik. Die Haupttechniken seien dabei "Warnungen vor Desinformation und Verweis auf verlässliche Quellen" und "Hoch- und Herabstufen von Inhalten via KI". Insgesamt läuft es darauf hinaus offizielle Quellen zu privilegieren: "Große Plattformen haben mittlerweile etwas Erfahrung damit, Nutzende auf verlässliche Informationen hinzuweisen. So gibt es schon seit einiger Zeit unter bestimmten YouTube-Videos Verweise zur Quelle des Videos - etwa, ob es sich bei den Produzierenden um staatliche TV-Sender handelt. Warnhinweise zu COVID-19 gibt es in unterschiedlichen Formen auf fast allen Plattformen: YouTube zeigt bereits auf der Startseite einen Link zur Weltgesundheitsorganisation, die auch mit TikTok und Snapchat kooperiert. Google hat ein prominent platziertes Infofenster bei einer Suche zum Thema, Amazon verlinkt auf das Robert Koch-Institut, Twitter auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung."
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Medien

Die deutschen Zeitungen freuen sich derweil über den sprunghaften Anstieg ihrer digitalen Ausgaben, meldet Markus Ehrenberg im Tagesspiegel: "In der Krise suchen Menschen nach Orientierung und verlässlichen Informationen. Vertrauenswürdige Nachrichtenmedien wie die Zeitungen sind in der aktuellen Corona-Krisensituation daher wichtiger denn je - und ihre digitalen Inhalte werden stärker nachgefragt denn je. Das zeigen die aktuellen Nutzungszahlen, die der BDZV (Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger) am Dienstag vorlegte. Demnach sind die digitalen Reichweiten der Zeitungen sprunghaft um bis zu 65 Prozent angestiegen, seit das Coronavirus das Leben und die Nachrichtenlage beherrscht."

Die Freude könnte allerdings nicht von Dauer sein, fürchtet Christian Meier in der Welt. Denn Werbung werde zugleich immer weniger: "Schließlich werden Konsumentscheidungen in Krisenzeiten von den Verbrauchern verschoben - und dann braucht es auch letztlich keine oder zumindest weniger Werbung. Die Unternehmen selbst reduzieren gleichzeitig ihre Ausgaben und streichen dann häufig zuerst Marketingkosten."

(Via Meedia) Für amerikanische Medien ist das Coronavirus schon jetzt eine tödliche Bedrohung, schreibt Craig Silverman bei buzzfeednews.com: "Eine grausame Ironie der Pandemie... besteht darin, dass Journalisten zwar eine wesentliche Arbeit machen, das Geschäft des Journalismus aber zugleich vom Aussterben bedroht ist. 'Praktisch alle Werbung für Unterhaltungsangebote ist verschwunden, Restaurants sind verschwunden. Auch bei der Automobilwerbung zeigen sich Anzeichen', sagte Alan Fisco, der Geschäftsführerder Zeitung, gegenüber BuzzFeed News."
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Europa

Die größte Angst hat die türkische Regierung nach wie vor vor den Kurden, nicht vor Corona, schreiben die taz-Kolumnistinnen Ronya Othmann und Cemile Sahin. Im syrisch-kurdischen Gebiet Rojava "soll es nur rund 150 Beatmungsgeräte für zwei Millionen Menschen geben. Es fehlt an Schutzkleidung. Die beiden einzigen Geräte, mit denen man auf das Coronavirus getestet werden kann, lagern in einem Krankenhaus, das sich - welch Überraschung - unter türkischer Besatzung befindet. In der Autonomen Region Kurdistan im Irak ist die Lage weitaus besser. Ausgangssperre, Händewaschen und Aufklärung sind das Mittel der Stunde. Doch in den Flüchtlingscamps sieht die Lage anders aus. Wie weit ist Social Distancing möglich, wenn man zu Tausenden in Zelten hausen und sich Küchen, Toiletten und Waschräume teilen muss?"

Die Schweden gehen in der Corona-Krise noch einen anderen Weg als die meisten europäischen Länder, berichtet Christian Stichler auf Zeit online aus Stockholm: Ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen sollen möglichst isoliert werden. Wer Symptome wie Husten hat, soll zu Hause bleiben. Alle anderen sind frei zu tun was sie wollen. Kinder gehen in die Schule, Erwachsene zur Arbeit. Unumstritten ist sein Kurs nicht. Aber noch folgt der Staat seinem obersten Epidemiologen Anders Tegnell, der keinen epidemiologische Nutzen in Schulschließungen sieht: "Weder in Italien noch in China hätten sich Schulen als Verbreitungs-Hotspots für das Virus erwiesen. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO in China gebe es bisher keinen einzigen belegbaren Fall, bei dem sich ein Erwachsener bei einem Kind angesteckt habe. Wieso sollte man dann Zehntausende gesunde Kinder zu Hause behalten? Zumal sonst viele Eltern, die in wichtigen Berufen für die Krisenbekämpfung arbeiten, nicht mehr zur Arbeit gehen könnten? Tegnells Credo: 'Alle Maßnahmen, die wir treffen, müssen auch über einen längeren Zeitraum durchführbar sein.' Ansonsten verliere man in der Bevölkerung die Akzeptanz für die gesamte Corona-Strategie."
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